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Interview mit Maria-Anne Gallen über die Anwendung des Enneagramm

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Das Enneagramm-Modell
Das Enneagramm-Modell

»Heilung ist immer ein Mysterium«

Das Enneagramm findet nach seiner Wiederentdeckung in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts seine weiteste Verbreitung als Charakter- oder Typenlehre. Diese Deutung, die im Wesentlichen auf den chilenischen Psychiater Claudio Naranjo und seinen Lehrer Oscar Ichazo zurückgeht, sieht die neun Ecken der Figur im psychologischen Sinne als neun typische Wahrnehmungs-, Denk- , Fühl- und Verhaltensmuster (Charakterstile) und im spirituellen Sinne als neun Arten von seinem höheren Selbst oder eigentlichen (göttlichen) Wesen getrennt zu sein. Inwieweit lässt sich das Enneagramm in der psychotherapeutischen Praxis und darüber hinaus anwenden? Darüber spricht Felizitas Conrath, Diplom-Psychologin und Enneagramm-Lehrerin in mündlicher Tradition nach Helen Palmer mit der transpersonalen Psychotherapeutin Maria-Anne Gallen.

Maria-Anne, ich bin das erste Mal auf Dich aufmerksam geworden durch Dein Buch »Das Enneagramm unserer Beziehungen«, das Du zusammen mit Hans Neidhardt geschrieben hast. Welche Enneagramm-Tradition hat Dich geprägt und in wiefern ist das wichtig für das Verständnis Deiner Arbeit?

In einer ersten Phase wurde ich geprägt durch meine gemeinsame Arbeit mit Hans Neidhardt. Hans kannte das Enneagramm über Andreas Ebert und war im Vorstand des Ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm, als dieser Verein gegründet wurde. Unser gemeinsamer Hintergrund ist das Focusing – eine humanistische Therapierichtung, die sehr stark auf Achtsamkeit basiert. Darüber hinaus beschäftigten wir uns damals (1990) auch mit Charaktermodellen, die aus körperpsychotherapeutischen Ansätzen (Wilhelm Reich und der Hakomi-Therapie) stammten. Auf dieser Basis entwickelten wir unsere gemeinsame Workshop-Tätigkeit, die auch zu unserem Buch geführt hat. In einer zweiten Phase besuchte ich selbst 1996 einen 10-tägigen Workshop bei Claudio Naranjo und nahm dann in den darauf folgenden zwei Jahren noch an einer Studiengruppe teil, die sich daraus entwickelt hat und von Claudio teilweise fern geleitet wurde. Seitdem verstehe ich mich in meiner Enneagramm-Vermittlungslinie in einer direkten Tradition zu ihm. Ich beziehe mich sozusagen auf das von ihm dort vorgestellte Ur-Modell und die Verwendung als Typen-Lehre in einem transpersonal-psychologischen Kontext. Hier geht es darum, Identifikationen aufzulösen, um zum »wahren Wesen« zu finden.

Mit Blick auf die klinische Psychologie, hat Dein Aufsatz zu der Subtypenentstehung meine Neugierde geweckt und mein »Psychologen-Herz« erfreut. Bei Claudio Naranjo und Helen Palmer wird der Ansatz vertreten, die emotionale Leidenschaft manifestiere sich unterschiedlich stark, je nach der Ausprägung eines oder mehrer Subtypen in unserer Persönlichkeit, keine der vorliegenden Beschreibungen leitet dies jedoch bisher konsequent ab, keiner erklärt das Phänomen der Subtypen, es liegen Beschreibungen vor, die etwas »unverbunden« nebeneinander zu stehen scheinen.

In dem Workshop, den ich besucht habe, stellte Claudio die Subtypen im Zusammenhang mit einer psychologischen Trieblehre vor: Selbsterhaltungs-, sozialer und sexueller Trieb sind demnach (niedere) Grundtriebe des Menschen. Je nachdem welcher vorherrschend ist, prägt sich der Subtyp aus. Die Reihenfolge der anderen beiden Triebe ist auch noch wichtig. Letztendlich geht es im spirituellen Kontext darum, die Triebe zu transformieren, also auf eine »höhere Ebene« zu bringen. Durch das Vorherrschen eines bestimmten Überlebens-Triebs entwickeln sich nach Naranjos Aussagen, sogenannte »Hilfsleidenschaften«, die aber schon im Kontext der Haupt-Leidenschaft zu sehen sind.

