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Interviews

Interview mit den Veranstaltern der Herbstakademie Frankfurt

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Interview mit den Veranstaltern der Spirituellen Herbstakademie
Dr. Jens Heisterkamp

Welche Kraft steckt in unserer Seele?


In einer Tradition von nunmehr fünf Jahren findet vom 15. bis 17. Oktober 2010 wieder die Spirituelle Herbstakademie, dieses Mal mit dem Schwerpunkt »Die Kraft der Seele«, in Oberursel bei Frankfurt statt. Die Teilnehmer kommen aus den verschiedensten spirituellen Richtungen und wollen den intersubjektiven Seelenraum  erfahren und erforschen. In diesem Interview gewähren die drei Hauptveranstalter Dr. Jens Heisterkamp, Chefredakteur des Info3-Verlages, Sonja Student als Vorsitzende von »Die Integrale Akademie« (DIA) und Dr. Tom Steininger, Chefredakteur der deutschen Ausgabe der Zeitschrift »Enlightennext«, Einblicke in den kollektiven Spirit der Herbstakademie. 

Wieso seid Ihr dieses Jahr ausgerechnet auf ein Thema gekommen, zu dem ganz viele unterschiedliche Erlebniswelten und Ansichten bestehen? Wie kommt man dazu, Seele zum Thema einer Akademie zu machen?

Jens: Mir ist aufgefallen, dass spirituell interessierte Menschen den Fokus häufig auf »das Eine« legen, in dem sie aufgehen möchten. Das ist ein sehr östlicher Weg. Eckhard Tolle ist ein bekannter Vertreter dieses Ansatzes. Was man aber biografisch ist, wird bei den östlichen Wegen oft nicht in den Blick genommen. Und der besondere Reiz des Themas ist es, da einmal genauer zu hinzuschauen, was jeder Einzelne als seelisch-geistiges Wesen ist, was er also beim Zugehen auf dieses Eine (den Grund des Seins) mitbringt. Der abendländische Ansatz spricht hingegen dem individuellen, tiefen Selbst (im englischen »‚unique self«) mehr Bedeutung zu. Ich habe die Erwartung, diesen Zusammenhang zu würdigen, weil in diesem tiefen Selbst auch eine besondere Kraft steckt und man sich durch sie alte Schätze erschließen kann.

Sonja: Einerseits bemerke ich bei diesem Thema zunächst einen Wunsch nach Klärung: was überhaupt gemeint ist, wenn wir über Seele sprechen. Das heißt, wir müssen uns erst mal verständigen, ob der Zugang zu höheren Bereichen gemeint ist, so wie sie in den Grundzügen des Kosmos zu erkennen sind, oder eben nicht.
Ein Ziel kann dabei sein, zu erkennen, wie die unterschiedlichen Traditionen das Seelische ausdrücken und wie wir das übersetzen können, damit es für uns verständlich wird und wir zu einer tieferen Verständigung kommen. Andererseits stellt sich die Frage, gibt’s dann nur noch dieses Eine, auf das die Seele sich hinentwickelt, oder gibt’s da immer noch mehr? Also anders ausgedrückt, gibt es eine Individualität jenseits der Getrenntheit? Wie verkörpert dieses einzigartige Selbst dann dieses Eine in den Vielen? Die Traditionen sprechen vom Sterben des Selbst in die Non-Dualität hinein. Was passiert da aber mit der Seele, wenn wir diese Einheitserfahrung gemacht haben, was verändert sich und was bedeutet das für unsere Verpflichtung? Das Eine kann sich doch nur durch das entwickeln, was wir mitbringen.

Tom: Das Spannende ist für mich die Kraft der Seele an sich, wie schon im Titel angedeutet. Praktisch gesehen hält jeder Einzelne etwas: Innerlich muss Spannungsverhältnis gehalten werden und das ist die Kraft der Seele, dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Individuellen und dem Absoluten, transparent für etwas und Ausdruck von etwas zu sein. Man ist sowohl Individuum, als auch Ausdruck von etwas Universellem als Seelenkraft. In beiden Dimensionen leben zu können, ist, was die Kraft der Seele ausmacht.Wie leben wir das? Wie weit ist jemand ganz da und Ausdruck von etwas Größerem? Es ist intuitiv wahrnehmbar, wenn jemand diese Doppelheit ist. Und es ist auch etwas anderes, Ausdruck von etwas zu sein in unserer speziellen Form, als nur im Absoluten aufzugehen.
Aurobindo spricht zudem noch von einer Volksseele oder Gruppenseele. Hier ist die Kraft des Individuellen nicht nur die Kraft eines Einzelnen. Sie erscheint als Individualität auf einer gemeinsamen Ebene, gewissermaßen, um da etwas zu halten. Diese Individuen entwickeln auf ihre bestimmte Art eine gemeinsame Seelenkraft, die nur für diese individuelle Gruppe zutrifft. Das Individuelle trifft, was seine bestimmte einzigartige Aufgabenstellung ist und das reflektiert sich sowohl im individuellen als auch im kollektiven Kontext in einer bestimmten, einzigartigen Situation. Trotz des gemeinsamen Menschseins zeigt sich durch andere Hintergründe eine andere Farbe.

