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Interviews

Interview mit Roel van Duijn über Liebe und Politik

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Ein Liebesdoktor in der Politik

Vielen Grünen, Ökos und anderen Politaktivisten fehlt das Bewusstsein für die spirituelle Dimension ihrer Arbeit. Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Roel van Duijn ist seit fast einem halben Jahrhundert in den Niederlanden politisch aktiv, und er scheute sich nie, die für ihn wesentlichen Dinge des Lebens nicht nur in sein Privatleben, sondern auch in die politische Debatte einzubringen

Roel, Anfang der sechziger Jahre richteten sich deine ersten politischen Aktionen gegen die zunehmende atomare Bewaffnung, von der damals auch die Niederlande betroffen waren. Was hat dich damals bewegt?

Wir sind in dem Bewusstsein erzogen worden, dass nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Faschismus eine neue Welt aufgebaut werden musste, ohne Krieg und militärische Bedrohung. Als wir die Nachricht hörten, dass auch in den Niederlanden Atombomben stationiert werden sollten, war ich enttäuscht und wütend. Ich sah ein Foto von Bertrand Russell, der in London eine »Sit-Down«-Demo gegen Atombomben abhielt, und dachte: Das müssen wir auch machen! Eine Woche später saßen 40 Schüler morgens in der Hauptverkehrszeit auf dem Asphalt einer stark befahrenen Straßenkreuzung, mit Flugblättern und Bannern gegen die Atombewaffnung: Macht aus der Welt kein Hiroschima!

»Uns wird jeden Tag beigebracht, dass wir aufschauen sollen zur etablierten Macht, zu Königinnen, Milliardären, Militärmachthabern. Das drückt sehr schwer aufs menschliche Hirn«

1965 hast du gemeinsam mit anderen die Zeitschrift »Provo« gegründet. Daraus ist dann die Provo-Bewegung entstanden, die als niederländische Vorhut der Jugendbewegungen der sechziger und siebziger Jahre international bekannt wurde. Besonders hoffnungsfroh wart ihr damals ja offenbar nicht gerade. Schon zu Anfang saht ihr euch als die Verlierer, die es sich aber nicht nehmen lassen wollten, die damalige Gesellschaft auf kreative Weise zu provozieren. Was hat euch an der Gesellschaft gestört?

Die Herrschaftsstrukturen. Die Gesellschaft war autoritär organisiert. Die Niederlande waren damals nur eingeschränkt demokratisch. Man durfte zwar einmal in vier Jahren wählen, im alltäglichen Leben gab es jedoch keine echte Demokratie. Die Chefs und Volksvertreter hatten immer das Sagen. Die Freiheit der Bürger, selbst Einfluss auszuüben, war gering. Demonstrationen und Happenings waren nur nach langen Prozeduren erlaubt, und dann auch nur nach den Anweisungen der Autoritäten. Dieses System wollten wir auf die Schippe nehmen.

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Andererseits: In diesen Jahren nahm der Wohlstand enorm zu. Hat der nicht auch mehr Freiheit gebracht? Deine Generation konnte doch so richtig davon profitieren, während die Jugendlichen heutzutage viel mehr Anlass zu Existenz- und Zukunftsängsten haben.

Ja, der Wohlstand nahm zu. Die Leute kauften Fernseher, Kühlschränke, Autos, elektrische Sahnemixer. Aber mir war bewusst, dass das auch eine Kehrseite hatte. Wir fürchteten uns vor der Sucht und Abhängigkeit, die daraus resultieren konnte, und vor der Umweltverschmutzung. Also organisierten wir Happenings und warnten vor dem »versklavten Konsumenten von morgen«. Gerade der zunehmende Wohlstand schuf eine Atmosphäre scheinbaren Glücks, wodurch die Menschen nicht die Gefahr sahen, die in der Wendung lag, welche die autoritäre Gesellschaft nahm. Natürlich, heute haben die Jugendlichen Gründe, Angst zu haben. Doch die liegen mit den Gründen von damals in einer Linie. Abhängigkeit, Umweltverschmutzung und Krieg sind noch immer bedrohliche Katastrophen.

