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Interviews

Interview mit Konstantin Wecker über zunehmende Verblödung

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Friedrich Schönbeck
Konstantin Wecker © Thomas Carsten

»Wir sind in der Geiselhaft der Wirtschaft«

Mit »Sage nein!«, »Willy« und anderen Liedern rief Konstantin Wecker zu politischem Engagement auf. Connection-Redakteurin Christine Höfig sprach mit ihm über seine politische Haltung früher und heute

Viele deiner Texte sind politisch und du hast dich auch schon immer politisch engagiert. Glaubst, dass du damit auch etwas bewirken kannst?

Das frage ich mich seit vierzig Jahren.Neulich sagte ich auf der Bühne: »Wenn man bedenkt, wie ich vor vierzig Jahren angetreten bin, um die Welt mit meinen Liedern zu verändern, und wenn ich mir die Welt jetzt anschaue, kann ich nur sagen: »Ich wars nicht!« Ich weiß, dass ich politisch natürlich nichts verändern konnte. Und das habe ich auch als junger Mann nicht erwartet. Aber ich habe auf diesen Satz hin ganz viele Emails bekommen von Leuten, die zum Teil richtig erbost waren, denn sie meinten, ich hätte doch etwas verändert! Ich hätte bei ihnen was verändert und ich hätte ihnen Mut gegeben.Und zwar Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Insofern bin ich schon der Meinung, dass Poesie und Kunst etwas ändern können, auf eine ganz andere Art und Weise, als es die Politik tut.Nämlich indem man im Einzelnen etwas hervorruft,was ihm den Weg zu sich selbst weist. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt. Das ist auch der Unterschied zu einer rein kommerziellen Kunst, die eigentlich möchte, dass der Kunde (das Publikum) die Meinung des Auftraggebers des Künstlers) annimmt.

Das private Fernsehen zum Beispiel macht kein Programm für das Publikum, sondern macht sich ein Publikum,um es an dieWerbung zu verkaufen. Das ist ein reines Geschäft. Wenn ich dagegen meine Meister gelesen habe, sei es Rilke oder Dostojewski oder Hesse, haben die mich darauf hingewiesen, dass ich zu mir selbst finden soll. Sie haben mir nicht gesagt: »Werde so wie ich!« Im Endeffekt sind auch die Biografien der Künstler nicht wirklich relevant. Es ist einzig wichtig,was sie mit ihren Werken in mir anstoßen. Und inwieweit mich das verändern kann.

Kunst kann das Bewusstsein ändern. Ich persönlich habe immer das Gefühl, ich möchte nach einem guten Buch ein besserer Mensch werden. Das hält sich dann im Endeffekt in Grenzen, und nach ein paar Wochen habe ich vieles wieder vergessen, aber es verwandelt mich. Es gibt so viele Schritte derVerwandlung, und irgendwann ändert sich auch das Bewusstsein.

Ich habe jetzt auf meine Homepage einen Text von Fernando Pessoa gestellt, den ich bei euch in der connection gefunden habe.

Ich habe jetzt auf meine Homepage einen Text von Fernando Pessoa gestellt, den ich bei euch in der connection gefunden habe. Da geht es um die Zärtlichkeit, einer der schönsten Texte, die ich je gelesen habe. Und den hab ich kürzlich bei einer Lesung bei Willigis Jäger im Benediktushof vorgelesen. Da merkte man richtig,welcher Zauber von so einem Text ausgehen kann und wie der auch die Menschen verwandelt, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Hat sich deine politische Einstellung im Laufe der Jahre geändert?

Insofern, dass ich radikaler geworden bin. Nachdem ich lange Zeit noch geglaubt habe, dass man mit den üblichen demokratischen Mitteln etwas verändern kann, bin ich heute derMeinung, dass ein völlig neues Bewusstsein kommen muss, denn sonst wird sich politisch wohl wenig verändern. Ich denke auch, dass viele der spirituellen Größen, die man zur Zeit kennt und liest, eine durchaus auch politische Einstellung haben und auch bereit sind, politisch etwas
zu tun. Christa Spannbauer hat das in ihrem Buch »im Hause derWeisheit« sehr schöpn dokumentiert. Ob Claudio Naranjo, David Steindl-Rast oder eben gerade Willigis Jäger  da gibt es einige Beispiele von weisen Menschen, die sagen »gerade aufgrund meiner spirituellen Erfahrung bin ich de rMeinung, dass man sich engagieren und den Mund aufmachen und auch eingreifen soll. Gerade weil ich erfahren habe, dass alles zusammen gehört, alles miteinander
verbunden ist.Gerade deswegen versuchen wir, an derVeränderung der Welt und der Menschen mitzuarbeiten. Der Gedanke, es genügt, sich auf einen Berg zurückzuziehen und dreißig Jahre lang Om zu sagen, ist überholt. In der heutigen Zeit kann das nicht alles sein.

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker © Bayrischer Rundfunk

Was glaubst du, wie können wir unsere Probleme, in Deutschland und in der Welt, in den Griff kriegen?