Woran erkenne ich denn den Impuls meiner Seele bzw. woher weiß ich, dass es eben nicht mein Ego ist, das jetzt irgendetwas will?
Sonja: In meiner eigenen Erfahrung war es z. B. so, dass ich die erste Zeit meines Lebens Atheistin war und dann plötzlich ein Bedürfnis aufgetaucht ist, das mich auf die Suche geführt hat. Da gab es Erfahrungen mit Lichterscheinungen und mitfühlender Liebe. Auf einmal war die Welt viel größer. Da hat sich phänomenologisch ein Teil in mir gemeldet, der sich entfalten wollte. Dieser Teil war zwar persönlich, aber wies auf etwas, das weit über mich hinaus geht.

Tom: Wenn ich mich als Ausdruck eines Werdensprozesses wahrnehme, braucht es die Seele, sprich mich als Individuum, also mein authentisches Selbst, um diesen Werdensprozess überhaupt zu ermöglichen.

Da höre ich unsere aktive Rolle in der Welt heraus. Inwiefern wird es auf der Herbstakademie auch einen Bezug zu den aktuellen Krisen in der Welt geben?
Sonja: Also nicht so direkt, als dass man bespricht, wie man dies und das verbessert, aber in Bezug auf die Verbindungen zwischen den Dimensionen schon. Die sehe ich so: Ruhe in der Unendlichkeit und verwirkliche daraus dein einzigartiges Selbst und schaue, dass die Erde ein Platz wird, wo das große Ganze verwirklicht wird und setze dabei all deine Talente ein. Die Verwirklichung sieht individuell verschieden aus, jeder an seinem Platz, nach seinen Möglichkeiten, in Kooperation mit anderen, jeder bestmöglich… Ich selbst z.B. im Erziehungssystem, andere vielleicht als Eltern, wo auch immer… Es ist diese Mischung aus Bodhisattva und Aktivist, könnte man sagen, die diese Wahrheit lebt, die Bewusstheit über das Unendliche in die Welt bringt.
Formt sich da etwas zu einer Art Kulturauftrag?
Tom: Der ganze Steinersche Ansatz, so wie ich ihn verstehe, ist ein Versuch, die Vergeistigung, besonders auch durch das seelische Element, voran zu bringen, damit die Modernität aus einer Tiefe heraus eine neue Lebendigkeit findet.

Jens: Ja genau - die ganze Achtsamkeitsbewegung ist der Ansatz, das Seelische, das von Natur aus immer eine Eigenbindung hat, durchlässiger werden zu lassen, im Sinne von Mitgefühl, um diese Rückbindung auf das Eigene zu überwinden. Insofern funktioniert ein spiritueller Weg auch nur, wenn er die Verwandlung des Seelischen berücksichtigt.

Tom: Genau, und in diesem Sinne ist es sicherlich möglich, die Herbstakademie ‚menschlich’ zu organisieren, aber letztlich hängt alles davon ab, was die Teilnehmer halten können. Es liegt an der seelischen Tiefe des Einzelnen, diese wahrzunehmen, zu schätzen und sich darin auch zu begegnen. Aber selbst die Qualität innerhalb von Firmen und Gesellschaften hängt von der Wertschätzung einer kritischen Masse ab, die diesen Seelenraum öffnen und halten kann.

Jens: Mir fällt zu dem Thema noch ein ganz anderes Phänomen ein. Wenn man Ohnmacht erfährt z.B. durch eine biografische Krise, geht man erst mal durch die Dramen der inneren Hölle und dann wird das Seelische plötzlich leer und das sind Momente, in denen eine enorme Offenheit für Entwicklung auftaucht. Es gibt auch so etwas wie eine kollektive Ohnmacht z.B. jetzt mit dem Öl im Golf von Mexiko. Diese Erfahrungen zeigen uns allen: es geht so nicht weiter! Genau in diesem Leeraum entsteht eine Möglichkeit. Jetzt erleben wir so eine Erfahrung kollektiv, das Seelische stößt an Grenzen. Und Seele meine ich hier als etwas ganz Existenzielles. Ohne die Ohnmachtserfahrungen des 2. Weltkrieges wären bestimmte Dinge gar nicht erst entstanden, wie z.B. die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Verfassung der Bundesrepublik. Die Ohnmachtserfahrung hat zu einer anderen Entschlusskraft geführt, zu der, die Dinge auch dauerhaft zu verankern.