»Momentan vollzieht sich die Erotisierung der Gesellschaft vor allem auf kommerzielle Art. Eine echte Erotisierung aber wäre das Entdecken deiner eigenen Gefühle und Wünsche«

Wie sahen deine Visionen von damals aus? Was wolltet ihr? Und habt ihr was bewirkt?

Wir wollten eine direktdemokratische Gesellschaft, in der jeder Einfluss nehmen kann auf seinen Arbeitsplatz und Wohnort. Wir leisteten Widerstand gegen den Kapitalismus und den Militarismus. Was wir erreicht haben? Na, die Niederlande sind jetzt ein Staat, in dem die Demokratie viel direkter ist als damals. Jetzt werden Referenden abgehalten, in denen die Menschen über wichtige Dinge selbst entscheiden dürfen, wie z.B. das Referendum über die Europäische Verfassung. Aber die Macht des Kapitals hat eher zu- als abgenommen. Und das Problem mit den Atomwaffen und dem ganzen anderen Waffenzeug ist auch nicht kleiner geworden. Die Auseinandersetzung geht also weiter.

Nach der Auflösung von Provo hast du dich mit den Werken des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin beschäftigt, insbesondere mit seinem Hauptwerk »Gegenseitige Hilfe«. Kropotkins Einsichten hast du mit den Erkenntnissen der Kybernetik über das Funktionieren komplexer Systeme zusammengebracht und daraus die »Botschaft eines weisen Heinzelmännchens« gemacht. Auf liebevolle und kreative Weise sollte eine internationale, kooperative Bewegung der Aggression und Zerstörung gegensteuern, die die Welt durch Machtmissbrauch in Wissenschaft und Politik an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Siehst du diese Perspektive auch heute noch?

Natürlich. Die ständig zunehmende Betonung des Konkurrenzkampfs und des Überlebens des Stärkeren bringt die Welt in Gefahr. Das ist die geistige Basis politischer Strukturen, die sogar das Erdklima bedrohen.

Sind Kropotkins Erkenntnisse nicht auch heute noch hilfreich? Wenn alle Wesen nicht nur politisch und sozial miteinander verbunden sind, sondern auch eine spirituelle, geistige Einheit bilden, würde daraus folgen, dass die Kooperation in der Natur wichtiger ist als die Konkurrenz und das Überleben des Stärkeren.

Was am stärksten ist, muss sich erst erweisen: die Zusammenarbeit, die es zwischen den Menschen gibt, oder die Aggression. Ich denke, dass Kropotkin in seinem Urteil, die Kooperation sei in jedem Fall am stärksten, ziemlich optimistisch war. Er hat Hitler, Stalin und Mao Tse-tung nicht erlebt und nicht gesehen, dass es möglich ist, dass Menschen zig Millionen ihrer Mitmenschen abschlachten, machtblind und blind vor Hass.
Doch andererseits ist es sicher wahr, dass unsere weitere Existenz von unserem Vermögen abhängt, gemeinsam Probleme zu lösen. Dieses Vermögen ist groß. Ich finde, Deutschland, so unvollkommen es auch ist, ist ein Beispiel dafür. Wie tief war euer Land in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts gesunken, wie viel Gutes, Schönes und Menschliches ist damals zerstört worden! Und doch war noch genügend kooperative Energie übrig, um aus den Trümmerhaufen aufzusteigen und eine ziemlich lebenswerte Gesellschaft zu schaffen, deren Qualität in meinen Augen die der damaligen Siegermächte Amerika und Russland übertrifft.