Jeder auf seine Weise, gemäß den Fähigkeiten, die er hat. Der Künstler soll sich in seiner Kunst engagieren  das tun nicht allzu viele im Moment, ich hoffe, dass es wieder mehr werden. Es gibt so viele Möglichkeiten auf seinem Gebiet ein neues Bewusstsein reinzutragen.Wir leben in einer restlos verblödeten Republik, trotz der vielen Informationen, die uns zurVerfügung stehen, aber ich bin dennoch voller Hoffnung. Ich glaube, dass ein neues Denken kommen wird, und das geschieht durch die Vernetzung vieler einzelner Menschen, die sich verändert haben. Die Zeiten sind vorbei, wo ein Denker oder ein Führer geglaubt hat, er könnte mit seinem Denken oder seiner Ideologie dieWelt verändern. Wir haben ja gesehen, in welches Desaster uns das gebracht hat. Das kann nicht klappen, wir sind viel zu viele Menschen, viel zu viele Bewusstseinsuniversen.Wir müssen akzeptieren,dass die Wahrnehmung des anderen eben eine andere ist als unsere eigene. Dass es nicht ein einzigesVolk gibt, das klüger ist als alle anderen, und schon gar keine so genannte »Rasse«. Und dann müssen wir dafür sorgen, dass sich aus den einzelnen Bewusstseinsebenen Menschen miteinander verknüpfen. Und das passiert.

In Amerika wurde ja jetzt Obama Präsident. Glaubst du, dass nun bessere Zeiten kommen?

Barack Obama ist ein Symbol für ein sich wandelndes Denken.

Ich glaube, das ist ein Signal. Als Pazifist kann ich mit Obamas Kriegspolitik natürlich nicht einverstanden sein, aber in einem Land wie Amerika kann nun mal kein Pazifist zum Präsidenten gewählt werden, da muss man gewisse Abstriche machen (lacht). Aber er ist allein schon deswegen ein Segen, weil es ein Schlag ins Gesicht aller Rassisten dieser Welt ist. Das allein schon ist eine große Freude. Und wie er in der ersten Woche angefangen hat aufzuräumen, das lässtwirklich viel Gutes hoffen. Ich halte es für ein Zeichen, nicht weil er der Heilsbringer ist  Heilsbringer gibt es nicht  sondern weil er ein Symbol sein kann. Ein Symbol für ein sich wandelndes Denken.            

Bist du eigentlich mit Angela Merkels Regierung zufrieden?

Nein, überhaupt nicht.Weil ich mich zum Beispiel noch gut erinnern kann, wie Angela Merkel länger als viele, viele andere Politiker dieserWelt die Lügen im Irakkrieg unterstützt hat und wie sie Bush in den Arsch gekrochen ist. Sowas vergesse ich nicht. Und jetzt sitzt sie mit den Wirtschaftsleuten an einemTisch und lässt sich von so genannten Eliten, die das wirtschaftliche Desaster herbeigeführt haben, beraten, wie der Staat am besten ihre Verluste übernimmt. Ich fühle mich restlos verarscht von diesem Lobbyismus. Da muss ein völlig neues Denken kommen. Nein, Merkel wird völlig überschätzt.

Bei der Sicherheitskonferenz 2003 in München hast du Soldaten dazu aufgefordert, zu desertieren. Das hat dir eine Strafanzeige wegen Aufforderung zu einer Straftat eingebracht. Würdest du das nochmal riskieren?

Alle Kriege werden aus wirtschaftlichen Interessen geführt.

Natürlich. Ich bin seit vierzig Jahren Pazifist, und ich steh dazu, obwohl ich weiß, dass die Friedensbewegung im Kosovo- Krieg stark geschwächt wurde durch die Aussage Joschka Fischers »Nie wieder Auschwitz«. Plötzlich war Krieg wieder en vogue, weil man sich gesagt hat: »Wir brauchen Krieg, um in Fällen von Menschenrechtsverletzungen einzugreifen.« Ich bin dafür, dass es eine Polizei gibt, die eingreift, aber das heißt nicht, dass es deswegen Kriege geben muss. Alle Kriege werden aus wirtschaftlichen Interessen geführt. Da werden dann irgendwelche ideologischen oder religiösen Gründe vorgeschoben, aber im Endeffekt sind es wirtschaftliche, hegemoniale und imperialistische Interessen.Und alle diese Kriege, die die Nato zur Zeit führt, sind imperialistische Kriege. Ich habe vor ein paar Tagen mal in einem Gespräch gesagt, meines Erachtens sind Kriege die Rache alter Männer an der Jugend.

Es sind immer alte Männer, die die jungen Menschen in den Krieg schicken und die dann in irgendwelchenTalkshows dasitzen und sagen: »Wir müssen hier einmarschieren, das ist die einzigeMöglichkeit...«. Aber sie selbst marschieren nicht ein, sie sitzen nur in Talkshows rum. Und manchmal hab ich das Gefühl, da sitzt so ein alter Sack, und der sagt sich: »Ist doch ganz gut, wenn wieder mal ein paar Junge wegsterben.« »Nach dem Krieg sollte man die Kriegsschreiber zusammentreiben und von den Invaliden auspeitschen lassen«, schrieb Karl Kraus in berechtigter Verbitterung.