Interview mit den Veranstaltern der Spirituellen Herbstakademie
Dr. Tom Steininger

Beim Thema Ohnmacht möchte ich einmal auf mögliche Gefahren zu sprechen kommen. Wie stark siehst Du auf dem inneren Weg die Gefahr, doch eher von persönlichen Elementen geleitet zu sein?
Jens: Wir sehen doch überall, wie stark die eigene Seele ihre Prägung hinterlässt; auch die großen Lehrer prägen seelisch ihr Werk, durch die Atmosphäre, die sie verbreiten, die Stimme etc. Auch wenn das Werk von ihrem Hauptmotiv durchtränkt ist, und manchmal kann man das schwer unterscheiden, ist es immer seelisch gefärbt. Die Aufforderung ist also, sich das genau anzuschauen.

Sonja: Die Gefahr, wenn ich mich nach Innen wende, könnte so aussehen, dass ich mich nur innerlich weiterentwickele: vielleicht vernachlässige ich das Äußere, denke nur an mein Seelenheil, handele vielleicht unethisch in meiner Firma, vernachlässige möglicherweise meine Kinder oder Eltern. Man muss also immer auf beides achten und wenn sich im Innen etwas verändert, muss das auch im Außen seinen Ausdruck finden. Umgekehrt gilt das ebenso. Man sieht auch öfter, dass Aktivisten, die im Außen für etwas eintreten, sich nicht so genau mit ihrem Innenleben auseinandersetzen.

Tom: Insofern Seele jedoch richtig verstanden wird, sehe ich keine Gefahr darin, sich mit ihr zu beschäftigen, eben weil Seele nicht nur persönlich ist. Die Größe der Seele drückt sich ja gerade in der Durchlässigkeit für etwas Größeres aus, nicht in ihrer Durchlässigkeit für niedere Impulse.

Sonja: Der Mensch ist aber auch beides, Niederes und Größeres und Teile der Psyche können in uns vernachlässigt sein, wie etwa bestimmte Thematiken, die nicht bewältigt wurden und dadurch z.B. das Zusammenleben mit anderen Menschen beeinträchtigen, unterdrückte Teile, die man durch alle Entwicklungsebenen mitnimmt und die sich störend auswirken. In diesem Falle wäre Psychotherapie oder Schattenarbeit wichtig und deshalb darf ein Model auch nicht zu einfach sein. Ein spiritueller Weg wirkt als Erweiterung des Seins, und die vertikale Entwicklung ist die Erweiterung unserer Fähigkeiten. Anteile in uns, die verloren gegangen sind, müssen wir uns, z. B. durch Schattenarbeit, wieder aneignen. Ein Model muss komplex genug sein, um die Wirklichkeit überhaupt wiedergeben zu können. Du kannst auch in der Einheit sein und ein erleuchteter Idiot, schlimmstenfalls, was nicht gegen das Ruhen in der Einheit spricht, aber man sollte auch die große Schwäche betrachten, die vielleicht Menschen in der Umgebung peinigt. Man muss sehr genau hinschauen, um herauszufinden, was ist der Schatten, wie weit die spirituelle Entwicklung (hier im Sinne von Seele) und wo ist die Entwicklung in den Strukturen angelangt. Das ist das Minimum an Unterscheidung. Immer, wenn man nach dem einen Aspekt fragt, muss auch der andere angeschaut werden.

Wie führt nun das Motto »Die Kraft der Seele« das Spannungsfeld zwischen Aufklärung und Erleuchtung weiter?
Jens: Die Herbstakademie sehe ich als ein ausgezeichnetes Übungsfeld in genau diesem Spannungsfeld, eben, weil es beides braucht, die Bemühung um aufklärende Begrifflichkeit und Spiritualität im Sinne des Heranziehens großer Kontexte, großer Traditionen und spiritueller Erfahrungen.

Sonja: Genau. Aufklärung als Prozess der immer größer werdenden Bewusstheit und erlebter Fürsorge in der Welt ist der Weg der Strukturentwicklung. Hier ist Individualität überhaupt erst aufgetaucht und diese hat auch zur Veränderung der Erleuchtung geführt und zur Frage: Wie können wir heute, in unserer Zeit, eine Spiritualität verwirklichen, die dem Rechnung trägt, was die Menschheit bisher hervorgebracht hat und die gleichzeitig weiß, dass wir nicht getrennt sind? Und die Seele ist dabei der Teil, der das enge Selbst, was nur im Körper ist, erweitert, hin zu dem Bereich, wo es keine Trennung mehr gibt. Und wir brauchen wirklich dringend beides.