»Spiritualität ist viel mehr als nur ein wenig zu meditieren und zu lächeln. Spiritualität ist Mut: Der Mut, um für eine bessere, gerechtere Welt zu kämpfen, mit ehrlichen und offenen Menschen«

Aber wie können wir diese kooperative Energie auch heute zum Fließen bringen? Kropotkin wollte den Menschen ihren Glauben an die Notwendigkeit autoritärer Strukturen nehmen; er hielt das für einen künstlich anerzogenen Irrglauben. Da er an die menschliche Vernunft glaubte, meinte er, solche Herrschaftsstrukturen durch Aufklärung überwinden zu können. Du gabst dagegen zu bedenken, dass die antiautoritäre Revolution viel schwieriger sein würde als alle Revolutionen zuvor. Warum?

Weil es enorme Widerstände gibt. Uns wurde jahrelang eingetrichtert, dass ein Mensch gehorchen muss und gute Zeugnisse braucht. Uns wird auch jeden Tag beigebracht, dass wir aufschauen sollen zur etablierten Macht, zu Königinnen, Milliardären, Militärmachthabern. Kinder lernen das schon in der Schule, und das drückt sehr schwer aufs menschliche Hirn. Das können wir nur in einem breit angelegten Prozess mit sehr feinen, einfühlsamen Atemtechniken überwinden. Das braucht Geduld und auch das Vermögen, aus Fehlern und Unzulänglichkeiten zu lernen. Die haben auch die Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre gemacht. Wir haben uns zu nachlässig organisiert und hatten zu viele Illusionen hinsichtlich schneller und spektakulärer Umwälzungen. Die notwendige Revolution kann aber nur eine allmähliche, sich Schritt für Schritt vollziehende Veränderung sein.

Aber die erwähnten Widerstände gibt es nicht nur, weil wir von den Mächtigen manipuliert werden. Du hast auch betont, dass wir Menschen in unserer eigenen, irrationalen Angst gefangen sind. Was können wir dagegen tun?

Wir sollten lernen zu fühlen, was wir wirklich fühlen, indem wir unsere Gefühle aussprechen und sie in Tagebüchern und Briefen in Worte fassen. Indem wir mit uns selbst und anderen Gefühle austauschen, können wir uns von Angst befreien. Gefühle auszutauschen ist eine intime Sache. Es ist der Anfang von Liebe. Ich meine damit nicht die romantische Liebe, sondern die Liebe zu uns selbst und auch zur Gemeinschaft, auch zu den Tieren und Pflanzen.
Durch eine Erotisierung der Gesellschaft kann unser versteinertes inneres Bedürfnis nach Autorität aufgeweicht werden. Momentan vollzieht sich die Erotisierung der Gesellschaft aber vor allem auf kommerzielle Art; mit Sex als Ware, in der Porno- und Prostitutionsindustrie. Das kann man keine wirkliche Erotisierung nennen. Es basiert nämlich nicht auf liebevoller Erotik, sondern auf schneller Erregung. Das ist ein glanzloses Feuerwerk, das eher ein neues Suchtpotential darstellt als den Menschen Liebe zu bringen.
Die echte Erotisierung liegt im Entdecken deiner eigenen Gefühle und Wünsche; im Hinblick auf dich selbst und auch im Hinblick auf andere. Das ist eine schöne Aufgabe! Es ist etwas, das sich zum Teil zu Hause in aller Stille vollzieht, zum Teil in den spirituellen und sozialen Bewegungen von Frauen und Männern. Es vollzieht sich auch in der Befreiung von Gefühlen, wie z.B. bei Homosexuellen. Den weltweiten Befreiungsschlag, zu dem jetzt ausgeholt wird, um jahrhundertelang unterdrückte Gefühle wie die von Homos aus dem dunklen Kämmerlein zu holen, den finde ich sehr inspirierend. Das gleiche gilt aber auch für Heterosexuelle. Ich beobachte auf meiner eigenen Homepage, dass immer mehr Menschen offen und ehrlich ihre Gefühle äußern. Auf solchen Internetseiten findet eine massenhafte Verarbeitung von Liebesgefühlen statt, auch wenn es auf meiner Homepage die betrifft, die nicht erwidert wurden.

