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Interview mit dem Filmemacher Beat Häner über den Film »Guru – Bhagwan«

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Interview mit dem Filmemacher Beat Häner über den Film »Guru – Bhagwan«
Sheela und Osho

Die Geschichte ist noch nicht vorbei

Unsere Oktoberausgabe (connection 10/10) enthielt das Interview mit Sabine Gisiger über den Film »Guru – Bhagwan, his Secretary and his Bodyguard«. Hier nun die angekündigten Antworten (auf dieselben Fragen) von Beat Häner, mit dem sie den Film zusammen machte. Ursprünglich sollten im Film weitere Zeitzeugen auftreten, erzählt Beat, die aber alle vor dem Dreh ihre Zusagen wieder zurückzogen. Beat hatte auch bei Veeresh angefragt, der als einziger bei seiner Zusage blieb. Nachdem der ihm aber im »Wow«-Retreat einen spirituellen Namen verpasst hatte (»Devagit«, so wie Oshos Zahnarzt), war im Filmteam der Teufel los: Man befürchtete die Vereinnahmung von Beat durch »die Sekte«, misstraute seinen Beteuerungen, dass dem nicht so sei und kam schließlich zu der Entscheidung, nur Sheela und Hugh Milne zu porträtieren. Da hatte Beat aber schon 60 Stunden von Veereshs »Wow-Retreat« gedreht. Schade um die interessanten Aufnahmen, findet er, denn nach der Fertigstellung des Films löschte einer der Techniker aus Versehen alle diese Aufnahmen von der Festplatte, und die Sicherungskopie gleich mit. Das sei nur »eine von vielen Geschichten«, die sich in den vier turbulenten Jahren ereigneten, in denen dieser Film gemacht wurde, erzählt Beat, und seine Freunde sagten ihm: »The making of Guru – Bhagwan«, das wäre wohl der noch spannendere Film gewesen

Sabine Gisiger und du, ihr beiden habt diesen Film gemacht, und von euch beiden bist du derjenige, der die Idee dazu hatte und die Initiative ergriffen hatte. Wie bist du auf dieses Thema gekommen? Hast du eine persönliche Geschichte mit Bhagwan/Osho?

In den frühen 80er Jahren, als 20jähriger, war ich in Kontakt mit einigen »Neo-Sannyasins«, doch der Beitritt zur Bewegung reizte mich nicht. Ich fand in Kunst und Kino ein offenes Feld. 1990 zog Sheela nach Beenden ihrer Gefängnisstrafe in ein kleines Dorf in der Nähe von Basel, in dem ich aufwuchs. Sie hatte noch vor ihrer Verhaftung in den USA einen dieser Schweizer Neo-Sannyasins geheiratet (Dipo Birnstiel) und so die Schweizer Staatsbürgerschaft erworben. In meinem Heimatdorf baute Sheela nun ein privates Heim für Alte und psychisch Kranke auf (connection berichtete darüber und interviewte sie hierzu).

Vor gut vier Jahren packte es mich, und ich besuchte sie erstmals. Zuerst wollte ich fürs Fernsehen eine kürzere Reportage über ihr neues Leben machen. Doch der Produzent Philip Delaquis überzeugte mich, dass da Stoff für mehr ist: Ein Kino-Film, in dem Sheela ihre Version der Geschichte dieser Bewegung erzählt. Ich kam dann im Laufe der Vorgespräche zur Einsicht, dass es neben Sheela noch eine zweite und dritte Stimme braucht.

