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Interview mit dem Evolutionsforscher Franz Wuketits über die Zivilisation

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Interview mit dem Evolutionsforscher Franz Wuketits über die Zivilisation
Prof. Dr. Franz Wuketits

»Auch der Mensch muss artgerecht leben«

Wir wohnen in anonymen Hochhäusern, arbeiten in Großbetrieben ohne Bezug zu den Früchten unserer Arbeit, müssen oft dem Job zuliebe auf unsere familiären und heimatlichen Bindungen verzichten - droht uns der Verlust unserer Menschlichkeit? Der Wiener Evolutions- und Kognitionsforscher Prof. Dr. Franz M. Wuketits formuliert in seinen neuen Buch »Zivilisation in der Sackgasse«, das Unbehagen vieler Menschen angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen und plädiert für eine Rückbesinnung auf die wahre Natur und die wesentlichen Bedürfnisse des Menschen.

Fast ein Viertel der Menschen in den westlichen Industrienationen sind nach Schätzungen psychisch krank. Wie äußert sich dies und was könnten die Ursachen dafür sein?

Das äußert sich beispielsweise in Depressionen und im Burnout. Die Ursachen sind eine Überlastung im familiären und beruflichen Alltag, ein gesteigertes Arbeitstempo – alles soll immer schneller erledigt werden –, die Angst vor dem Versagen und oft genug das Gefühl der Sinnlosigkeit, weil man die eigene Leistung nicht mehr als einen Beitrag zu einem Systemganzen zu bewerten weiß.

Einer Evolutionsgeschichte von fünf Millionen Jahren stehen nur wenige Jahrhunderte technologischer Zivilisation gegenüber, welche die menschliche Natur entscheidend verändern. Wie lässt sich diese Entwicklung evolutionstheoretisch einordnen und bewerten?

Dafür gibt es in der Evolutionsgeschichte keinen Präzedenzfall. Die technologische Zivilisation kann – dazu ist sie einfach viel zu jung – die menschliche Natur in ihren Grundfesten nicht verändern, wohl aber erschüttern, was nunmehr auch der Fall ist. Viele Menschen, mit denen ich spreche, finden, dass unsere Zivilisation uns überfordert, uns nicht mehr jenes Wohlgefühl zu vermitteln vermag, welches wir im Interesse unserer seelischen Gesundheit benötigen. Der Mensch ist keine Maschine!

Der Ausdruck »artgerechte Menschenhaltung« provoziert – und weckt vielleicht sogar Assoziationen zu den fatalen biopolitischen Experimenten der jüngeren Vergangenheit. Wie verstehen Sie diesen Ansatz und wie grenzen Sie sich gegenüber Missdeutungen ab?

Der Ausdruck darf ruhig provozieren, er soll aufhorchen lassen. Ich verwende ihn als Analogie zum Ausdruck »artgerechte Tierhaltung«, die ja längst eingefordert wird. Mir geht es ganz und gar nicht um ein biopolitisches Experiment, ein solches wäre – die Geschichte sollte es uns überdeutlich gezeigt haben – in der Tat fatal. Wir sollen unsere Natur nicht ändern, sondern uns mit ihr arrangieren. Wäre alles an unserer Natur schlecht, dann wären wir schon längst ausgestorben. Also, keine Angst vor unserer eigenen Natur!

Interview mit dem Evolutionsforscher Franz Wuketits über die Zivilisation
Foto: Rainer Sturm pixelio.de

»Dem Steinzeitmenschen in uns gerecht werden« ist ein großes Anliegen Ihres Buches. Was ist das Bewahrenswerte an diesem evolutionären Erbe und welche Perspektiven für die (Weiter-)Entwicklung des Menschen sehen Sie hier?

Wir brauchen überschaubare gesellschaftliche, politische und ökonomische Strukturen, in denen sich der Einzelne wohlfühlt

Ich weise in meinem Buch immer wieder darauf hin, dass wir von Natur aus Kleingruppenwesen sind, die einer gewissen Nähe und Vertrautheit bedürfen. Angeblich – ich sage bewusst »angeblich« – leben wir heute in einer global verstrickten Welt, unserer eigenen Natur gemäß aber braucht jeder von uns seinen eigenen überschaubaren Mikrokosmos. Leopold Kohrs Formel »small is beautiful«, die ich auch aufgreife, läuft darauf hinaus, dass wir überschaubare – gesellschaftliche, politische, ökonomische – Strukturen brauchen, in denen sich der Einzelne wohlfühlt, Eigenverantwortung übernimmt und auch ein Selbstwertgefühl zu entwickeln imstande ist. Nur wer dieses Gefühl hat, wird auch zu wahrer Mitmenschlichkeit fähig sein.

Im Mittelpunkt Ihrer Diagnose steht die »fatale Beschleunigung« in allen Lebensbereichen. An welchen Phänomenen lässt sich das besonders augenfällig beobachten und was sind die Folgen für den heutigen Menschen?

Der Bereich der Kommunikation ist besonders augenfällig. Mit der elektronischen Kommunikation haben wir nun eine Grenze erreicht. Der nächste Schritt wäre, dass Sie meine Nachricht erhalten, bevor ich sie überhaupt geschrieben habe. Nun, das wird aus naheliegenden Gründen nicht möglich sein. Aber diese Form der Kommunikation treibt uns zur Eile an. Insgesamt ist heute die fatale Tendenz zu erkennen, alles möglichst schnell und möglichst viel auf einmal zu erledigen. »Holen wir uns doch im Vorbeigehen schnell einen Kaffee!« Warum sollen wir uns den Kaffee schnell und im Vorbeigehen holen, warum setzen wir uns nicht gleich für eine halbe Stunde in ein Kaffeehaus?!

Wenn die Zivilisation zwar eine Sackgasse ist, aber dennoch zur menschlichen Evolution gehört, welche Chancen hat überhaupt der Einzelne, seine eigene Natur zu beeinflussen oder gar zu verändern?

Er soll ja (siehe oben) seine Natur nicht verändern, sondern sich mit ihr arrangieren. Wir sollen nicht uns an die Zivilisation, sondern die Zivilisation an uns anpassen, sie so gestalten, dass sie unseren in Äonen geformten Bedürfnissen als Lebewesen gerecht wird. Zivilisation ist nicht als Gegenteil unserer Natur zu begreifen.

Prof. Dr. Franz M. Wuketits (geb. 1955) hat an der Universität Wien Philosophie, Zoologie, Paläontologie und Wissenschaftstheorie studiert und lehrt hier seit 1980 am Institut für Philosophie mit Schwerpunkt Philosophie der Biowissenschaften; außerdem hatte er Lehraufträge und Gastprofessuren an der Universität Graz, der TU Wien und der Universität der Balearen in Palma de Mallorca.
   
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