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Interviews

Interview mit Dr. Christina Kessler über Heilung

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Christina Kessler
Christina Kessler

»Liebe ist die stärkste Kraft, die es gibt«

Heilung ist ein grundsätzliches Prinzip. Denn ganz sein ist ein Synonym für heil sein. Heilung tritt ein, wenn wir leer werden von allen trennenden Vorstellungen, Gedankenkonstrukten und falschen Identitäten, um der zu werden, der wir sind. Indem wir das vollkommen unvollkommene Leben umarmen und unser mit allem pulsierendes Herz entdecken, öffnen wir die Tür, die uns zu unserem wahren Kern und damit zur Heilung führt.

Dr. Christina Kessler, Sie sind Kulturanthropologin und Begründerin der Amo ergo sum-Philosophie, die auf dem Prinzip der Liebe als Bewusstseinszustand und Lebenshaltung beruht. Wie kann in diesem »Ich liebe, also bin ich«-Kontext Heilung definiert werden?

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »heil« ist »ganz.« Demzufolge ist Krankheit ein Zustand, in dem die natürliche Ganzheit – gemeint ist die lebendige Kommunikation und Kooperation des Körper-Seele-Geist-Systems – gestört und der freie Fluss der Lebenskraft blockiert ist. Dabei können die unterschiedlichsten Faktoren eine solche Störung auslösen. Auch kann sich die Störung auf den verschiedensten Ebenen abspielen: auf der seelischen, geistigen, zwischenmenschlichen oder kulturellen ebenso wie auf der körperlich-materiellen Ebene. Störungen können Folgen bestimmter Lebensbedingungen oder Gewohnheiten sein. Ihre Ursache kann in belastenden Erlebnissen oder in Unachtsamkeit unseren wirklichen Bedürfnissen gegenüber bestehen. Sie kann darin liegen, dass wir an einem für uns ungünstigen Ort wohnen, unsere Bestimmung nicht leben oder eine negative Einstellung pflegen. Die Krankheitsursachen, die wir aus der Medizin kennen, kommen natürlich noch dazu, doch ist die Sicht der Schulmedizin zu einseitig auf den Körper ausgerichtet. Um die tatsächlichen Quellen von Disharmonien auffinden zu können, brauchen wir eine viel umfassendere Perspektive, eine Perspektive, die nicht nur die materiell-mechanistische Seite betrachtet, sondern dem dynamischen Zusammenwirken, der energetischen Ebene also, Rechnung trägt. Ein solches energetisches Verständnis von Heilung gab es bereits in den traditionellen Medizinsystemen, wurde im Zuge der Verwissenschaftlichung jedoch wieder vergessen. Heute erleben wir eine r/evolutionäre Erweiterung dieser alten medizinischen Paradigmen, die erstaunlicherweise durch die neuen Wissenschaften selbst ausgelöst wird. Im Gegensatz zu dem zersplitterten, in einzelne Teile aufgespalteten Weltbild der Moderne lautet die Essenz der Weisheitstraditionen: »Alles ist mit allem verbunden.« Und die neuen Wissenschaften bestätigen: »Alles steht miteinander in Beziehung und bedingt sich gegenseitig.« Das Prinzip und die lebendige Kraft der Verbindung aber ist die Liebe. Dieses Prinzip bedingt Ganzheit; es bedingt Heilung. Somit ist Liebe das oberste Prinzip – das »immerwährende Gesetz“ – einer allem zugrunde liegenden Ordnung: der kosmischen Harmonie. »Harmonie“ kommt aus dem griechischen »harmos,“ das bezeichnenderweise auf die Fähigkeit Bezug nimmt, vormals Unzusammenhängendes, Getrenntes zu etwas Neuem zu verbinden. Liebe überwindet alle Formen von Trennung und Blockierung, die, weil sie wider die subtile Ordnung des Ganzen sind, immer eine negative oder zerstörerische – krankmachende – Wirkung haben. Somit ist Liebe die Matrix aller Therapien.

Kann in Ihrer Sicht der Dinge Krankheit als ein Prozess betrachtet werden, der uns zu uns selbst zurück bringt?

Eine Krankheit ist immer ein Ruf, die verlorene Ganzheit wieder herzustellen.

Auf alle Fälle, denn Krankheit will ja geheilt werden, die Blockade will überwunden werden, die Trennung will aufgehoben werden, um wieder in den Zustand der Ganzheit oder Homöostase, des Gleichgewichts, zu kommen. Eine Krankheit ist immer ein Ruf, die verlorene Ganzheit wieder herzustellen bzw. neue Ganzheit zu schaffen und uns dabei selbst zu entdecken: wer wir sind; was wir wirklich wollen; was wir zu geben haben; wie wir mit uns selbst, den Menschen und der Welt in Beziehung treten. Aus dieser Sicht ist Krankheit eine Chance der Rückverbindung mit mir selbst.

Es gibt aber so viele unterschiedliche Wege, diese Ganzheit wieder herzustellen!

Bedingt durch die globale Vernetzung haben wir heute einen unglaublichen Reichtum an Behandlungsmethoden zur Verfügung. Zur verwirrenden Vielfalt werden diese Methoden dann, wenn man sie als Wege betrachtet. In Amo ergo sum gibt es nur einen einzigen Weg: den Weg der Liebe, der von der Trennung zur Ganzheit führt, einfach deshalb, weil Liebe das Prinzip der Verbindung ist. Die Sichtweise ist hier also gleichbedeutend mit dem Weg, während die Methoden die Werkzeuge darstellen, mit denen wir den verschiedenen Problemen auf diesem Weg begegnen. Die mechanistisch-materialistische Sichtweise ist auch ein möglicher Weg. Dieser Weg führt jedoch nur selten zur Ganzheit, geschweige denn zum Persönlichkeitswachstum. Er arbeitet hauptsächlich auf der Körper- und Symptomebene und lässt das Seelische-Geistige sowie den Zusammenhang des Menschen mit Kultur und Umwelt völlig unberücksichtigt.

amo ergo sum
© RK pixelio.de

Es geht vordergründig darum, dass die Behandlungsmethode in Resonanz mit der jeweiligen Person steht. Für manche Personen kann auch die Chemotherapie die richtige Behandlung sein, für andere wiederum kontraindiziert.

