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Editorial 03/2011

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Das Private ist politisch, das Spirituelle erst recht

Photo Wolf Schneider

Dieses Heft von connection Spirit enthält ungewöhnlich viele politische Beiträge. Darunter die Aussagen von Dieter Althaus zum solidarischen Bürgergeld, die Zukunftsvisionen von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (und meine Antwort darauf) sowie das Interview mit dem Filmemacher Beat Häner über das, was mit Oshos Stadt der Zukunft schieflief. Aber auch unsere Beiträge über die Kulturen und Subkulturen der Berührung und den Umgang der Psychotherapien mit dem Berührungstabu der Psychoanalyse sind eigentlich hoch politisch. Alles Private ist politisch, sagten die 68er – wie wahr, wie wahr. Umso mehr gilt das für die Therapien und die religiösen Bewegungen, und nochmal mehr, wenn sie gesellschaftliche Utopien zu verwirklichen suchen.

Politics

»Politik« ist in der spirituellen Szene verpönt: »Das tu ich mir nicht an«, heißt es da oft. Sofern damit das politische Geschacher gemeint ist – das, was die Amerikaner politics nennen – stimme ich dieser Ablehnung gerne zu. Wenn damit allerdings die Vision für die Polis gemeint ist, die Gemeinschaft, die Gesellschaft als Ganzes, dann halte ich Politik für ein des mündigen Bürgers würdiges und zutiefst notwendiges Thema, und eines, das Spiritualität bitter nötig hat. Politik braucht den Gemeinschaftsgeist, den die spirituelle Haltung zum Weltlichen bieten kann. Sie braucht das Transzendieren der Ebenen, auf denen die Konflikte entstanden sind. Sie braucht die Suche nach dem, was jenseits der trennenden Identitäten verbindet.

Macht und Weisheit

Ich habe in dieser Zeitschrift immer für eine Verbindung von Macht und Weisheit geworben. Ihr Mächtigen, öffnet euch für das, was die Weisen zu sagen haben! Ihr Weisen, kommt raus aus euren Elfenbeintürmen und engagiert euch nicht nur für »das Reich Gottes«, sondern in dieser Welt! Ein bisschen in diese Richtung geht die Rede von Helmut Schmidt, die er im Januar zum Jubiläum der Max-Planck-Gesellschaft gehalten hat, über die Verantwortung der Wissenschaftler für die politische und soziale Welt – und die der Politiker, den Wissenschaftlern zuzuhören. Leider kommt das Wort »Weisheit« dort nur an einer Stelle vor: bei der Forderung nach einer Verfassung für die EU. Schmidt überragt die lavierenden Tagespolitiker in ihren diversen Lagern um Längen, und doch müsste auch er, dieser 'große alte Mann' der deutschen Politik, noch ein paar Schritte weitergehen, meine ich.

Zwischen den Stühlen

Ich habe diese Zeitschrift immer als ein Medium verstanden, das bereit ist, sich zwischen die Stühle zu setzen. Dort wird man nicht gehört, wird aufgerieben oder fällt durch – schon klar. Das ist das Risiko aller Interdisziplinären, die sich in die Klüfte zwischen den Lagern, Weltanschauungen und Denkweisen begeben. Genau dort aber weht der Geist der Freiheit und Erneuerung, von dort kommen die Impulse, die etwas verändern! Um etwas in Politik, Therapie und Spiritualität zu verändern, müssen wir uns in die Lücken, Klüfte und Abgründe zwischen diesen Bereichen begeben, dann sehen wir, dass Politik Geist (Spiritualität) und Heilung (Therapie) braucht, Therapie wiederum ein politisches Bewusstsein nötig hat, außerdem auch Geist, Transzendenz und Humor, und dass natürlich auch Spiritualität sich aktiv engagieren muss, um heilsam zu sein.

Die Zukunft

Bin ich mit diesem Anspruch ins Lager der Missionare geraten? Mag sein. Der Anspruch ist ja ein ernsthafter und gewichtiger, und so möchte ich – wissend, dass alle Missionare und Weltverbesserer etwas Tragikomisches an sich haben – diesem Schweren etwas Leichtes hinzufügen und oute mich bei meinen Auftritten als Kabarettist (zur Zeit im Münchner Galli-Theater) nicht nur als Missionar, sondern sogar als Prophet. Als solcher kann ich sehen, dass spätestens anno 2030 die Esoterik Weltreligion geworden ist – mit dem Rumgezicke zwischen Christentum und Islam war ja kein Staat mehr zu machen. Doch leider hat sich nur die naive Esoterik durchgesetzt, so ähnlich wie damals, vor 1700 Jahren, als das Christentum zur Institution erstarrte und fürderhin mit Jesus kaum mehr etwas zu tun hatte. So wird in 20 Jahren am Sitz der Weltregierung auf dem dann eisfreien Grönland endlich die ESDHP regieren, die Emotional-Sozial-Demokratische Herzpartei – wer dann noch »im Kopf« ist, wird von der Staatsgewalt »harmonisiert«, so wie das jetzt schon in China der Fall ist. Optimisten alle Länder, vereinigt euch – nur nicht verzagen, die Zukunft ist unser!

Euch zuliebe dennoch unverdrossen lächelnd Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 03/11

   
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