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Interview mit Wolfgang Bergmann über ADS

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Interview mit Wolfgang Bergmann
Wolfgang Bergmann

ADS ist ein kulturelles Phänomen

Immer mehr Kindern wird die Diagnose ADS angehängt. Mediziner erklären ADS als Stoffwechselstörung im Gehirn. Der Hannoveraner Erziehungswissenschafter und Psychologe Wolfgang Bergmann bestreitet diese Definition. Er sieht die Aufmerksamkeitsstörung als tiefgreifendes kulturelles Phänomen, bei dem vor allem die Eltern gefordert sind.

Herr Bergmann, Ihr neues Buch heißt »Das Drama des modernen Kindes«. Warum ist moderne Kindheit ein Drama?

Allein die Zahl der Ritalin-Verordnungen für die sogenannten »ADS-Kinder« ist in den letzten zehn Jahren um mehr als das 20fache gestiegen. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist bewegungsgehemmt, mit teilweise weitreichenden körperlichen und kognitiven Folgen, jedes dritte Kind hat über Monate oder Jahre Ängste, die sich auch somatisch äußern. Die Zahl der Essstörungen steigt nach einer neuen Untersuchung der Universität Jena besorgniserregend. Kurzum, irgend etwas in der Entwicklung der modernen Gesellschaft scheint unseren Kinder nicht gut zu tun, aber offensichtlich kommen wir damit praktisch und theoretisch nicht zurecht und verschließen krampfhaft die Augen. Das gilt für Kinderpsychologen und -psychiater ebenso wie für Lehrer.

Konzentrieren wir uns auf die Hyperaktivität oder ADS. Dieses Syndrom wird medizinisch als Stoffwechselstörung im Gehirn definiert. Was taugt diese Definition?

Zunächst einmal differenziert sie nicht ausreichend. Wir haben es einerseits mit rund 2 Prozent von Kindern, meist Jungen, zu tun, deren Hyperaktive Störungen möglicherweise irgendwann einmal in neurobiologischen Kategorien ausreichend verstanden werden. Das sind die Zappelphilippe', die es offensichtlich in allen Kulturen gibt und vermutlich schon immer gegeben hat. Auf der anderen Seite gibt es eine steil ansteigende Zahl von solchen Kindern, die zutiefst unfähig sind, Ordnungen anzuerkennen. Sie sind nicht Unwillens, sondern unfähig, sich auf die Regelhaftigkeit der Gemeinschaft und ihre symbolischen Ordnungen, auf Sprache, Schrift und Zahl einzulassen. Ihr Verhalten ist dabei hochgradig unruhig, ziellos und egozentriert. Dieses zunehmende Phänomen ist mit Stoffwechselstörungen oder anderen biologischen Spekulationen überhaupt nicht erklärbar.

Was genau ist denn falsch an den gängigen Diagnosestellungen von ADS?

Die Diagnosen sind rein symptombezogen, die erhobenen Daten über das abweichende Verhalten werden festgeschriebenen Symptombildern zugeordnet und statistisch gewichtet. Nichts anderes bedeutet die vielen Eltern vorgetragene »gesicherte Diagnose ADS« mit oder ohne Hyperaktivität. Auf diese Weise lässt sich über Ursachen des Problems im Rahmen der Lebensgeschichte des jeweiligen Kindes, aber auch über die kulturellen Bedingungen seines Verhaltens gar nichts aussagen. Insofern hat die Diagnostik nur sehr begrenzten psychotherapeutisch-praktischen und keinerlei analytischen Wert, es handelt sich um ein simples Zuordnungsverfahren.

Ein Neuropsychologe hat in einem Interview geäußert, einem ADS-Kind das Ritalin vorzuenthalten sei dasselbe, wie wenn man einem Diabetiker das Insulin verwehrte. Einverstanden?