Resonanz ist ein äußerst wichtiges Kriterium bei der Wahl der Methoden. Durch Resonanz wird ein Zustand geschaffen, in dem der Mensch sich geborgen und getragen fühlt und deshalb loslassen kann. So sind die Methoden der Schulmedizin von unschätzbarem Wert, obwohl ihre Sichtweise unbedingt einer Richtungsänderung bedarf. Anhand dieses Beispiels wird auch ersichtlich, was ich meine, wenn ich Wege und Methoden unterscheide. Übrigens entsteht Resonanz durch eine energetische Verbindung. Resonanz ist also ein Aspekt der Liebe.

Dann ist es im Endeffekt die Liebe, die die krankmachenden Blockaden überwindet?

»Liebe ist ein bedingungsloses »Ja« zum Leben, zur Welt und zu unserem Mensch-Sein – mit all unseren Schwächen und Unvollkommenheiten.«

Früher hätte ich mich mit einer solchen Antwort zurückgehalten. Heute habe ich durch meine eigene Arbeit genügend Erfahrung, um mit Bestimmtheit sagen zu können: Wo die Liebe fehlt, ist wirkliche Heilung nicht möglich. Wo aber Liebe vorhanden ist, da wird Unmögliches möglich. Letztendlich ist es die Liebe, die heilt, denn Liebe ist der Lebenswille, der innere Drang nach Entfaltung, Harmonie und Ganzheit, der auf allen Ebenen gleichzeitig ansetzt und daher viele Analysen und Methoden überflüssig werden lässt. Liebe überbrückt alle Unterschiede, verwandelt Gegeneinander in Miteinander, Missverständnis in Einverständnis und bringt Dissonanzen in Einklang. Liebe ist also weit mehr als ein Gefühl. Liebe ist Lebensenergie, sie ist Leben. Liebe ist ein Bewusstseinszustand, der uns mit unserem Hohen Selbst, unserem eigentlichen Wesenskern verbindet. Liebe ist ein bedingungsloses »Ja« zum Leben, zur Welt und zu unserem Mensch-Sein – mit all unseren Schwächen und Unvollkommenheiten. Sie führt zur Akzeptanz dessen, was ist. In letzter Konsequenz ist Liebe eine Lebenshaltung: Eine Haltung der Hingabe an das Leben, der Bereitschaft, aus Problemen zu lernen, Ängsten konstruktiv zu begegnen, an Herausforderungen zu wachsen und in jeder Krise auch eine Chance zu sehen. Es ist eine Haltung des Vertrauens und ebenso der Verantwortung – sich selbst und dem Ganzen gegenüber, eine Haltung echten Commitments. Letztlich ist es eine Lebenskunst, die Türen öffnet und uns selbst zur Quelle der Heilung werden lässt. So gesehen ist mangelnde Liebe die Ursache aller Krankheiten. Denn Liebe beeinflusst ordnend die Materie und damit unsere Körperzellen – und ebnet somit den Weg für Gesundheit und Heilung. Die Liebe ist es, die die krankhaft veränderte Materie bei einem Kranken wieder ins Gleichgewicht bringen und somit Heilung einleiten kann. Fehlt die Liebe, dann werden sich nur die Symptome verlagern.

Wie lässt sich Ihre Definition von Gesundheit und Krankheit in das Modell der »Einen Bewegung« integrieren, die der Amo ego sum-Philosophie zugrunde liegt?

Diese Eine Bewegung ist ein Ausdruck, den ich von David Bohm, dem Quantenphysiker übernommen habe. Im Englischen wird sie als Holomovement bezeichnet. Gemeint ist die Schöpfungsbewegung, der kosmische Rhythmus, der die allem zugrunde liegende (implizite) Ordnung des Ganzen in der äußeren Welt der Erscheinungen explizit werden lässt. Die Eine Bewegung ist also genau das, was in Amo ergo sum als Liebe bezeichnet wird. Man kann hier auch, wie angesprochen, von Lebensenergie sprechen. Das Konzept der Lebensenergie finden wir in allen traditionellen Medizinsystemen. Dieses Chi, Ki, Prana, Od , wie es in den Lehren genannt wird, trägt stets zwei Impulse: den Impuls der Selbstregulation, des Sich-wieder-in-die-Ordnung-Einfindens, und den Impuls der Selbsttranszendenz, also des Über-sich-hinaus-Wachsens. Diese beiden Impulse machen sozusagen die Programmierung der Lebensenergie aus. Wenn wir nun eine Lebenshaltung pflegen, die den freien Fluss der Lebensenergie fördert, statt ihn zu behindern, wenn wir also ein verbindendes anstatt eines trennenden Bewusstseins fördern, können sich die ordnenden Impulse ständig neu in uns entfalten. Auf diese Weise erklärt Amo ergo sum das Prinzip der Selbstheilung. Demzufolge kann jeder Einzelne wesentlich zur Pflege einer optimalen Gesundheit beitragen. Indem er die Liebe lebt und leer wird von trennenden, negativen, zerstörerischen Denk-, Verhaltens- und Handlungsmustern schwingt er sich in die Eine Bewegung ein, wird von ihr getragen und dabei von der kosmischen Ordnung gespeist. Er wird auf natürliche Weise rückverbunden mit einem inneren Wissen, das allen Menschen zu eigen ist, von dem wir durch falsche Vorstellungen nur abgeschnitten sind. Dabei entwickelt er auch ein Gespür dafür, was seiner Ganzheit, seinem Heil-Sein, seiner Gesundheit förderlich ist oder ihr schadet.

Nehmen wir einen Menschen an, der an Krebs erkrankt ist, wie kann in diesem Zusammenhang der Weg der Heilung für ihn aussehen?