Du besitzt eine erfrischende Schamlosigkeit. Dir scheint es nicht viel auszumachen, sehr persönliche Dinge in der Öffentlichkeit preiszugeben. Ist dir das in der Politik förderlich gewesen? Wie war das zum Beispiel, als du 1969 für Provo und danach für die »Kabouter«-Bewegung dem Amsterdamer Stadtrat angehörtest?

Ja, das ist wahr. Meine Offenherzigkeit hat mich einerseits stark gemacht und mir die Sympathie von Menschen eingebracht, die selbst auch offenherzig sind. Aber auf der anderen Seite hat es die Verschlossenen und vor allem auch die Heuchler abgestoßen. In der Provo- und Kabouter-Bewegung hat es viele Menschen angesprochen. In dieser Zeit gab es eine Welle der Ehrlichkeit. Wir wollten das Verborgene offen legen.

Wäre es gut, wenn sich mehr Politiker von ihrer persönlichen Seite zeigen würden? Manche versuchen ja auch, Privates wahlkampftechnisch auszunutzen. Andere werden politisch zu Fall gebracht, indem Dinge aus ihrem Privatleben veröffentlicht werden.

Ja, aber was Politiker von sich selbst zeigen, ist meistens nur Gepränge. Wenn Bush Putin »mein Freund Vladimir« nennt, dann sagt das natürlich gar nichts über sein wahres Ich. Wahrscheinlich kennen diese Art von Menschen sich selbst auch zu wenig, um sich offen und ehrlich so zu zeigen, wie sie sind. Den eigenen Charakter zu zeigen bleibt dann eine Art Show, die von PR-Beratern erfunden wird. Wenn man in Wahlkampfzeiten mit Politikern zu tun hat, steht man vor einer bunt plakatierten Wand.

In deinen Büchern schreibst du viel über Politik und Spiritualität. Mitte der achtziger Jahre hat diese Thematik dich offenbar ganz besonders beschäftigt, als du für Groen Amsterdam im Stadtrat saßest. In Hoefslag; over politiek en spiritualiteit (Hufschlag – über Politik und Spiritualität, erschienen 1988) schreibst du, Spiritualität sei das wichtigste Kennzeichen grüner Politik. Was bedeutet Spiritualität für dich?

Für mich bedeutet Spiritualität, dass ich den Mut aufbringe, nicht nur an Macht zu denken, sondern mich auch nach innen zu richten, mich meiner Seele zuzuwenden. Und diesbezüglich ehrlich zu sein. In Wort und Tat. Spiritualität ist viel mehr als nur ein wenig zu meditieren und zu lächeln. Spiritualität ist Mut: Der Mut, um für eine bessere, gerechtere Welt zu kämpfen, mit ehrlichen und offenen Menschen. Mit Menschen, die wissen, dass sie selbst Fehler machen, und die wirklich aus diesen Fehlern lernen.

Wenn du auf deine Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zurückblickst: Ist die Politik in irgendeiner Weise spiritueller geworden?

Nein. In der Welt wurde die eine Polarisierung (Amerika – Russland) durch eine andere ersetzt (der Westen gegen den radikalen Islam). Auch die Rüstung und die Umweltverschmutzung sind schlimmer geworden.

Glaubst du, es gäbe weniger Nichtwähler, wenn mehr Menschen wie du es wagten, in den politischen Foren wesentliche, existentielle Fragen zur Sprache zu bringen?

Ich hoffe das. Politiker, die dazu bereit sind, sich jahrzehntelang einzusetzen und dabei auch ihr menschliches Gesicht zu zeigen, machen die Politik sicherlich glaubwürdiger.

A propos »zur Sprache bringen«: Viele Bürgerinnen und Bürger haben die Sprache der Politiker einfach satt. Du hast eine ganz untypische Ausdrucksweise für jemanden, der schon so lange in der Politik aktiv ist. Ist dir die Macht der Sprache bewusst?

Natürlich. Sich ehrlich und offen ausdrücken zu können, ist eine Grundvoraussetzung für eine menschliche Politik.

