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Lebenskunst/Weisheit

Was ist Humor?

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Was ist Humor?

Lächeln über die eigene Unwissenheit

Aufmerksam geworden durch den Artikel »Humor als Flirt mit der Identität« in der connection spirit »3-4/13 Bewusstseinserheiterung« begab sich Ellen Wilmes auf Spurensuche. Die Frage »Wer bin ich?« hat sich die angehende Philosophin in den letzten Jahren wiederholt gestellt, aber vor einiger Zeit eingetauscht gegen eine andere, nämlich die Frage »Was bin ich? Was bin ich gerade jetzt und hier?»

Was verändert sich dadurch? Welche neuen Bewegungen entstehen? Was bewirkt dies? Die neue Positionierung setzt mich auf eine Außenstelle. Von dort beobachte ich mich. Aus einer Suche nach dem »Wer« ist eine Beobachtung eines »Wie« in einem »Was« geworden. Ich kann sagen: Ich bin jetzt eine Putzfrau, dann wieder eine Philosophin, dann Frau, dann Lernende, dann Köchin, dann Mutter, dann Essende, Zuhörende, Träumende, Schreibende, Schweigende, Liebende, und und und ....

Dabei sind keine Rollen gemeint, keine Festlegungen der Person, des Menschen auf dieses Tun. Es ist ein offener Umgang. Was bin ich gerade jetzt? Wie bin ich dieses »Was« gerade jetzt? Diese Frage ist für mich persönlich wichtiger geworden, als das »Wer bin ich?«. Das »Wer bin ich?« erwartet immer eine Suche, eine Antwort, die ich nicht geben kann, die sich mir nie zeigen wird, so dass ich sie niemals beantworten könnte. Aber die Frage »Was bin ich?« kann ich beantworten lernen, wenn ich hinsehe. Was tue ich gerade? Was bewegt mich gerade? Wie stehe ich gerade jetzt hier in diesem Moment in diesem Leben?

Ungeahnte Freiheit

Die Veränderung in der Positionierung dieser Frage, eröffnet eine ungeahnte Freiheit, die sich im Artikel so schön ausdrückt: Spiele damit! Ja, mit dieser Freiheit spielen, denn ich bin keine Festlegung, sondern ein schwimmendes, bewegliches, im Raum existierendes Leben, das sich in einem permanenten Prozess des Werdens befindet. Heraklit, der starke Vertreter des Werdens, sagte so schön: »panta rhei: alles ist im Fluss ... oder man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen und nicht zweimal eine ihrer Beschaffenheit nach identische, vergängliche Substanz berühren.« (Abriss der griech. Geschichte, Eckstein, 1969, S.25) Die Folge dieses Spiels ist jedoch das Beeindruckenste. Denn genau dies ist der Humor. Sehr deutlich wird dies für mich immer, wenn ich im Zenkloster bin. Es gibt kaum eine Zeit, in der ich so viel lachen muss, wie dort. Lachen über mich.

Ein Fehler reiht sich an den Anderen

In aller Ernsthaftigkeit, keine Fehler bei den vielen kleinen Aufgaben zu machen, reiht sich ein Fehler an den anderen und genau dies führt zu einer Ich-Distanz, die ein Lächeln nach dem anderen auf den eigenen Lippen erzeugt. Es ist wunderbar, sich dabei zu beobachten und sich selbst das OK auszusprechen für diese wunderbare Fehlerhaftigkeit, die du gerade erzeugst. Denn nur du machst den Fehler, so wie du ihn tust. Kein anderer täte ihn so wie du. Je mehr du also vergisst, dich in einem »Wer« zu suchen, sondern in die Beobachtung des »Was« gehst, umso mehr entdeckst du ein Selbst, wo es sich scheinbar mit dem objektiven Fragewort nach einem »Was« von dir zu entfernen scheint. Und dieses Selbst ist ein interessantes Ding. Es ist keine Herabwürdigung, von einem »Ding« zu reden, denn das, was sich da sehen lässt, ist menschlicher als es wohl nicht sein kann. »Das Auge des Betrachters« lenkt, gestaltet und beobachtet. Und die Beobachtung, das Hinsehen ist die Kunst des Humors. Je mehr ich hinsehen lerne, desto mehr Humor entwickle ich. Ja, es ist tatsächlich lernbar. Ist das nicht wunderbar?

