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Lebenskunst/Weisheit

Portrait Eckhart Tolle

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Portrait Eckhart Tolle
Eckhart Tolle © Wir

Der Lehrer der Stille

Eines Morgens wachte er auf und wusste, dass sein Leben nicht mehr so weiter gehen kann wie bisher. So wurde Eckhart Tolle zu einem der bedeutendsten spirituellen Lehrer der Gegenwart...

Wer ihn nicht kennt, mag auf den ersten Blick wohl sagen: »Was für ein komischer Kauz«. Und was für merkwürdiges Zeug er redet! »Es gibt keine Zukunft, es gibt keine Vergangenheit. Es gibt nur das Jetzt«. Oder: »Was du Ich nennst gibt es nicht. Es ist nur ein Gedanke«. Das klingt irgendwie schräg. Dazu das äußere Erscheinungsbild: Cordhose, Hemd, Pullunder – alles nichtssagend. Ein halblebiger Backenbart – nichtssagend. Dazu ein fleischiges Gesicht mit kleinen, fast etwas schweinchenhaften Augen. Wirklich, ein kauziger Typ, dieser Eckhart Tolle.

Zehn TV-Shows in Folge

Dass dieser kauzige Typ einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer der Gegenwart ist – darauf kommt ein Normalsterblicher so leicht nicht. Aber tatsächlich: Die Bücher von Eckhart Tolle wurden millionenfach verkauft. Sein Erstlingswerk »Jetzt!« wurde in 35 Sprachen übersetzt. Und dann entdeckte ihn auch noch Amerikas beliebteste TV-Talkmasterin Ophrah Winfrey. Zehn Sendungen hat sie allein ihm und seinem jüngsten Buch »Eine neue Erde« gewidmet. Über das Internet haben Millionen Menschen überall auf der Welt zugeschaut. Für einen spirituellen Lehrer ist das Weltrekord. Und es ist verblüffend. Denn was Eckhart Tolle lehrt, ist beileibe nicht neu. Es sind Versatzstücke aus östlichen Weisheitslehren, westlicher Mystik und moderner Wissenschaft. Und auch wie er es lehrt, reißt einen nicht gerade vom Hocker. Drei Stunden sitzt er auf demselben Stuhl und redet mit wenig veränderter Stimme. Unterhaltsam ist das nicht.

Sätze, die das Herz berühren

Aber es ist einfach – und klar. Und es ist das gerade Gegenteil von dem, was die Mehrheit der Menschen von heute kennt und lebt. Er lehrt Sätze wie: »Die Stille ist dein wahres Wesen«; »Das Einzige, was wirklich ist, was je da ist, ist das Jetzt«. Oder: »Du bist das eine Leben, das eine Bewusstsein, von dem das ganze Universum erfüllt ist«. Ob man es glaubt oder nicht: Diese Sätze treffen Millionen Menschen im Herzen.

Anders lässt sich jedenfalls kaum erklären, dass Eckhart Tolle eine solche Resonanz findet. Ihm gelingt es, auf eine einfache Weise und in einer nicht religiös gefärbten Sprache die Menschen in ihrer tiefsten Sehnsucht anzusprechen: der Sehnsucht nach einer einfachen, friedlichen, erfüllten Existenz – nach Heilung und innerer Ruhe, ohne Stress und ohne Hektik. Und dieser großen Sehnsucht ruft er zu: »Jetzt! Hier!«.

Portrait Eckhart Tolle
Eckhart Tolle © Wir

Das Leben ist jetzt

Im Originaltext hört sich das so an: »Du wirst nicht in der Vergangenheit oder Zukunft zu dir selbst finden. Der einzige Ort, wo du zu dir selbst finden kannst, ist das Jetzt.« Da fragt man sich: Wie kommt Eckhart Tolle darauf? Was befugt diesen Mann, so zu reden? Die Antwort lautet: Erfahrung – eine Erfahrung, die den damals 29-Jährigen aus heiterem Himmel übermannte und sein ganzes Leben veränderte. Er beschreibt diese Erfahrung als die völlige Auflösung seiner Identität. Und als das glasklare Bewusstsein umfassenden Eins-Seins – mit allem. Ununterschieden, ungetrennt, grenzenlos. Und das alles in einem einzigen Jetzt.

Zu dieser Zeit war Eckhart Tolle ein leidlich erfolgreicher Dozent an der ruhmreichen Universität von Cambridge. Ein langer und kurvenreicher Weg hatte ihn dort hingeführt. Geboren wurde er in Dortmund, doch kam er dort mit der Schule nicht klar. Deshalb floh er im Alter von 13 Jahren zu seinem Vater nach Spanien, führte ein Lotterleben, siedelte dann aber nach England, holte das Abitur nach und begann ein erfolgreiches Studium. Nur, glücklich war er nicht. Den jungen Dozenten quälten Depressionen und Selbstzweifel. Sogar Selbstmordabsichten waren ihm nicht fremd. Bis er an einem Morgen des Jahres 1977 nach einer qualvollen Nacht mit dem Bewusstsein aufwachte: »Ich kann mit mir selbst nicht mehr weiterleben«.

Wie kann es sein, dass in mir jemand sagt, dass er mit mir nicht mehr weiterleben kann?