Zunächst einmal müsste er völlig leer werden. Das heißt: Er müsste sich von den herkömmlichen Vorstellungen über die Krankheit, von dem, was die Ärzte sagen und die besorgten Mitmenschen anraten (»Das musst du tun! Du darfst auf keinen Fall ...«) frei machen und sich vor allem nicht von der eigenen Panik fortreißen lassen. Das ist in einer solchen Situation natürlich gerade das Schwierige, denn Angst und Panik überfallen uns automatisch, wenn wir von einer schweren Krankheit erfahren. Leider haben wir nicht gelernt, konstruktiv mit der Angst umzugehen und auch die meisten Ärzte sind nicht geschult, uns darin zu unterstützen. Angst wirkt jedoch immer trennend. Sie entreißt uns dem Flow der Einen Bewegung und schneidet uns nicht nur von den Selbstheilungspulsen ab, sondern trennt uns auch von der der inneren Stimme, die uns ermöglichen würde, die richtige Entscheidung bezüglich einer Behandlung zu treffen. Es ist aber dieses Vakuum, in dem sich viele blockierende Knoten von alleine auflösen. Warum? Weil sich in eben dieses Vakuum die heilenden Impulse ergießen. Wir alle haben schon von Spontan- oder Wunderheilungen gehört. Sie ereignen sich in genau diesem Feld, das leer ist von allen Vor-Stellungen; in welchem die Impulse der Selbstregulation ungehindert wirksam werden können, um Hömöostase oder besser noch: Homöodynamik zu ermöglichen. Der Ausdruck Homöodynamik wurde von Umberto Maturana und Francisco Varela eingeführt, da Stasis als Stillstand eines selbstregulierenden System missverstanden werden könnte.

Das Einzige, was heilen kann, ist hier auch wieder die Liebe – die Liebe zu sich selbst.

Die Liebe zu sich selbst bedeutet, auf seine eigene innere Stimme zu hören

Und die Liebe zu sich selbst bedeutet, auf seine eigene innere Stimme zu hören; nicht auf die vielen anderen Stimmen, die wie ein Gewitterregen auf einen einprasseln. Nur wenn die innere Stimme mit dem, was im Außen gesagt wird, in Einklang steht, sollte man den Ratschlägen folgen.

Das Problem aber ist, dass viele Menschen diese innere Stimme nicht hören. Wie bekommt man ein Gefühl dafür?

Es ist wirklich jammerschade, dass die meisten Menschen nie dazu erzogen worden sind, der inneren Stimme zu vertrauen und ihr zu folgen. Fast niemand ist sich bewusst, dass es im Inneren eine Instanz gibt, die besser weiß als alle Konzepte, die jemals erstellt wurden, was Heilung überhaupt bedeutet. Dabei ist es ganz einfach, die innere Stimme wahrzunehmen. Zuerst geht es darum, wie wir schon sagten, alle Vorstellungen oder Zweifel beiseite zu schieben. Achtsam zu werden. Die innere Stimme wird sich mit Sicherheit melden. Du erkennst sie daran, dass sie positiv ist, dass sie sich gut und heilsam anfühlt, dass sie Dich mit Optimismus, Zuversicht und Hoffnung erfüllt und Dir ein untrügliches Gefühl verleiht, richtig zu liegen. Sie gibt Dir die Kraft, für Dich selbst und Deine Entscheidungen einzustehen, selbst wenn die ganze Welt dagegen spräche.

Aber diesen Raum der Leerheit in sich zu schaffen ist gerade das Schwierige!

Für die meisten Menschen ist dies so ungewohnt und neu, dass es ihnen tatsächlich unmöglich erscheint. Es ist jedoch für jeden erlernbar. An dieser Stelle kann man sich Hilfe holen. Entweder durch andere Menschen, die es verstehen, sensibel dorthin zu führen. Meditation kann eine Hilfe sein bzw. die Beschäftigung mit echter Spiritualität – oder auch die Homöopathie. Das geniale Prinzip »Ähnliches mit Ähnlichem“ scheint durch den Doppelungseffekt eine Aufhebung der Trennungs-Information zu erzielen, dem alten magischen Gesetz entsprechend. Auch auf diese Weise kann das notwendige Vakuum entstehen, das benötigt wird, damit die Ordnungsinformation wieder ungehindert wirken und Selbstheilung einsetzen kann.

Stellt nicht jede Krankheit bzw. jeder Vorfall wie ein Unfall eine Botschaft für uns dar, uns weiter zu entwickeln?

»Es geht nicht darum, ein anderer zu werden, sondern der zu sein, der ich bin – und dabei immer mehr lieben zu lernen.«

In der alternativen Medizin ist es eine sehr verbreitete Einstellung, sich im Falle einer Krankheit oder eines Unfalls Fragen zu stellen wie: »Was hat mir das zu sagen? Warum ist dies in meinem Leben geschehen? Was muss ich daraus lernen?« Wenn diese Fragen in Richtung Ganzheit führen, dann ist es richtig, sie zu stellen. Oft schaffen solche Fragen jedoch zusätzliche Vorstellungen oder sie lassen uns zu dem Schluss gelangen: »Ich muss mich verändern«. Hier liegt die Krux, denn beides erzeugt neue Blockaden. Wir geraten in einen Loslass- oder Kreierungs-Zwang, der letztendlich nur in Unzufriedenheit mündet – in dem Gefühl ein Versager zu sein. »Lass ES sein« – würde die innere Stimme sagen. Ja. Doch hat dieses »Lass ES sein« nichts mit einem Veränderungs-Aktionismus zu tun. Viel eher ist es eine Auforderung zur Akzeptanz. U. U. kann das bedeuten, die eigenen Schattenseiten anzunehmen oder sich selbst nicht mehr allzu ernst zu nehmen. Auf jeden Fall bedeutet es: ES – das, was ich in meinem Kern bin – leben zu lassen. Es geht nicht darum, ein anderer zu werden, sondern der zu sein, der ich bin – und dabei immer mehr lieben zu lernen. Es geht darum, das vollkommen unvollkommene Leben als Einladung zu betrachten und gerade an seiner Unvollkommenheit zu wachsen. Es geht darum, das Leben zu umarmen mit allem, was dazu gehört; auch jene Dinge, die nicht so laufen, wie ich es gerne hätte. Plötzlich merkt man, wie das Herz lebendig wird! Wie es pulsiert, mit allem pulsiert, mit allem, ohne Ausnahme! Wir entdecken unser wildes Herz! In der bedingungslosen Umarmung des »Es ist, wie es ist« wird die Lebenskraft befreit und beginnt meinem authentischen Frei-Sein zu folgen. Die Kraft des »Es-Ist« folgt meinem wunsch- und zwanglosen Ich, als würde sie meine Nähe genießen. Ich gebe die Bedeutung. Ich gebe die Richtung vor. Die Kraft folgt mir. Auf diese Weise werde ich selbst zum Schöpfer meines Lebens. Auf diese Weise werde ich eins mit dieser Kraft. Denn die Kraft ist nicht etwas, das unabhängig von mir existiert. Sie kann nur deshalb präsent sein, weil ICH BIN.

