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Interview mit Konstantin Wecker über Wut, Spiritualität und Liebe (Teil 2)

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Interview mit Konstantin Wecker über Wut und Liebe
Konstantin Wecker

»Wir brauchen Tatkraft und Mitgefühl«

Im ersten Teil unseres Interviews sprach Konstantin Wecker darüber, wie er in einem Spielfilm einen SS-Mann darstellte, über Jugend und Alter und seinen Agnostizismus. In diesem Teil hier spricht er über Kunst und Transzendenz, Channeling und den Kapitalismus – und immer wieder über seine Wut auf das politische System, das Kriege zulässt, Hunger und Ausbeutung. Dabei erwähnt er auch seine Begegnung mit dem Zenlehrer Bernie Glassmann, mit dem er sich nach dessen Rückkehr aus einem Retreat in Auschwitz darüber stritt, ob Wut wichtig ist, um etwas zu verändern. Das Fazit der beiden, die dabei gute Freunde wurden: Egal, ob Wut unsere Motivation ist oder etwa anderes, Handeln müssen wir aus Liebe!

Das Gespräch mit Konstatin Wecker im August 2013 in einem Münchner Biergarten hatte sich gerade dem Spielen zugewandt – unserem Spiel (Leela), das wir als Guru oder Pseudoguru, Künstler oder Familienmensch auf der Bühne des Lebens spielen – und dem Staunen, das wir sowohl bei Mystikern wie auch bei Wissenschaftlern finden: das Staunen über die Wunder des Lebens oder einfach darüber, dass es uns gibt.

Das Staunen ist ja auch bei Einstein ganz stark.

Das hatte übrigens auch mein Vater immer, dieses Staunen. Darum hat er immer gelobt – weil er immer gestaunt hat. Vor seinem Tod sagte er (Konstantins Vater war Kunstmaler): »Der Raffael, mein Gott ich werd wahnsinnig … der Raffael …« Mehr hat er gar nicht sagen können als nur »der Raffael«. Das hat schon genügt, um mir zu zeigen, wie er sich immer noch erfreuen konnte auch an den Wundern, die andere vollbrachten. Ich bin ja in den letzten Jahren intellektuell zum Atheisten geworden, weil ich es nicht mehr ertragen kann, wenn mir irgendwer sagt, er wisse, was Gott will, weiß oder sagt. Ich finde das unerträglich. Egal, ob es der Sprengstoffgürtel ist, den Gott will, die Züchtigung oder Verschleierung der Frau oder irgendwelche Neigungen. Das ist ja nur ein Machtspiel. Die Kirche hat mich auch nie gerettet. Dort bin ich schon vor langer Zeit ausgetreten. Ich kenne nach wie vor sehr gute, katholische Pfarrer, aber die gibt es immer auf den niederen Ebenen, die kommen nicht hoch.

»Wenn ich Mozart höre, weiß ich, dass es Gott gibt«

Die Kunst aber zeigt mir, dass es noch etwas anderes gibt. Sie zeigt mir das viel mehr als alles esoterische Bemühen, alle spirituellen Regeln und Übungen. Wenn ich Mozart höre, weiß ich, dass es Gott gibt. Wie oder wer auch immer dieser Gott sein mag, aber dann weiß ich: Es gibt noch mehr! Oder wenn ich Rilke lese oder Dostojewski. Es ist die Kunst, die aus den Menschen spricht, wenn sie ihr Tiefstes, Innerstes offenbaren, das sie sich eben nicht erdacht haben.

Das gilt sicher auch für die Wissenschaftler – du hast vorhin Einstein erwähnt. Ganz klar: Große wissenschaftliche Erkenntnisse kamen immer aus dem Zauber der Kreativität heraus. Wir haben einen Schlüssel zu einem Raum, in dem alles bereit liegt. Es gibt ein paar von meinem Gedichten, die ich sehr liebe, aber nicht weil ich so stolz und so eitel wäre: »Ohhh, ich habe da ein Gedicht!« Ich habe dabei gar nicht das Gefühl, dass das meins ist, sondern es ist ein Gedicht, das ich irgendwo gefunden habe. Ich habe einen Raum aufgemacht, da lag es schon bereit. Bei den Melodien ist es sowieso klar: Woher sollen die denn kommen? Die findet man.

