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Lebenskunst/Weisheit

Paar-Körpermalerei am Meer

Details

Körpermalerei am Meer
© Josef „Joey“ Krem

Sommer, Sonne, Meer und Farben

Seit 25 Jahren arbeitet Anke Rammé Firlefanz mit Menschen und Körpermalerei. Sie bemalt Einzelpersonen, Gruppen und Paare. Der nachfolgende Bericht erzählt von einer Körpermalerei-Session mit ihrem Mann Joey an der italienischen Adria-Küste. »Für das Paar, das sich gegenseitig bemalt, ist es eine Hingabeaufgabe, ein Geschenk stundenlanger achtsamer Berührung, eine Chance sich selbst wahrzunehmen und eine Möglichkeit heilsamer Prozesse, für sich selbst, wie auch im achtsamen Miteinander«, ist sich Anke sicher...

Joey und ich wünschten uns diesmal einen Platz am Meer, an dem unsere diesjährige Urlaubs-Sommerbemalung stattfinden sollte. Eine Freundin hatte uns von dem Ort erzählt: ein Strand, an Italiens Adria Küste ans Naturschutzgebiet der Maremma grenzend, voller Treibholz und urigen Treibholzbauten, die jedes Jahr über den Sommer von »verrückten Italienern« dort gebaut werden... Viele werden in den Wintermonaten vom Strand gespült- doch immer wieder schaffen die Menschen dort neue Gebilde aus mannshohen Stämmen, gebleichten Baumleibern und Treibholz-Ästen. Niemand weiß, ob sie zum Schattenspenden tagsüber dienen sollten oder für Strandpartys oder romantische Strandübernachtungen gebaut wurden. Doch bis heute lieben Einheimische und Besucher diese bizarren Naturkunstwerke, geschaffen aus der Freude am Tun und wegen Größe und Dimensionen nur im Teamwork möglich... Wir hatten den Platz am Tag vorher besucht und wussten daher, was wir am nächsten Tag mitnehmen mussten.

Geisterstadt am Meer

Am frühen Morgen brachen Joey und ich auf. Wir waren bepackt mit zwei Rucksäcken voller Tücher und Schnur für den Sonnenschutz, einer Kiste Flüssig- und Kompaktfarben und Pinsel für die Malerei, Töpfchen und 2 DinA4große Spiegel, einem 5l Wasserkanister Trinkwasser und warme Kleidung für Abends und Picknick für den gesamten Tag. Als Strandlaufkleidung hatten wir Badeanzug/hose und Sarongs an, denn hier war FKK nicht üblich. So zogen wir zum letzten Café am Strand und gingen zusammen mit einigen einheimischen Anglern los - den Strand entlang Richtung Maremma. Nach und nach blieben die Angler zurück und nach rund einer Stunde Meeres schlendern erreichten wir beide die ersten Bauten. Zunächst ragten nur einzelne verblichene Stämme aus dem Sand, dann wurden sie höher, krummer und zahlreicher - nicht nur vorne am Meeresstrand, sondern auch weiter in Richtung der Dünen. Wir sahen Tipis, deren Stämme grob zusammengelegt zwei Stockwerke ergaben, mit einem Durchmesser von sechs Metern, aus riesigen toten Bäumen, kleine Rundhütten mit Windschutz und große Tore vor krumm in den Himmel weisenden Stämmen, die sich beim Näherkommen in skurrile Häuschen verwandelten. Wir fühlten uns wie in einer Geisterstadt am Meer, von den Bewohnern verlassen, nur der Wind, der landauswärts durch die vielen Ritzen der verflochtenen Hölzer pfiff.

Holzburg

Große gestreifte Kathedralen aus Treibholzstämmen, deren Mächtigkeit in der Morgensonne lange Schatten auf den umgebenen Strand und die Haufen ungeordneten Treibholzes warfen. Zwischen feinen Wellenmustern, die der stetige Wind in den Sand zeichnete und ganzen Miniaturwüsten, ragte hier und dort noch ein stacheliges Grün zwischen den umher liegenden hellen Tothölzern heraus. Wir schlüpften in das erste Strandhüttchen. Es war kuschelig, aber zu klein. Das nächste Gebilde hatte keinen Eingang... aber einen Windschutz. Erst drei Tipis weiter fanden wir unseren Traumplatz: Nicht zu nah für die Meeresstrandwanderer, die Eingangsöffnung vom Meer aus war nicht einsichtig und hatte einen kleinen Treibholz-Hof Richtung Pinienwald hinter dem Strand. Dort spannten wir unsere Tücher von Ast zu Ast, und schufen uns ein Sonnensegel für den Tag, wenn die Sonne brennt und der Sand glühend heiß wird. In der Holzburg lagerten wir unser Gepäck – das Picknick wurde nach oben gehängt, geschützt vor Sand und Insekten. Im Nu waren wir eingerichtet und zogen uns erstmal aus, denn nun hatte die Sonne eine Höhe erreicht, in der es sogar im Schatten heiß wurde.