Es geht also nicht darum, immer mehr zu lernen und ständig bemüht zu sein, sich zu verändern, sondern zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist, und zu erkennen: »Ok, ich bin so, es ist das, was mich ausmacht.«

Ich möchte es so sagen: Es geht darum zu lernen, dass ich nicht der bin, der ich glaube zu sein, wenn der, der ich glaube zu sein, ungenügend, voller Fehler und Mängel, wertlos und nicht liebenswert ist. Oder umgekehrt: wenn der, der ich glaube zu sein, sich einbildet, er sei der größte, tollste, beste, genialste. In diesem Fall identifiziere ich mich mit einer Vorstellung oder mit meinem Ego, dessen hervorstechende Merkmale Minderwertigkeit und Größenwahn sind; meist in einer Kombination vereint. Beides trennt mich von meinem wahren Selbst, ist also beileibe nicht das, was mich ausmacht.

Vielmehr trifft dieser Satz auf das innerste Selbst zu. Unser Wesenskern ist Wahrheit, Liebe und Freude, nur das und nichts als das. Er ist sich selbst genug und er ist liebevoll und voller Respekt im Umgang mit anderen. Er versteht die Schutz- und Reaktionsmuster des verletzten Menschenkindes und nimmt es tröstend in die Arme. Er lächelt über all die Unvollkommenheiten, die da immer wieder einmal auftauchen, eben weil wir Menschen sind und keine Götter. Er gönnt sich die natürlichen Gefühle, die einfach zum Mensch-Sein gehören und ist großzügig mit sich selbst, wenn er mal »daneben« liegt. Aber er identifiziert sich nicht damit; er kultiviert kein falsches Selbstbild. Und er ist stets bemüht, Trennendes und Getrenntes – wo immer er dessen gewahr wird – in Liebe zu verwandeln und auf diese Weise zu heilen. Dies tut er nicht aus einer Haltung des Sich-Verändern-Müssens. Er tut es, weil er ES – sich – wert ist. Er tut es, um sich selbst treu zu bleiben. Er tut es aus einem natürlichen Gefühl der Würde heraus. Wir könnten uns eine Menge Energie und Zeit ersparen, würden wir begreifen, dass wir uns gar nicht mit dem Ballast identifizieren müssen, den wir da mit uns herumschleppen. Lass ES sein! Wenn ich leer werde von all den Vorstellungen über mich selbst, von all den Erwartungen, die ich an mich stelle, dann taucht mein wirkliches ICH auf. Dann kann ich ganz ICH sein. Dann kann ich meinem Leben selber eine Bedeutung geben, weil mir in diesem Moment klar ist, dass jede Bedeutungsgebung ein Produkt meiner selbst ist, und nicht umgekehrt, ich das Produkt von irgendwelchen Bedeutungen bin. Sobald ich diese Kehrtwende im Denken vollzogen habe, bin ich nicht mehr das Opfer äußerer Umstände. Ich bin frei. Schöpferisch. Ich erschaffe jetzt. Da ist nichts, was von außen oder »von oben« auf mich wartet, nicht einmal ein bestimmter Lebensauftrag. Der Auftrag, den ich habe, liegt einfach darin, authentisch zu sein, zu leben, was mir gegeben ist, mein Potential zu entfalten, mein Licht leuchten zu lassen, mich zum Wohle des Ganzen einzubringen. In diesem Bewusstsein erschaffe ich den Augenblick, lebe ich meine Vision. Manche suchen und suchen ihr Leben lang und fragen sich dabei ständig: »Wann werde ich endlich meine Lebensaufgabe, meine Bedeutung finden?« Gib sie deinem Leben! Aber sei achtsam, dass Du es aus Liebe tust. Jede Bedeutung, die aus Liebe gegeben wird, wird konstruktiv und damit heilsam sein.

Die richtige Bedeutung!

Richtig ist eine Bedeutung dann, wenn sie stimmig ist, d. h. wenn sie eine Sache auf den Punkt trifft; auf jenen Punkt nämlich, der es hier und jetzt ermöglicht, dass Lebensenergie fließt und Heilung stattfindet.

Und in dem Augenblick merkt man sofort in seinem Körper, dass Öffnung stattfindet.

Das ist das Tolle daran! Treffen wir den Punkt, bekommen wir sofort eine Bestätigung aus unserem Inneren – in Form eines befreienden Gefühls, eines glückseligen Schauers, einer Inspiration, eines Energieschubs, eines Gefühls der Hoffnung, der Zuversicht, der Sinnhaftigkeit. Je öfter wir das erleben, desto stärker wird unser Vertrauen in diesen subtilen Prozess. Allmählich erwächst daraus ein unerschütterlicher Glaube an uns selbst, an das Wesen des Seins oder, wenn man so will: an das Wirken des Göttlichen.

Das ist der Wesenskern der Heilung! In jeder Erkrankung, in jedem Unfall steckt ja das ganze Potential, wirklich der zu werden, der man sich nicht gönnt bzw. nicht traut zu sein.

