Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Lebenskunst/Weisheit

Polyamorie im Internet

Details

Wenn man mehr als einen liebt
Wenn man mehr als einen liebt

Polyamorie breitet sich auch über das Internet aus

Die moderne Form der »Vielliebe« (Polyamorie) wird viel geliebt  und es werden immer mehr, die davon wissen wollen und die so lieben wollen. Die meisten starten ihre Reise voller Neugier und Sehnsucht im Internet und werden dort auch fündig. Connection-Autorin Melanie Horvath hat sich für uns umgesehen und kam von ihrer Tour durchs weltweite Netz mit reicher Beute zurück

Kontakte in der virtuellen Welt

Polyamorie meint die Kunst oder Fähigkeit, zur selben Zeit mehrere Menschen zu lieben. Und zwar nicht nur abstrakt, geistig oder »platonisch«, wie in den klassisch-griechischen Begriff der »agape« (obwohl gerade Platon unter Liebe auch etwas sehr körperliches verstand), sondern auch körperlich und emotional intim. Das Wissen und Vertrauen aller Beteiligten betrachten Polys dabei als Voraussetzung, mit der viel geschmähten »Promiskuität« wollen sie nicht in einen Topf geworden werden. Und sie meinen natürlich auch nicht das weit verbreitete, meist heimliche »Fremdgehen« der Monogamen und nicht die vornehmlich sexuell motivierte Swingerszene.
Heutzutage wird Polyamorie (kurz: Poly) in Deutschland längst nicht mehr nur in ausgewählten Lebensgemeinschaften wie dem ZEGG, dem Ökodorf Sieben Linden oder der Noyana-Gemeinschaft gelebt. Die Lust an der so genannten »Viel-Liebe« oder »Mehr-Liebe« breitet sich bereits seit mehreren Jahren in den urbanen Zentren aus. Dabei finden Poly-Anhänger ihre Kontakte zunächst vor allem in der virtuellen Welt. Hier informieren sie sich und tauschen sich aus, hier organisieren sie sich über Chats und Foren, hier werden die Stammtische angekündigt, wo man sich dann »real« treffen kann. Wer die Begriffe »Polyamorie« und »Polyamory« googelt, erhält auf Deutsch immerhin 6.000 und 12.000 Treffer. Erweitert um die Englischen Treffer sind es fast 800.000!
Das enorme Interesse an diesen alternativen Liebesmodellen wird auch durch aktuelle Medienberichte belegt. In den letzten zwei Jahren war Polyamorie Thema von mehreren Artikeln im Stern, der taz, der Süddeutschen, der Frankfurter Allgemeinen und sogar der Bild-Zeitung. Darüber hinaus war der Thread zum Thema »Poly« im Online-Forum des Trendblattes Neon der meistbesuchte des Jahres 2007.

Die Polyamorie-Flagge
Die Polyamorie-Flagge: Blau steht für Offenheit und
Ehrlichkeit zwischen den Partnern in einer Poly-Beziehung,
rot steht für Liebe und Leidenschaft,
schwarz zeigt Solidarität mit jenen Menschen,
die polyamor empfinden,
es aber aufgrund von sozialem Druck nicht leben können.

Wie viele sind es?

Doch wer gehört zu der Community der Poly-Begeisterten und wer zu dem, vermutlich etwas kleineren Kreis, der so Lebenden? Insgesamt lassen sich genaue Zahlen schlecht einschätzen, da heute ein Großteil der Poly-Kommunikation und Vernetzung über relativ anonyme elektronische Medien verläuft und zudem eine große Anzahl der polyamorös lebenden Menschen sich damit nicht outen möchten und daher auch kaum erfasst werden können. Auf seiner Website www.polyamorie.de berichtet der Tantra-Lehrer Silvio Wirth jedoch, dass amerikanischen Schätzungen zu Folge sich die polyamore Subkultur 2003 in den USA auf circa 100.000 Menschen belaufen habe. In Deutschland belief sich diese Zahl seiner Einschätzung nach im selben Jahr auf etwa 10.000 Polys. Diese Angaben dürften sich bis heute allerdings sehr erhöht, vielleicht vervielfacht haben.
Des Weiteren hat Silvio Wirth mithilfe unterschiedlicher Quellen auf seiner Homepage versucht, die Gruppe der Polys zu charakterisieren. Er geht innerhalb dieser Subkultur von einem relativ hohen bisexuell orientierten Mitgliedsanteil aus, wenngleich seinen Aussagen zu Folge alle sexuellen Orientierungen vertreten seien. Zudem schätzt er gemäß der beruflichen Verteilung den Anteil an Akademikern, Freiberuflern, im Gesundheitsbereich Arbeitenden, Therapeuten, Lehrern sowie Künstlern enorm hoch ein. Der meisten Polys befinden sich demnach in der Altersgruppe der 30-50-jährigen, ein kleinerer Teil seien älter gewordene Hippies und 68er.
Was dem Informationssuchenden auf den zahlreichen Poly-Seiten im Internet sofort ins Auge sticht, sind die immer wiederkehrenden Symbole und Erkennungszeichen. Am häufigsten trifft man dort auf die sogenannte Poly-Flagge oder Schleife (ähnlich der roten HIV-Schleife), auf ein rotes Herz mit einem blauen Unendlichkeits-Symbol oder aber auf den englisch sogenannten »Polly«-Papageien. Alle diese Zeichen haben die Farbkombination rot-blau-schwarz gemein. Die Farbe Rot steht dabei für Liebe und Leidenschaft, Blau für Offenheit, Ehrlichkeit und Bedingungslosigkeit und Schwarz soll Solidarität mit den Menschen ausdrücken, die poly empfinden, es aber aufgrund von sozialem Druck nicht leben können.