In dieser Zuspitzung ist das natürlich Angstmacherei. Man versucht die Eltern unter Druck zu setzen, weil man einer psychologischen bzw. heilpädagogischen Betreuung keine Wirkung zutraut, oder weil sie zu langwierig erscheint. Nach der heute eigentlich allgemein akzeptierten Lehrmeinung sollte Ritalin oder eine vergleichbare Medikation ausschließlich begleitend zur psychologischen Betreuung und in der Regel für eine begrenzte Zeitspanne empfohlen werden. Aber die alltägliche Praxis sieht für die meisten Eltern anders aus. Durch die mangelnde Trennschärfe der Diagnose und den oft unzureichenden Wissensstand über die psychologischen Möglichkeiten wird Ritalin viel zu oft verschrieben, es ist davon auszugehen, dass die Medikation bei den allermeisten der so genannten ADS-Kinder unnötig ist.

Aufmerksamkeit, ADS und moderne Kinder
© S. Hofschlaeger pixelio.de

Worin bestehen eigentlich die Hauptprobleme dieser Kinder?

Wir reden hier über ein enormes kulturpsychologisches Phänomen, dessen Bedeutung seltsamerweise nur sehr zögernd erkannt wird, das gilt für die Sozialforschung ebenso wie für die Kultusbürokratien und viele psychisch betreuenden Institutionen: Viele - und offenbar immer mehr - Kinder spiegeln ihr Selbst und ihre Selbst-Bewusstheit nicht in der sie umgebenden sozialen Welt. Sie bleibt ihnen in gewisser Weise fremd. Dem entspricht ihr eigenes Verhalten ihrer Umwelt gegenüber, es ist fordernd, Egozentriert und bei geringstem Anlass gekränkt. Dieser Egoismus, gepaart mit infantiler Unersättlichkeit, hat zugleich eine depressive Einfärbung.

Was schlagen Sie vor?

Wir kommen vielleicht weiter, wenn wir die sogenannte ADS-Problematik auf dem Hintergrund narzisstischer Störungen zu verstehen versuchen. Narzisstisch bedeutet in diesem Zusammenhang zunächst: Die Kinder sehen und erfahren die Welt rein unter ego-zentrierten Gesichtspunkten. Die ganze Welt soll sich einfühlen in meine jeweiligen Wünsche, und die will ich restlos befriedigt haben, erst dann habe ich das Gefühl, zu meinem Recht zu kommen und also erst dann eine Chance, glücklich zu sein'. Nun ist die Welt nicht so. Sie ist sperrig, sie hat eigene Gesetzmäßigkeiten und ein eigenes Recht, und eben daran scheitern diese Kinder. Sobald die Welt geordnet auf sie zukommt - sei es als Schriftzeichen und Syntax, oder als Anweisung des Lehrers oder als vorausgesetzte soziale Norm, die in jeder Kindergruppe bestehen muss -, werden sie unruhig, aggressiv, oft auf drastische Weise. Dabei ist ihre Aggressivität selber wiederum als ein Versuch zu interpretieren, in der Kindergruppe mitzumachen, sich einzumengen, dabei zu sein. Auch diese Kinder sind, wie alle Kinder, vor allem soziale Wesen, aber ihnen fehlen elementare Voraussetzungen, ihre sozialen Bedürfnisse angemessen auszudrücken und zu erleben. Daher die Hektik, das Stoßende, das Treibende, das bei modernen Kindergruppen so auffällig ist und dass etwa in den Grundschulen die Lehrerinnen so beunruhigt, weil sie eine Energie, eine Gewaltdynamik wahrnehmen, die unabhängig von der jeweiligen Situation immer spürbar ist und die sie sich nicht erklären können.

Das hört sich an wie die Tragödie des Kleinkindes.