Eigentlich steckt dieses Potential in jedem Augenblick und in jeder Situation. Eine Krankheit ist jedoch wie ein lauter Ruf, sich mit dem Wesenskern zu verbinden, jenem Teil von uns, in dem das Göttliche sich an das Menschliche schmiegt. Hier – in unserem wilden ungezähmten, reinen Herzen – findet die Hochzeit des Menschlichen mit dem Göttlichen statt. Hier finden wir die völlige Akzeptanz des Lebens einschließlich der vielen kleinen und großen Tode, die es begleiten. Bedingungslose Liebe.

Aber eigentlich führt uns die wahre Spiritualität zu dem, der wir sind, und nicht zu jemandem anderen. Es geht ja immer darum, der zu werden, der man in seinem Kern schon immer war.

Eben darin liegt der Sinn wahrer Spiritualität.

Es ist eine totale Hingabe an das, was einem präsentiert wird.

Es geht um Hingabe, richtig. Um Demut. Man überlässt sein kleines Ich dieser übergeordneten Kraft und Intelligenz, die man hinter den Ereignissen wahrnimmt, deren Führung man erfährt, deren Intelligenz es besser weiß, als man es sich selber jemals hätte ausdenken können. Man gibt sich hin, beugt sich. »Dein Wille geschehe!« Genau in dem Augenblick, wo wir uns beugen – jeder, der das schon erlebt hat, weiß, wovon wir sprechen – öffnet sich uns das Göttliche. Und – man höre und staune: Das Göttliche gibt sich nun an uns hin! So, als würde es uns den Auftrag erteilen: »Nimm mich. Arbeite mit mir. Lass meine Wahrheit in Deine Wirklichkeit leuchten!« Es will uns nicht für sich behalten. Es fordert weder unser Mensch-Sein, noch unsere Sinne noch unseren Körper als Tribut. Im Gegenteil: Es schiebt uns direkt ins Leben und in unsere Persönlichkeit hinein. Erst jetzt erfahren wir, wer wir wirklich sind.

Und da merkt man die Stimmigkeit, die Richtigkeit der Ereignisse. Je intensiver wir uns dem Leben hingeben, desto mehr fließt das Göttliche in uns hinein.

... bis es mit uns eins wird und wir die Ganzheit finden, nach der wir uns immer sehnten. In diesem Zustand sind wir heil und ganz. Nun bin ich ein ganzer Mensch, verbunden mit allem, eingebettet in ein unteilbares Ganzes, von dem ich Teil bin und in dem ich meinen Platz einnehme, jenen Platz, an dem ich »richtig« bin. Es ist mein Platz im Ganzen, den nur ich besetzen kann, an dem mir meine Einzigartigkeit zur Heimat wird. Im Grunde ist dies ein paradoxer Zustand: Ich gebe alles auf, was ich glaubte zu sein, um zu finden, wer ich wirklich bin. Mit Identitätsverlust hat das jedoch absolut nichts zu tun. Vielmehr erfolgt in der Demut und der Hingabe erst die Übernahme der wirklichen Identität.

Aber eigentlich führt uns die wahre Spiritualität zu dem, der wir sind, und nicht zu jemandem anderen. Es geht ja immer darum, der zu werden, der man in seinem Kern schon immer war.

Eben darin liegt der Sinn wahrer Spiritualität.

Man »rutscht“ sozusagen in seine Einzigartigkeit »hinein«!

Genau hier beginnt die Einzigartigkeit des Individuums in der immerwährenden Wahrheit zu pulsieren, d. h. wirklich lebendig zu werden. Dieses Pulsieren des Göttlichen im Menschlichen und des Menschlichen im Göttlichen ist universelle Liebe, Leben, Schöpferkraft, Vollkommenheit, Heilung, die durch mich, der ich nun reiner Kanal bin, ihren freien Ausdruck findet. Jenseits aller Vorstellungen, jeden Augenblick neu und anders – und doch ganz Ich.

Eine unbändige Lebendigkeit... Aber es verlangt eine extreme Achtsamkeit, denn es verändert sich und reguliert sich selbst ununterbrochen. Jede Sekunde ist alles anders.

Mit jedem Atemzug, von Herzschlag zu Herzschlag taucht eine neue Wirklichkeit auf. Hier können wir von creatio continua sprechen. Ganzheit ist eine sich ständig erneuernde Ganzheit, immer in Bewegung. Und wir sind dabei vor die Aufgabe gestellt, in der Einen Bewegung, sprich: in der Liebe zu bleiben, uns in ihr ständig neu auszubalancieren. Immer wieder dürfen wir das Haupt beugen, d. h. unsere Vorliebe für Kontrolle und falsche Sicherheiten aufgeben, um das Herz sprechen zu lassen.

Der Körper ist ja so genial, dass er sich prinzipiell die Stelle aussucht, die uns mit dem anstehenden Thema konfrontiert, die uns dazu zwingt, uns zu beugen.

Auf diese Weise werden wir weich geklopft, bis sich alle verhärteten Strukturen, Knoten und Blockaden auflösen und wir selbst zur Bewegung werden. Typischerweise wird man dort geknackt, wo die Bewegung ins Stocken geraten ist, genau dort also, wo man am Empfindlichsten ist. Davor hat jeder erst einmal Angst. Natürlich sprechen wir hier in Bildern und Gleichnissen. Man könnte auch ein anderes Bild nehmen: Das eines Diamanten z. B., der geschliffen wird, solange, bis sich das Licht in seinen Facetten bricht und den vormals matten Stein zum Funkeln bringt. Wer schon einmal eine Diamantschleiferei besucht hat, weiß, dass der Diamant während des Schleifprozesses schreit. Sein Schrei ist schrill, laut und eindringlich wie ein Todesschrei.

Ein Glück, dass man es vorher nicht weiß! Denn, wenn es passiert, ist es äußerst hart. Auch die Zeit vorher, wenn der Prozess sich vorbereitet, ist es sehr belastend.