Das ist wohl auch das, was die Leute mit Channeling meinen. Die Grundidee dabei ist, dass es außerhalb meiner Ich-Persönlichkeit Botschaften gibt, in die ich mich eintunen kann, dann kommen die zu mir oder durch mich durch. »Durchgaben« nennen die Leute das.

Das ist auch ein richtiges Wort dafür. Wenn ich dann nicht sofort versuche, ein Channeling-Meister zu werden, der die Druchgaben ermöglicht …

… oder versuche, einen Koran daraus zu machen, der dann Vorschriften enthält, wie man sich zu verhalten hat. Was Mohammed damals erlebt hat, würde man ja heute Channeling nennen. Der Koran ist die Mitschrift von mehreren Channelings am Anfang des 7. Jahrhunderts in der arabischen Wüste.

Eines muss man dazu sagen, als Künstler spürt man das: Viele dieser Channeling-Mitschriften sind Scheiße. Auch von dem, was man selbst geschrieben hat, weiß man es doch, ob das Mist ist. Wenn du in dieses Große und Ganze hineingreifst, kannst du auch in einen Haufen Scheiße reingreifen. Die gehört ja auch zum großen Ganzen.

Du kannst im Radio ja auch alle möglichen Sender einstellen, das ist auch eine Art von Channeling.

Ich bin jetzt 66 Jahre alt, also in einem Alter, wo es ein Glück ist, dass meine Schulspezis alle noch leben. Wir erfreuen uns noch unseres Daseins und sind alle noch relativ gesund. Aber natürlich kommt da der Gedanke an den Tod immer näher. Das passiert in meinem Alter eher als mit 20 oder 30. Ich denke jeden Tag über den Tod nach und würde mich natürlich auch gerne in etwas hineinbegeben, das mit wohl bettet. Ich kann es aber nicht, weil dann meist so ein humoristischer Zweifel aufkommt. Ich kann mich einfach nicht so wahnsinnig ernst nehmen.

Das empfinde ich so ähnlich. Wir suchen eine Heimat, wir brauchen das. Du weißt ja: Die Gläubigen sind gesünder und leben länger! Schon aus gesundheitlichen Gründen solltest du nicht Agnostiker sein. Aber als zutiefst ehrlicher, sich selbst erforschender Mensch kann man sich ja nicht wirklich ernst nehmen. Wir gehen da also in so eine Art Pseudoheimat hinein. Wir ziehen jetzt vielleicht Lederhosen an, weil man in Bayern Lederhosen trägt. Auf Neuguinea würde ich aber keine Lederhosen tragen, da machen die das anders, da haben sie andere Heimaten.

»Auch ich würde gerne schmunzelnd, leicht und weise meinen Lebensabend verbringen. Aber wenn ich sehe, was so alles passiert, kann ich das nicht«

Auch ich würde gerne schmunzelnd, leicht und weise meinen Lebensabend verbringen – wenn ich könnte. Ich kann aber nicht, denn zwischendurch kommt eine solche Wut in mir auf. Da kann man schon fast von einem heiligen Zorn sprechen, obwohl das ein furchtbares Wort ist. Aber er kommt in mir auf, wenn ich sehe, was so alles passiert.

Mittlerweile ist es ein Prozent der Menschheit, das nicht nur immer reicher wird, sondern sich auch immer mehr absondert. Die leben in ihrem eigenen Universum, abgesondert von den 99 Prozent. Da muss man sich die Frage der Demokratie stellen. Dieses eine Prozent, ich glaube 500 Leute oder 500 Konzerne sind es, die zur Zeit über die Hälfte des Weltvermögens besitzen. Meinst du, dass diesen Leuten wirklich Demokratie am Herzen liegt? Natürlich nicht. Die wären ja blöd, wenn sie das wollten. Aber sie wollen eine Scheindemokratie wahren, wie wir sie vorbildlich in Amerika haben. Bei uns ist das so ähnlich, man tut so, als würden Wahlen noch etwas bewirken können.

Trotz meiner politischen Radikalität bin ich aber der Meinung, dass wir schon noch demokratische Strukturen haben. Bürgerbewegungen sind möglich. Du kannst in Büchereien und Buchhandlungen fast alles noch kriegen. Du kannst auch fast alles veröffentlichen. Und um zu der Wut zurückzukehren: Was hindert mich denn, mein Lebensende als lächelnder, sich selbst belächelnder Halbweiser zu verbringen? Ist es Eitelkeit? Die Eitelkeit, dass ich nun mal ein Revoluzzer bin und man das von mir erwartet? Das spielt vielleicht auch eine Rolle. Es ist aber irgendetwas in mir, das genauso wie die philosophischen und spirituellen Themen auch dieses abgrundtief Menschliche immer wieder erfasst.

