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Interviews

Interview mit André Stern über das Lernen

Details

Anubuddha und Anasha
André Stern: »Das Lernen hört nie auf.
Ein lebendiges, frei erworbenes Wissen
erlischt oder erstarrt nicht.
Ich habe nichts von dem vergessen,
was ich so energisch erlernt habe.«

Ein Leben lang schulfrei

Der Mann, der dies sagt, ging nie zur Schule. Schreiben kann er trotzdem, wie sein kürzlich erschienenes Buch beweist. Die dritte Auflage ist nach einem halben Jahr schon im Druck. Der Titel ist einfach und magnetisch: »&.und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes«. Sorgen braucht man sich um ihn keine zu machen. Der gebürtige Franzose André Stern (38) beherrscht fünf Sprachen, ist erfolgreicher Musiker, Instrumentenbauer und Co-Direktor eines Theaterensembles in Paris. André Sterns Talk-Show beginnt mit einer zehnminütigen Lesung aus seinem Buch. Dann steht er dem Publikum fast zwei Stunden für Fragen zur Verfügung. Andrea Semper war in Wien dabei und hat Fragen der Besucher aufgenommen. Am nächsten Tag hatte sie noch das Vergnügen, ein Interview mit diesem inspirierenden Menschen zu führen.

Wie ist es dazu gekommen, dass du nie in die Schule gegangen bist?

Meine Eltern sind beide mit Kindern tätig und das schon seit immer. Sie haben dabei die Überzeugung gewonnen, dass Kinder keinerlei Impulse von außen bedürfen. Sie haben durch ihre Arbeit festgestellt, dass Kinder keine Schule brauchen. Demzufolge war es für sie auch ganz selbstverständlich und natürlich, dass ihre Kinder nicht in die Schule gehen.

Wie haben deine Eltern das gemacht? Wie haben sie das mit ihrem Alltagsleben vereinbart? Wie haben sie es finanziell geschafft?

Als ich auf die Welt kam, wussten meine Eltern, dass sie nicht mehr dasselbe Leben führen wollten, wie vorher. Das war der wichtige Punkt für sie. Meine Mama war Grundschullehrerin. Für sie war dieser Beruf viel weniger wichtig, als die Kindheit ihrer Kinder zu beobachten. Diese wollte sie auf gar keinen Fall verpassen. Also hat sie viel lieber  sich zuliebe, nicht uns zuliebe  ihren Beruf aufgegeben, um dabei zu sein.

Meine Eltern haben mich aber nicht anstelle der Lehrer unterrichtet und haben sich dementsprechend auch nicht vorbereitet. Viele Eltern denken, wenn sie ihr Kind nicht zur Schule schicken, müssten sie sich entsprechend vorbereiten und eine Palette an Angeboten schaffen. Das wäre aber eine Einschränkung! Lasst das Kind die Welt auf seine eigene Weise, nach eigenem Rhythmus entdecken und wohnt dem bei. Meine Eltern haben sich nicht vorbereitet, Fragen zu beantworten. Erstens war klar, dass ich Fragen stellen würde, auf die sie nicht vorbereitet sind, egal wie gut sie vorbereitet sind. Und zweitens hätte ich gerade die Fragen nicht gestellt, auf die sie sich vorbereitet hätten.

Wir haben sehr bescheiden gelebt. Es gibt Dinge, die uns wichtig waren, worauf wir nicht verzichtet haben. Bücher, Werkzeuge, Musikplatten. Wir hatten kein gutes Auto. Wir haben keinen teueren Urlaub gebraucht, weil wir nicht müde waren. Weil der Alltag nicht ermüdend war. Der Alltag machte vielleicht am Ende des Tages müde, aber nicht erschöpft. Also haben wir keine Erholung gebraucht. Unsere Eltern haben am Wochenende nicht teure Ausflüge finanzieren müssen, um Zeit mit uns zu verbringen. Wir waren ja die ganze Zeit zusammen. Wir haben nicht die modischste Kleidung kaufen müssen. Wir haben auf all diese Dinge verzichtet und es ist erstaunlich, wie bescheiden und erfüllt man so leben kann. Ja, wir haben schlimme Engpässe erlebt, aber wir waren zusammen, das war uns wichtig. Und ich finde, wir sind ja nicht abhängig von all diesen Dingen, die als so unentbehrlich betrachtet werden und die einen dazu führen, arbeiten zu müssen, um sie überhaupt zu finanzieren.

