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Interviews

Interview mit Isaac Shapiro über Satsang, Erleuchtung und mehr

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Isaac Shapiro

»Ich bin das Bewusstsein«

Im Alter von 19 Jahren machte er die Erfahrung bedingungsloser Liebe, sagt Isaac Shapiro; seitdem lebe er sein Leben als eine Liebesaffaire mit Wahrheit, Bewusstheit und der Liebe selbst. Er versteht sich und sein Leben als eine Einladung an andere Menschen, die Wahrheit selbst zu erfahren. Mit seiner Partnerin Anandika und seiner Familie lebt er in der Nähe von Byron Bay, Australien. Auf der ganzen Welt hält er Meetings für Menschen mit der gleichen Leidenschaft für diese Freiheit, von der er sagt, dass wir sie längst sind. Liesel (Naandi) Jes hat mit Isaac über Satsang, Erleuchtung und anderes mehr gesprochen.

Wir haben hier die Gelegenheit über Satsang zu sprechen. Meine erste Frage lautet: Warum nennst du deine Treffen nicht länger »Satsang«? Worum geht es in dem, was du jetzt Meeting, »Begegnung«, nennst?
Wenn wir ein östliches Wort benutzen, lädt das ein, auf eine bestimmte Art zu schauen. Im Westen kann das leicht zu einem Problem führen, da es für viele Menschen so klingt, als würde man einer neuen Religion oder einem Kult angehören, wo man einen Guru hat oder sich auf bestimmte Art und Weise verhalten muss. Für mich ist die Wahrheit einfach und sollte etwas sein, was wir für uns selbst wissen. Sie ist nicht etwas, was uns jemand erzählen kann. Satsang heißt Treffen in Wahrheit und wenn wir die östliche Modalität benutzen, lädt diese zu etwas ein, das man Guruspiele nennen könnte oder Ideen, die nicht notwendigerweise hilfreich sind. Menschen, die eigentlich an der Wahrheit interessiert sind, könnten sich abgestoßen fühlen.
Nichtsdestotrotz nennst du dich selbst erleuchtet?
Nein.
Warum nicht?
Nein. Wenn wir uns einmal das Ichgefühl ansehen, ist, was wir finden, eine Aktivität, die sich so anfühlt, als wäre da ein »Ich«. Also das Ichgefühl ist ein Gefühl. Es ist nicht Jemand oder Irgendetwas. Das Sein ist weder persönlich noch hat es Grenzen. Wie kann ich sagen, dass ich erleuchtet bin? Auf was würde ich mich beziehen?
Okay, du sagst also Erleuchtung ist nichts Persönliches?
Ja. Für Menschen, die aus der Perspektive des Ichs leben, wäre es absolut nicht von Nutzen zu sagen, das ich erleuchtet bin. Was wir Erleuchtung nennen ist eine Idee, ein Konzept.
Ja, das ist richtig, es ist eine Idee, die aber sehr oft in den Köpfen der Menschen auftaucht, mit denen ich gesprochen habe.
Ja, aber ich sehe keinen Nutzen darin, diese Idee zu unterstützen. Ich lade lieber dazu ein, zu sehen, was wahr ist, ohne ein Konzept obendrauf zu setzen.
Ohne das Konzept, etwas erreichen zu müssen?
Ohne etwas erreichen zu müssen oder irgendwo hinzukommen. Ich lade lieber dazu ein, zu sehen was ist.
Okay, das war das erste, vielleicht ist es eine gute Idee, erst einmal zu fragen, wer bist du?
Ich bin das Bewusstsein, der Raum, in welchem alles existiert, das Universum, Leben, Zeit, Raum, alles und jedes.
Würdest du sagen, es hat eine Qualität von Frieden?
Ich würde sagen, Frieden erscheint darin. Weißt du, jede Qualität taucht als Erscheinung darin auf. Wer ich bin, ist jenseits von alledem.
Warum kommen die Leute zu diesen Treffen?
Wir versuchen immer zu begründen, warum wir irgendwelche Dinge tun. Leute kommen, weil sie kommen. Aber was häufig geschieht, wenn sie kommen, ist ein Wiedererkennen, dass etwas, was sie schon immer gewusst haben, klarer und verfügbarer für sie wird, und das ist gut! Außerdem wird häufig klar, wie unbewusst sie ihr Leben bisher gelebt haben, und ihnen wird bewusst, wie sehr sie das verletzt hat. Ihre Fähigkeit, jeden Moment ihres Lebens zu genießen, nimmt ungeheuer zu. Wir haben die Kapazität, diese Liebesbeziehung mit dem Leben, mit jeder Zelle unseres Körpers, in jedem Moment zu genießen.