Was müsste passieren, damit die Politik wesentlicher wird? Liegt nicht eine große Verantwortung bei denjenigen, die zwar für ihr inneres Wachstum bereits viel getan haben, sich jedoch in die Bewältigung der alltäglichen gesellschaftlichen Probleme lieber nicht aktiv einbringen wollen?

Seit den achtziger Jahren habe ich mich in der Politik für inneres Wachstum statt ökonomisches Wachstum eingesetzt. Quantitativ gesehen haben wir dadurch keine große Anhängerschaft gewonnen, doch wir haben Vordenker und Publizisten beeinflusst. Der Klimawandel zeigt, dass wir mit unserer Auffassung recht haben. So wie bisher kann es einfach nicht weitergehen. Die Politiker und die Wachstumsökonomen bringen die Welt zum Explodieren. Sie lassen sie wegschmelzen und versengen. Die Notwendigkeit einer radikalen und allumfassenden Wende wird immer deutlicher. Das zeigt sich auch darin, dass nun auch ein Mensch wie Al Gore, der nun wirklich kein superradikaler Politiker ist, derzeit in so viele Mikrofone spricht und dass er gehört wird, weil er vernünftige Sachen sagt, die nicht länger verschwiegen werden dürfen.

Al Gore ist ein ziemlich mächtiger Mann. Ganz im Gegensatz zu den meisten grünen Politikern. Haben »grüne« und »geistig« veranlagte Menschen einen mangelhaften Sinn für Macht? Sind sie machtscheu?

Ja, grüne Menschen machen es sich zu einfach, wenn sie sagen, dass Macht korrumpiert. Die Behauptung stimmt zwar, aber wer aus diesem Grunde die Machtfrage ignoriert, ist dadurch selbst nicht mehr unschuldig und rein. Im Gegenteil: Die, die sich »sauber« davonmachen, leiden an der Korruption, die mit dem Eskapismus, der Flucht vor der Wirklichkeit, verbunden ist. Das ist eine besondere Art der Korruption, die ebenfalls gefährlich ist!

Man kann ja nun auch nicht von allen Politikern behaupten, sie hätten keinen Blick für Wesentliches oder keine inneren Überzeugungen. Vielleicht ist es auch die Bürokratie, die Komplexität der politischen Prozesse und die Kompliziertheit der Materie in den verschiedenen Politikfeldern, die sie in den engen Grenzen der »Sachzwänge« verharren lässt. Wie kann Politik wieder lebendiger werden?

Indem man die Menschen hautnah erfahren lässt, dass die Politik mit ihrem Leben untrennbar verbunden ist. Demokratische Politik ist nicht möglich, wenn der größte Teil der Bevölkerung sich 'raushält, einfach wegschaut oder süchtig ist nach Computern, Autos, Flugzeugen, Fernsehern, Alkohol, Sex, … Die Erziehungsberechtigten und die Schule tragen eine große Verantwortung, was das Heranwachsen verantwortungsbewusster Bürger betrifft. Ohne verantwortungsbewusste Bürger gibt es auch keine verantwortungsbewussten Politiker.
Ich bin jetzt mit einer Russin verheiratet. Bei meinen Russlandbesuchen wird mir immer deutlicher, dass die Tatsache, dass der größte Teil der Bevölkerung sich nicht für Demokratie interessiert, diktatorischen Politikern freie Bahn lässt. Wie kann ein Land demokratisch regiert werden, wenn die Hälfte der Männer über 40 dermaßen süchtig ist, dass sie im Durchschnitt nicht älter als 57 Jahre alt werden? Ähnliches spielt sich in gemäßigterer Form auch im Westen ab.

Ich möchte noch auf deine Initiativen in den letzten Jahren zu sprechen kommen. Im neuen Jahrtausend ist das Thema »Liebe« offenbar dein roter Faden. Du hast einen Roman über die heimliche, weil verbotene Liebe zwischen einer Mazedonierin und einem Albaner geschrieben, deren Geschichte eng mit der Geschichte des Bürgerkriegs in Mazedonien verknüpft ist. Seither beschäftigst du dich verstärkt mit multi-ethnischen Beziehungen. Warum?