Abtei Münsterschwarzach
Gitarrenbauer

Wann hast du begonnen, für dich etwas zu lernen, was dich interessiert hat? Und wurdest du jemals geprüft?

Ich bin sicher, ein Kind fängt an zu lernen, bevor es überhaupt auf die Welt kommt. Und das hat sich einfach fortgesetzt. Ich wurde nie gestört in dieser total natürlichen und selbstverständlichen Entwicklung. Das bedeutet also, dass ich nie auf eine Prüfung hin gelernt habe. Ich wurde nie geprüft und meine Eltern hätten das sowieso nie zugelassen. Darum habe ich immer gelernt, habe nie aufgehört zu lernen, lerne heute täglich immer noch. Das tun aber alle. Bei mir ist vielleicht der Unterschied, dass spielen und lernen synonym sind und auch bleiben durften.

Wenn man auf die Uni gehen will, braucht man doch Matura. Ist das nicht ein Problem für dich? Und was bist du von Beruf?

Ich kann mich jederzeit dazu entscheiden, offizielle Prüfungen zu bestehen. Angenommen ich will den akademischen Weg gehen, dann kann ich das heute machen. Aber ich brauche das nicht. Ich übe die Berufe aus, von denen ich immer schon geträumt habe und brauche dazu keinen Abschluss. Immer wieder habe ich in meinem beruflichen Leben festgestellt, dass berufliche Kompetenz viel mehr Gewicht hat als Qualifikation. Bis jetzt habe ich gar keine Qualifikation gebraucht. Wenn ich eine wünsche oder brauche, dann kann ich immer noch die entsprechenden Prüfungen bestehen. Ich würde mich, als erwachsener Mensch der ich jetzt bin, bewusst dazu entscheiden und auch das ganze Programm in Kauf nehmen, das dazu gehört.

Ich wollte Musiker werden. Ich wollte Instrumentenbauer werden. Immer wollte ich schreiben, Artikel schreiben. Journalismus und Zeitschriften sind für mich schon immer wichtig. Ich wollte immer Bücher schreiben. Heute tue ich all das.

Wenn man sich für einen Job vorstellt, muss man doch Zeugnisse vorlegen, Qualifikationen nachweisen.

Ich habe mich noch nie beworben.

Ich wurde noch nie nach Zeugnissen gefragt. Bis jetzt ist das noch nie vorgekommen. Und, das mag jetzt vielleicht eitel klingen, ich habe mich noch nie beworben. Für eine Musikzeitschrift habe ich z. B. als Chefredakteur gearbeitet. Ich bekam diesen Job, nicht weil ich qualifiziert war, auch nicht weil ich einen bestimmten Abschluss vorweisen konnte. Der Direktor dieses Magazins suchte jemanden, der die Materie wirklich gut kennt, der Experte auf diesem Gebiet ist und der auch gut schreiben kann. Und zufällig hat sich herausgestellt, dass ich schreiben kann und dass ich mich sehr gut auskenne in der Materie. Ich wurde also aufgrund meiner Kompetenz und nicht aufgrund irgendeiner Qualifikation angestellt.

Wie hast du soziale Kompetenz gelernt, wenn du nie mit anderen Kindern in der Schule warst?

Ich habe in ständigem Kontakt gelebt mit Größeren und Jüngeren, mit ganz alten Menschen und ganz jungen Menschen. Das war so kosmopolitisch, so bunt, das war so reich! Das war sozial real. Ich wurde nicht auf die Gesellschaft vorbereitet. Ich lebte in der Gesellschaft.

Unser Sohn ist am liebsten mit gleich alten Kindern zusammen. Hat dir der Kontakt zu anderen gleich alten Kindern nicht gefehlt?