Tipps für Suchende

Ganz vorne unter den Suchmaschinentreffern zum Thema »Polyamorie« findet man die bereits erwähnte Homepage www.polyamorie.de des Tantra-Lehrers Silvio Wirth. Hier gibt es jede Menge ausführliche Texte zum Thema, nützliche Tipps für Paare, Ratschläge zur Eifersuchtsbewältigung, Veranstaltungs- und Buchtipps sowie ein Forum für Diskussionswillige. Die Seite ist insgesamt übersichtlich und informativ gestaltet. Als kleines Schmankerl kann man dort sogar an einer Umfrage zum polyamorösen Leben teilnehmen. Jede Menge Informationen zum Thema findet man ebenfalls auf www.polyamory.org. Das ist eine englischsprachige Homepage der Newsgroup alt.polyamory. Sie bietet außerdem Mailinglisten an und Antworten auf häufig gestellte Fragen. Etwas andere Tipps hält auch die Website www.art-dangereux.de/t3art/index.php?id=64 bereit. Dort findet man neben interessanten Artikeln Tipps für das erste Polydate, und es gibt sogar Poly-Singlebörsen. Die Seite stellt darüber hinaus einen Radiobeitrag über die Liebe zu mehreren Partnern zur Verfügung.

Sommercamp

Unter www.polyamorie.ch trifft man auf eine Seite, die nicht nur für Schweizer polyamorös lebende Menschen hilfreich ist. Auch Deutsche finden dort gute Zusammenfassungen, Kalendertermine und eine Übersicht über die Polystammtische in ganz Deutschland. Die Seite erscheint auf den ersten Blick ein wenig chaotisch und unübersichtlich, bietet aber nach einigem Recherchieren gute Texte, Buch-, Film- und Musiktipps, eine Mailingliste und eine große Linksammlung. Eine gut ausgebaute Community ist ebenfalls vorhanden.
Die Verantwortlichen der Schweizer Seite organisieren sogar ein regelmäßiges internationales Poly-Sommercamp. 2009 findet es vom 13. bis 19. Juli auf dem Rankenhof am Zemminsee bei Berlin statt. Den circa 150 möglichen Teilnehmern des Camps wird ein umfangreiches Programm geboten, bei dem jeder Einzelne Vorschläge machen und mitwirken kann. Das genaue Programm war bei Anfertigung dieses Artikels noch nicht bekannt, jedoch stehen auf jeden Fall Parties und ein Liebeslager bzw. eine Spielwiese auf dem Programm. Um rechtzeitige Anmeldung online unter https://spreadsheets.google.com/viewform?key=plGHoXhUw644PTPz4nl5HWg wird dringend gebeten.
Auf der Seite der Schweizer findet man verlinkt auch eine Ankündigung eines Poly-Treffens im Herbst 2009, vom 22. bis 25. Oktober. Es findet im Schloss Buchenau in Hessen statt. Geplant sind eine AUM-Meditation, Workshops wie zum Beispiel ein Flirt-Workshop, Diskussionsrunden und Parties. Mehr auf der Seite http://poly-netz.de/wiki/Polytreffen_Herbst_2009.