Es wird immer offensichtlicher, dass unsere Gesellschaft zwar multikulturell ist, aber segregiert. Hier und in allen westlichen Städten wächst im Stillen die Apartheid. Das ist ein echtes Pulverfass. Wenn hier im Westen die Wirtschaft zurückgeht, wird hier dasselbe passieren wie unlängst auf dem Balkan. Ethnischer Hass wird die Städte verzehren. Das ist abscheulich, aber wahr. Wir sind darauf überhaupt nicht vorbereitet, weil die Politiker wenig darum bemüht sind, die Segregation zu verhindern und die Menschen miteinander zu vermischen. Man konzentriert sich lieber auf die Bekämpfung extremistischer Gruppen, während sich in der Zwischenzeit die Brutstätten des Extremismus unter unseren Augen ausbreiten. Schulkinder werden immer stärker kulturell getrennt. Schon Kinder bringen einander Vorurteile bei. Auch in den Stadtteilen findet immer mehr Segregation statt. Dieser schleichenden Apartheid müsste dringend entgegengewirkt werden, z.B. durch gemischte Schulen in gemischten Stadtteilen, durch gemischte Unternehmen und gemischte Sportvereine. Oder sollen wir abwarten, bis es auch in den Niederlanden und in Deutschland Bürgerkriege gibt?

Da stimme ich dir zu. Toleranz ergibt sich nicht einfach von selbst. Dazu fällt mir auch ein, dass du vor ein paar Jahren gefordert hast, Liebe sollte ein Schulfach werden. Kann man Liebe lernen?

Liebe kann wachsen. Und es ist ganz sicher wichtig, dass Kinder sich mit den schwierigen Aspekten, die Liebe nun mal auch hat, vertraut machen – z.B. mit Eifersucht und Traurigkeit. Sie können auch lernen, was Treue bedeutet und was der Preis von Untreue ist. Liebe ist etwas, dass die Menschen ihr ganzes Leben lang beschäftigt. Dennoch lernen Kinder darüber in der Schule nur sehr wenig. Auch zu Hause lernen sie wenig darüber. Es ist nicht so, dass man Liebe wie Jahreszahlen oder mathematische Formeln auswendig lernen kann. Man kann aber gemeinsam darüber nachdenken und sprechen. Ältere Menschen können von ihren Erfahrungen berichten, und Kinder können darüber Aufsätze schreiben oder Rollenspiele dazu aufführen. Auf diese Art wächst man langsam in der Liebeskunst. Denn eine Kunst ist es!

»Es gibt Parallelen zwischen den individuellen Schicksalen, den persönlichen Problemen, dem Liebeskummer im Kleinen und den großen gesellschaftlichen Problemen, dem Kummer weltweit. Vielleicht brauchen wir alle Unterricht im Fach Liebe«

In den Sechzigern hast du dich für »totale amoralische Promiskuität« und gegen die Monogamie ausgesprochen, da sie zumeist ausgetrocknete Sexualbeziehungen künstlich in Stand halten würde. Siehst du das heute auch noch so?

Nein, dazu habe ich meine Meinung geändert. Meine eigene Beziehung mit meiner damaligen Freundin ist an den sexuellen Ausflügen gescheitert, von denen wir dachten, sie wären gut. In Wirklichkeit ist es gar nicht ungesund, wenn Menschen ab und zu eifersüchtig sind. Und sich binden. Bis ich 33 war, habe ich sehr viele Verhältnisse mit Frauen gehabt, manchmal auch parallel. Daraus habe ich sehr viel gelernt, und ich liebe die Frauen, mit denen ich irgendwann Kontakt gehabt habe, auch immer noch. Aber danach, seit Mitte der 70er Jahre, habe ich mich in serielle Monogamie begeben. Ich lebte jeweils längere Zeit mit einer Frau zusammen, die in dieser Zeit die Wahre war. Jetzt bin ich verheiratet und denke, dass das sowohl meiner Frau als auch mir Ruhe und Kraft gibt.

