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Interviews

Interview mit Mathias Tietke über Yoga

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Mathias Tietke
Mathias Tietke

Hindunationalismus und der »rechte« Yoga

Mathias Tietke hat sich als Autor, Journalist und Redakteur im Bereich Yoga einen Namen gemacht, darunter auch mit kontroversen Themen wie dem Hindunationalismus und dem Bezug des Nationalsozialismus zum Yoga. In Siegeln und Kleinplastiken aus der Induskultur fand er Belege, dass der Yoga nicht mit den kriegerischen Einwanderern nach Indien kam, die die Veden mitbrachten und in Indien das Kastensystem einführten, sondern aus der dortigen präarischen Kultur stammt, die friedlicher und weiblicher war

Mathias, wie bist du zum Yoga gekommen?

Die ersten Begegnungen waren rein visueller Art. Ich wuchs in der DDR auf, und da gabe es in meiner Kindheit einen Nachbarn, der mit seinen siebzig Jahren, meist nur mit einer kurzen Hose bekleidet, in seinem Garten den Kopfstand einnahm oder im Lotussitz dasaß. Ein paar Jahre später brachte der bulgarische Schulfreund meines Bruders ein Yogaübungsbuch aus seiner Heimat mit zu uns, in dem viele schwierige Haltungen zu sehen waren. Vor Nachahmung wurde gewarnt, weil es einen kundigen Lehrer braucht. Auch die Atemübungen sollte man nicht selbstständig in Angriff nehmen. Sowohl der alte Gartennachbar mit seiner stillen Übungspraxis als auch dieses Yogaübungsbuch aus den 60er Jahren haben mich beeindruckt und mein Interesse geweckt.

Mitte der 80er Jahre bekam ich ein Yoga-Sonderheft der Zeitschrift «Deine Gesundheit« in die Hände, die einzige Publikation, die es in der DDR zum Yoga gab. Praktische Erfahrungen ergaben sich zugleich aus der Notwendigkeit, etwas gegen häufigen Kopfschmerz und regelmäßige Migräne zu tun. Die Wahl fiel zunächst auf Autogenes Training, das sich ja vom Yoga ableitet, und später spendierte mir die Krankenkasse zwei Yogakurse mit je zehn Unterrichtseinheiten.

Zum dritten, entscheidenden Schritt gehörten mehrere Indienreisen und meine Entscheidung für eine vierjährige Yogalehrerausbildung, wobei es mir primär gar nicht um die Befähigung zum Unterrichten ging, sondern darum, die verschiedenen Stile und die Philosophie des Yoga näher kennen zu lernen.

Warum gerade Yoga und nicht zum Beispiel buddhistische Meditation?

Yoga hat unendlich viele Facetten. Du findest im Yoga rein körperorientierte Ansätze, subtile Atemtechniken, Klangerfahrung durch OM-Tönen oder Chanten, und mit allem verknüpft gibt es philosophische Konzepte und psychologische Analysen. Diese unterschiedlichen Möglichkeiten der Betätigung und Selbsterfahrung können selbst zur Meditation werden, oder sie dienen der Vorbereitung der klassischen Meditation in einer aufrechten Sitzhaltung.
Mir erschienen diese Variabilität und der ganzheitliche Ansatz des Yoga, zu dem Körperübungen und Klangerfahrungen gehören, von Anfang stimmig und sinnvoll. Deshalb habe ich mich innerhalb des Yogagefüges bewegt und dazu keine Ergänzungen gesucht oder gebraucht. Ausschließlich zu sitzen und mich auf »Meditation« zu fokussieren, das war und ist mir auf Dauer zu monoton.

Mit welchen Aspekten des Yoga befasst du dich besonders?

Nach der ausgedehnten Phase des Kennenlernens und der Begeisterung für nahezu alles, was mit Yoga und Indien zu tun hatte, begann ich zu differenzieren und manches auch zu kritisieren. Nicht alles im Kontext des Yoga ist gut, es gibt Licht- und es gibt Schattenseiten. Mir ist es mittlerweile wichtig geworden, beides wahrzunehmen. Gerade weil das Harmoniebedürfnis in der Yogaszene groß ist und auf Indien oft Sehnsüchte und Wunschträume projiziert werden, ist es notwendig, auch Missstände zu benennen und Kritikfähigkeit zu kultivieren. Im Yoga-Sutra, einem klassischen Grundlagentext des Yoga, der vor zirka 2000 Jahren schriftlich fixiert wurde und Patanjali zugeschrieben wird, gibt es dazu eine passende Aussage. In Sanskrit lautet sie: Pratyaksha anumana agamah pranamani. Übersetzt bedeute das: Aus direkter Wahrnehmung logische Schlussfolgerungen ziehen, vertrauenswürdige Schriften oder Autoritäten hinzu ziehen und die richtige Erkenntnis gewinnen. Dies habe ich mir zu eigen gemacht: Genau hinschauen, das Wahrgenommene überprüfen und dessen Bedeutung erfassen, Position beziehen und sich gegebenenfalls zum Thema äußern.

