Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Magazintexte

Festrede von Alt-Kanzler Helmut Schmidt Teil 1

Details

Festrede von Alt-Kanzler Helmut Schmidt
Helmut Schmidt 2008 © wikipedia

Die neuartigen Menschheitsprobleme

Der SPD-Politiker Helmut Schmidt war von 1974 bis 1982 der fünfte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, vorher viele Jahre Minister, seit 1983 ist er Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit. Er ist mit seinen 92 Jahren heute der weitaus angesehenste Politiker Deutschlands. Die SZ nannte ihn »Deutschlands derzeit unangefochtenes Polit-Orakel«, weil er auch Zukunftsprognosen wagt und dabei weit über die oft kleinkrämerische Tagespolitik hinausblickt. Am 11. Januar hier er auf der Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag der Max-Planck-Gesellschaft (ehemals »Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft«) die Festrede zum Jubiläumsakt. Weil connection seit je für die gegenseitige Befruchtung von nicht nur Wissenschaft und Politik, sondern auch von Weisheit und Politik wirbt, bringen wir die Rede im vollständigen Wortlaut (und wegen der Länge in zwei Folgen), jeweils kommentiert von connection-Herausgeber Wolf Schneider

Aus Anlass des 100. Geburtstags der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft möchte ich über die Verantwortung der Wissenschaft sprechen – zunächst unter dem Aspekt der zu Beginn des 21. Jahrhunderts erkennbaren neuartigen Menschheitsprobleme. Sodann möchte ich mich etwas kürzer den spezifischen Fragen zuwenden, die sich für uns Europäer ergeben können.

Bevölkerungswachstum

Bisher hat die tatsächliche Entwicklung der Menschheit die These von Thomas Robert Malthus falsifiziert, in der er vor mehr als 200 Jahren vorhergesagt hat, dass bei anhaltendem Wachstum der Weltbevölkerung deren ausreichende Ernährung nicht mehr gewährleistet werden könne. Tatsächlich hat die Weltbevölkerung im ganzen 19. Jahrhundert stetig zugenommen, im 20. Jahrhundert hat sie sich sogar um den Faktor 4 bis auf 6 Milliarden vermehrt. Gegen Mitte des 21. Jahrhunderts werden wir 9 Milliarden Menschen sein. Zwar gibt es bisweilen Hungersnöte, insgesamt jedoch werden sehr viel mehr Menschen ernährt, als Malthus sich das als möglich vorgestellt hat.

Migrationen

Gleichwohl hat Malthus mindestens in einem Sinne recht gehabt: Die Übervölkerung des Erdballs wirft gewaltige Probleme auf. Milliarden Menschen leben nicht mehr in Hütten nebeneinander, sondern sie leben in Etagen übereinander. Nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch in den Schwellenländern und in den Entwicklungsländern findet eine Verstädterung der Gesellschaften statt. Und dort, wo Bevölkerungsexplosion zusammentrifft mit Unterversorgung, mit politischen, ökonomischen oder ökologischen Missständen aller Art, dort kann sie Wanderungsströme auslösen. Und wenn Wanderungsströme die eigenen Staatsgrenzen überschreiten, lösen sie transnationale Konflikte aus. Von allen Staaten der Welt hat bisher allein China eine wirksame Dämpfung des Bevölkerungswachstums zustande gebracht. Das chinesische Beispiel wirft vielfältige Probleme auf – einschließlich ethischer und philosophischer Fragestellungen.

Globalisierung

Vor allem aber wirft das höchst problematische Nichthandeln der übrigen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas schwerwiegende Fragen pro futuro auf. Man kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, hier handle es sich um fremde Erdteile, deshalb brauchten wir Europäer oder wir Amerikaner uns darum nicht zu kümmern. Es ist hohe Zeit, dass eine der Spitzenorganisationen der deutschen, besser der europäischen Wissenschaft die komplexe Thematik der Bevölkerungsexplosion erforscht.

Parallel zur dramatischen Bevölkerungsvermehrung erleben wir seit einem halben Jahrhundert eine ebenso dramatische Globalisierung der Ökonomie. Diese Globalisierung hat in den letzten Jahrzehnten quantitativ und qualitativ einen enormen Schub erhalten. Den Begriff Weltwirtschaft gibt es zwar seit 100 Jahren, aber in Wahrheit war damit bis in die 1980er Jahre lediglich der Bereich der OECD-Staaten gemeint. Heute haben wir es wahrhaftig mit einer globalen Wirtschaft zu tun – und mit der Möglichkeit globaler ökonomischer Krisen.

»Milliarden Menschen leben nicht mehr in Hütten nebeneinander, sondern sie leben in Etagen übereinander«

Die Bankenkrise

Im Herbst des Jahres 2008 und im Jahre 2009 hat die Menschheit – allerdings nur mit Glück – eine weltweite sozial-ökonomische Depression vermeiden können. Weil die Regierungen und die Zentralbanken von zwanzig der wichtigsten Staaten der Welt dafür gesorgt haben, dass die Existenzkrise eines verantwortungslosen Bankengefüges – vor allem in New York und in London – nicht voll auf die reale Wirtschaft der Welt hat durchschlagen können. Weil es aber keine verbindliche Ordnung der Weltmärkte gibt, sind weitere globale Wirtschaftskrisen eher wahrscheinlich. Es macht keinen Sinn, zu meinen, dies sei ein Feld, das man der Politik überlassen sollte. Denn die Politiker verstehen davon noch weniger als die Wissenschaftler. Die ökonomische Wissenschaft weltweit hat sich schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht mit Ruhm, sondern eher mit Schande bedeckt. John Maynard Keynes war so ziemlich der Letzte, der ein globales Konzept entwickelt hat. Aber wer oder welches Team versucht einen neuen Ansatz?

