Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Interviews

Interview mit Herbert Jauch über sein Grundeinkommens-Projekt

Details

Interview mit Herbert Jauch
Herbert Jauch

Ein Dorf beginnt zu wirtschaften

Herbert Jauch zählt zu den Initiatoren des Grundeinkommens-Projektes in Namibia und berichtet, wie sich ein Dorf verändert, in dem die Bewohner zwei Jahre lang ein Grundeinkommen erhielten  und was dies für die deutsche Debatte bedeutet...

Herr Jauch, wie hat das Grundeinkommen das Leben der Bewohner von Otjivero verändert?

Vor der Einführung war fast die Hälfte der Kinder in Otjivero unterernährt. Dieses Problem war nach einem Jahr praktisch verschwunden. Zudem hat sich der Anteil der Kinder, die die Grundschule erfolgreich beenden, auf etwa neunzig Prozent erhöht; vorher waren es nur vierzig Prozent gewesen. Die Wirkung im Gesundheitsbereich zeigt sich daran, dass nach einem Jahr Grundeinkommen vier Mal so viele Leute die Dienste der öffentlichen Klinik in Otjivero in Anspruch genommen haben wie früher. Zum einen hat sich also die soziale Situation verbessert. Zum anderen sind neue wirtschaftliche Aktivitäten entstanden. Außerdem hat das Grundeinkommen einen emanzipatorischen Effekt.

Welche wirtschaftlichen Aktivitäten hat das Grundeinkommen ausgelöst?

Das war das überraschendste Ergebnis des Versuchs. Die Gegend, in der Otjivero liegt, ist von Großfarmen zumeist deutschsprachiger weißer Farmer geprägt. Das Dorf liegt auf einem Flecken Staatsland dazwischen, völlig isoliert. Wir waren anfangs überzeugt, dass sich da wirtschaftlich nichts entwickeln kann. Das war letztlich auch ein Grund, warum wir uns Otjivero für den Versuch ausgesucht haben: Wenn dort etwas passiert, dann funktioniert es überall in Namibia. Es hat sich gezeigt, dass das Grundeinkommen auf zwei Seiten wirkt: Es erhöht das Einkommen von Leuten, die ein Geschäft starten, und es schafft zugleich die nötige Kaufkraft. Eine Frau backt zum Beispiel Brötchen und verkauft sie im Dorf. Mit dem verdienten Geld hat sie sich einen Herd gekauft und backt nun auch noch Brot und andere Sachen. Ein Mann fing an, Zement zu kaufen und mit Flusswasser zu mischen, und stellt nun Backsteine her. Das war alles nur möglich, weil das Grundeinkommen einen Markt geschaffen hat für diese Produkte.

Die Befürworter von Mikrokrediten sagen, es sei besser, den Leuten Geld zu leihen, statt es ihnen zu schenken. Nur dann sei gewährleistet, dass sie es vernünftig verwenden. Widerlegt Ihr Versuch diese Annahme?

Absolut. Es wäre widersinnig, den Leuten in Otjivero nur Mikrokredite zu geben. Wem sollte die Frau ihre Brötchen verkaufen? Wem verkauft der Mann seine Ziegelsteine? Mikrokredite schaffen keine Nachfrage. Sie kurbeln zwar die Produktion an, aber nicht den Verkauf. Das bedeutet nicht, dass sie in Otjivero sinnlos wären. Aber statt des Grundeinkommens Mikrokredite zu geben wäre Unsinn.

Hat das Grundeinkommen auch unerfreuliche Wirkungen gehabt?

Ein negativer Effekt hat uns wenig überrascht: der Zuzug nach Otjivero. Wenn in Namibia jemand seine Arbeit verlor, gab es ja noch die Verwandten in Otjivero.

Intzerview mit Hermann Jauch
© Dirk Hamann

Aber die Zugezogenen erhalten doch kein Grundeinkommen.

Aber sie teilen das Geld dann nicht mehr unter acht, sondern unter zwölf oder 14 Familienmitgliedern auf. Diese Erfahrung ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Grundeinkommen landesweit eingeführt werden müsste. Oder sogar in der gesamten Region, um Zuzüge über Landesgrenzen hinweg zu verhindern.

Wie stark ist die Bevölkerung von Otjivero gewachsen?

Wir haben ungefähr mit 1100 Leuten angefangen und jetzt sind es wohl 100 bis 200 mehr.

Wie hoch ist der Anteil der Leute, die ihr Grundeinkommen sinnlos verjubeln?

Ganz klein. Die Leute haben auf eigene Initiative ein Komitee gegründet, um sich gegenseitig zu beraten, wie mit dem Geld umzugehen ist. Zum Beispiel wurde beschlossen, dass am Zahltag die Kneipen geschlossen bleiben. Die Auszahlung des Einkommens für die Kinder erfolgt außerdem in aller Regel an die Frauen, sodass ein Mann bestenfalls sein eigenes Einkommen versaufen kann, während das Geld für die anderen sieben Familienmitglieder bei der Frau bleibt. Das Grundeinkommen hat den Frauen deutlich mehr Einfluss in wirtschaftlichen Angelegenheiten gebracht. Das hat ihre Position gestärkt.

Ist das die emanzipatorische Wirkung, die Sie eingangs angesprochen haben?