Dass man ohne Schule asozial wird, Analphabet, keinen Job bekommt, keine Freunde hat, keine soziale Kompetenz hat. Das stimmt nicht. Ich bin der Beweis dafür, dass das nicht stimmt.

Der Kontakt zu nur gleich alten Kindern hat mir nicht gefehlt. Dazu hatte ich ja genügend andere Kontakte. Aber ich kann ja nur berichten, was ich erlebt habe. Ich hatte dieses bunte, verschiedenartige Umfeld. Das war meine Kindheit. Was bei anderen Kindern passiert und was Konditionierung oder Natürlichkeit ist, weiß ich nicht und kümmert mich auch wenig. Und ich finde es gut, dass es Kinder gibt, die nur mit gleich alten Kindern Umgang haben möchten, die gerne in die Schule gehen und dass es die Schule gibt  für diese Kinder.

Ich finde es auch gut, dass es die Möglichkeit gibt, seine Kinder nicht in die Schule zu schicken. Was ich aber nicht gut finde ist, dass man überall öffentlich erzählt, dass es ohne Schule nicht geht. Dass man ohne Schule asozial wird, Analphabet, keinen Job bekommt, keine Freunde hat, keine soziale Kompetenz hat. Das stimmt nicht. Ich bin der Beweis dafür, dass das nicht stimmt.

Wie lernt ein Kind lesen und schreiben, die Basics eben, wenn es nicht zur Schule geht? Welche Methoden haben deine Eltern angewandt? Wie haben sie unterstützt oder es gesteuert?

Aber warum tut man es allen Kindern an, mit A und B anzufangen, wo sie doch mit irgendeinem anderen der 26 Buchstaben anfangen könnten?

Gar nicht. Also gesteuert haben es meine Eltern gar nicht. Als ich drei Jahre alt war, habe ich ein Buch aufgeschlagen und meinen Eltern gesagt: »Oh, da drin sind Eier und Eierbecher.« Ich zeigte auf die Buchstaben C und O. Für mich waren das Eier und Eierbecher. Man sagte mir, das seien Buchstaben. Dann bemerkte ich auch, dass es Eier gab ohne Eierbecher und Eierbecher ohne Eier. So wurde ich auf Buchstaben sehr aufmerksam. Und dann wollte ich alle kennen. Ich wollte wissen, wie sie heißen und wissen, wie sie klingen. Mit drei Jahren konnte ich entziffern. Das war ein lustiges Spiel für mich. Ich konnte w  ä  h  r  e  n  d entziffern. Ich wurde fünf, ich wurde sechs, ich wurde sieben Jahre und konnte immer nur noch entziffern. Die meisten Eltern hätten sich da riesige Sorgen gemacht, hätten das pathologisiert und sich gedacht: »Wann lernt der Junge endlich das Lesen?« Sie hätten aus mir irgendeine Ausnahme gemacht und gemeint, der Junge sei krank und bedarf einer Sonderbehandlung oder muss in einen Nachhhilfe-Kurs gehen. Irgendetwas, das heute gängige Praxis ist, wenn ein Kind mit sieben Jahren noch nicht lesen kann.

Meine Eltern waren da voller Vertrauen. Sie wollten nicht einen Prozess zertreten, der nicht sichtbar war, aber von dem sie überzeugt waren, dass er stattfindet. Mit acht Jahren, ganz plötzlich, habe ich ein Buch aufgeschlagen und flüssig vorgelesen. Das heißt, der Prozess hat stattgefunden. Da einzugreifen wäre ein schwerwiegender, schlimmer Eingriff gewesen. Sie haben einfach so viel Vertrauen gehabt, dass sie gewusst haben: Irgendwann wird André lesen.