    

Deine Homepage heißt »Politik hinter den Schlagzeilen«. Ist der Name Programm?

Manchmal denke ich, da sind Psychopathen am Werk.

Der ist insofern immer mehr Programm geworden, als ich festgestellt habe  was du sicher auch merkst  dass die Presse von wirtschaftlichen Interessen geleitet wird. Unser ganzes System wurde in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr von ökonomischem Druck bestimmt.Wir sind in der Geiselhaft derWirtschaft.Und ich habe vor vielen Jahren schon gesagt, die deutsche Wirtschaft ist in der Geiselhaft der Autoindustrie. Jetzt sehen wir ja,was da los ist: Jeder fordert eine Milliarde mehr als der andere. Als ob das ganze Geschick der Menschheit nur noch am Autobau hängen würde. Das sind Fehlentwicklungen. Manchmal denke ich, da sind Psychopathen am Werk. Es sind Menschen,die keinen Zugang mehr zur Realität haben. Wenn man sich mal überlegt, wie jemand in wirtschaftlichen Chefetagen hofiert wird  ein Industriekonzern ist ja kein demokratischer Betrieb, das ist ein hierarchischer Betrieb. Und wir haben eine Demokratie, die von diesen hierarchischen Betrieben bestimmt wird. Also ist die Demokratie allein dadurch schon amWackeln. Die einzige Möglichkeit wirklich die Demokratie ernst zu nehmen, ist zu informieren, und da bin ich leider enttäuscht von einer Presse, die in erster Linie wirtschaftlichen Interessen Raum gibt. Das geht los mit Anzeigenkunden, die kündigen können,wenn ein nicht genehmer Artikel erscheint. Bei der jetzigen Sicherheitskonferenz wurden die ganzen Proteste dagegen totgeschwiegen. Selbst die dreitägige Friedenkonferenz im Rathaus als Gegenprogramm zur Nato-Sicherheitskonferenz mit Jakob von Uexküll wurde gar nicht erwähnt! Und wenn, dann wird sie mit einem flapsigen Artikel im Lokalteil der Zeitung als Gutmenschenveranstaltung niedergemacht.

Noch vor zehn Jahren gab es Riesenartikel über unsere Gegenbewegungen. Das ist vorbei  da ist System dahinter! Totschweigen! Nun brauchen wir natürlich andere Medien und da haben wir die Chance mit dem Internet. Das ist schon ganz spannend, was da passiert. Es gibt viele Möglichkeiten, sich im Internet zu vernetzen und zu informieren. Ich beziehe meine besten Informationenmittlerweile über mir bekannte Internetseiten.Wobei man natürlich auch vorsichtig seinmuss,weil im Internet natürlich auch radikaler Unsinn stehen kann (lacht).

Was hältst du von der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens?

Ich bin am Zweifeln. Prinzipiell gefällt mir die Idee wahnsinnig gut, weil ich der Meinung bin, eine Gesellschaft muss es aushalten können,wenn es in ihr Menschen gibt, die derMeinung sind, sie können mit wenig Geld ohne Arbeiten auskommen. DerGedanke gefällt mir,dass einer für sich beschließen kann: »Das ist eine so reiche Gesellschaft,die kannm ich mittragen.« Ich glaube auch nicht, dass es so viele Menschen gäbe, die das ausnützen würden und sehr viele, die arbeiten wollen. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob es nicht wieder ein Dienst für die Herrschenden wäre.Es gibt genügend Arbeitsplätze, die man schaffen könnte, aber nicht schaffen will, im kulturellen Bereich und im Pflegebereich vor allem. Das würde dann natürlich völlig wegfallen. Ich bin mir nicht sicher, ob es politisch richtig ist; von der Idee her gefällt es mir gut.Und ich habe mich wirtschaftlich viel zu wenig damit beschäftigt, muss ich zugeben.

- das Interview führte Christine Höfig

Konstantin Wecker ist mit Liedern wie »Wenn der Sommer nicht mehr weit ist«, »Willy« und »Genug ist nicht genug« einer der renommiertesten Liedermacher Deutschlands. Von ihm stammen auch Film- und Fernsehmusik, (»Schtonck«, »Kir Royal«), Musicalkompositionen (»Jim Knopf«) und Bücher (»Uferlos«). 1995 wurde er wegen Kokainbesitzes verhaftet und saß zwei Wochen in Untersuchungshaft, wurde dann 2000 in dritter Instanz zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Konstantin Wecker ist seit 1996 mit Annik verheiratet und hat zwei Söhne. In einer Rede bei Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz in München sagte Wecker öffentlich: »Ich rufe die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die demnächst ihren Dienst in Awacs-Flugzeugen tun müssen, dazu auf, diesen Kriegsdienst zu verweigern oder zu desertieren.« Dies brachte ihm eine Strafanzeige wegen Aufforderung zu einer Straftat ein.

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