Deshalb spricht die Mystik von der Dunklen Nacht der Seele. Diese Phase ist vergleichbar mit den Schmerzen bei einer Geburt. Doch müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir selbst die Schmerzen verursachen, weil wir uns unnötig sträuben und uns dabei verkrampfen, versteifen. Mit einer anderen Einstellung, einer Einstellung, von der wir bisher sprachen, wären wir weich und flexibel und hätten leichte Geburten. »Unter Schmerzen sollst Du Kinder gebären« hieß es bei der Vertreibung aus dem Paradies, die ja ein Gleichnis für die Trennung des Menschen von seinem göttlichen Urgrund ist. Dieses Mythologem nimmt Bezug auf den Beginn unseres heutigen Zeitalter, das von einem Trennungs-Bewusstsein geprägt ist. Sobald wir erkennen, dass wir nicht getrennt, vielmehr verbunden sind mit allem, und dass es an uns liegt, unser Bewusstsein auf diese Verbundenheit auszurichten, wird es leicht.

Man kann aber, auch wenn man dieses Pulsieren schon erlebt hat, trotzdem wieder in die Blockierung zurückfallen.

Ja, jederzeit! Man kann sich aber auch jederzeit wieder aufraffen und auf der Welle weiter reiten. Hierin liegt die Radikalität der Liebe, aber auch ihre Gnade. Das Spiel von Radikalität und Gnade möchte man bald nicht mehr missen, denn gerade dieses Spiel bietet eine zielsichere, seismographisch genaue Zu-Recht-Weisung, eine Wegweisung zum Richtigen hin. Diese Weisung hat ihre Quelle in unserem Inneren und nicht in einer bevormundenden Instanz da draußen. Es handelt sich dabei um unsere eigene innere Führung. Auf diese Weise bleibt unsere Würde unangetastet und alles Müssen verwandelt sich in ein Dürfen.

Mit der Zeit bekommt man auch ein immer stärkeres Gespür für das Richtige.

Der Mensch ist perfekt eingebunden in den kosmischen Tanz der Kräfte und Informationen.

Der Mensch ist perfekt eingebunden in den kosmischen Tanz der Kräfte und Informationen. Er ist perfekt auf Kooperation und Kommunikation eingestellt. Er bräuchte nur voller Neugier und Anteilnahme an diesem Spiel teilnehmen, um Sinn, Glück, Erfolg, Erfüllung und Heilung zu finden. Er müsste sich nur öffnen, um die Liebkosung der kosmischen Liebe zu empfangen. Er bräuchte nur mit sich selbst, seinem Körper, seiner Existenz, seinen Mitmenschen, ja der ganzen Welt liebevoll in Beziehung treten; nur achtsam mitschwingen – ganz bei sich selbst und doch verbunden mit allem. Wir sind wunderbar angelegt! Wir haben ein unglaublich feines Instrumentarium zur Verfügung, ein Navigationssystem, das einfach gigantisch ist – wenn wir es erst einmal erkennen!

Dafür muss man das Bewusstsein, also den Blick haben!

Richtig!

Und den Weg zu gehen beinhaltet, diesen Blick zu schulen!

Im Grunde genommen benötigt der heutige Mensch „nur« eine Schulung seiner Sichtweise, eine neue Einstellung über das Wesen von Wahrheit und Wirklichkeit, ein Welt- und Menschenbild, das auf Verbindung angelegt ist, statt auf Trennung und Spaltung.

Im Grunde genommen benötigt der heutige Mensch »nur» eine Schulung seiner Sichtweise, eine neue Einstellung über das Wesen von Wahrheit und Wirklichkeit, ein Welt- und Menschenbild, das auf Verbindung angelegt ist, statt auf Trennung und Spaltung. Eine solche Schulung ist unbedingt notwendig, und zwar in globalem Umfang. Ohne sie kann es keine nachhaltige Heilung persönlicher, gesellschaftlicher und kultureller Spaltungen geben. Deshalb müssten wir diese neue Einstellung in der Schule lernen. Sie müsste wir an den Universitäten als Basis für alle Wissenschaftsbereiche gelehrt werden, vor allem auch in der Medizin. Und diese Einstellung lautet: »Alles ist mit allem dynamisch verbunden“. Nicht in einem mechanistischen Teile-Denken, sondern erst in der Beachtung der dynamischen Interaktion des Ganzen offenbaren sich die Ordnungsimpulse, die heilenden Impulse also. Nicht in einem statischen Plan, sondern in der verbindenden Bewegung selbst liegt das Geheimnis der Homöostase. Daher ist der neue Begriff der Homöodynamik sehr zutreffend. Die Bewegung selbst beinhaltet die Formel, nach der wir alle suchen. Und diese Formel heißt: Liebe. Liebe ist der kleinste gemeinsame Nenner von ALLEM.

... der aber ständig wieder einen völlig neuen Zustand hervorbringt.

Genau. Schöpfung ist ein ständiges Werden. Leben ist ein ständiges Sterben von Altem, Verbrauchtem, Unbrauchbar-gewordenem und gleichzeitig ein ständiges Neugebären.

Da kann es einem total schwindlig werden!

So ist es auch. Unserem Verstand wird dabei schwindlig, weil er diese Dynamik nicht mehr begreifen kann. Der Verstand möchte erfassen, festhalten, kontrollieren, die Dinge nach seiner Überzeugung lenken. Er wird ver-rückt, wenn ihm das plötzlich nicht mehr gelingt. Das ist jedoch eine heilsame Angelegenheit, denn dadurch verliert er seine Vorrangstellung und wird endlich an seine richtige Position gerückt.

Es ist sehr schwer zu verstehen, dass wir immer noch da sitzen, schon seit Stunden in dieser Position, obwohl jetzt alles ganz anders ist als am Anfang dieses Gesprächs vor zwei Stunden. Und dass dieses Möbelstück immer noch da steht, wo es steht, obwohl die Atome bereits x-mal herumgewirbelt sind.