Bodypainting am Meer
© Anke Rammé Firlefanz

Die Bemalung

Nun konnte es losgehen. Joey und ich entzündeten ein Räucherstäbchen und umarmten uns, sangen und tönten ein wenig, um uns »einzustimmen“ und uns auch genussvoll nackt anzuschauen- einen Moment inniger Verbundenheit, bevor wir in unsere Farbhäute schlüpfen würden. Dann setzten wir uns auf unsere Decke und legten die Farben im Regenbogenkreis aus. Aus diesem wählten wir von den Farbfläschchen spontan unsere erste Grundierungsfarbe. Joey wählte ein gelbes Fläschchen - ich ein dunkelblaues.

Meine Körpermalfarben sind Interferenzfarben, deren schimmernden Pigmente in Alkohol gelöst sind. Deshalb mussten wir sie erstmal gut schütteln. Dazu sangen und lachten wir, denn fünf Minuten Schütteln kam uns in dieser Hitze ewig lange vor. Dann schütteten wir vorsichtig die flüssige Farbe in unsere hohlen Hände. Mit den Fingern streichelten wir uns selbst die Farbe an die Körper. Ich begann bei mir an den Füßen, Joey an seinem Bauch. Zunächst strich ich die Farbe über meine Unterschenkel, nahm dann ein hellblaues Fläschchen, schüttete sie wieder in meine Hand und verwischte den neuen Farbton direkt auf der Haut an meinen Beinen, die Waden und Knie herauf bis zu den Oberschenkeln. Mmmh....wie blaue Strümpfe, hauteng anliegend und wie das Meer, das mit seiner Flut das Wasser meine Beine heraufsteigen lässt....

Ein wunderbares Eigengestreichel des Körpers – es lässt uns wahrnehmen, wie wir tatsächlich sind, unsere Nacktheit, unsere ganz persönlichen Eigenheiten, und die Farbe macht diese eigene Schönheit sichtbar. Durch das Trockenstreichen wird unsere Farbe übrigens schimmernd und glänzend und zu einer wunderbar angenehmen wischfesten zweiten Haut.

Mensch kann alle Stellen des Körpers bemalen- auch über Körperbehaarung, außer auf nässende oder offene Wunden und Schleimhäute. Das heißt, ich kann mir sogar meine äußeren Schamlippen mit Farbe bestreichen, aber nicht ein Lippchen, das »herausragt«. Männer können die Hoden und den kompletten Penis mit Vorhaut bemalen, nicht aber die innen liegende Eichelspitze- bei beschnittenen Männern kann auch die Eichelspitze bemalt werden, da es keine Vorhaut gibt, an der die Pigmente wie Sand reiben könnten. Da, wo die Haut aneinander reibt (unter dem Busen, am Bauch etc.), geht die Farbe wieder ab, doch ansonsten ist meine Flüssigfarbe so wischfest, dass sie sogar über Nacht getragen werden kann.

Wenn wir uns selbst grundieren, ist ein Spiegel zur Überprüfung der Rückseite unerlässlich... Wir sind dreidimensional und es ist immer wieder spannend beim Malen, ob wir uns auch so wahrnehmen, ob alle Stellen mit Farbe berührt worden sind und welche fre von Farbe bleiben. Deshalb stellte ich hier in unserer Treibholzburg einen der Spiegel in die höheren Äste und betrachtete meine Rückseite: Meine Beine in Strumpfhosen von Meerblau- das gefiel mir. So nahm ich Türkis als nächsten Farbton und bestrich Bauch und Brüste, Hüften und Arme abwechselnd mit meinen beiden Händen, bis alles schön ineinander gewischt war. Danach streichelte ich die Farbe die Schultern und den Hals hinauf bis knapp unters Kinn und den Bogen hinauf zum Ohransatz und bis in den Nacken. Um meinen Po und die rückseitigen Oberschenkel zu bemalen, stellte ich mich rückwärts vor den Spiegel und betrachtete mich genau. So konnte ich selbst alle Stellen erreichen, um vollständig bemalt zu sein. Mein Gesicht bemalte ich mit den passenden Kompaktschminken. Ganz in meiner Gesichtsmitte hatte ich das Gelb der warmen Sonne gewählt und nun fand ich meine Farben im Meer wieder....

