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Interviews

Interview mit E. Benjamin Skinner über Menschenhandel

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Pyar
E. Benjamin Skinner

»27 Millionen Menschen befinden sich im Zustand der Sklaverei«

In Haiti kostet ein Mädchen 50 Dollar, in Indien leben Schuldknechte in dritter Generation. Der amerikanische Journalist E. Benjamin Skinner recherchierte fünf Jahre lang im weltweiten Sklavenmarkt und ist damit nach eigenen Angaben der erste Mensch in der Geschichte, der den Menschenhandel so erforschte. Daraus entstand das Buch »Menschenhandel« (engl. »A crime so monstrous«).

Herr Skinner, wie kommt ein Journalist dazu, viele Jahre lang über Sklaverei zu recherchieren?

Ich wurde durch meine Familiengeschichte mit dem Thema konfrontiert. Die Vorfahren meiner Mutter waren Quäker und traten bereits im 18. Jahrhundert als Gegner der Sklaverei auf. Ich wuchs ebenfalls als Quäker auf. Viele Jahre später bekam ich von Newsweek International den Auftrag, über die Sklaverei in Mauretanien zu schreiben. Dort leben zwischen 100 000 und 600 000 Sklaven. Im Zuge meiner Recherchen stellte ich fest, dass sich heute rund 27 Millionen Menschen im Zustand der Sklaverei befinden.

Wer ist denn ein Sklave?

Alle, die durch Androhung von Gewalt und ohne Bezahlung zur Arbeit gezwungen werden.

Jerzy
Die Sklaveninsel Gore'e im Senegal © Jerzy pixelio.de

Sie haben sogar Sklavenhändler getroffen ...

In der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince wurde ich vor einem Frisörladen von einem Mann angesprochen, der sich als »Makler« vorstellte und mich fragte, ob ich einen Menschen erwerben wolle. Wir begannen, über ein Kind zu verhandeln. Ich gab vor, an einem ungefähr zehn Jahre alten Mädchen interessiert zu sein, das kochen und putzen könne. An einem bestimmten Punkt des Gesprächs beugte sich der Mann zu mir und fragte, ob ich das Mädchen auch als Partnerin wolle. Mein Übersetzer stellte klar, was er mit »Partnerin« meinte. Und auf meine Rückfrage, ob es denn möglich sei, ein Mädchen für beides zu bekommen, stimmte er sofort zu. Als Preis für das Mädchen, das als Haushaltsund Sexsklavin benützt werden sollte, verlangte er 100 US-Dollar. Innerhalb von fünf Minuten handelte ich ihn auf fünfzig Dollar herunter. Ich habe das Mädchen nicht gekauft.

Wie wurde das Mädchen zur Sklavin?

Ich suchte das Dorf auf, aus dem das Mädchen in die Hauptstadt gebracht worden war. Alle Familien, die darin lebten  mit Ausnahme einer , hatten ein Kind weggegeben. Ich fragte, warum sie so etwas taten. Ihre Antwort: Da sie weder für Nahrung noch für medizinische Versorgung Geld hätten, bliebe ihnen als Alternative nur, zuzusehen, wie die Kinder unter ihren Augen langsam stürben. Kommt nun ein Händler, der ihnen für ihr Kind ein besseres Leben verspricht, händigen sie es ihm aus.

Gibt es das auch in Europa?

In einem Unterwelt-Bordell wurde mir eine junge Frau zum Kauf angeboten. Sie hatte ein sichtbares Down-Syndrom und, wie die Schnitte an ihrem Arm verrieten, bereits mehrfach versucht, sich das Leben zu nehmen, um den täglichen Vergewaltigungen zu entkommen. Damit sie einen höheren Preis erzielte, hatte man sie eilig geschminkt. Doch sie weinte so heftig, dass ihr die Schminke vom Gesicht lief. Der für sie geforderte Preis entsprach dem eines Gebrauchtwagens: 1500 bis 2000 Euro. Wenn man sich das Elend und den Schmerz dieser Frau vorstellt, die sich, soweit ich weiß, immer noch in Sklaverei befindet, sofern sie sich nicht inzwischen umgebracht hat, dann bekommt man eine Vorstellung, was Sklaverei bedeutet.