Ich verstehe Deinen Ansatz so, dass Du die Subtypen-Entstehung im Zusammenhang mit der individualpsychologischen Entwicklungsgeschichte herleitest. Wie bist Du darauf gekommen?

Das war für mich als entwicklungspsychologisch denkende Person einfach nahe liegend: Selbsterhalt ist die früheste Überlebensstrategie, Beziehungen knüpfen und aufrechterhalten die mittlere und die sexuellen Überlebensstrategien entwickeln sich am spätesten.

die neun Typen des Enneagramms
Die neun Typen des Enneagramms
bei klicken gelangt man auf die Subtypen nach Naranjo

Welche Relevanz hat die Theorie der Subtypen in Deiner tatsächlichen klinischen Praxis? Behandelst Du einen selbst erhaltenden Subtypen anders als einen sexuellen Subtypen?

Ich empfinde es stark so, dass sich in Beziehungen sehr andere Interaktionen ergeben, je nachdem, ob jemand überwiegend selbst erhaltend, sozial oder sexuell »unterwegs« ist.

Was genau sind die offensichtlichsten Unterschiede, die Du erlebst?

In Beziehung mit sexuellen Subtypen erlebe ich immer wieder eine »Macht-Thematik«. Es entsteht ein hierarchischer Kontakt, entweder Du wirst hoch gelobt, oder es entstehen Unterlegenheitsgefühle. Ich erlebe hier auch am stärksten Manipulation. In Beziehungen zu primär selbst erhaltenden Subtypen geht es um Raum einnehmen, Platz haben, bestimmen wollen. Soziale Subtypen sind oft diejenigen, die mich an Ende der Therapiestunde fragen, wie es mir geht (und zwar nicht nur, wenn sie zur Herztriade gehören). Für sie ist es besonders wichtig, eine gute Beziehung zum Therapeuten zu haben. Das Sehen der Subtypen-Strukturen hilft mir, mich einfühlen zu können, ich sehe »das Kind« in einem bestimmten Entwicklungsstadium vor mir, mit dem, was es da für Defizite erlebt hat. Ich benutze meine innere Resonanz auf solche Strukturen als therapeutische Intuition.

Vielmehr erlebe ich es immer wieder, wenn Symptome zurückgehen, dass dann dahinter erst der Enneagrammtyp zum Vorschein kommt – und zwar in seiner gesunden Struktur

Man hört immer wieder von klinisch tätigen PsychologInnen, es gebe so etwas wie eine »Überlagerung« der Enneatyp-Struktur durch neurotische Züge eines Menschen. Wie genau ist das zu verstehen? Hat nicht eine stark ausgeprägte Typ-Struktur auch immer etwas Neurotisches, wo wie bei den klassisch definierten Neurosen so etwas wie relativ unbeeinflussbare Erlebens- und Verhaltensweisen vorzufinden sind. Don Richard Riso spricht ja sogar von »Desintegrationslinien« der Typen?

Ich verwende da andere Konzepte. Mit Riso konnte ich noch nie viel anfangen. Nach meiner Auffassung sind verfestigte strukturelle Merkmale unserer Psyche immer irgendwie geprägt (Charakter = das Geprägte) – sie haben eine Geschichte, stammen aus der individuellen oder kollektiven Vergangenheit. Wenn ich es in Therapien mit Trauma-Strukturen zu tun habe, die sich zum Beispiel durch Angstzustände, dissoziative Phänomene bemerkbar machen, dann macht es für mich hier keinen Sinn, das Enneagramm zu bemühen, da gibt es andere Modelle, die das besser abbilden. Bei Zwängen sehe ich primär die Funktion der Angstkontrolle. Deshalb ist der Klient mit dieser neurotischen Struktur aber nicht unbedingt eine 1 (wie es vielleicht Riso sehen würde). Vielmehr erlebe ich es immer wieder, dass wenn Symptome zurückgehen, dass dann dahinter erst der Enneagrammtyp zum Vorschein kommt – und zwar eher in seiner gesunden Struktur.