Ja, damit beginnt es. Wir alle sind aus dem Paradies der mütterlichen Umhüllung, einer »einigen Welt« vertrieben. Das Kleinkind, das in einer universalen Welt von Mama und Papa getragen und versorgt wird, macht sich mit verwegenem Mut daran, auf die eigenen Beine zu gelangen. Es »stellt sich« der Welt. Übrigens macht die moderne Entwicklungs- und Bindungsforschung darauf aufmerksam, dass auch das frühkindliche Paradies nicht gar so störungsfrei und objektarm war, wie man lange Zeit angenommen hatte, aber es hat offenkundig tief wirkende halluzinativ-symbiotische Qualitäten. Indem das Kind sich nun der Welt zuwendet, fällt es aus dem Zentrum und beginnt zu erfassen, dass es nur Körper neben anderen Körper, Objekt neben anderen Objekten ist. Die es umgebende Welt hat eine Ordnung, die ihm die Schritte seiner Entwicklung, seiner Frustrationen und seines Glückes vorgibt. Eben diese Aneignung der konkreten und symbolischen Ordnung der Welt durch die Ausprägung eigener verlässlicher Wahrnehmungsordnungen und die damit verbundene Selbstentfaltung scheint vielen Kindern im Rahmen der modernen Familie nicht mehr zu gelingen. Sie entwickeln keine ausreichend gesicherte und beständige Bindungen zu den wichtigsten Menschen ihrer Umgebung - sie »klammern« sich beispielsweise ängstlich an Mama und reißen sich gleichzeitig ständig wieder los, ihre Unruhe zieht sie hierhin und dorthin und letztlich »nirgendhin«. Ebenso wenig können sie ihre Fertigkeiten und intellektuellen Fähigkeiten emotional verankern. So greifen sie gierig nach allem und jedem, aber wenn sie das Ergriffene dann endlich »haben«, wissen sie nichts damit anzufangen. Die Freude, die etwa ein Spielzeug verspricht, findet keinen anhaltenden Widerhall in ihrer Seele, sie greifen sofort zum nächsten und so weiter. So wird auch ihr Selbstgefühl, wie ich sagte, unstet und kränkbar und bleibt in gewisser Weise immer »leer«. Sie fühlen sich fortwährend benachteiligt oder besser gesagt: um etwas betrogen, und eigentlich sind sie das auch. Ich wünschte mir nun, dass diese Verhaltensprobleme komplexer gedeutet und betreut würden, als es heute anhand eines dominierenden »ärztlichen Paradigmas«, wie der Baseler Lernforscher Prof. Hans Grissemann einmal formulierte, geschieht.

Das heißt, die Aufmerksamkeitsstörung entsteht ganz früh in der kindlichen Entwicklung?

ADS-Störungen zeigen sich in jedem Fall sehr früh. Ursächlich ist, abgesehen von den genannten rund 2 Prozent der Kinder, deren Störungen vorwiegend biologische Gründe haben, zweierlei: Das erste ist der Mangel an Stillung, Dauer und Verlässlichkeit in der frühen Kindheit, sozusagen an den Quellen der seelischen Entwicklung. Die moderne Bindungsforschung kann zur Aufhellung dieser Phänomene viel beitragen, zumal dann, wenn sie tiefenpsychologische Einsichten zu Rate zieht (für das Phantastische etwa hat die Bindungsforschung, wie alle empirische Forschung, keinen Sinn). Die andere Ursache - nur scheinbar im Gegensatz dazu - ist die Überversorgung, Überbehütung, Verwöhnung in vielen Familien. Wenn das Kind bei seinem Versuch, den schwierigen Schritt weg von Mama hin zur Ordnung der Welt zu vollziehen, immer wieder abgefedert wird, dann entwickelt es zwar kognitive und funktionale Fähigkeiten; aber es bleibt gleichzeitig seltsam »erfahrungslos«. Das passiert beispielsweise, wenn das Kind beim kleinsten Auftreffen auf ein sperriges Möbel sofort von der überängstlichen Mama aufgefangen wird und wenn sogleich - gemeinsam mit dem notwendigen Trösten -, symbioseähnliche Bindungsintensitäten wieder aufgerufen werden. Die Welt als das »kantige Andere« wird dann teilweise geleugnet. Die Unausweichlichkeit, mit der die Dingwelt sich diesem Kind bis in die körperlichen Erinnerungen hinein aufzwingt, wird übermäßig gemildert, ebenso wird der Mut und der Zorn, mit dem das Kind sich erneut dem »bösen Möbel« oder dem sperrigen Spielzeug zuwendet, geschwächt. Es lernt sich nicht im Umgang mit der Andersartigkeit der Dinge kennen. In vielen modernen Familien scheinen auf fatale Weise Bindungsunsicherheit und Überfürsorge Hand in Hand zu gehen.