Interview mit den Veranstaltern der Spirituellen Herbstakademie
Sonja Student

Noch einmal zum Begriff »einzigartiges Selbst«, der anfangs angeklungen war. Warum nicht einfach nur Selbst?
Sonja:  Klingt das narzisstisch? Aber die Seele stirbt doch in Gott, vorher läuft nichts, vorher ist sie die suchende Seele und die Reinigung vollzieht sich im Urgrund des Seins, in Gott, vorher läuft nichts, vorher ist sie die suchende Seele und die Reinigung vollzieht sich im rage, durch wen geschieht es und das verlangt ja was unheimliches Aktives.

Jens: Ich würde den Willen hier sogar höher einstufen, denn in dem Moment, in dem ich von dem Zurückfallen in meine alte Gewohnheit bedroht bin, muss ich mich ja wieder aufraffen. Wo ist im Seelischen so etwas wie der göttliche Funke angelegt, der das zulässt?

Der göttliche Funke - das klingt sich nach dem Feuerelement. Möchte jemand von Euch etwas dazu sagen, besonders in Bezug auf die Demut?
Sonja: Es ist der Entwicklungsimpuls, der etwas hervorbringen will, die Seite von Willen und Mut, die aber gleichzeitig das Größere zulässt, was an sich eine demütige Haltung ausmacht.

Tom: Beim Größeren würde ich jetzt diese Passivität nicht zulassen, sondern es als den Auftrag selber sehen, zur Manifestation des Größeren zu werden und darin liegt etwas unheimlich Aktives und etwas Demütiges, weil du radikal heldisch gefragt bist, auf die Knie zu gehen.

(alle lachen)

Sonja:  Ja eigentlich widerspricht es sich und ist doch eins: Aurobindo beschrieb es als ein Sich-Öffnen und es zulassen, den Widerstand dagegen aufgeben.

Jens: Irgendwann bekommt dieser Funke dann auch so etwas wie Muskeln und irgendwann ist er stark genug. Dann passiert kein Zurückfallen in das alte Muster mehr und die nächste Stufe kann vorgenommen werden. Dann ist aus einem Zustand eine Struktur geworden.

Sonja: Ja, wenn man das Geschenk eines Zustandes erhalten hat, so eine plötzliche Öffnung z.B., und sich fragt, wie das denn nun zu halten sei, dann kommt Wille ins Spiel. Den braucht man, um auf der Höhe des Wissens zu leben.

Jens: Genau und jetzt sieht man auch, dass uns das wirklich in die Praxis der Seelenentwicklung hineinführt.

Schön. Was können wir denn abschließend als den wesentlichen Punkt einer spirituellen Praxis von Seelenkraft benennen?
Tom: Wie vorhin angesprochen, geht es natürlich erst mal um die Erfahrung von etwas, das eine größere Dimension darstellt - die Nicht-Begrenztheit. Mit welcher Praxis auch immer man dahin gelangt, ob über Meditation oder mit einer anderen Methode. Der besonders wichtige Teil der spirituellen Praxis ist es, diesen Teil offen zu halten und sich dem hinzugeben, indem ich eine Wertschätzung für dieses Größere pflege, was sich auch darin ausdrückt, wie ich mein Leben lebe. Das verlangt eine Subtilität der Wahrnehmung und auch eine Präzision in der Wahrnehmung des Gegenpols, nämlich meiner Arroganz und Selbstbezüglichkeit. Denn wenn ich nicht beide Pole wahrnehmen kann, kann ich darüber keine Klarheit haben und auch keine Klarheit in meinen Entscheidungen. Der Kern der Praxis ist es, den Muskel der Seelenkraft zu stärken, sozusagen, das diese Dimension erstens eine lebendige Gegenwart ist und zweitens, dass ich mich real dazu verhalte, also ein Momentum dessen bin, statt das Momentum meiner Getrenntheit zu leben. Das ist gleichzeitig die Praxis von Seelenstärke.
Wir danken ganz herzlich für diese inspirierenden Einblicke und freuen uns auf eine Herbstakademie, die erhellt und verbindet; und deren Evolutionscafes’ und Integrationsrunden die Kreativität aller Anwesenden herausfordert.

Das Interview führe Livia Koll, www.erste-onlineberatung.de

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