Wie siehst Du in diesem Zusammenhang die EGO-Strukur-Entwicklung, wenn nicht als Reaktion auf spezifische Verletzungen in unserer frühen Entwicklung?

Mich interessiert immer das Ausmaß der unbewussten Identifikation mit dem jeweiligen Muster, im Focusing nennen wir das die »Strukturgebundenheit«.

Ich betrachte das EGO eher aus einer transpersonalen Sicht, als psychische Reaktionsmuster auf den »Fall aus der universellen Einheit« – das ist sozusagen der »Ur-Knall«, der von allen späteren Verletzungen und »Unfällen des Lebens« widergespiegelt wird. Die Typ-Struktur ist eine Art Notlösungs-Strategie, diese »Katastrophen« zu meistern. Jeder Mensch entwickelt bestimmte Vorlieben für seine spezifischen Überlebensstrategien, dadurch werden sie zur Gewohnheit und irgendwann zu einer Art »zweiten Haut«, mit der man vollständig identifiziert ist.

Mich interessiert immer das Ausmaß der unbewussten Identifikation mit dem jeweiligen Muster, im Focusing nennen wir das die »Strukturgebundenheit«. Ziel der Arbeit beim Focusing ist die Loslösung und Befreiung davon, damit blockierte Prozesse wieder in Fluss kommen und Entwicklungen stattfinden können. Im Enneagramm geht es dabei um die Befreiung »fehlgeleiteter Motivationen«, buddhistisch würde man sagen, die Auflösung negativen (unheilvollen) Karmas.

Siehst Du bestimmte Gebiete in Deinem klinischen Alltag, wo der Ansatz des Enneagramms ungeeignet ist, sodass es dem Klient keinerlei Entwicklungsimpuls (mehr) geben kann?

Ich persönlich finde das Enneagramm für den Therapeuten viel wichtiger als für den Klienten.

Ich persönlich finde das Enneagramm für den Therapeuten viel wichtiger als für den Klienten. Wenn ich mir meiner Motivationen im therapeutischen Handeln bewusst bin, vor allem derer, die unheilvoll sind, dann kann ich doch viel besser therapeutisch – heilend – tätig sein, oder nicht? Ich kann dann andere Haltungen einnehmen und so einen Beziehungsraum erschaffen, in dem Heilung möglich wird.

Kannst Du mir ein Beispiel aus Deiner persönlichen Erfahrung nennen?

Ja, ich denke da an mein Erleben als Enneatyp Drei (soziale Variante) zu Anfang meiner Tätigkeit in eigener Praxis. Eines Tages fiel mir auf, wie sehr mein Selbstwertgefühl auf »unzufriedene KlientInnen« reagiert: Es geht dann »in den Keller«. Aus dem Erleben des Musters heraus, fühlt sich das wie ein Versagen an. Auf persönliche Kränkungen reagieren wir gewöhnlich so, dass wir das schwierige Gefühl möglichst schnell los werden wollen. DREI möchte dann alles möglichst schnell wieder gut machen, damit sie (in den Augen des anderen) wieder gut da steht. Die Handlung, die dazu eingesetzt wird, führt aber immer in die Beziehungs-Verstrickungs-Falle (mehr desselben). An dieser Stelle entdeckte ich das, was in der buddhistischen Psychologie das »heilige Innehalten« heißt: Handlungsimpuls nicht ausagieren, stattdessen die gekränkten Gefühle beobachten. Hat man diesen schwierigen Moment durch gestanden, dann öffnen sich völlig neue Handlungsräume – jenseits der eigenen Gewohnheiten.

Wo genau siehst Du die Grenze des Systems Enneagramm im klinischen psychologischen Alltag?

Ich verwende das Enneagramm als Modell für Ego-Strukturen, als die Anhaftung daran. Die Loslösung davon ist zentral in transpersonalen Therapien, wo es um den Individuationsprozess, das »sich-selbst-Werden« geht.