Der Film war relativ rasch anfinanziert. Sabine Gisiger als Co-Autorin kam hinzu, und es kam schließlich auch das Einverständnis von Hugh Milne und von Veeresh D. Yuson-Sanchez, im Film als weitere Erzähler mitzuwirken. Ich hatte mich während den zwei Jahren der Recherchen mit vielen Menschen getroffen, die in den 70er- und 80er Jahren nahe um Osho waren, doch die wenigsten waren bereit, in einem Film mitzuwirken, in dem auch Sheela ihre Version erzählt. Hugh Milne (der ehemalige Swami Shivamurti) war während der Rajneeshpuram-Zeit ein »bad boy«, weil er aus der Bewegung austrat und mit dem Buch »The God That Failed« mit seinem spirituellen Meister zu Gericht ging. Für die meisten, die nach dem Fall von Rajneeshpuram mit Bhagwan weiterzogen, war es ausgemachte Sache, dass Sheela und »ihre Gang« alleine für alle kriminellen und dunklen Geschehnisse in Oregon verantwortlich waren. Die Arbeit als Journalist und Filmemacher hat mich aber gelehrt: Bei den »Exkommunizierten« und den »Schattenfiguren« hinzuschauen bringt oft viel Licht in eine Sache. Geplant war als dritte Erzählperson Veeresh D. Yuson-Sanchez, der Encounter-Therapeut und Gründer der Humaniversity in Egmond aan Zee, Holland. Dort hatte ich zu dem Zweck längere Zeit gedreht. Im Schnitt sahen wir jedoch, dass das Auftreten von Sheela und Hugh alleine dramaturgisch schärfer würde, eindringlicher.

»In einer anfangs offenen Bewegung halten Personenkult, Politik und Doppelmoral Einzug«

Die Antwort auf deine Frage, warum ich mich dem Thema Bhagwan/Osho zugewandt habe, ist also zum einen: Es war »Zufall«. Auf der andern Seite: Die Neo-Sannyasin-Bewegung war eine einflussreiche spirituelle Bewegung und hat als heterogenes Netzwerk ja heute noch Bedeutung. Was hinter dem Slogan »Zorbas The Buddha« steht – die Vereinbarung von diesseitiger Lebensfreude mit spiritueller Einkehr – das ist für mich Inspiration und mehr als ein Schlagwort. Innerhalb der Bewegung, die sich diese Worte auf die Fahne schrieb, geschah für mich etwas Lehrstückhaftes, was sich eigentlich in allen spirituellen Bewegungen immer wieder zeigt: Nach einer Phase des Aufbruchs kommt die Institutionalisierung, die »Verkirchlichung«. Das geschah in der Bhagwan-Bewegung nicht erst mit der Gründung von Rajneeshpuram 1981 in Oregon, USA – es entstand bereits in den 70er Jahren im Ashram in Pune. Dieses Phänomen interessierte mich. Was geschieht da? Wie geschieht es?

In diesem Sinne ist es für mich weniger ein Film über die »Bhagwan-Bewegung« als vielmehr ein Film, der ein Phänomen reflektiert. In vielen alternativen und insbesondere spirituellen Bewegungen entsteht immer wieder ein Kreis von Überzeugten: »Wir gehen den wahren Weg!«. Sie beginnen, die Welt einzuteilen in ein »wir« und »die anderen«. In einer anfangs offenen Bewegung halten Politik, Doppelmoral und Personenkult Einzug – so wie um Rajneesh herum. Aus einer persönlichen Angelegenheit, der spirituellen Suche, wird ein Bekenntnis zu einer Institution.

Hat dich die Arbeit an dem Film verändert?

Es hat mich wieder und wieder durchgeschüttelt. Während der Recherche entstanden Freundschaften, und ich erlebte Vereinnahmungen. Vieles ließ ich durch mich selber durch. In den Workshops, die ich machte, ging ich durch positive, aber auch zweispältige Erfahrungen – sie können befreien, aber auch Abhängigkeiten schaffen. Die Arbeit an diesem Film konfrontierte mich mit meinen eigenen Schatten, meinen eigenen Ängsten. Es war kein Thema, das ich von außen her »behandeln« konnte. Und dann all die heftigen Auseinandersetzungen, die wir im Film-Produktions-Team hatten bei den Fragen: Welche Perspektive ist aufschlussreich? Was sollen wir drin-, was weglassen?

Aus heutiger Warte möchte ich sagen: Ich habe einigermassen Klarheit gewonnen über die »weltlichen« Prozesse innerhalb der Neo-Sannyasin-Bewegung – und ich wurde durch diese Arbeit auch klarer über mich selber. Quasi eine vierjährige Therapie (lacht)!