Es wurde also keine Methode angewandt. Wahrscheinlich würde es euch auch total absurd erscheinen, eine Methode nach meinem Vorbild zu entwickeln, die mit Eierbechern und Eiern anfängt und mit den Buchstaben C und O. Das zu verallgemeinern wäre doch völlig absurd. Das hat ja nur für mich Gültigkeit, weil ich als Kind wahrscheinlich Eier und Eierbecher so gerne hatte. Also würde euch nie einfallen, eine Methode zu vereinheitlichen, die mit C und O anfängt. Nicht wahr? Könnt ihr mir aber sagen, warum es eine gibt, die mit A und B anfängt? Ja, es gibt die alphabetische Ordnung. Aber warum tut man es allen Kindern an, mit A und B anzufangen, wo sie doch mit irgendeinem anderen der 26 Buchstaben anfangen könnten?

Was, wenn du mit acht oder neun Jahren noch nicht hättest lesen können? Hätten deine Eltern dann eingegriffen oder sich Sorgen gemacht?

Dieses Vertrauen war bedingungslos. Diese Überzeugung war bei ihnen grenzenlos, so wie sie bei mir ist. Aber es hätte ja sein können, dass ich nie lesen kann. Und man betrachtet es heute in Bezug auf die geltenden Maßstäbe als schlimm, wenn jemand nicht lesen kann. Aber wenn ich ein erfüllter Mensch wäre, der seine Traumberufe ausübt und kein Lesen und Schreiben braucht, sehe ich nicht, was da so schlimm wäre. Meine Eltern haben sich all diese Fragen gar nicht gestellt.

Welche Musikinstrumente spielst du?

Ich bin Gitarrist. Aber ich bin auch Gitarrenbauer. Das ermöglicht mir, eigene Welten zu erforschen. Seit einigen Monaten z. B. spiele ich eine zehnsaitige Gitarre, weil ich sie mir selbst bauen konnte. Auch habe ich eine neue Musikrichtung entdeckt. Sie heißt electroclassic®. Die Gitarre ist mein Leben. Ohne meine Gitarre gäbe es mich gar nicht.

Wie hast du Gitarre spielen gelernt?

Abtei Münsterschwarzach
Mit 4 bekam er eine Gitarre geschenkt

Ein Freund meines Vaters gab Gitarreunterricht. Mit drei Jahren schon habe ich ihn gehört. Mit vier haben mir meine Eltern eine Gitarre geschenkt, weil ich dieses Instrument gern hatte. Dieser alte Flamenco-Gitarrist hat mir das Gitarrespielen auf die alte, spanische Flamenco-Tradition beigebracht. Als er starb, habe ich nicht mehr gespielt.

Später habe ich die Musik entdeckt und eine Leidenschaft für Musik entwickelt. Ich habe dann den ganzen Dvorák angehört. Ein Jahr lang. Nur Dvorák. Alle Werke, alle Interpretationen, alle Versionen. In dieser Zeit habe ich auch alle Biografien über Dvorák gelesen, die mir in die Hände gefallen sind. Es gibt eine Verknüpfung, die für mich ganz klar ist, zwischen Dvorák und Brahms. So habe ich auch Brahms kennen gelernt und den ganzen Brahms angehört und alle Biografien gelesen. Dann war für mich Schubert angesagt. Er hat unzählige Lieder komponiert. Ich habe mir trotzdem alles angehört und alle Biografien gelesen. Und dann Beethoven usw. Niemand hat sich daran gestört, niemand hat mir gesagt: »Du, jetzt hast du heute schon vier Stunden Dvorák gehört. Jetzt wird es Zeit, dass du etwas anderes anfängst.« Die Zeit war gegeben. Ich habe die Musik entdeckt. Ich badete in Musik. Ich war durchtränkt, durchknetet. Ich bestand eigentlich nur noch aus Musik. Das sind so intensive Erinnerungen. Das waren so unglaubliche Zeiten. Diese innere Konzentriertheit, diese Gefühle!

