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Lebenskunst/Weisheit

Was ist Bedeutsamkeit?

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Was ist Bedeutsamkeit?
Richard Baker Roshi

Unberührte Stille

Wann billigen wir einem Ereignis, einem Menschen, einer Begegnung, einer Beziehung Bedeutsamkeit zu? Eine bedeutsame Begegnung mit dem Zen-Lehrer Richard Baker Roshi, Abt des Buddhistischen Studienzentrums im Johanneshof und sein Satz, dass eine Beziehung aus den vier Faktoren, Verbindung, Trennung, Kontinuität und Bedeutsamkeit bestehe, löste in der angehenden Philosophin Ellen Wilmes eine philosophische Betrachtung über die Bedeutung von »Bedeutsamkeit« aus...

Das Wort Bedeutsamkeit begegnete mir auf einem Zenseminar mit dem Zenmeister Richard Baker Roshi. Er sagte, dass eine Beziehung aus den vier Faktoren, Verbindung, Trennung, Kontinuität und Bedeutsamkeit besteht. Alles wichtige Begriffe, wichtige Worte, jedoch blieb ich bei der Bedeutsamkeit mit meinen Gedanken hängen. Mir fielen zuerst Wortfelder ein, die ich damit assoziierte: Wertschätzung, Aufmerksamkeit, sich zurücknehmen können, das Andere sein lassen, bedeutsam sein, eine Auslegung finden und entdecken, die zur Eigenen passt, etwas das ineinander greift wie zwei Hände, ein Etwas, das hineingreift in das Eigene, Etwas, das mir etwas klar macht, es erleuchtet, behellt und sichtbar macht.

Bedeutsames ist Bedeutung und hat Bedeutung. Es ist ein Deuten, das für einen selbst bewusst oder unbewusst etwas hervorhebt, auftauchen lässt, erscheinen lässt, so dass es eben zu einer Bedeutsamkeit wird. Da ist der Mensch, dem du begegnest, der sich aus den Menschen rundherum hervorhebt, den du wahrnimmst, weil du seine »Bedeutsamkeit« für dich »instinktiv« unwissend wissend erfährst, spürst. Da ist ein Augenblick, eine Begebenheit, ein Ereignis, etwas, das sich wie ein Wendepunkt wie ein Buch mit einem ins Auge springender Satz vor dir eröffnet und du erkennst noch einmal unwissend wissend ahnend, dass ist es, dass dir etwas klar macht. Da ist ein Gegenstand, ein Wort, ein Satz, ein Begriff, der sich dir in den Weg stellt und noch einmal weißt du unwissentlich wissend, das ist das sich dir Eröffnende, das sich dir in den Weg stellend Klärende.

Das Bedeutsame ist ein Sehen, ein Wahrnehmen, Spüren, ein Zulassen, um ihm seine Bedeutsamkeit zukommen lassen zu können. Um mit Michel Henry, einem französischem Philosophen zu sprechen, Bedeutsamkeit erkennt das Lebenswissen, das das Urwissen ist, das sich in dieser Bedeutsamkeit präsentiert. Der Blick für die Bedeutsamkeit, für das Auslegen mit einer Klarheit und Tiefe erhebt sich, wenn das »Ich« in mir beginnt zu schweigen, wenn es still wird im Raum, der ohne mein »Ich« ist. Genau dann entsteht ein Bedeutsames nach dem Anderen, alles überzieht sich mit dem Hauch der Bedeutung, des Bedeutsamen und gleichzeitig löst sich darin alles auf.

In diesem erkennbaren, besser gesagt, erspürbaren Raum wird das Bedeutsame unbedeutsam, weil bereits alles in seiner Unbedeutenheit so bedeutsam ist, das ein Vakuum entsteht, das einer Leere gleicht, in der sich Bedeutsames mit Unbedeutendem zu einer Art Null verbindet, die gleichzeitig nichts und doch so viel ist.

Auf dem Weg zur Erfahrung der Bedeutsamkeit gehst du den Weg der unberührten Stille

Auf dem Weg zur Erfahrung der Bedeutsamkeit gehst du den Weg der unberührten Stille. Bedeutsames ereignet sich in dem Moment, wo du selbst mittendrin bist ohne selbst zu sein. Dann erfährt sich dieser bedeutsame Augenblick selbst, ist Bedeutung, die in seiner eigenen Bedeutung steht. Eine Beziehung, die auf dieser Basis fußt, die sich dieses Momentes bedient, die diesem Bedeutsamen Raum anbietet und sein lässt, ist eine Beziehung, die sich ihre eigene Bedeutsamkeit liefert und damit Wertschätzung, Respektanz und sich sein lassen. Eine bedeutsame Beziehung beschenkt sich mit einer gegenseitigen Achtung, die einen Raum bildet, in dem das Bedeutsame entschwindet, weil es in einer Art Unbedeutsamkeit abtaucht, die entsteht durch das Öffnen eines gegenseitigen gemeinsamen Raumes, der bereits alles enthält, was der Beziehung bedarf. Und so sind die Gedanken über Bedeutsamkeit eigentlich überflüssig, wenn sie nicht so bedeutsam wären.

Ellen Wilmes

Zentatsu Baker Roshi ist Zen-Lehrer in der Lehrlinie von Dongshan und Shunryu Suzuki Roshi. 1971 hat er die Dharma-Nachfolge von Suzuki Roshi angetreten und vermittelt seitdem die buddhistische Lehre im Westen. Er ist Abt des Crestone Mountain Zen Center in Colorado / U.S.A., und Abt des Buddhistischen Studienzentrums im Johanneshof. Er war Mitbegründer des San Francisco Zen Center und dort ab 1971 der zweite Abt. Später gründete er das Zen-Center Crestone Mountain und die Dharma Sangha Europa Johanneshof bei Freiburg. Er hält regelmäßig Seminare in den USA und in Europa ab, in denen er die Lehre des Zen mit einer beeindruckenden geistigen Kraft vermittelt. Connection interviewte ihn Mitte der 90er Jahre und brachte das Interview auf deutsch. Ein paar Jahre später brachte die us-amerkikanische buddh. Zeitschrift Tricicle das Interview auf Englisch.
www.dharma-sangha.de
   
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