Währenddessen hatte sich Joey auch komplett bemalt. Seine gelbe Grundierungsfarbe war an den Beinen zu Grün geworden und seine Zehen und Fingerspitzen hatte er rot betupft. Für ihn war es eine Herausforderung, sich selbst zu bemalen und genoss es sichtlich. Bart, Haare und Augenbrauen hatte Joey ebenfalls mit roter Farbe eingefärbt.

Ich genoss es, während meiner eigenen Bemalung, ihn immer wieder anzuschauen, wie er sich bewegte, innehielt, dann wieder dastand, seine Hände oder Beine betrachtend - inmitten dieser skurrilen Landschaft, wie ein Zen-Meister, der auf dem Treibholz TAI-CHI tanzt. Ich finde es auch immer wieder erstaunlich, wie die eigene Wahrnehmung des Partners in Farbe ist.Nun waren wir beide grundiert und genossen während unserer Mittags-Siesta unsere farbigen Körperansichten. Sein Gelb war bei mir im Gesicht und meine grünen Arme bei ihm an den Beinen- dort trafen sich unsere Farben- ohne dass wir uns abgesprochen hatten....

Linien und Spiralmuster

Nach Verzehren diverser Köstlichkeiten von Italiens Früchten und Fingerfoodküche aus unserem Picknickkorb, packten wir die Kompaktschminken aus und begannen das Bemalen mit Fingern, Pinseln und Schwämmchen. Joey legte sich vor mich in den Schatten, ich goss etwas Trinkwasser aus dem Kanister in den Wasserbecher (mit Meerwasser werden die Farben sulzig, deshalb nur Süsswasser nehmen) und fing an, die Farbe im Töpfchen mit dem Pinsel mit Wasser einzustreicheln....(mit der Farbe ist es wie in der Liebe: Je länger wir streicheln, umso schöner wird sie!). Aquacolor Kompaktschminke muss etwa die Konsistenz von Kondensmilch bekommen, um gut auf der Untergrundfarbe zu decken.

Auf den Beinen folgte ich mit den Pinseln den Linien, die Joeys Muskeln und Sehnen formten und es entstanden daraus keltisch angehauchte Linien und Spiralmuster. Mit einem dicken weichen Dachshaar-Rundpinsel malte ich ihm Tribals und eine stilisierte Schlange, die sich zwischen zwei roten Kraftspiralen auf seiner Brust nach oben schlängelt. So arbeitete ich mich langsam von unten nach oben, fügte noch Schimmerbronce hinzu, Streifen und Punkte dazwischen, bis zu seinen Fingern..., ein Pinsel-Liebestanz über alle Körperteile für meinen liebsten Sterngemahl.Kaum fertig gemalt, sprang Joey auf und hüpfte herum, um sich in dem kleinen Spiegel anzuschauen und seinen „neuen“ Körper auszustrecken und auszuprobieren..... Eine Pracht, meinen Liebsten dabei zuzusehen !

Dann tauschten wir. Nun bemalte mir Joey meine Rückseite, ich lag im warmen Sand, hörte Wellenrauschen und atmete Salzluft mit meinen Poren...
Für uns beide ist es sowohl eine besondere Freude bemalt zu werden, wie auch den jeweils Anderen zu bemalen. Beides ist wunderbar inniger Genuss und zärtliche Berührung, einfach liebevolle Hingabe. Ich schloss meine Augen und tauchte völlig ein in das Meeresrauschen; warme Windböen strichen über meinen Rücken- oder waren es Joeys Pinselstriche? Mit seinen Fingern trommelte er zärtlich auf meinen Rücken und Schultern... Nach Stunden Ganzkörperstreichelung, jedenfalls schien es mir so, meinte er: Ich bin fertig.... Und auch ich hüpfte, genau wie vorher Joey, zum Spiegel. »Ui- schön !« Und ich reckte meine Arme, damit ich über die Schulterblätter nach hinten im Spiegel Ausschnitte meiner Rückseite zu sehen bekam.