Mit dem Verstand ist das nicht zu begreifen. Um eine wirkliche Einsicht in diesen Prozess gewinnen zu können, brauchen wir eine erweiterte Form der Intelligenz, eine Intelligenz, die es ermöglicht, sich selbst in dieser unvorstellbaren Flexibilität zu bewegen. Diese erweiterte Intelligenz ist die Intelligenz der Liebe. In ihr vereinen sich Verstand und Gefühl, Intuition und Instinkt durch die Anbindung an das kosmische Bewusstsein. Das gesamte Spektrum des Bewusstseins, alle Intelligenz-Ebenen, die dem Menschen potentiell zur Verfügung stehen, werden in der Liebesintelligenz gemeinsam zum Schwingen gebracht. Das ist überwältigend. Und letztlich doch ganz einfach und unspektakulär.

Denn es ist wie ein Durchdringen der Dinge in jeder Sekunde, ohne irgendwelche Vorstellungen.

»Je flexibel ein Mensch wird, desto stärker wird auch die Präsenz der Liebesintelligenz und desto schneller geschieht Heilung.«

Genau. Es ist die Qualität des Durchblicks. Man schaut einfach bis auf den Grund und kann die augenblickliche Situation, das Hier und Jetzt, damit in Beziehung setzen. Diese Gesamtschau ermöglicht eine genaue Zuordnung der Dinge. Man hat also nicht nur den Durchblick sondern gleichzeitig auch den Überblick. Analysen, Theorien, Konzepte und Hypothesen erübrigen sich dabei. Für denjenigen, der Spaß daran hat, werden sie zum Spiel; sie verlieren ihren Absolutheitsanspruch. Je flexibel ein Mensch wird, das heißt je weniger er an Meinungen, Dogmen und Überzeugungen festhält und je mehr er sich der Einen Bewegung überlässt, desto stärker wird auch die Präsenz der Liebesintelligenz; desto schneller geschieht Heilung. Wir sollten jedoch auch an dieser Stelle nicht vergessen, dass es kontraproduktiv wäre, diese Intelligenz auf »Teufel, komm raus« zu forcieren; im wahrsten Sinne des Wortes wecken wir damit nur unser Ego. Leben und Mensch-Sein bringen es eben mit sich, dass wir nicht ständig in der bewussten Anbindung bleiben, auch dann nicht, wenn wir schon längst Meisterschaft erreicht haben. Ich glaube, die heilsamste Form ist es, in solchen Momenten ehrlich mit sich zu sein: »Jetzt bin ich gerade mal nicht im Fluss“, anstatt sich in die Bewegung hinein pressen zu wollen. Wenn wir die Erwartungen an uns selbst »sein lassen“, öffnet sich der neue Augenblick von selbst und mit ihm ergibt sich eine neue Chance, Ganzheit zu schaffen.

Es geht also um eine große Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Das ist der Punkt. Erst die Wahrhaftigkeit sich selbst und dem Leben gegenüber ermöglicht dieses »ES-sein-lassen« jenseits des ständigen Hin und Her von Vorlieben und Abneigungen. Persönliche Wahrhaftigkeit ist die Tür zur kosmischen Wahrheit. Authentizität ist das Tor zur Heilung.

Denn durch eine Krankheit bzw. einen Unfall wird man ganz nackt.

Man steht völlig nackt da, weil man die Macht der Kontrolle verloren hat. In diesem Augenblick ist man hilflos; da gibt es nichts mehr, was man vorzuweisen hätte. Man ist einfach nur nackt. Es gilt, diese Nacktheit und Hilflosigkeit liebevoll anzunehmen und nicht gleich mit Erklärungen bedecken zu wollen. Gelingt uns das, dann werden wir durch das Tor begleitet und können schauen, was auf der anderen Seite ist – ja, dort schon immer auf uns gewartet hat.

Und gerade an diesem Punkt gibt es immer die sichtbaren und unsichtbaren Helfer, die gerade dann auftauchen, wenn man verzweifelt ist.

Gerade dann! Sie sind immer da, aber erst in einer Situation wie dieser, wenn die Schleier des Besser-Wissens weggezogen sind, wird uns die Tatsache voll bewusst. Plötzlich spürt man diese Kräfte, kann sich mit ihnen verbinden, mit ihnen kommunizieren und kooperieren. Manchmal ist diese Erfahrung so stark, dass man gar nicht mehr zurück möchte auf die andere Seite, in einen Lebensalltag, den man bisher als mühselig empfunden hat. Ich meine damit nicht, dass man gleich sterben will; eher meine ich den hier häufig aufkommenden Wunsch, der Realität zu entfliegen und sich im Geistigen zu verschanzen. Viele, die den Raum des Geistes betreten haben, glauben: »Ich habe mein Ziel erreicht. Es hat sich erfüllt. Nun kann das normale Leben ohne mich ablaufen. Ich bin in höheren Gefilden“. Oder sie meinen, ab jetzt nur noch für andere da sein zu müssen und selbst keine Wünsche mehr haben zu dürfen. Beide Versionen bergen einen Trugschluss. Stattdessen werden wir wieder zurückgeschoben in das pralle Leben - in dem Sinne: »Jetzt hast du erkannt, was Schöpfung ist. Geh also hin und erschaffe. Erschaffe eine Wirklichkeit, die dein eigenes Wohl mit dem Wohl des Ganzen in Einklang bringt. Lebe und liebe!«

Jetzt heißt es, sich dem Leben stellen, eindeutig werden. Sich nackt auf den Weg machen und mutig durch die Dolche seiner Angst gehen. Sein eigenes Ding durchziehen. Sich zu sich selbst und seiner Wahrheit bekennen, egal, was der Rest der Welt dazu sagen mag. Sich voll einlassen. Die totale Erfahrung des Lebens machen. Das Hohe Selbst wird dabei zu unserer einzigen Autorität. Ihm folgen wir bedingungslos, uns selber treu bleibend. Nun übernehmen wir selbst die Verantwortung, nicht nur für unsere Schattenseiten, sondern auch für Tiefe unseres eigenen Potenzials.