Meine Fähigkeiten mit einer Gitarre in der Hand entsprachen überhaupt nicht dem Standard, den ich entwickelt hatte, indem ich so viel Musik gehört hatte. Ich war sehr unzufrieden als Musiker. Und eines Tages habe ich im Radio ein Stück von einem Flamenco-Gitarristen gehört, das mich sehr faszinierte. Ich versuchte, ihn nachzuspielen. Das ging nicht. Da hat mein Papa aber diese Platte gefunden. Dieses Stück war drauf und auch eine Abbildung von dem Gitarristen. Er hielt die Gitarre vollkommen anders, als ich bis dahin. Ich habe das dann mit seiner Haltung probiert und es ging plötzlich. So habe ich das Stück irgendwie nachgespielt und dann hatte ich Lust, die anderen Stücke zu spielen. Ab dem Moment habe ich mir alles angehört. Klassische Gitarre, Flamenco Gitarre und habe versucht, danach zu spielen. Ich habe beobachtet, wer wie spielt, welche Unterschiede es gibt. Ab dem Moment, wo man sich für etwas interessiert, ist es, als ob das ganze Universum zusammen arbeiten würde, um die Antworten zu liefern: im Film, im Kino, auf Plakaten, im Fernsehen, auf Werbungen, in Zeitschriften, in irgendeinem Buch findest du immer irgendetwas, das dein Interesse füttert und stillt. Und so war es mit der Musik. Das hat sich so entwickelt und so bin ich zum sehr erfüllten Gitarristen geworden. Das war ein langer Weg.

Haben deine Großeltern das Vertrauen, das deine Eltern in diesen Weg hatten, mitgetragen?

Nicht direkt. Aber sie haben es völlig respektiert und das ist wichtig. Sie sahen ja, wir waren glückliche Kinder, wir waren erfüllt und wussten Dinge, wir hatten Dinge gelernt.

Weil ich in Sachen Technik sehr interessiert war, fragte mich mein Großvater eines Tages, ob er mir erzählen soll, wie ein Motor funktioniert. Er hat mir viel beigebracht, was die Technik betrifft. Da haben wir so eine Stunde zusammen verbracht. Er hat mir Dinge erklärt, einige wusste ich, einige andere nicht. Nach dieser Stunde ist er zu meinem Papa gegangen und hat gesagt: »Es ist unglaublich, wie intelligent der Junge ist. Es ist unglaublich, wie viel er schon weiß und wie schnell er lernt. Es ist wirklich unglaublich. Wie schade, dass er nicht zur Schule geht. Aus ihm hätte etwas werden können.«

Würdest du dein Kind ohne Schule aber doch mit Computer erziehen? Manche Kinder sind ja schon richtiggehend Computersüchtig.

Es wird bei uns Computer geben, weil meine Frau und ich mit Computern arbeiten und leben. Das wird ein natürlicher Bestandteil des Lebens unserer Kinder werden. Also werden unsere Kinder Zugang zu Computern haben. Ich werde aber nie sagen: »Es gibt bei mir keinen Computer, weil&« Ich glaube auch nicht, dass ein freies Kind süchtig wird.

Hast du ferngesehen? Es gibt ja auch Fernsehsüchtige Kinder. Was sagst du dazu?

Nein, wir hatten keinen Fernseher. Meine Großeltern hatten einen, aber wir hatten eigentlich keine Zeit fürs Fernsehen.

Ich kenne einen Jungen, der auch nicht zur Schule ging, der saß nur den ganzen Tag vor der Glotze und hat ferngesehen. Und da könnten eigentlich manchen Eltern die Haare zu Berge stehen. Sie könnten sagen: »Das ist nicht gut, das ist nicht gesund, nicht normal. Ich mache mir Sorgen. Das Kind ist faul. Jetzt gibt es einfach Fernseh-Verbot.« Haben seine Eltern nicht gemacht. Sie haben gewusst, ein freies Kind macht auch Dinge, die man nicht unterbrechen darf. Wieder so ein unsichtbarer Prozess. Was hat der Junge nämlich gemacht? Er hat noch Schlimmeres getan, als ferngesehen. Er hat sich Soaps angesehen. Der Junge lernte dabei den Beruf, den er ausüben wollte: Soap-Schreiber. Wäre er dabei gestört worden, hätte man ihn daran gehindert, seinen Beruf, den er ausüben wollte, zu erlernen. Also aufgepasst! Was wir als schädlich beobachten oder vielleicht als Sucht bezeichnen, kann ein sehr wichtiger Teil eines Lernprozesses sein. Bei einem freien Kind gilt das, glaube ich, zu respektieren. Dies nur als Beispiel. Ich sage nicht, Computer sind gut, Fernsehen ist gut oder Computer und Fernsehen sind schlecht. Überhaupt nicht. Lasst uns Freiheit haben!