Ich verwende das Enneagramm als Modell für Ego-Strukturen, als die Anhaftung daran. Die Loslösung davon ist zentral in transpersonalen Therapien, wo es um den Individuationsprozess, das »sich-selbst-Werden« geht. Wenn die derzeitige Entwicklung durch etwas anderes blockiert ist, wie durch ein altes Trauma-Erleben, dann finde ich andere diagnostische Modelle hilfreicher. Wichtig finde ich auch noch in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass kein diagnostisches Modell »wahrer“ ist als ein anderes. Wahr-nehmen ist ein konstruktivistischer Vorgang. Ich muss mir als Psychologin immer bewusst bleiben, dass jedes Konzept immer nur den Charakter einer Hypothese hat.

Siehst Du eine Möglichkeit, psychotherapeutisches Heilen und spirituelle Entwicklung miteinander zu verbinden, oder sind das für Dich »zwei Paar Schuhe«?

Heilung ist immer ein Mysterium, das sich nach Gesetzmäßigkeiten innerlich und äußerlich vollzieht, die wir nicht wirklich erkennen können - insofern ein höchst spirituelles und transpersonales Geschehen.

Heilung ist immer ein Mysterium, das sich nach Gesetzmäßigkeiten innerlich und äußerlich vollzieht, die wir nicht wirklich erkennen können - insofern ein höchst spirituelles und transpersonales Geschehen. Spirituelle Wege sind immer auch Reinigungsprozesse: Die Aufarbeitung eigener (individueller und kollektiver) Prägungen (auch ungelöster Traumata) gehört da untrennbar dazu.

Im Focusing unterscheiden wir nicht zwischen Heilarbeit und der Unterstützung spiritueller Entwicklungsprozesse. Wir vertrauen einfach darauf, dass die Arbeit, wenn sie gelingt, genau den nächsten Schritt hervor bringt, der jeweils ansteht. Eugene Gendlin, dem Erfinder des Focusing ging es darum, dass den Klienten über den Zugang zum eigenen Erleben erreichen, er nannte das »Experiencing«. Wir versuchen also fokussierte Aufmerksamkeit auf die eigene Körper-Befindlichkeit zu lehren und damit sind wir ganz nah beim Ansatz östlicher spiritueller Lehren, wie der Vipassana-Meditation des Buddhismus, wo es um Achtsamkeit und Einsicht durch Selbsterforschung geht. Die Grundhaltung dabei charakterisieren wir mit den drei Adjektiven: achtsam, akzeptierend und absichtslos. Aus dieser inneren Haltung heraus begleitet man den Erlebensfluss des Klienten und vermittelt ihm, mit seinem Erleben auch selbst so umzugehen. Man nimmt höchstens indirekt Einfluss, indem man Vorschläge macht, in welche Richtung er oder sie die Aufmerksamkeit lenken könne, oder welche Übung er ausprobieren könnte - ohne Inhalte vorzugeben.

Wenn wir Selbsterforschung in Achtsamkeit betreiben, als Therapeut und als Klient, führt das in vielen kleinen Schritten zu einer zunehmenden Desidentifikation von unserer EGO-Struktur. In diesem Prozess können auch mystische Erfahrungen erlebt werden. Jack Kornfield, ein buddhistischer Psychologe und Meditationslehrer, spricht hier von der »befreienden Kraft der Achtsamkeit«. Graf Dürckheim, einer der Pioniere transpersonaler Therapien in Deutschland, erwähnt vier Umgebungen, in denen es zu Transzendenz-Erfahrungen kommen kann: In der Liebe, in der Natur, im Kult/ während Riten und durch die Kunst. Von diesen beiden Lehrern fühle ich mich in meiner transpersonalen Arbeit am stärksten inspiriert.

- das Gespräch führte Felizitas Conrath, Diplom-Psychologin und Enneagramm-Lehrerin in mündlicher Tradition nach Helen Palmer (EMT)

Maria-Anne Gallen, Transpersonale Psychotherapeutin und connection-Autorin, Psychologiestudium (Diplom 1983), Psychotherapieausbildungen in Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, Focusing und Focusing-Therapie. Sie begleitet Personen oder Gruppen therapeutisch und spirituell, macht Supervision, bietet Selbsterfahrungs- und Weiterbildungs-Seminare an.

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