Dieser, wie er sagt, »sonderbare Gedanke«, wurde zu seinem Schlüsselerlebnis. Denn er fragte sich: Wie kann es sein, dass in mir jemand sagt, dass er mit mir nicht mehr weiterleben kann? Wer ist es, der mit dieser absoluten Klarheit all das durchstreicht, was ich bis dahin für mich selbst gehalten hatte? In diesem Augenblick, so schildert er es in seinem Buch »Jetzt!«, machte es in ihm Klick. Und er erwachte zu seinem »wahren Selbst«, das so viel mehr und so viel weiter ist als das kleine Ich, mit dem er sich bis dahin identifiziert hatte. »Was zurückblieb, war meine wahre Natur – das stets gegenwärtige Ich bin: reines Bewusstsein«.

Zwei Jahre auf der Parkbank

In dieses Bewusstsein ließ er sich hineinfallen – und wurde dann wohl tatsächlich zu dem, was man einen komischen Kauz nennt. Zwei Jahre, erzählt er, habe er nach diesem Erwachen in einem entrückten Zustand verbracht – vollständig aus allem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen, »auf Parkbänken sitzend in einem Zustand intensivster Freude«. Erst als die Intensität etwas nachließ und Freunde und Bekannte ihn immer öfter um Rat fragten, entschied er sich, in die Welt zurückzukehren.

Wenn es in dir wirklich still wird und der rastlose Strom der Gedanken verebbt, dann öffnet sich eine Dimension, die größer und tiefer ist

Und da ist er nun. Da ist er und lehrt einer geschäftigen Welt die Stille: »Die Stille ist dein wahres Wesen«. Das heißt: Wenn es in dir wirklich still wird und der rastlose Strom der Gedanken verebbt, dann öffnet sich eine Dimension, die größer und tiefer ist. Denn dann wirst du dir des Raumes bewusst, in dem all unser Denken stattfindet – und der all unser Denken überdauert. Tolle nennt ihn »reines Bewusstsein". Er sagt: »Der Bereich des Bewusstseins ist viel größer, als sich verstandesmäßig ermessen lässt. Wenn du nicht länger alles glaubst, was du denkst, löst du dich vom Denken und siehst klar, dass der Denker nicht der ist, der du bist«.

Du bist das eine Leben

Sondern? Auch darauf weiß Eckhart Tolle eine Antwort: »Du bist das eine Leben, das eine Bewusstsein, von dem das ganze Universum erfüllt ist«. Du bist das, was Theologen vielleicht Gott nennen würden, oder Philosophen »reines Sein«. Das ist, wenn man so will, die gute Nachricht, die Eckhart Tolle seinen vielen Millionen Lesern überbringt: »Tod ist nicht das Gegenteil von Leben. Leben hat kein Gegenteil. Leben ist unvergänglich.«

Vergänglich jedoch ist das Ich: das, was wir von uns denken, aber in Wahrheit gar nicht sind. Das ist die schlechte Nachricht – aber eben nur für diejenigen, die sich weigern, die Verwechselung von Selbst und Selbstbild aufzugeben. Und die immer in der Vergangenheit ihrer eigenen Geschichte leben oder in der Zukunft ihrer Hoffnungen und Ängste. Wer hingegen im Jetzt lebt und sich wirklich frei von allen Gedanken, Wertungen und Interpretation dem hingibt, was ist, braucht weder Ängste noch Hoffnung. Denn er ist ganz da, sagt Tolle.

Vision für eine neue Erde

Und noch eines ist Eckhart Tolle wichtig: Wer ganz da ist, hat es auch nicht länger nötig, sich gegen andere abzugrenzen. Wieso sollte er auch, wenn es im Bewusstsein des Jetzt keine Grenze gibt? In dieser Überlegung – oder besser: Erfahrung – schwingt die politische Komponente im Denken des Eckhart Tolle, die er vor allem in dem Buch »Eine neue Erde" entwickelt hat und die ihm sehr am Herzen liegt. Denn er ist überzeugt, dass es für die Menschheit nur dann ein Fortkommen gibt, wenn immer mehr Einzelne zum Jetzt erwachen und die große Stille hinter ihren Urteilen und Gedanken als ihr wahres Wesen erkennen.

Eckhart Tolle hat diese Erfahrung gemacht. Und tatsächlich: Er ist ein friedlicher Typ. Er macht kein Aufhebens um sich. Sein Ich ist ihm wirklich schnurzegal. Das macht ihn sympathisch. Und eben auch ein bisschen kauzig. Aber nun: Wenn kauzige Typen Millionen Menschen dazu bewegen, mit sich und den Anderen ihren Frieden zu machen, dann sollen sie uns wärmstens willkommen sein. Eckhart Tolle, der Lehrer der großen Stille, ist ein Glücksfall für unsere lärmige Welt.

Dr. Christoph Quarch (Erstveröffentlichung in »Wir - Menschen im Wandel«)

Das neue Magazin »WIR - Menschen im Wandel« mit seiner Zusammenschau von Themen aus Gesellschaft, Politik, Ökologie, Wirtschaft, Lebensführung und Bewusstseinsfragen möchte eine bestehende Lücke im öffentlichen Diskurs schließen und all denen eine Stimme verleihen, die sich mit Kritik nicht begnügen, sondern Teil der Lösung sein möchten. Gegründet von den Journalisten Dr. Jens Heisterkamp, Dr. Christoph Quarch und Dr. Nadja Rosmann will WIR eine öffentlich wahrnehmbare Stimme für den Wandel sein. Eine kostenlose Nullnummer steht online zur Verfügung, das erste reguläre Heft erscheint im Juni 2011

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