Regionale Kontaktstellen

Wer jedoch nicht bis zum Sommercamp warten möchte und interessiert an Poly-Treffen in seiner Nähe ist, kann sich auf den einzelnen Homepages über die nächsten regionalen Poly-Stammtische informieren. Insgesamt stößt man in Deutschland auf dreizehn regionale Poly-Internetseiten, die allesamt eigene regelmäßige Stammtische organisieren und im Netz teilweise Auskunft über sich selbst sowie ihre Geschichte geben. In Berlin finden beispielsweise mehrmals im Monat Poly-Treffen zu unterschiedlichen Themen statt. Hier gibt es den PolyTreff, eine moderierte Gesprächsrunde, sowie den Poly-Plausch, eine eher lockere Kneipenrunde nach Bedarf (weitere Infos unter: http://www.poly-berlin.de/, Kontakt und Anmeldung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). In Hamburg findet jeden vierten Samstag im Monat ein solches Treffen im Café Variable statt (http://polyhamburg.blogspot.com/). Sowohl in Flensburg als auch in Oldenburg trifft sich der Poly-Stammtisch in der Regel jeden dritten Donnerstag im Monat (http://polyflensburg.blogspot.com und Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Darüber hinaus trifft sich die Bremer Bi-Gruppe, bei der ein Teil der Mitglieder polyamor orientiert ist und auch Transgender-Themen zur Sprache kommen, jeden 2. Donnerstag im Monat (http://www.ratundtat-bremen.de/popups/bigruppe.html ).
Im Ruhrgebiet werden jeden vierten Samstag im Monat Stammtische in Düsseldorf, Dortmund und Köln organisiert (http://free-creatives.net/polywiki/index.php/Rhein-Ruhr-Treff). In Kaiserslautern finden alle zwei bis vier Wochen Treffen zum Thema »Freie Liebe, Offene Beziehungen und Polyamorie« statt (Infos unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).
Ferner treffen sich in Heidelberg jeden zweiten und vierten Mittwoch des Monats die Mitglieder des Verbandes »Offene Beziehungen Heidelberg« (OBHD) (http://www.obhd.de/). Im Herzen Stuttgarts findet jeden zweiten Samstag im Monat ein Poly-Stammtisch statt, eine Anmeldung ist hier jedoch nicht erforderlich (weitere Infos unter: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).
Auch im Freistaat Bayern stößt man auf polyamoröse Stammtische. In München z. B. einmal im Monat freitags an wechselnden Orten (Infos: http://www.polyamorie-muc.de/) und in Nürnberg in unregelmäßigen Abständen, etwa alle drei bis vier Wochen (Anfrage: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Auch über Stammtische im nahen Ausland, also in der Schweiz uns Österreich, gibt die Seite www.polyamory.ch Auskunft.

Anonymer Austausch in Foren

Über persönliche Treffen hinaus bietet das Internet Poly-Interessierten gerade auch den anonymen Austausch über das brisante Thema. Forenfans finden hier etwa unter www.polyamore.de oder www.beziehungsgarten.net Gleichgesinnte für interessante Diskussionen. In diesen Foren werden dann Fragen und Gedanken rund um das Thema »nicht-traditionelle Beziehungen« behandelt. Zudem wendet sich das deutschsprachige Forum für Polyamorie (http://planetpoly.org/Deutschsprachiges Forum zu Polyamorie/) auch tagesaktuellen politischen Themen rund um das Thema zu. Momentan kann man auf der dazugehörigen Startseite etwa einen Bericht zur »Initiative für Mehrfachehen in den Niederlanden« vom 18.04.2009 nachlesen. Auch zahlreiche private Polyamorie-Blogger tummeln sich im Netz. Auf www.polyamor.de stößt man beispielsweise auf mehrere Blogprojekte mit wöchentlich aktualisierten Beiträgen, die teilweise sehr detailliert, jedoch auch interessant sind.

Polyamorie im Trend

Doch nicht nur in den speziellen Polyamorie-Foren kommt das Thema ausgiebig zur Sprache, auffällig ist, dass sich auch die User in anderen Internetforen immer häufiger mit der Polyamorie beschäftigen. Da wird zum Beispiel in einem Philosophieforum (www.advanced-thinking.de), in Studentenforen (www.unicum.de) oder in zahlreichen Esoterikforen (www.esoterikforum.at) von allen Seiten leidenschaftlich über die Vor-und Nachteile von Polyamorie diskutiert.
Schließlich stößt man auch in den bekannten virtuellen social networks wie lokalisten.de, facebook oder studivz auf Polyamorie-Gruppen. Bei studivz gibt es vier regionale Gruppengründungen zum Poly-Thema: in München, Rhein und Ruhr, Hessen und der Schweiz. Darüber hinaus erfreut sich eine allgemeine Gruppe zur Polyamorie im Studentenverzeichnis mit knapp 500 Mitgliedern reger Beteiligung. Auffallend ist hier jedoch, dass für die meisten Gruppen ein Zugangsschlüssel benötigt wird, der vom Gründer erteilt werden muss.
Fazit: Egal wonach das polyamore Herz also auf der Suche ist, im Internet wird es garantiert fündig und mit dieser kleinen Vorauswahl hoffentlich noch schneller und zielsicherer.

-Melanie Horvath

Melanie Horvath, Jg. 85, hat Kommunikationswissenschaft studiert (B.A.) und dann in verschiedenen Praktiken Berufserfahrung gesammelt. Nun macht sie in München ihren M.A. und arbeitet in der Zeit als freie Autorin für Connection.

Cover connection special 85

Dich alle liebe ich!

Der Trend zur Polyamorie und die ewige Frage: solo, mono oder poly, was macht am glücklichsten?

Wer bis 17. Juli dies Heft bestellt, bekommt es zum Preis von 7 €.

Tantra special 85 bestellen

Das Tantra-Special im Abo

Vier Ausgaben:


30 € Inland (Shop)


33 € Ausland (Shop)

Links

   
© Connection AG 2015