In einem Haus, wo die Eltern mit Computern beschäftigt sind, bedeutet es noch lange nicht, dass die Kinder sich dafür interessieren. In einem Haus, in dem keine Musiker leben, entsteht trotzdem ein Musiker. In einem Haus, in dem ganz viele Musiker leben, gibt es Kinder, die keine Musik spielen. Also ich glaube, wenn man respektiert und wahrgenommen wird, übernimmt man auf gar keinen Fall, die Bildung der Eltern. Man konstruiert sich eine eigene Bildung und die hat mit der Bildung der Eltern eigentlich gar nichts zu tun.

Entstehen durch dieses freie Lernen nicht Lücken, die ein Nachteil für dich sind?

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich entdecke, dass es Dinge gibt, die man gerade dann lernen kann, wenn man sie entdeckt.

Ja, ich habe Lücken, wie alle welche haben. Das, was man will, das kann man gewiss. Der Weg ist nicht verschlossen. Müssen wir im Namen von diesem »es könnte sein« alle Kinder aufopfern? Ich fürchte mich nicht vor Lücken. Ich wurde auch schon gefragt: »Ehrlich gesagt, Herr Stern, gibt es nicht ein paar Defizite?« Ja, natürlich gibt es welche. Aber ich schäme mich nicht dafür. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich entdecke, dass es Dinge gibt, die man gerade dann lernen kann, wenn man sie entdeckt. Lücken sind offene Räume für neue Kenntnisse. Ganz viele Dinge werde ich nicht wissen, aber ich brauche sie auch nicht. Wenn ich sie brauche, dann lerne ich sie. Wenn ich sie wissen will, dann steht mir nichts im Weg. Manchmal dauert es lange, aber wenn man Vertrauen hat, dann kommt man dazu.

Wie war das mit deinen Freunden? Sie haben dir von der Schule erzählt. Bist du da nicht neugierig geworden?

Was ich beobachtet habe, war nicht appetitlich für mich. Ich habe beobachtet, dass die Kinder keine Zeit hatten, dass sie sich in ihren Tätigkeiten ständig unterbrechen mussten, da sie unter Druck waren. Sie konnten nie mit mir spielen, weil sie entweder in die Schule gehen oder Hausaufgaben erledigen mussten. Das war nicht sehr anziehend. Ich habe den Wunsch gar nie verspürt, in die Schule zu gehen, um zu sehen, wie es dort ist. Ich war so erfüllt. Ich war so beschäftigt. Ich hatte gar keine Zeit für die Schule.

Woher kommt die Motivation des Kindes zu lernen, wenn sie sozusagen nicht da ist?

Wenn das Kind laufen, sprechen, Mimiken, lesen, schreiben schon alleine gelernt hat, wird es auch den Rest lernen, was es benötigt.

Aber sie ist da. Schau dir ein ganz kleines Kind an. Das hat so runde, offene Augen und saugt die Welt in sich hinein  mit Neugierde, Appetit und eigentlich sehr unvoreingenommen. So entdecken kleine Kinder die Welt. Sie lernen ihre eigene Muttersprache auf eine Weise, die bei keinem ähnlich ist. Das erste Wort, das zweite Wort, die Lieblingspersonen usw., das sind alles sehr individuelle Dinge. Alle Kinder lernen die eigene Muttersprache von selbst, nach einem eigenen Rhythmus, der noch respektiert wird. Alle Kinder lernen von selbst laufen. Alle Kinder lernen alleine, ohne dass man es ihnen beibringt, die Mimik und Sprache, die es in unserer Gesellschaft gibt. Sie spielen damit. Sie lernen das automatisch. Ganz viele Kinder können lesen und schreiben, bevor sie in die Schule gehen. Viele Eltern haben das beobachtet, ohne es ihnen beigebracht zu haben. Warum haben sie dieses Vertrauen nicht weiterhin gehabt? Wenn das Kind laufen, sprechen, Mimiken, lesen, schreiben schon alleine gelernt hat, wird es auch den Rest lernen, was es benötigt. Das ist dieses Urvertrauen. Wenn das Kind in diesem Elan, in dieser Natürlichkeit nicht gebremst wird, dann ist das einfach Selbstverständlichkeit.