Nach Ihrer Darstellung stehen zwei Hauptformen der Sklaverei im Vordergrund: Sex- und Arbeitssklaven. Welche relevanten Formen von Sklaverei gibt es darüber hinaus?

In Indien gibt es Kinder, die gewaltsam als Soldaten eingesetzt wurden. Ich konnte mit einigen der Überlebenden sprechen. Ihre Geschichten sind absolut schockierend. Die Regierung im Sudan bewaffnete arabische Milizen und schickte sie in den Süden, damit sie in den Dörfern der Dinka, der größten Volksgruppe im Südsudan, die Männer töteten und die Frauen und Kinder als Sklaven gefangen nahmen und in den Norden schafften. Dort wurden sie zur Arbeit in der Landwirtschaft und in Haushalten gezwungen. Die ganz große Tragödie aber war, dass als Waffe gegen die Rebellion des Südens bewusst ihre Identität zerstört wurde. Sie durften ihre Sprache nicht sprechen, wurden gewaltsam arabisiert, zum Islam bekehrt und beschnitten.

Was ist die Hauptursache für das Entstehen und die Ausbreitung von Sklaverei?

1,1 Milliarden Menschen auf der Erde müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag ihr Leben fristen. Sie sind durch ihre Armut und ihre Verzweiflung von der Sklaverei am meisten bedroht. Hinzu kommen die Kriminellen, die aus dieser Armut Vorteile ziehen und Drohungen einsetzen, um diese Menschen in eine Lage zu bringen, in der sie noch weniger als arm sind und zu Werkzeugen werden.

Und in Europa?

Die Kriege in Bosnien und im Kosovo und der Fall der Sowjetunion schufen eine enorme Zahl verzweifelter Menschen. Für Millionen gab es keine soziale Sicherheit mehr. Viele junge Frauen kamen in den Westen. Ein besonders krasser Fall ist Moldawien, das ärmste Land Europas. Ein großer Teil der weiblichen Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 34 Jahren hat das Land verlassen. Nicht alle diese Frauen wurden gehandelt, aber doch sehr viele von ihnen.

Waren Sie selbst dort?

Ich fuhr in eine der kleinen Städte auf dem Lande. Es gab dort so gut wie keine jungen Frauen. Auf den Straßen sah ich nur alte Leute und junge Männer. Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Bürgermeister. Seine eigene Frau hatte das Land verlassen. Ich wollte ihm nicht zu nahe treten und vermied es, ihn zu fragen, ob sie als Prostituierte arbeitete. Es war eine unglaublich arme und triste Stadt. Die meisten Häuser hatten kein fließendes Wasser. Was sie aber alle hatten, war ein Fernseher, und der brachte ihnen Bilder vom westlichen Wohlstand ins Land.

Warum sind in Europa gerade die Niederlande ein bevorzugter Platz für die Sexversklavung von Ost- und Südosteuropäerinnen?

Der Grund ist das entkriminalisierte System der Prostitution. Einerseits gewährt es den Betroffenen einen gewissen Schutz und Zugang zur Gesundheitsversorgung. Andererseits aber macht es das Land zu einem Magneten für Sextouristen. Das Geschäft läuft nicht nur in den überwachten Rotlichtbezirken. In der Unterwelt ist es regelrecht explodiert.

Wie sehen Sie die Lage in Deutschland?

Ähnlich wie in den Niederlanden. Auch nach Deutschland kommen die Sextouristen aus dem Mittleren Osten und den Vereinigten Staaten mit der Absicht, bezahlten Sex zu konsumieren. Die deutsche Regierung erkannte zwar, dass der Sklavenhandel ein ernstes Problem darstellt; und 2007 verabschiedete sie ein Gesetz zum Schutz der Opfer. In der Praxis müsste aber sichergestellt werden, dass die Opfer nach ihrer Befreiung eine Aufenthaltserlaubnis erhalten und auch ihre Familien in ihrem Herkunftsland geschützt werden.

Gibt es hierzulande auch Arbeitssklaven?

Immer wieder werden von den Behörden Sklaven in Eisdielen, Bars und Restaurantküchen entdeckt.