Ja, vor allem die Frauen sind selbstbewusster geworden. Wir hatten im Februar ein erstes Treffen mit allen umliegenden weißen Farmern, die uns nun doch unbedingt einmal sehen wollten. Bis dahin hatten sie nichts mit uns zu tun haben wollen. Das Dorfkomitee von Otjivero war bei diesem Treffen dabei, und eine Frau hat den Farmern direkt die schlechten Arbeitsbedingungen auf den Farmen vorgeworfen. Das war nur möglich, weil sie dank des Grundeinkommens nicht mehr auf diese Arbeit angewiesen ist. Die Machtverhältnisse zwischen Dorfbewohnern und Farmern haben sich verändert.

Ist das der Grund, dass die Farmer dem Projekt so ablehnend gegenüberstehen?

Interessant war, dass die Farmer am Ende dieses Treffens die Fortschritte in Otjivero gar nicht abgestritten haben. Zum Beispiel ist die von ihnen beklagte Kriminalität wie Wilderei und Holzdiebstahl laut Polizeistatistik um sechzig Prozent gesunken. Der wahre Grund für ihre Ablehnung ist, dass sie das Dorf schon immer als Schandfleck betrachtet haben. Sie wollten es eigentlich weg haben. Und als sie dann hörten, dass die Bewohner nun auch noch Geld kriegen, dachten sie, nun werden wir die gar nicht mehr los. Ich glaube nicht, dass es Vorbehalte gegen das Grundeinkommen als solches gibt, auch nicht gegen eine landesweite Einführung.

Was denkt die namibische Regierung?

Einige der Minister haben sogar persönlich für das Projekt gespendet, aber unser derzeitiger Präsident ist leider etwas zögerlich. Der Premierminister ist der Ansicht, dass es nicht gut gehen kann, den Leuten Geld zu schenken. Das Finanzministerium ist stark beeinflusst vom Internationalen Währungsfonds, der sich strikt gegen ein Grundeinkommen ausgesprochen hat. Es gibt also noch einige Widerstände, die nur mit Druck von unten zu überwinden sind. Aus einer Erwartung an die Regierung, das Grundeinkommen einzuführen, muss eine Forderung werden.

Andere Länder wie Brasilien oder Mexiko haben gute Erfahrungen gemacht mit Sozialtransfers, die an Konditionen geknüpft sind, etwa dass Eltern ihre Kinder zur Schule schicken. Was ist der Vorteil eines bedingungslosen Grundeinkommens?

Alle Programme, die an Bedingungen geknüpft sind, enthalten die Gefahr, dass sie nicht alle Bedürftigen erreichen. In Brasilien sollen etwa 15 Millionen Familien Geld bekommen, tatsächlich sind es nur etwa 12,5 Millionen. Das namibische Modell erwischt alle und ist zudem viel kostengünstiger: Wir brauchen keine Bürokratie, die überprüft, ob ein potenzieller Zahlungsempfänger alle Bedingungen erfüllt hat. Damit ist auch Korruption weitgehend ausgeschlossen. An einem Grundeinkommen hängt zudem kein Stigma wie an Sozialtransfers: Das kriegt sogar der Ministerpräsident, wenn er jünger als sechzig ist.

In Deutschland hat sich unlängst der katholische Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen, unter anderem weil es die Chancen der Geldempfänger auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessere. Was entgegnen Sie dem?

In einem Land wie Namibia zumindest, in dem die offizielle Arbeitslosigkeit bei über fünfzig Prozent liegt, ist die Vorstellung absurd, dass sich alle über Lohneinkommen am Leben halten können. Die Wirtschaft schafft einfach viel zu wenige Arbeitsplätze. Auch in den Industrieländern ist die Arbeitslosigkeit ja nicht mehr nur konjunkturell, sondern zunehmend strukturell bedingt. In einer solchen Situation kann ein Grundeinkommen ein erster Schritt zu einem Umbau sein.

Verführt ein staatliches Grundeinkommen nicht die Unternehmer dazu, geringere Löhne zu zahlen?

Solcher Missbrauch ist natürlich denkbar. Es kann aber auch umgekehrt passieren, dass die Leute sagen, zu diesen schlechten Löhnen arbeiten wir nicht mehr. Wir haben das in Otjivero bei einer Frau erlebt, die als Hausangestellte auf einer Farm so wenig Geld bekommen hat, dass sie irgendwann gegangen ist und heute zu besseren Bedingungen arbeitet.

Die Pilotphase Ihres Projekts ist zu Ende. Wie geht es nun weiter in Otjivero?

Unser Ziel war, die Regierung bis zu den Wahlen Ende 2009 dazu zu bewegen, das Grundeinkommen landesweit einzuführen. Das ist nicht gelungen. Auf der anderen Seite war es für uns undenkbar, den Leuten in Otjivero, die in den vergangenen zwei Jahren so viel erreicht haben, den Hahn jetzt wieder zuzudrehen. Also haben wir zusammen mit dem Dorf beschlossen, für die kommenden zwei Jahre ein reduziertes Überbrückungsgeld von achtzig Namibia-Dollar im Monat zu zahlen. In dieser Zeit müssen wir die Regierung überzeugen.

Das Interview führte Tillmann Elliesen (Erstveröffentlichung Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, Ausgabe 8/2010)

Herbert Jauch zählt zu den Initiatoren des Grundeinkommens-Projektes in Namibia und ist Sprecher der Koalition, die das Projekt trägt. Der Politikwissenschaftler und Gewerkschafter arbeitet in der namibischen Hauptstadt Windhoek. Er ist Gründungsdirektor des Labour Resource and Research Institutes LaRRI, das das Pilotprojekt wissenschaftlich begleitet.

Links

{jcomments on}
   
© Connection AG 2015