Was ist Humor?
Foto: blackred istockphoto.com

Was ist Spiritualität?

Ich distanziere mich davon, dies als ein Weg meiner Spiritualität zu sehen. Es kann vielleicht sein, dass es dies ist, dies wird sich zeigen oder eben nicht. Denn hier stellt sich die berühmte Frage: Was ist Spiritualität? Mir ist das Wort Spiritualität mit so vielen Deutungen behaftet, dass es mir unpassend scheint, es zu benutzen. Eine für mich einmalig schöne Übersetzung dieses Wortes fand ich bei dem Lakotahäuptling Noble Red Man: »Gott hat drei Kräfte in die Welt gebracht,... Es gibt eine materielle Kraft, eine spirituelle Kraft und eine übernatürliche Kraft. Die materielle Kraft ist die Güte der Erde. Die spirituelle Kraft ist die Güte der Menschen. Die übernatürliche Kraft ist die Güte Gottes, des Großen Geistes.« (Hüter der Weisheit, die spirituelle Welt des Lakotahäuptlings Noble Red Man. Hrsg. Harvey Arden, München 2001, S. 43)

Die spirituelle Kraft ist die Güte der Menschen

Die spirituelle Kraft als die Güte der Menschen zu bezeichnen, war für mich eine Erleuchtung. Denn die Güte, die sich zeigt und die man sehen kann in vielen kleinen wundervollen Dingen, sie ist das, was die Menschen befähigt, sich selbst zu sehen, sich selbst zu finden und zu sich selbst zu stehen. Spiritualität, Güte des Menschen ist nichts Fremdes, Fernes, nichts Abgehobenes, nichts außerhalb von mir Stehendes, das es zu erreichen gilt. Sie ist direkt in jedem von uns in seiner eigenen Güte sichtbar. Und hier kann sich jeder auch fragen und sich beobachten, wo er seine Güte lebt, wie er seine Güte lebt, ob sie einen Ausdruck hat? Allein dies ist für mich Spiritualität geworden. Daher spreche ich nicht mehr von diesem Wort, das belegt ist mit so vielen Ungereimtheiten. Das Wort Güte als ein altes Wort bezeichnet hier Tieferes und Fühlbareres als jedes moderne Wort. Ich kehre zu dem alten Wort zurück.

In der Anwendung von Güte...bemerkt der Tuende, der Denkende, die Akzeptanz des Anderen und des Eigenen

Das Wort ist das Wort des Lebens selbst

Das Wort, zu dem ich zurückkehre, das Wort selbst, führt mich gerade zu Michel Henrys radikaler Lebensphänomenologie. Michel Henry, ein französischer Philosoph und Phänomenologe, schreibt über das Wort, das es - das Wort - das Wort des Lebens ist. Dieses erzeugt das, was wir Realität nennen. Es macht das Lebendige im Leben sichtbar. Es ist das Leben selbst. Wie die Güte beweist. Ein Wort, das anders spricht. Ein Wort, das zum Leben führt und Leben zeigt. Es selbst ist. Es selbst zum Ausdruck bringt. Die Worte des Noble Red Man, sein Gebrauch des Wortes Güte zeigt gerade das Leben selbst, das in jedem zum Ausdruck kommt auf seine ihm eigene individuelle Art und Weise. In der Anwendung von Güte von einem lebendigen Selbst in und an einem Selbst bemerkt der Tuende, der Denkende, die Akzeptanz des Anderen und des Eigenen. Er sieht sich und die Anderen mit einer Distanz, die es ermöglicht, zu einer humorvollen Einstellung zu sich selbst und dem Umgebenden zu kommen.