Heilung hat auch mit Licht zu tun. Menschen, die durch diesen Heilungsprozess durchgegangen sind, haben eine besondere Strahlkraft. Wie kann man sich das erklären? Hat es mit der Lebensenergie zu tun, die dann intensiver ist?

Wenn die Tür deines Bewusstseins offen steht und GEIST einströmen kann, wenn du authentisch bist und Dir selbst treu bleibst, durchtränkt das Licht der Wahrheit alle Facetten deiner Persönlichkeit. Die Lebensenergie beginnt frei zu fließen und dich mit Kraft zu erfüllen. Die Schale Deines Selbst ist nun übervoll. Du befindest Dich im Licht der Gnade. Charisma bedeutet »Gnadengabe“. Diese Gnade wird jedem zuteil, der seine wahre Identität lebt. Ihr Licht ist es, das Menschen, die sich selbst gefunden haben, ihre besondere Ausstrahlung verleiht. Niemand kann diese Ausstrahlung spielen oder sich als Image zulegen; sie ist das Geschenk, welches man erhält, wenn man den Prozess der Selbstrealisation mutig durchlaufen hat.

Es ist faszinierend, dass es immer beides ist: das Individuelle, also die Einzigartigkeit des Individuums, kommt richtig zum Vorschein, und gleichzeitig das Universelle.

Deshalb kann man Menschen, die ES gefunden haben, ganz genau erkennen: an ihrem Leuchten, an ihrer Unabhängigkeit, an den Herzensqualitäten, die sie integriert haben. An der Art und Weise, wie sie ihre Aufgaben bewältigen – oft gegen den Rest der Welt; oft gegen alle Regeln und Normen. Man erkennt sie daran, dass sie nicht nur selbst kreativ sind, sondern auch andere inspirieren. Dass sie genau wissen, was sie wollen und ihre Visionen wahr werden lassen, dabei aber niemals selbstsüchtig sind, sondern sich stets zum Wohl des Ganzen einbringen. Wir alle könnten uns gegenseitig dabei helfen, in diesen Zustand zu gelangen. Unser Miteinander würde dadurch extrem bereichert werden. Es wäre das Paradies auf Erden. Es würde bereits genügen, uns gegenseitig sein zu lassen, wie wir sind. Wir könnten einem Menschen Heilung schenken, wenn wir ihn darin bestärken, der zu sein, der er wirklich ist und sein möchte. Selbst wenn wir es anders sehen, selbst wenn wir es anders wollen, selbst wenn wir gerne projizieren möchten – wenn wir UNS gegenseitig sein lassen, dann entsteht im Kollektiven ein Raum für Heilung. Dieses Geschenk können wir uns gegenseitig machen. Denn Heilung ist schenkbar!

Ja, eine Person kann tatsächlich wie ein Heilmittel wirken. Die Freundschaft zu jemandem bzw. die Präsenz von jemandem kann wirklich zur Heilung anspornen. Wenn jeder in dieser Haltung wäre, wie Sie sagen, wirklich den anderen so zu lassen, wie er ist...

... gäbe es weit weniger Krankheiten als bisher. Ich bin davon überzeugt, dass viele Krankheiten nur entstanden sind, weil ein Mensch nie so sein durfte, wie er ist. Schon als Kind werden wir daran gehindert, später dann in der Ehe, wo wir uns auch selber immer wieder anpassen und verdrehen, um den Vorstellungen des Partners zu entsprechen, um geliebt zu werden und Anerkennung zu finden. Wenn solche Menschen plötzlich gelassen werden, wie sie sind, d. h. wenn sie Bedingungslosigkeit erfahren, passieren rasante Heilungen.

Das ist der Schlüssel!

Liebe ist die stärkste Kraft, die es gibt. Sie heilt alle Wunden, transformiert den Menschen und die Erde.

Ja! Aber was tun wir stattdessen? Wir knebeln uns selbst, wir behindern uns gegenseitig, wir projizieren unsere Vorstellungen, Wünsche und Erwartungen auf andere, meist auf diejenigen, die uns am nächsten stehen. Wir lassen uns von Geboten und Verboten manipulieren. Unsere ganze Kultur, jeder Gedanke, jeder Ausdruck ist konditioniert durch ein trennendes Werte- und Normensystem, das uns von unserem Wesenskern abspaltet und unsere Autonomie, unsere schöpferische Souveränität auf allen Ebenen beschneidet. Das neue Wertesystem, das aus einer verbindenden Sichtweise hervorgehen wird, kann daher nicht länger von außen kommen. Es muss aus dem Herzen des Menschen, dem Herzen der Menschheit entstehen. Denn dort innen finden wir alle das Gleiche: Wahrheit, Liebe und Freude, Herzensqualitäten. Ursprüngliche, natürliche Werte, auf die wir uns alle einigen können, weil sie unserem eigenen Inneren, unserem Gewissen, entspringen. Liebe ist die stärkste Kraft, die es gibt. Sie heilt alle Wunden, transformiert den Menschen und die Erde. Wer ihrem Ruf folgt, trägt dazu bei, eine neue Wirklichkeit, eine Kultur des Herzens, zu erschaffen. Potentiell ist dies möglich.

Hier und jetzt. Wir bräuchten nur einen kleinen »Switch“ in unserem Bewusstsein zu vollziehen, um ES sehen und erfahren zu können. Wir sollten es wagen! Die Liebe sagt: Es kann Dir nichts passieren, Du hast einen freien Geist.

- das Gespräch führte Anne Devillard und ist dem Buch »Heilung aus der Mitte« entnommen, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Driediger

Dr. phil. Christina Kessler ist Kulturanthropologin und Philosophin. Spezialisiert auf die traditionellen Weisheitslehren und Medizinsysteme dieser Welt, forschte und arbeitete sie in Mexiko, Ladakh und Südindien. Sie ist die Begründerin von amo ergo sum (ich liebe, also bin ich), einer integralen Philosophie und Praxis der Liebe, die sie in Vorträgen, Seminaren und einer Ausbildung zum Consultant for Integral Development (Berater/in für integrale Entwicklung) weiter vermittelt. Heute lebt sie in München und Delhi.

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