Mal-Meditation

In diesem Moment erschienen zwei italienische Frauen, die am Strand entlang gewandert waren und auf uns aufmerksam geworden waren... Sie lächelten und deuteten auf uns. »Si, io un artista di pittura di corpo«, erklärte ich den Beiden in meinem gebrochenen Italienisch und fragte sie, ob sie uns fotografieren würden. »Claro, va bene, bellissima!«, antworteten sie und so bekamen wir auch Bilder von uns Beiden gemeinsam. Nachdem die Beiden am Strand weitergegangen waren, kehrten wir zurück in unsere Treibholzburg. Es war noch immer unglaublich heiß und nur im Schatten konnten wir es mit dem Wind genießen. Diesmal durfte ich Joeys Rückseite bemalen. Er lag da, wohlig lächelnd und wunderschön anzusehen. So nahm ich meine Farben und wanderte mit meinem dicken Pinsel seinen Körper entlang, passend zur Vorderseite... Beim Bemalen meines Partners tauchte ich in eine Art Trance, eine Mal-Meditation eigener Art. Völlig konzentriert auf den Körper war der Pinsel für mich wie ein zusätzlicher Finger, mit dem ich über jede Linie auf seiner Haut entlang strich. Es war, als entdeckte ich jeden Zentimeter meines Mannes neu; vertraut und doch durch die Farbe ganz anders.

Eidechse und Meeresnixe

Nun war er rundherum bemalt. Joey sah an sich herunter. Dann begann er, mit seiner Körperbemalung zu spielen, krabbelte wie eine seltsam bunte Eidechse in dem Treibholz herum, lief dann durch den Sand zum nächsten Gebilde, um dort hochzuklettern, danach zog er aus dem Treibholzgewühl einen knorrigen Ast heraus und trug ihn wie eine Trophäe zu unserer Burg. »Das wird unsere Fahne«, meinte er und band seinen Sarong an den Spitze des Stammes, um ihn aufzustellen. In der Zwischenzeit nahm ich Farben und Spiegel und bemalte meine Vorderseite selbst. »Schau, ich bin Deine Meeresnixe«, rief ich ihm zu, als ich fertig war, denn ich hatte ganz schnell gemalt, um vollständig zu sein. »Eher meine Meereskönigin«, meinte Joey, der meine komplette Verwandlung mit leuchtenden Augen genoß.Wie die Verrückten und die unschuldig spielenden Kinder tanzten wir farbig neben unserem Treibholzbau und freuten uns wie die Könige... Inzwischen war die Sonne tief über das Meer gesunken- wir hatten über neun Stunden gemalt und ausgeruht und wieder gemalt und die Zeit überhaupt nicht vergehen bemerkt. Wir waren sprachlos staunend: Diese Eindrücke von der Natur um uns, die An- und Ausblicke- , mit allen Sinnen das Wunder dieses außergewöhnlichen Tages erlebt zu haben und sogar in wunderschönen Bildern Momente des Glücks eingefangen zu haben.

Ein paar letzte Fotos noch vom Meer- bevor die Sonne in einem dunkelroten Glühen und mit spektakulärem Lichterspiel im Horizont dahinter versank. Mit der Dämmerung kam die Kälte- zum Glück hatten wir warme Sachen dabei, die wir jetzt über unsere Bemalung zogen. Doch mit der Abendstimmung und der gleichzeitig hereinbrechenden Windstille kamen auch Riesen-Moskitos aus den Sümpfen der Maremma. Offensichtlich konnten sie uns trotz der Farbe als süße leckere Menschen riechen und für diesmal packten und flüchteten wir, obwohl ich sonst nicht so empfindlich bin. So kamen wir müde und glücklich, hungrig und verliebt, farbig und schwitzend in der Dunkelheit zurück, denn heute Nacht wollten wir in Joeys Wohnmobil schlafen und uns erst am nächsten Tag in Ruhe und mit viel warmer Süßwasserdusche gegenseitig abwaschen.... Was für ein besonderer Tag....!

Anke Rammé Firlefanz

   
© Connection AG 2015