Je mehr Hinsehen, desto mehr Humor

Ein Zirkel des Lernens im Leben tut sich auf. Je mehr Hinsehen, desto mehr Humor. Je mehr Humor, desto mehr Güte. Je mehr Güte, desto mehr über sich selbst lachen. Je mehr über sich selbst lachen, desto größer das Spiel. Je größer das Spiel, desto größer und weiter, freier und offener das Selbst. Je weiter das Selbst, desto größer die Güte... und der Kreis dreht sich, aber nicht zu einer geschlossenen Spirale, sondern zu einer riesigen Windrose mit unendlichem Ausgang. Das Spiel beginnt!

Das Flash back der Ewigkeit in uns

Und das einzige, was mir in diesem Spiel noch nicht so klar ist, ist dieser Moment der Ewigkeit? Denn, wer hat diese Art von Flash back noch nicht erlebt, plötzlich irgendwo zu sein und zu fühlen, das kenne ich schon lange, hier bin ich schon aufgestanden – hier habe ich immer gesessen? Diese winzigen Momente scheinen von einem ewigen Sein zu sprechen, dass wir fast nie hören und uns dennoch begegnet. Dies spricht für die Meinung gegen das ewige Werden, spricht für das ewige Sein, das Parmenides vertritt, wenn er beweist, das nur das Sein existiert und ein Werdendes nur ein Übergang von einem Nichtsein zu einem Sein ist. Auf diese Weise schließt Parmenides das Werdende als Seiendes aus. Das Werdende sei nur ein Trugschluss der Sinne. (Abriß der griech. Geschichte, Eckstein, 1969, S.28/29)

Und wenn im Maha Prajna Paramita Hridaya Sutra steht, dass Form wirklich Leerheit und Leerheit wirklich Form ist, dass dort in der Leerheit keine Form, keine Empfindung, keine Wahrnehmung, kein Impuls, kein Bewusstsein existiert, bin ich dann nicht in dem ewigen Sein angekommen? Und die alte Frage des Werdens und des Seins eröffnet sich, breitet sich vor mir auf dem Tisch aus, zeigt sich in einer mir unbekannten Klarheit und Deutlichkeit!

Also lächeln wir über unsere eigene bewusste Unwissenheit und das Glück, der Frieden, die Freiheit folgt dem auf dem Fuß

Über die Größe des ewigen Seins und Werdens kann ich nur ins Lächeln kommen

Was hat das noch mit Humor, mit Identität, mit dem »Was bin ich?« zu tun? Ich würde sagen, über die Größe dieses ewigen Seins und Werdens kann ich nur ins Lächeln kommen, denn ich bin mittendrin und weiß nichts. Diese Unwissenheit zaubert in ihrer unverwechselbaren Echtheit ein Lachen hervor. So dass ich einen Hotei sehr gut verstehen kann. In diesem Mittendrin findet sich das tuende »Was« wieder, das sich in seiner Form und Gestalt eine individuelle, unverwechselbare Identität gibt, die ein Rätsel ist und erneut das unwissende wissende Lächeln über sich selbst auf den Lippen erzeugt.

Also lächeln wir über unsere eigene bewusste Unwissenheit und das Glück, der Frieden, die Freiheit folgt dem auf dem Fuß. Wollen wir das nicht alle erreichen?

Ellen Wilmes

Ellen Wilmes machte nach langjähriger Tätigkeit als Kinderkrankenschwester über den zweiten Bildungsweg ihr Abitur. Sie studierte Mathematik und Hauswirtschaft für die Sek I. Sie unterrichtete auf einer Hauptschule, bis sie Burn Out und Krankheit in den vorzeitigen Ruhestand zwang. Die zertifizierte Theaterpädagogin widmet sich mit Hingabe dem Schreiben. Ihr Spezialgebiet sind Gedichte und in jüngster Zeit auch Essays. Im Herbst 2009 begann sie ein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft.
   
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