Etwas ist mir durch diese Arbeit noch klarer geworden: Es gilt, den Verstand zu gebrauchen, einen Standpunkt einzunehmen und den auch zu vertreten. Will ich mir selber treu sein – oder definiere ich mich über Erfolg, Applaus, ein Amt, die Regeln einer Gemeinschaft? Und gleichzeitig: Die Instanz für mein Tun ist das Herz. Das ist das Tor zum Göttlichen / zur Stille / zum Absoluten – welches Wort wir auch immer gebrauchen wollen. In der Kommunikation von Herz zu Herz tut sich das Glück auf. Dann schwindet alles, was ich als meine »Persönlichkeit« definiere, und ich bin mit allem eins.

Dieser Fim appelliert in gewisser Weise daran, Herz und Verstand nicht als etwas zu sehen, was sich ausschließt. Bin ich mit meinem Herzen verbunden, ist auch der Verstand klar. Bei aller Herzöffnung ist es immer wieder nötig, auch mal »Stop« sagen zu können: »Hey Freunde, was machen wir hier eigentlich?«

Interview mit dem Filmemacher Beat Häner über den Film »Guru – Bhagwan«
Osho inszenierte sich als Guru

Du hast dich immerhin drei Jahre lang mit diesem Stoff beschäftigt und dazu Material gesichtet. Das ist eine lange Zeit. Mit dem Material hätte man auch hundert Stunden Film machen können …

Ja, mit all den Archivszenen und mit den Dutzenden von Stunden aufgezeichneter Interviews und gefilmter Szenen hätten wir auch einen andern Film schneiden können – drei, vier, fünf andere Filme. Wir erzählen ja nicht die einzig »richtige und wahre« Geschichte. Zudem ist es ein Gemeinschaftswerk, in dem unterschiedliche Positionen zusammen kamen. Was ich aber erfuhr durch die vielen Gespräche mit Leuten, die den Film sahen: Es ist in gewisser Weise ein trauriger Film, der einen nach einem großen Aufbruch mitnimmt auf eine Reise durch ein Schattental. Aber es ist ein Film, der zum Diskutieren und Nachfragen und Hinterfragen anregt.

Du hast davon gesprochen, dass der »Aufstieg und Fall von Rajneeshpuram« geradezu etwa Lehrstückhaftes habe, in der Art wie dort eine anfangs offene Bewegung sich institutionalisierte und verkirchlichte, bis hin zu Personenkult, Politik und Doppelmoral. Es gibt in dem Film eine Stelle, wo Osho Sheela die Schuld am Tod ihres ersten Ehemanns anzuhängen versucht, die in der Hinsicht wohl besonders schmerzhaft ist. Denn er war es doch, der sie einst getröstet und gesagt hatte, sie solle diesen – unvermeidlichen – Tod ihres geliebten Ehemanns nicht so schwer nehmen. Wie war das für dich, den Film so zu schneiden, dass dem Zuschauer die Interpretation »Er lügt! Und das, um dem Gefängnis zu entkommen!« kaum erspart bleibt?

Osho gab in den letzten Wochen von Rajneeshpuram viele Pressekonferenzen. Einige Szenen aus diesen Shows sind hart. Für alle jene um so härter, die Rajneesh als Lehrer erlebten, der sie anstieß zu mehr Bewusstheit. Und dieser Lehrer tritt in diesen Filmdokumenten entweder völlig außer sich als beleidigter Macho auf, oder er windet sich rhetorisch geschickt aus jeder Verantwortung und schiebt sie allein auf Sheela. Der Film stellt diese Fragen: Wer war verantwortlich für Überwachungsstaat, Gesinnnungsterror und Sektenbenimm in Rajneeshpuram? Was wusste der Chef? Was hatte er angeordnet? Warum hatte Osho gerade Sheela zu seiner Sekretärin gemacht? Wir wollen da keine Antworten geben. Aber anstoßen zur Aufarbeitung, das wollen wir, weil uns eines klar scheint: Die Aufarbeitung geschah bis heute nicht wirklich.