Dies kommt ja zum Beispiel in deinem Buch »Der Stammbaum des Yoga« zum Ausdruck. Dort hast du dreißig Yogakoryphäen des 20. Jahrhunderts porträtiert und dabei auch über die Heuchelei und den sexuellen Missbrauch von einigen Yoga-»Größen« berichtet. Hast du vor, dich noch einmal so explizit mit problematischen Aspekten in der Yoga-Szene zu befassen?

Derzeit arbeite ich an einem Überblick über befremdliche Erscheinungen und Fehlentwicklungen innerhalb der Yogaszene. Dazu gehört auch das Übermaß an Kommerzialisierung. Dann die sogenannten Yoga-Competitions, bei denen bewertet wird, wer den Spagat im Stehen am besten vorführen kann, sowie neohinduistische Rituale, die als der wahre Yoga angepriesen werden oder therapeutische Heilsversprechen in Ratgebern, die keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten und deren behauptete Wirkungen längst widerlegt sind. Gerade weil Yoga ausgesprochen wohltuend sein kann und anregt, Lebensweisheit zu kultivieren, ist es mir wichtig, dabei die Spreu vom Weizen zu trennen und zu unterscheiden zwischen sinnlosen Effekten und sinnvoller Praxis und Essenz. Nachdem der Bielefelder Aurum-Verlag ein halbes Jahr nach einer verbindlichen Zusage wieder einen Rückzieher gemacht hat, bin ich froh, das der Hamburger Phänomen-Verlag nun dieses Buch über die Yogaszene zwischen Anspruch und Wirklichkeit herausbringen wird.

Mathias Tietke
Impression vom 4. Yoga-Festival Berlin

Du hast dich in den letzten Jahren ausführlich mit der alten Hochkultur im Industal beschäftigt. In deinem Buch »Der Stammbaum des Yoga« berichtest du von erstaunlichen Entdeckungen…

Die Induskultur, die nach einer der größten Städte dieses Reiches auch Harappakultur genannt wird, gehört zu den frühen Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Sie ist hier weniger bekannt als jene des alten Ägyptens oder Mesopotamiens, aber keineswegs geringer in ihrer Bedeutung. In der geographischen Ausdehnung ist sie sogar größer als die beiden anderen Reiche zusammen.
Dass es in dieser Induskultur auf Steinsiegeln bildnerische Darstellungen einer höchst schwierigen Yogahaltung gab, ist seit etlichen Jahren bekannt. Womit sich jedoch bislang niemand befasst hat, sind die unterschiedlichen Motive bzw. Haltungen und die Vielzahl der Siegel und Kleinplastiken mit Yogamotiven. Alles weist darauf hin, dass der Yoga seinen Ursprung in der Harappa-Kultur hat und nicht in den Veden.
Zudem stammen viele Symbole, die man heute als »hinduistisch« identifiziert, nicht aus der vedischen, sondern aus der prävedischen Industal-Kultur.

Was für Symbole meinst du?

Das Spektrum reicht vom »heilbringenden« Sonnenrad, der Swastika, bis zum symbolischen Phallus, dem Shiva-Lingam. Schlangen spielen auf den Siegeln eine wichtige Rolle. Ein Proto-Shiva ist dort zu erkennen, auch als Herr der Tiere (Pashupati) und vieles mehr.
Die Widersprüche, mit denen man in Indien oder bei der Lektüre entsprechender Literatur konfrontiert wird, haben unter anderem damit zu tun, dass das, was man stark vereinfachend als Hinduismus bezeichnet, auf zwei konträren Kulturen gründet: Zum einen auf der sesshaften und friedvollen Induskultur mit einer äußerst komplexen Stadtarchitektur sowie einer Wertschätzung der Frauen und der Fruchtbarkeit, die sich in zahlreichen Siegeln und Kleinplastiken zeigt. Zum anderen auf der Kultur der einwandernden kriegerischen Reiternomaden, deren Weltbild sich in den Veden manifestierte, wo es – grob zusammengefasst – vor allem um Hierarchie und Gewaltherrschaft, um Götter, Opfer und Rituale geht. Eine derartige Deutung der Geschichte versuchen die Hindunationalisten natürlich mit allen Mitteln zu unterbinden…

Kannst du uns bitte mehr darüber sagen?

Einige einflussreiche hinduistische Religionsführer und religiöse Eiferer kämpfen rigoros und mit allen Mitteln um die Sicherung der traditionellen Machtverhältnisse. Sie nutzen die stark ausgeprägte Religiosität der Bevölkerung aus und manipulieren die Massen. Alles, was die vermittelten Glaubensinhalte stört oder Dogmen und Mythen hinterfragt, ist da unerwünscht. In Bezug auf die Frühgeschichte Indiens bedeutet dies, dass die Hindunationalisten und deren militante Dachorganisation RSS (Reichsfreiwilligenkorps) behaupten, die Hindus wären nicht als Eroberer eingewandert, sondern schon immer auf indischem Boden beheimatet gewesen. Wer als Publizist oder Wissenschaftler aus guten Gründen eine andere Position vertritt, wird als Feind bekämpft und terrorisiert. So wird z. B. die international renommierte Historikerin Romila Thapar seit Jahren attackiert, bedroht und diffamiert.