Ja, das ist sehr attraktiv.
Ja, weil wir die Kapazität haben, diese Liebesbeziehung mit dem Leben, mit jeder Zelle unseres Körpers, in jedem Moment zu genießen.
Du nennst deine Treffen »Begegnung in Wahrheit«. Was ist Wahrheit für dich?
Zu wissen was real ist.
Was die Realität von alledem ist?
Ja.
Du sprichst oft über den »inneren Kuss«, was meinst du damit?
Was die Welt in diesem Moment für uns ist, was Leben für uns ist, was unser Körper für uns ist, ist eine Erfahrung. Wenn wir zum Beispiel Musik hören, dann kann uns diese Musik in dem Moment zu Tränen rühren, sie ist so wunderschön. In einem anderen Moment kann uns dieselbe Musik total stören, weil wir uns auf etwas anderes konzentrieren wollen. Anhand dessen können wir sehen, dass es nicht an der Musik liegt, ob wir uns erfreut oder gestört fühlen. Es liegt daran, wie wir uns auf die Musik einlassen. Indem wir das erkennen, können wir nun untersuchen, wie wir uns gegenüber der Musik, die wir genießen, verhalten. Was geschieht in uns, wenn wir die Musik genießen? Wir können sehen, dass es daran liegt, wie wir uns ihr hingeben oder uns ihr öffnen. Wenn sie uns stört, bemerken wir, wie wir uns anspannen. Wir wissen genau, wie es ist, sich zu öffnen, und wir haben die Kapazität, uns unserer Erfahrung des Jetzt total zu öffnen. In dem Sich-Öffnen wird unsere Erfahrung zum auserlesensten Liebhaber. Das ist viel tiefer als Küssen. Es ist eine Liebesbeziehung.
Würdest du sagen, du bist ein Lehrer?
Nein.
Warum nicht? Ich habe so viel von dir gelernt!
Ja, sicher, aber andererseits wusstest du schon alles, was du von mir gelernt hast. Ich lade dich nur ein, das zu sehen, was du schon weißt.
Es ist kein Unterrichten im Sinne von: Du musst dieses und jenes lernen.
Ich würde sagen, wie auch immer du es nennen magst, ist eigentlich egal. Wegen des Effekts, den die Filter, durch die wir normalerweise das Leben betrachten, auf uns haben und an die wir so gewöhnt sind und die so schwer zu erkennen sind. Wenn uns jemand dabei hilft zu sehen, was eigentlich geschieht, ist das ein wundervolles Geschenk.
Was ist das Geschenk in diesem so genannten Erwachen, und was ist diese tiefgründige Verlagerung, die geschieht?
Die tiefgründige Verlagerung geschieht, wenn wir anstatt aus der Perspektive der Anspannung aus der Perspektive unserer wahren Natur leben. Sobald wir uns anspannen, wird unser gesamter Körper, die Art, wie wir unsere Sinne benutzen, unsere Verkörperung, Ausdruck dieser Anspannung. Wir glauben, dass dieses Anspannen uns irgendwie hilft. Wenn wir uns anspannen, glauben wir gewöhnlich daran, dass irgendetwas oder irgendjemand der Grund dafür ist. So stecken wir dann fest im Opferbewusstsein, in einer unglücklichen Erfahrung, verursacht von etwas außerhalb unserer Kontrolle. Es fühlt sich schrecklich an. Wenn wir dann klar erkennen, dass unser Glück nicht von irgendwelchen Umständen oder Erfahrungen abhängt, dann ist das eine riesige Erlösung. Und nun, anstatt uns ständig zu verteidigen, alles und jeden zu beschuldigen und zu verurteilen, sind wir plötzlich in der Lage, in auserlesener Verzückung zu leben.
Als ich dich das erste Mal traf, zeigtest du mir, wer ich wirklich bin, ist das dieses »Erwachen«?
Ich würde sagen, das ist der Anfang. Alle Mechanismen, die die Menschheit gestört haben, beginnen sich zu offenbaren und wir durchschauen sie. Um es einfach zu sagen: Jeder Mechanismus, an den wir geglaubt haben, verursacht ein Gefühl von Anspannung und Leiden. Wenn man das einmal erkannt hat, wird das Leben einfach, und es ist beinahe unmöglich noch an diese Mechanismen zu glauben. Es ist so, als ob du einmal weißt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, dann ist es sehr schwierig wieder an ihn zu glauben.