Wie viele Kinder sagen, ich will dies oder jenes werden und die Eltern sagen, ja mache doch erst die Schule fertig und dann kannst du das ja probieren, wenn du immer noch willst. Dann ist oft die Lernenergie, die da bereit gewesen wäre, die da geballt ist, diese Erwartung, dieser Appetit ist irgendwie stumpf geworden. Also gut, das ist jetzt eine Kritik. Das ist ja nicht unbedingt mein Anliegen. Es ist eine Feststellung. Ich stelle fest, dass viele Menschen viele Umwege gehen müssen, bis sie zum Eigenen kommen. Das kenne ich nicht.

Erlebst du von öffentlicher oder privater Seite Angriffe? Müssen sich manche in deiner Gegenwart nicht verteidigen für ihren Weg, dass sie die Schule als notwendig empfinden?

Vor einem Radio-Interview hat mich der Moderator gewarnt, dass eventuell Protestanrufe oder aggressivere Anrufe kommen. Es haben nur Leute angerufen, um ihre Begeisterung mitzuteilen oder zu sagen, dass sie in der Schule gelitten haben. Manche haben gesagt, das System funktioniert so nicht mehr. Also nein, Angriffe habe ich noch nie erlebt. Keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht, weil ich nicht missioniere, weil ich nichts zu verkaufen habe. Ich habe nichts zu verteidigen. Ich sage ja auch nicht, es ist schlecht, was ihr macht und es ist gut, was ich mache. Ich erzähle nur von meinem Leben. Und eventuell gibt euch das die Möglichkeit, für euch selbst Dinge zu entscheiden, eigene Gedanken zu haben, Dinge in Frage zu stellen, die man gewöhnlich nicht in Frage stellt. Das ist, glaube ich, mehr anregend als aufregend.

Was passiert mit den Kindern, die nicht so wunderbare Eltern haben?

Man kann eine ganze Auflistung machen von allen Eltern, allen Situationen und allen Menschen, bei denen das, was ich erlebt habe, nicht möglich ist. Genauso wie all denjenigen, die die Möglichkeit hätten und die es nicht tun, weil sie nicht wissen, dass sie es tun könnten. Wenn wir wollen, dass die Paradigmen dieser Gesellschaft sich verändern, und das wollen wir, weil wir wissen, dass da eine gewisse Grenze erreicht ist, dann müssen wir das unbedingt anfangen lassen, wo das möglich ist. Es gibt viele Eltern, bei denen das möglich wäre. Die neuen Paradigmen können nur dort entstehen. Diese Eltern müssen aber diese Information überhaupt haben. Deshalb gibt es dieses Buch. Deshalb gibt es meine Vortragsabende. Keiner von euch kann ab heute so tun, als ob er davon nicht gehört hätte. Alleine das ist schon der Anfang von etwas Neuem. Was sich daraus entwickelt, weiß keiner von uns. Aber es ist gewiss für alle von uns eine Bereicherung.

- das Interview führte Andrea Semper

André Stern steht jederzeit gerne für Fragen zur Verfügung. Er folgt auch gerne Einladungen zu Vortragsabenden, Interviews und Talk-Shows.

das Buch

  • &. Und ich war nie in der Schule  Geschichte eines glücklichen Kindes
    ZS Verlag Zabert Sandmann GmbH, 2009
    HC, 183 S., 16,95 €

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