Siehst du Parallelen zu der Art, in welcher Yoga und bestimmte esoterische Richtungen im Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus rezipiert wurden?

Es gibt Parallelen dahingehend, dass der religiöse Yoga und die Bhagavad Gita sowohl von deutschen Nationalsozialisten als auch von indischen sowie von US-amerikanischen Hindunationalisten für ihre Ideologie und entsprechende Propaganda instrumentalisiert wurden und benutzt werden. Was beide politischen Systeme gemeinsam haben, ist die Überzeugung, anderen überlegen zu sein. Nicht von ungefähr spielte bzw. spielt in beiden Systemen der Begriff Arier oder arya ein wichtige Rolle. Aber es gibt trotz der Pogrome – wie etwa der im indischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2001 mit über 2000 massakrierten Moslems und fremdenfeindlicher Volksverhetzung – auch gravierende Unterschiede zwischen einer fundamentalistischen Strömung auf dem indischen Subkontinent und dem deutschen Terrorregime zwischen 1933 und 1945. Der gesamte Themenkomplex wird Gegenstand meines nächsten Buches »Yoga im Nationalsozialismus« sein, das im Herbst 2010 im Kieler Ludwig-Verlag erscheinen wird.

Gab es denn so etwas wie Yogaliteratur und Yogakurse zur Nazi-Zeit?

Es gab die Zeitschrift »Weiße Fahne« des Pfullinger Baum-Verlages, in der regelmäßig Beiträge über Yoga veröffentlicht wurden, wie auch in den Broschüren der Talisman-Bücherei. Aber es wurden auch in anderen Verlagen Bücher über Yoga verlegt. Teils waren sie angepasst an die nationalsozialistische Ideologie, dann war etwa vom »arischen Yoga« die Rede. Teils waren es Yogafachbücher oder Ratgeber ohne eine Spur von nationalsozialistischem Einfluss. Es gab zu jener Zeit auch deutschsprachige Ausgaben der Bhagavad Gita, die für die Inder ein heiliges Buch ist und zugleich ein Quellentext des religiösen Yoga. Nach Aussagen des Massage-Therapeuten Felix Kersten schätzte Heinrich Himmler die Bhagavad Gita sehr; er las ihm Passagen daraus vor und trug die Bhagavad Gita in den Kriegsjahren stets bei sich, einzelne Passagen daraus dienten ihm und der SS als Inspirationsquelle.
An praktischen Yogakursen mit der Vermittlung von Asanas und Prananyama ist mir bislang nur der des Exilrussen Boris Sacharow bekannt, der in seiner Berliner Wohnung von 1937 bis 1945 Yoga unterrichtete und zudem innerhalb Deutschlands Lehrbriefe verschickte. Diese »Lehrbriefe nach indischem Muster« wurden nach dem Krieg im Verlag von Heinrich Schwab veröffentlicht, der, wie Boris Sacharow, ein Schüler von Swami Sivananda war.

Wie nimmt die Yogaszene deine kritische Grundhaltung auf?

Einerseits reagieren jene, die Kontroversen und kritische Kommentare schätzen und dies als Qualität ansehen, mit Zustimmung. Viele reagieren gar nicht, weil sie sich entweder bestätigt sehen oder weil sie Auseinandersetzungen und Debatten lieber aus dem Weg gehen. Und dann gibt es jene anderen, deren Weltbild oder Fixierung auf ein Konzept, einen Gott oder einen Guru in Frage gestellt wird und die dann unsachlich oder beleidigend reagieren.
Dass dies so ist, überrascht nicht, denn natürlich ist es schmerzhaft, wenn jemand unliebsame Nachrichten überbringt oder etwas in Frage stellt, was als »heiliges Wissen«, als »höchste Wirklichkeit« oder »Gurujis unermessliche Weisheit« gilt.
Mein Standpunkt ist: Wenn jemand authentisch und kompetent ist, verträgt sie oder er auch kritische Fragen oder Kommentare, denn diese gehören zum Lernprozess und zum menschlichen Dasein und Wachstum. In diesem Punkt können viele Swamis, Sadhus und Yogalehrer Indiens, die so gerne und anekdotenreich die Menschen des Westens belehren, auch etwas vom Westen lernen, nämlich gleichberechtigte Gesprächskultur, Transparenz und Kritikfähigkeit.

- das Interview führte Annelie Tacke

Mathias Tietke, geb. 1958 in Wittenberg, ist Redakteur der Fachzeitschrift Deutsches Yoga-Forum, sowie Autor und freier Journalist mit den Schwerpunkten Yoga, Indien und Filmkritik. 1995-1998 Ausbildung zum Yogalehrer BDY/EYU. Mehrfach bereiste er Nord- und Südindien. Im Theseus Verlag ist von ihm 2007 das Buch »Stammbaum des Yoga – 5000 Jahre Yoga. Tradition und Moderne«, erschienen, 2008 »Yoga in seiner Vielfalt. Interviews mit Lehrenden«.

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