Ja, und es ist eigentlich kein Tun.
Nein, es geschieht einfach in der Liebesbeziehung mit der Wahrheit, dass sich jeder Anspannungsmechanismus selbst enthüllt.
Was meinst du damit, wenn du von der »Verteidigung des Herzens« sprichst?
Die meisten von uns haben die Angewohnheit, sich als erstes am Morgen anzuspannen. Wir glauben, dass Anspannung uns hilft zu überleben und alles zusammen zu halten. Wenn wir das Leben durch dieses Anspannungsgefühl betrachten, sieht das aus dieser Perspektive aus, als wäre alles und jeder außerhalb von uns. Wir fühlen uns angespannt und unser Denken, welches die Fähigkeit hat Probleme zu lösen, versucht einen Grund für diese Anspannung zu finden, und es versucht eine Lösung zu finden. Z. B. ich fühle mich nicht gut, und das Problem besteht darin, dass ich nicht geliebt oder gemocht werde, und die Lösung ist: Ich möchte geliebt oder gemocht werden.
Wenn wir uns einen Moment nehmen und in unseren Körper fühlen, wie es sich anfühlt, sich zu wünschen, geliebt oder gemocht zu werden, das Leben durch den Filter des Geliebt-oder-gemocht-werden-wollens zu leben, was scheinbar eine ganz natürliche Sache ist. Wie fühlt sich das an?
Die meisten Menschen können erkennen, dass es sich nicht sehr gut anfühlt. Wir sind nicht präsent mit dem, was ist, und konzentrieren uns nur auf die Interpretation, wie andere Menschen sich verhalten und ob sie uns nicht das geben können, was wir wollen oder ob sie es uns geben werden. Dann geht es im Leben nur noch ums Wollen. Wir sind nicht mehr in der Lage, überhaupt jemandem wirklich zu begegnen. Diese Art der Einstellung, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen, tut das fürchterlich weh. Wenn wir in unserer Beziehung von unserem Partner wollen, dass er uns liebt, und wir glauben, dass er es nicht tut, ist das schrecklich schmerzhaft für uns. Und wir müssen uns dagegen verteidigen, dass wir nicht bekommen, was wir wollen. Wir glauben, dass wir uns gegen die andere Person verteidigen. Wir sehen nicht, dass es nur das Muster des Wollens ist, was da in uns spielt.
Die andere Seite des Verteidigens ist, andere zu manipulieren.
Ja, wir versuchen andere zu manipulieren, um zu bekommen was wir möchten. Eine schreckliche Art zu leben.
Die nächste Frage ist eine persönliche. Hier in Deutschland haben wir den sechzigsten Jahrestag der Befreiung der Juden in Auschwitz. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich, es war wie ein Schock, wirklich erkannt habe, dass hier während der Naziregierung sechs Millionen Menschen ermordet worden sind. Wie können wir damit leben?
Wie wir damit leben können ist, indem wir sehen, dass dieser Ausdruck eigentlich Ausdruck von Anspannung war. Wenn wir uns am Morgen anspannen, wie behandeln wir dann unseren Körper? Wir behandeln ihn wie einen Esel, stimmt das nicht? Und wie behandeln wir unsere Kinder, unsere Liebsten oder andere Fahrer auf der Strasse?
Du meinst, es ist dasselbe in diesem Fall?
Es ist derselbe Mechanismus. Sobald wir uns anspannen, behandeln wir das Leben nicht gut, wir behandeln unseren Körper nicht gut und wir behandeln gar nichts gut. Die Anspannung geschieht automatisch und ist eine unbewusste Bewegung. Niemand tut das. Es geschieht einfach. Wenn da der Glaube ist, dass diese Anspannung notwendig oder gar brauchbar ist, leben wir unser Leben aus Angst heraus, defensiv. Unsere Verkörperung wird Ausdruck der Anspannung. Menschen agieren aus dem heraus und sind ignorant gegenüber dem, was sich in ihnen abspielt. Sie sehen nicht, was sie tun und haben deshalb keine wirkliche Möglichkeit etwas zu ändern.