Versagen demnach die Mütter? Ganz nach dem Motto: Mama ist an allem schuld'?

Diese Schuldfrage ist des Teufels! Ich wünschte, man könnte sie aus der Welt schaffen. Aber richtig ist: Wir haben es in der Beziehung von Eltern und Kind mit einer jeweils neu begonnenen, »großen Liebesgeschichte« zu tun, aber Liebesgeschichten, wie wir wissen, können auch eng und selbstsüchtig verlaufen. Die ersten Lebensjahre sind auf kaum wieder-rufbare Weise prägend. In ihnen dreht sich alles um die Abhängigkeit des Kindes von den Eltern, besonders von der Mutter, und um die Liebe der Eltern, besonders der Mutter, zu diesem Kind. Diese Beziehung und Bindung ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Erst später - darauf aufbauend - treten andere Faktoren hinzu. In der modernen Kindheit ist dies vor allem die Medienwelt, auch ihre Wirkungstiefe wird in der Debatte um ADS kaum begriffen. Sie versorgt die Kinder permanent mit narzisstischen Stimuli: mit perfekten Bildern, an denen sie sich orientieren, mit überdimensionalen, omnipotenten Figuren, vom Terminator bis zum Shadow-Man, glatte kalte Allmachtsgestalten ohne Lebensgeschichte - meist haben sie sogar keine Geburt! -, ohne Mitgefühl und ohne Gemeinschaft. Das omnipotente unverletzliche Ich, das sich in seiner soldatischen Verhärtung über allen Bedingtheit erhebt und kaum noch individuelle Züge trägt, ist ein großer narzisstischer Jungentraum. Er gewinnt in den digitalen Medienbilder eine so bisher nicht gekannte Präsenz. Die erstaunliche Kompetenz vieler Hyperaktiver Kinder im Computerspiel gehört in diesen Zusammenhang.

Was können Eltern konkret tun, wenn sie ein hyperaktives Kind haben? Kann diesen Kindern überhaupt geholfen werden?

Durchaus. Entscheidend ist, scheint mir, dass die Eltern wegkommen von ihrer Idee, dass familiäre Leben müsse im Wesentlichen harmonisch sein. Sie müssen sich lösen von dem Idealbild einer konfliktlosen Eltern-Kind-Beziehung. Sie müssen gegenüber dem Kind »das Andere", also die Welt und den Eigenanspruch der Menschen und Dinge repräsentieren. Zugleich sollten sie viel rückhaltloser, als es die allermeisten modernen Eltern tun, ihrer intuitiven Elternliebe vertrauen; sie sollten sich um mehr Klarheit, Deutlichkeit und Verlässlichkeit bemühen: Ich, Vater oder Mutter, bin für mein Kind von einzigartiger Bedeutung. Niemand sonst kann für dieses besondere Kind diese nur mir eigene Väterlichkeit beziehungsweise Mütterlichkeit aufbringen'. Oder anders formuliert, nicht ohne absichtsvolles Pathos: Elternliebe ist eine physische und metaphysische Tatsache. Sie wird von den Kindern, auch den allerschwierigsten, wie ein großes Versprechen aufgenommen. Dies ist der Ausgangspunkt jeder psychologischen Betreuung und jeder Elternberatung. Ist diese Beziehungsqualität erst einmal konkret im lebendigen Alltag wieder belebt, kann das Kind beginnen, seine verschütteten Ordnungskräfte, seine Wahrnehmungsfähigkeiten und seine sozialen Kompetenzen, kurzum, seine seelischen Selbstheilungskräfte gemeinsam mit den Eltern zu entfalten.

Das Interview führte Irène Dietschi (Erstveröffentlichung Neue Züricher Zeitung)

Wolfgang Bergmann ist diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitet das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.



Wolfgang Bergmann
Das Drama des modernen Kindes
Hyperaktivität, Magersucht, Selbstverletzung
Beltz Verlag
204 Seiten (2007)

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