Von deinem persönlichen Erfahrungsreichtum gibst du heute etwas weiter: Neben deiner politischen Arbeit bist du als Berater in Sachen Liebeskummer tätig. Wie ist es dazu gekommen?

Ja, heute bin ich nicht nur Lokalpolitiker, sondern auch Liebesdoktor. Ich helfe Menschen mit Liebeskummer. Das hat sich daraus entwickelt, dass ich 2003 meine Freundin verlor. Das Dumme war: Ich hatte die Beziehung selbst beendet. Ein Jahr lang haben mich Gewissensbisse und Trauer gequält. Verrückterweise hatte das aber auch was Positives: Meine Selbsterkenntnis hat sich dadurch enorm weiterentwickelt. Mehr als je zuvor fing ich an, meine eigene Seele zu verstehen. Indem ich mit Freunden sprach, Tagebuch schrieb und andere Menschen mit Liebeskummer interviewte, habe ich meine eigene Seele erforscht. So habe ich mein Buch Liefdesverdriet (Liebeskummer) geschrieben. Und ich habe eine Homepage zu diesem Thema gemacht (. Ich merkte auch, dass ich anderen, die ebenfalls unter dem Problem litten, immer besser helfen konnte. Indem ich ihnen half, habe ich mich auch selbst geheilt. Heute kommen fast täglich Menschen mit Liebeskummer zu mir, oder ich helfe ihnen telefonisch, damit sie sich selbst wieder lieben und glücklich werden. Der Schlüssel dazu ist oft die Kreativität.

Roel van Duijn

  • wurde am 20. Januar 1943 in Den Haag geboren und ist Vater von drei Kindern. Er wuchs im theosophischen Milieu auf und war Montessorischüler. Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Politikwissenschaften in Amsterdam.
  • 1965 Begründer der anarchistischen Zeitschrift Provo
  • 1969 Mitglied des Amsterdamer Stadtrats für die Provo-Bewegung
  • 1969 Veröffentlichung des Buches De boodschap van een wijze kabouter, der ideologischen Grundlage der »Kabouter«-Bewegung
  • 1970 (am 5. Februar) Proklamation des Oranjevrijstaat als Gegenmodell der Kabouters zum niederländischen Staat; Mitwirkung an zahlreichen »weißen Plänen« zur sozialen und ökologischen Umgestaltung der Gesellschaft
  • 1970 – 1971 Mitglied des Amsterdamer Stadtrats für die Kabouter-Bewegung
  • 1974 – 1976 Dezernent für städtische Betriebe der Politieke Partij Radikalen (PPR). Statt eines Dienstwagens forderte Roel ein Dienstfahrrad; er setzte sich insbesondere gegen die Einführung von Kernenergie und für die Nutzung erneuerbarer Energien in den Niederlanden ein
  • 1977 – 1983 Biobauer in Veele (Oost-Groningen)
  • 1984 – 1986 Mitarbeiter der Grünen Fraktion im Europäischen Parlament, besonderes Engagement für biologische Landwirtschaft und die Demokratisierung Europas
  • 1985 Mitinitiator der Arbeitsgruppe Spiritualität und Politik
  • 1986 – 2002 Mitglied des Amsterdamer Stadtrats für Groen Amsterdam und De Groenen
  • 1999 Mitglied im Parlament der Provinz Noord-Holland für Noord-Holland Anders/De Groenen
  • Seit 2003 Mitglied im Rat des Amsterdamer Stadtteils OudZuid für GroenLinks Parallel dazu ist Roel als Berater in Sachen Liebeskummer tätig (Website ). Er ist Autor zahlreicher Bücher und Artikel.

Beate Bocktung,

Jg. 1969, ist Redakteurin der Zeitschrift »Fairconomy« und lebt mit ihrem sechsjährigen Sohn Ruben in Münster.


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