Jesus soll, bevor er starb, gesagt haben, »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Indem wir erkennen, dass nicht sie es eigentlich tun, sondern ein Mechanismus abläuft, und sie realisieren es gar nicht, können wir ihnen vergeben für das, was sie gar nicht getan haben. Sie wissen gar nicht, was sie tun. So können wir uns selbst vergeben, dass wir das von ihnen geglaubt haben und es auf sie projiziert haben, weil das dieselbe Ignoranz in uns ist.

Ja, das kann ich fühlen.
Und dann sind wir wieder bei der Unschuld.
Da ist auch noch etwas Neues. Denn ab einem bestimmten Punkt erkannte ich, dass in mir dieselbe Möglichkeit steckt, ein Mörder zu sein, wie z. B. in einem Bin Laden oder jemandem wie ihm.
Ganz genau.
Aber das ist es, was du meinst zu sehen, was hier in mir vor sich geht, oder?
Das ist der einzige Ort, an den wir es adressieren können.
Und wenn wir im Frieden sind, dann können wir mit jedem in Frieden sein.
Ja, natürlich.
Ist es deshalb so wichtig, im Frieden zu sein mit Gefühlen wie Ärger, Wut usw.?
Ärger ist der Versuch sich von einem inneren Schmerzgefühl wegzubewegen. Dann projizieren wir entweder nach innen oder nach außen. Ärger ist die Anspannung rund um eine Erfahrung, die wir gerade wirklich haben. In dem Moment, in dem wir uns dieser Erfahrung gegenüber öffnen, genauso wie wir uns einem Musikstück öffnen, das wir genießen, wird dieselbe Erfahrung sich komplett anders anfühlen. Anstatt uns zu verschließen, öffnet sie uns. Wir können also erkennen, dass es niemals an der aktuellen Erfahrung liegt, die wir gerade machen, sondern wie wir uns dieser Erfahrung gegenüber verhalten.
Ich danke dir sehr für dieses Interview, Isaac, ich freu mich darauf, dich demnächst wieder zu sehen.

Isaac Shapiro wurde 1950 im südafrikanischen Johannesburg geboren, ließ sich später in den USA zum Therapeuten ausbilden und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie der Verstand funktioniert. Mit neunzehn Jahren hatte Isaac eine erste Erfahrung von bedingungsloser Liebe und wusste, dass dies die Realität ist. 1991 fand er zu dem Mystiker Sri Poonjaji (Papaji) in Lucknow / Indien. Ein Jahr später bestätigte ihm dieser, dass er „den Diamanten gefunden“ habe, und ermutigte ihn, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen, die zu ihm kommen. So reist Isaac seit 1993 um die Welt und hält Vorträge. Das Winterhalbjahr verbringt er in Byron Bay an der Ostküste Australiens. Zu seinen Meetings finden sich viele Menschen ein, die von seiner ruhigen, bodenständigen Art sowie von seiner urteilsfreien Offenheit und bedingungslosen Liebe angezogen werden. In seiner Gegenwart werden sich viele Menschen ihrer selbst bewusst, in einer Weise, die ihnen sonst meistens verborgen bleibt. Isaac ist eine lebendige Einladung, sich selbst zu erkennen und zu erfahren.

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