Immer wieder werden von den Behörden Sklaven in Eisdielen, Bars und Restaurantküchen entdeckt.Die erste Frage, die einem solchen Menschen gestellt werden sollte, dürfte sich nicht auf seinen illegalen Status beziehen, sondern müsste seinem persönlichen Befinden und seiner Arbeitssituation gelten. Im Falle einer vorgesehenen Ausweisung müsste festgestellt werden, was mit diesem Menschen in seinem Heimatland geschehen wird. Häufig werden die unfreiwilligen Rückkehrer nämlich von Mitgliedern des Händlernetzwerkes, die sie in den Westen gebracht hatten, aufgespürt und zur Bezahlung von angelaufenen »Schulden« gezwungen.

Ist die Ausrottung der Sklaverei realistisch?

Als sich die Weltgesundheitsorganisation das Ziel setzte, die Kinderlähmung auszurotten, wurde dies als unrealistisch angesehen. Heute ist die Kinderlähmung nahezu ausgemerzt. Warum also sollte es nicht möglich sein, die Sklaverei abzuschaffen? Die Summe, die es kosten würde, alle Sklaven auf der Erde zu befreien, ihnen rechtlichen Schutz zu garantieren und sie zwei bis drei Jahre lang bei ihrer Wiedereingliederung zu unterstützen, beträgt 10 Milliarden US-Dollar, 400 US-Dollar pro Sklave. Es ist dieselbe Summe, die ein Monat Krieg im Irak kostet.

Es reicht ja nicht, Sklaven einfach freizukaufen. Welche Programme ermöglichen ihnen ein dauerhaftes Leben in Freiheit?

Man darf die Sklaven nicht nur befreien, sondern muss sicherstellen, dass sie frei bleiben, an ihre Freiheit und am Ende auch an sich selbst glauben.

Es gibt verschiedene Initiativen. Einige befreien mithilfe der Polizei Kinder aus der Sklaverei. Sie bezahlen nicht für deren Freiheit. Die befreiten Kinder nehmen sie in ihre Obhut, helfen ihnen, wieder in ihre Dörfer zurückzukehren und dort mit ihren Eltern als freie Menschen zu leben. Andere Initiativen organisieren Gemeinschaftsdörfer mit Menschen, die sich zuvor in Sklaverei befanden. Die befreiten Sklaven verrichten dieselbe Arbeit wie vordem. Sie arbeiten beispielsweise in einem Steinbruch. Aber sie behalten jetzt ihre Einnahmen und bauen so ein wenig Wohlstand auf, der ihnen auch die Möglichkeit gibt, wegzugehen oder ihren Kindern eine Ausbildung zu bezahlen. Man darf die Sklaven nicht nur befreien, sondern muss sicherstellen, dass sie frei bleiben, an ihre Freiheit und am Ende auch an sich selbst glauben.

- das Interview führte Adelbert Reif und erschien in Public Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel, Ausgabe 22/2009

E. Benjamin Skinner (* 1976) ist ein US-amerikanischer Journalist und Autor des Buches Menschenhandel (Originaltitel A crime so monstrous). Aufgewachsen in Wisconsin und im nördlichen Nigeria, wo sein Vater als britischer Kolonialverwalter tätig gewesen war, schloss er 1998 an der Wesleyan University im Bundesstaat Connecticut ab und war danach als Journalist tätig. Dabei berichtete er aus verschiedenen Ländern zu verschiedenen Themengebieten. Seine ersten Begegnungen mit Sklaven machte Skinner 2003 im Kriegsgebiet in Sudan, wo er als Korrespondent für Newsweek International arbeitete. In der Folge erforschte er den modernen Sklavenhandel auf vier Kontinenten und ist damit nach eigenen Angaben der erste Mensch in der Geschichte, der den Menschenhandel so erforschte. Nach fünfjähriger Recherchearbeit entstand daraus das Buch Menschenhandel (engl. A crime so monstrous). Skinner definiert Sklaverei als erzwungene Arbeit unter der Androhung der Gewalt ohne Bezahlung, die über den Lebensunterhalt hinausgeht.

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