»In dieser heterogenen Bewegung geschahen Herzöffnung und Gurukult, beides«

In »der Gefolgschaft« von Osho gab es solche und solche. Viele haben brav zugehört, gestaunt, und dann weiter gemacht wie bisher. Andere sind an dem Punkt, da die Doppelmoral begann, ausgestiegen und haben gesagt: Das mach ich nicht mehr mit! Und dann gab es (und gibt es!) stark revoltierende Bewegungen innerhalb der Sannyasins, die vor zu viel Gurukult warnen und sich dabei auf Aussagen von Osho/Bhagwan beziehen, der ja selbst ein Aussteiger, Rebell und Nonkonformist war. Er hat sich sogar mal »Anarchist des Herzens« genannt.

Der Film »Guru« zeigt Szenen reiner Verehrung, wo schon von der Blickrichtung der Kamera her, von unten nach oben, klar ist, wer und was zu verehren ist. Das wird dort auch nicht, so wie sonst in den Medien, von euch Filmautoren hämisch kommentiert. Und dann gibt es diese Schnitte, die Osho als Lügner und Verleumder zeigen, oder wo er sich rausredet, dass er während der Jahre seines Schweigens nicht gewusst habe, was in seiner Stadt Rajneeshpuram los gewesen sei – was für ein krasser Gegensatz! Ich rechne es dem Film positiv an, das er diese beiden Perspektiven so nebeneinander stehen lässt.

Ich glaube, genau deshalb stößt der Film auf Interesse: Weil sich die Geschichte von Rajneeshpuram allerorten wiederholt. Und weil wir den Standpunkt vertreten: In dieser heterogenen Bewegung geschahen Herzöffnung und Gurukult, beides. Und weil wir ohne Häme und ohne Verklärung hinhören wollten: Wo und wie geschah Positives, das noch heute anregend ist? Wo und wie wurde es schief?

Der Film ist gewiss ebenso ein Film über die Jünger des Guru wie über den Guru. Man kann ja nicht ihm Größenwahn oder Machtmissbrauch vorwerfen ohne zu sagen und zu zeigen, war da mitgemacht hat, bei dieser ganzen Show. Und auch darin stimme ich dir zu: Es besteht ein Widerspruch zwischen dem Versuch, den egolosen Zustand zu erreichen und ein guter, egoloser Schüler zu sein. Darin ist die Paradoxie dieser ganzen spiritueller Suche und Gefolgschaft eigentlich schon ganz gut zusammengefasst. Diesen Widerspruch hat übrigens Osho selbst grandios analysiert und vielfach auf die Schippe genommen.

Bhakti – liebende Zuwendung: Diese Lebenshaltung ist für mich ein Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Und diese Lebenshaltung kann uns auf einen eigenartigen Prüftstand bringen, wenn wir uns in einer Bewegung wiederfinden, die doktrinär geworden ist, wo Machtmissbrauch und Personenkult Urstände feiern. Für mich wurde die »Bhagwan-Bewegung« doktrinär, obwohl sich Rajneesh/Osho, der alte Trickster, immer wieder verbal dagegen gewandt hatte, unter großem Gelächter seiner begeisterten Zuhörer: »I don't want to be called Bhagwan anymore – the joke is over!« Der Witz ist vorbei. Was aber nicht vorbei ist: Dass wir diesen Witz als Lehrstück nehmen und uns die Geschichte über diesen Witz immer wieder erzählen – und uns dabei immer wieder fragen: Wer hatte den Witz erfunden? Oder: Wer hat die Sache zum Witz gemacht?

Das Interview führte Wolf Schneider

Beat Häner, geboren 1963 in Basel. Ausbildung zum Grafiker an der Schule für Gestaltung Basel. 1984-86 Leitung des Studio-Kinos Sputnik in Liestal. 1986-89 Studium der Videokunst an der Hochschule für Gestaltung Basel. 1989 Mitbegründer der Künstlergenossenschaft VIA. Von 1996 bis 2002 Redaktor und Produzent beim Schweizer Fernsehen (SRF). Seit 2002 freier Autor von Fernsehreportagen und Dokumentarfilmen, vor allem für das Schweizer Fernsehen.

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Aus dem Heft connection spirit 03/11

   
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