Interview mit Konstantin Wecker über Wut und Liebe
Konstantin Wecker und Bernard Glassmann

Das ist ja gut. Der lächelnde Guru ist ja nicht besser oder bewundernswerter als der erzürnte, der über die Ungerechtigkeit in Wut gerät. Wir hatten mit Jean Ziegler dieses Thema in Connection. Der ist richtig wütend, und zwar in Bezug auf eine wirklich schlimme Sache, den Hunger in der Welt. Trotzdem kann man an ihm rummäkeln wegen seiner Diktatorenfreunde, und dass er irgendwo auch ein Scheißkerl ist. Aber er ist richtig wütend, auf eine total nachvollziehbare Art. Ich finde, seine Wut hat Größe, auch wenn sie Schwarz-weiß-Malerei ist.

Der Jean Ziegler hat uns klar gemacht, wie der Hunger in der Welt funktioniert. Für mich ist er so etwas wie der Snowden. Der ist sicher auch nicht der perfekte Mensch, wer ist das schon. Auch Julian Assange nicht. Ich persönlich glaube aber nicht an diese ganze Vergewaltigungsgeschichte. Im Amerikanischen heißt sowas Character Assassination – sie ermorden deinen Charakter. Stell dir das mal vor! Und wenn die NSA alles überwachen kann, dann kann sie doch auch alles schreiben. Die können mir doch E-Mails reinschreiben, die ich in meinem Leben nie geschrieben habe! Das bedenken viele Leute nicht, die da sagen, dass ihnen das egal ist, wenn die Geheimdienste ihre Mails lesen.

Zurück zu der Wut. Ich finde Wut wichtig und oft auch richtig. Nicht nur Jesus im Tempel durfte wütend sein, sondern auch Jean Ziegler darf es sein und andere, wenn eine Situation die Kraft der Wut braucht, um sie zu verändern. Wenn ich von Humor spreche, auch gegenüber dem Schrecklichen in der Welt, meine ich ja nicht, dass der Jean Ziegler lieber lächeln sollte, als wütende Bücher zu schreiben.

Das ist mir klar, was du da meinst.

Was ich meine, ist: Wenn er sich in eine kämpferische Pose rein begibt, sollte er letztlich wissen, dass es eine Pose ist. Da ist ein Ereignis, auf das du reagierst, und nun möchtest du kämpfen. So wie du in deiner SS-Uniform plötzlich deinen Stolz gespürt hast und deine Gewaltbereitschaft – und da bist du ja ganz explizit nur in einer Rolle, es ist ja ein Spielfilm. Und wenn du in der realen Welt wütend bist und jemand erschlagen willst, der zum Beispiel auf Weizen oder Mais wettet und damit eine Hungersnot auslöst, dann ist auch das eine Rolle, aber implizit. Es steht da ja nicht »Spielfilm« drüber, als Überschrift.

Dann haben wir uns darauf geeinigt, dass die Wut wichtig ist, um etwas zu verändern, aber handeln muss man aus Liebe.

Ich hatte mit dem Bernie Glasman mal ein Streitgespräch, obwohl wir uns von Anfang an liebten. Er kam gerade aus Auschwitz, er hatte dort eines dieser Retreats gemacht und traf das erste Mal auf mich. Ich sagte zu ihm, dass die Wut notwendig und wichtig ist. Daraufhin sagte er nur: Nein, nein, nein! Nur Liebe, Liebe, Liebe bringt die Lösung! Er kam ja gerade aus Auschwitz. Dann haben wir uns darauf geeinigt, dass die Wut wichtig ist, weil ich sagte: »Bernie, du bist ja auch einer, der politisch was bewirkt und verändert.« Wenn er zum Beispiel über Jahre hinweg mit den Obdachlosen arbeitet und auch mit ihnen lebt. Diese Kraft kann ja nur aus einer gewissen Wut über die Gesellschaft kommen, die sowas zulässt. Dann haben wir uns darauf geeinigt, dass die Wut wichtig ist, um etwas zu verändern, aber handeln muss man aus Liebe. Das finde ich sehr schön. Aus der Wut zu handeln bringt nichts. Das wäre dann ja sowas wie den Rohstoffhändler zu erschlagen. Das geht nicht.

