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Wolf Schneider über gute und schlechte Gefühle

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Wolf Schneider über gute und schlechte Gefühle
Foto: bluetenzauber pixelio.de

In der Mitte ruhen

Wolf Schneider hat viele Gefühle, echte Gefühle! Damit meint er natürlich nicht das, was auf den Kondomen der Marke Fromm steht – »gefühlsecht« – sondern was wirklich Echtes. Erstaunlich, dass sogar er als Mann Gefühle haben kann! Wo wir Männer doch sonst so im Kopf sind. Ganz bestimmt ist er deshalb auch spirituell schon ganz schön weit. Vielleicht schon so weit wie die Frauen, die schon aufgrund ihres Geschlechtes vom Herzen her kommen.

Frauen sind rechtshirnig

Frauen sind nämlich keine Hirnis wie wir, sondern was Besseres: »rechsthirnig«. Es gibt ja, wie die Hirnforschung festgestellt hat, in unseren Gehirnen zwei Seiten, die linke und die rechte Hemisphäre. Die rechte ist eindeutig die bessere, denn sie steuert unser linke Körperhälfte, und die ist intuitiv, spirituell, künsterisch, spielerisch, liebevoll, emotional und weiblich – mit anderen Worten: gut. Im Kopf zu sein hingegen ist nicht mehr angesagt. Das ist heute sowas von 19. oder 20. Jhd; jetzt, im 21., ist das out. Immer nur in der Birne, im Verstand, im Mind, ich habe das so satt. Endlich ist mir nun voll klar geworden, dass das völlig unspirituell ist – immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Leider ist dieser erste Schritt wirklich nur ein allererster, denn er führt von einem Problem zum nächsten. Manche sagen sogar: vom Regen in die Traufe. Mit den eigenen Gefühlen identifiziert zu sein, ist nämlich kaum besser als mit den eigenen Gedanken identifiziert zu sein, habe ich leider feststellen müssen. Die Gefühle sind gröber und – außer bei starken Obsessionen – stärker als die Gedanken, deshalb sind sie leichter erkennbar. Das ist aber auch schon alles, was sie für uns spirituell Reisende, der die wir unser Bewusstsein erweitern und vertiefen möchten, gegenüber den Gedanken an Vorteil bieten.

Chronische Gefühle

Deshalb habe ich jetzt das Gefühl, dass auch unsere Gefühle uns nicht so ohne weiteres den Weg zum Himmel auf Erden weisen. Das Gefühl, mit meinem überquellenden Herzen den Kopfmenschen überlegen zu sein – moralisch überlegen, spirituell überlegen und auch von der emotionalen Intelligenz her überlegen – das ist ja eigentlich eine Art von Arroganz. Also auch wieder ein Hindernis. Außerdem kommen und gehen die Gefühle nicht viel anders als die Gedanken und die Sinneseindrücke. Tagein, tagaus wechseln sie. Mit ihnen zu sein ist wie das Leben in der Drehtür am Eingang eines Hotels. Was soll der Portier da sagen? Es kommen eben solche und solche. Kaum eines unserer Gefühle überdauert auch nur eine einzige verträumte Nacht! Und wenn, dann ist es »chronisch«. Gegen chronische Freude hätte ich ja nichts einzuwenden, das Gefühl chronischer Verzweiflung aber verbitte ich mir doch – jedenfalls aus meinem Wohnzimmer und aus meinem Schlafzimmer.

So rechtshirnig spirituell korrekt sie auch sein mögen – Gefühle sind kein Platz zum Ausruhen. Sie sind instabil. Sie erden uns nicht, sie geben uns keine bleibende Identität, sie jagen uns von einer Tat zur anderen. Sie sind mächtige Motivatoren: Sie sagen uns, was für uns Wert hat und geben uns die Energie, etwas dafür zu tun, das ist ihr großer, nicht zu verachtender Wert! Aber sie zeigen uns nicht an, wie es zu tun ist, wann und mit wem. Dazu brauchen wir dann doch wieder den geschmähten Verstand.

Es gibt gute chronische Gefühle: Mut, Neugier, Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und die spirituelle Sehnsucht nach Transzendenz gehören dazu.

Das spirituelle Herz

Nur ganz wenige Gefühle sind so tief, dass sie über Jahre anhalten und uns so eine Richtung weisen, die mehr ist als nur ein irrer Zickzackkurs. Wenn dies feindliche Gefühle oder tiefe Ängste sind, halten sie uns auf Dauer im Unglück. Dann sind es zwar stabile Motivatoren, aber keine guten. Es gibt jedoch auch gute chronische Gefühle: Mut, Neugier, Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und die spirituelle Sehnsucht nach Transzendenz gehören dazu. Sie weisen in die Richtung, die auf den spirituellen Wegen »das Herz« genannt wird. Das Herz ist in diesem Falle aber nicht das Pathos eines starken, überquellenden Gefühls, sonders die Mitte im Menschen. Die Mitte zwischen allem, wonach wir streben, das Innerste, Innigste.

Diese Mitte hat mehr mit Tatbereitschaft als mit Tatendrang zu tun. Sie ist still, aber lebendig. Sie ist empfänglich, aber nicht schäfisch passiv, sondern sensibel mitfühlend engagiert. Sie ist hingebungsvoll, aber nicht käuflich, standfest aber nicht stur. Leicht, aber dabei doch unbestechlich. Diese Mitte ist sich ihrer selbst sicher, aber ohne dabei rechthaberisch zu sein, denn ihre Sicherheit ist das Ruhen inmitten des Unsicheren, Lebendigen, sich Wandelnden, das Ruhen im Zentrum der Stürme ebenso wie all der leichten Brisen, denn es stürmt ja nicht immer, manchmal ist es sogar ganz still über den Wassern.

Allen Herzenergie-Trompetern zum Trotz ist dieses Herz die Heimat, aus der wir kommen und zugleich der Hafen, den wir spirituell Reisende ansteuern. Die dort Ruhenden sprechen meist nicht viel davon. Jedenfalls trompeten sie nicht, und sie verwenden das Wort »Herz« eher selten und nicht als Tarnung ihres Dschihad für eine bessere Ideologie.

Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985 (www.connection.de). 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Blog: http://www.connection.de/index.php/blog/

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