Die Wut gibt einem Kraft. Sie ist wie ein Motor und stärkt einen. Eine Liebe ohne Potenzial zur Wut wird irgendwie weich und lauwarm. Man braucht die Wutkomponente für die Tatkraft.

Und es ist gut so, dass es ein Schicksal gibt, das unsere Vorausberechnungen zerstören kann.

Ich habe neulich in mein Blog was reingeschrieben, mit dem ich über Facebook 220.000 Menschen erreicht habe, mehr als je. Da habe ich über ein Telefongespräch geschrieben, das ich miterlebt habe. Ich sitze im Café, da springt ein Mann auf, kriegt ein Telefonat und weint und schluchzt und vergisst dabei die ganze Welt um ihn herum. Dann kommt noch eine Frau hinzu, und er sagt zu ihr etwas in einer osteuropäischen Sprache, die ich nicht verstand, und auch sie weint sofort. Da wurde mir klar, wie du von einer Sekunde auf die andere aus deiner Selbstherrlichkeit rausgerissen werden kannst in ein Schicksal hinein, das du nicht vorausbestimmen konntest. Drum kann ich solche Esoterikphrasen überhaupt nicht ertragen: Du musst es nur wollen, dann wird alles gut! Du musst nur deinen Parkplatz suchen, dann bekommst du ihn! Wir wissen doch alle, wie das Schicksal mit uns spielt. Und es ist gut so, dass es ein Schicksal gibt, das unsere Vorausberechnungen zerstören kann. Wenn wir das nicht hätten, wären wir unerträgliche Arschlöcher. Wir brauchen ein Schicksal, das uns immer wieder zeigt …

… wie eitel wir sind, selbstherrlich und im Grunde persönlich unerträglich.

Genau!

Wenn wir nicht ab und zu am Schlafittchen genommen würden von einer Kraft, die größer ist als unsere Eitelkeit.

Es ist mir wichtig, immer wieder klar zu stellen, dass wir nicht nur keine perfekte Menschen sind, sondern dass wir einfach nur ein Teil dieses gesamten Netzwerkes sind. Ich hätte auch schon vor zwanzig Jahren so gesagt, aber nicht mit der gleichen Überzeugung. Auch vor vierzig Jahren hätte ich es gesagt. Intellektuell blöd war ich ja nie, ich habe schon immer gewusst, wie man sich ganz gut verkauft. Aber ich hätte im Innersten gedacht, dass ich der Nabel der Welt bin. Ich bekomme übers Internet auch sehr viele Mitteilungen von jungen Leuten.

Das ist das einzige, was man, glaube ich, als älterer Mensch einer Jugend, die dran interessiert ist, mitteilen kann. Passt auf, auch wenn euer Ego euch heilig ist! »Auf den ersten Rängen preist man dienstbeflissen und wie immer die Moral. Doch mein Ego ist mir heilig, und ihr Wohlergehen ist mir sehr egal.« Das habe ich in meinem Lied »Genug ist nicht genug« geschrieben. Das würde ich heute aber nicht mehr so sagen. Mein Ego ist mir heute nicht mehr heilig. Es ist da, aber es muss mir nicht mehr heilig sein. Obwohl heilig ein ganz schöner Ausdruck ist, finde ich (er lacht). Aber es ist notwendig, dass man sich immer wieder selber in Frage stellt.

Das Interview führte Wolf Schneider (dritter Teil in connection spirit 3/4-2013)

Den ersten Teil unseres Gesprächs vom 13. August 2013 im Augustiner-Biergarten, München, findet ihr in Connection Spirit 11-12/2013. Den dritten Teil findet ihr in unserer März/April-Ausgabe, dort spricht er über die Rollen, die er im Leben einnimmt, das Entstehen seiner Lieder, die Bücher von Osho, über Führung und Zensur.

Konstantin Wecker, geb. 1947 in München, ist verheiratet und Vater zweier Söhne. Er ist in Deutschland einer der bekanntesten Liedermacher, Gesellschaftskritiker und unerschütterlicher Pazifist, außerdem Buchautor und Schauspieler. Homepage: www.wecker.de

   
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