Militarisierung

Schon seit einem halben Jahrhundert ist die weltweite militärische Hochrüstung zu einem Menschheitsproblem geworden. Aus damals fünf Atomwaffenstaaten sind inzwischen mindestens acht geworden, weitere Staaten stehen an der Schwelle. Die heute aufgehäufte atomare Vernichtungskraft ist inzwischen tausendmal größer, als sie 1968 zu Zeiten des Nichtverbreitungsvertrages gewesen ist. Ich meine wirklich: tausendmal! Die Hochrüstung betrifft allerdings nicht nur die atomaren Waffen, sondern ebenso Raketen, Panzer, Flugzeuge, Kriegsschiffe. Und vor allem müssen wir erkennen: Der fast ungehemmte Rüstungsexport sogenannter konventioneller Waffen hat das Vernichtungspotenzial vervielfacht. All die Millionen Kriegs- und Bürgerkriegsopfer seit 1945 sind durch konventionelle Waffen getötet worden, Zivilpersonen und Soldaten in gleicher Weise. Und Zigtausende Waffen sind inzwischen in die Hände machtideologisch verblendeter Personen geraten, darunter Tausende von Terroristen. Ich muss mich fragen: Können wir im Ernst den Standpunkt vertreten, diese ungeheure lebensbedrohende Problematik gehe die forschende Wissenschaft nichts an?

Festrede von Alt-Kanzler Helmut Schmidt
Jürgen Effner © fotolia.com

Der clash of civilizations

Vor anderthalb Jahrzehnten hat der Amerikaner Samuel Huntington die Gefahr eines clash of civilizations beschrieben. Heute müssen wir erkennen: Diese Gefahr ist real. Sie besteht insbesondere für das Verhältnis zwischen dem Westen insgesamt und den islamisch geprägten Staaten – etwa einem Viertel aller Staaten der Welt. Viele Bischöfe, Priester und auch Päpste, viele Mullahs und Ajatollahs haben Vorstellungen von »Freund/Feind«-Konstellationen propagiert. Hier liegt seit Generationen ein schweres Versäumnis der Kirchen und der Glaubensgemeinschaften vor, aber ebenso ein Versäumnis der Geisteswissenschaften und der Universitäten insgesamt. Daneben erscheint am Horizont dieses Jahrhunderts eine Gefährdung des Verhältnisses zwischen dem Westen und Asien, insbesondere aber gegenüber dem aufsteigenden China. Jedenfalls benötigt die zusammenwachsende Menschheit weniger innerchristliche Kontrovers-Theologie als vielmehr eine Erforschung der religiösen, der philosophischen und der ethisch-moralischen Gemeinsamkeiten.

Die globale Erwärmung

Zusätzlich zu all den vorgenannten, von Menschen verursachten Problemen werden wir beunruhigt von dem Phänomen der globalen Erwärmung und den ihr unterstellten Konsequenzen. Wir wissen, dass es natürlicherweise immer Eiszeiten und Warmzeiten gegeben hat; wir wissen jedoch nicht, wie groß gegenwärtig und künftig der von Menschen verursachte Beitrag zur globalen Erwärmung ist. Die von vielen Regierungen international betriebene sogenannte Klimapolitik steckt noch in ihren Anfängen. Die von einer internationalen Wissenschaftlergruppe (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) bisher gelieferten Unterlagen stoßen auf Skepsis. Es scheint mir an der Zeit, dass eine unserer wissenschaftlichen Spitzenorganisationen die Arbeit des IPCC kritisch und realistisch unter die Lupe nimmt und sodann die sich ergebenden Schlussfolgerungen der öffentlichen Meinung unseres Landes in verständlicher Weise erklärt.

Um den menschlichen Beitrag zur globalen Erwärmung wirksam abzusenken, erscheint im Laufe des 21. Jahrhunderts jedenfalls eine Umstellung von Kohlenwasserstoffen auf andere Energiequellen geboten. Sie wird zudem langfristig notwendig, weil die vorhandenen Reserven an Erdöl, Erdgas, Kohle, Braunkohle et cetera begrenzt sind. Für die nächsten Jahrzehnte kommen Kernenergie, Solarenergie und Windenergie in Betracht (Wasserkraft sicherlich nur in seltenen geografischen Ausnahmefällen). Die europäischen Staaten haben sich bisher für verschiedene Energiepolitiken entschieden: England, Holland und Norwegen verlassen sich auf ihre eigenen Reserven an Kohlenwasserstoffen; Frankreich hat seine Elektrizitätsversorgung weitestgehend auf Kernenergie gebaut; Deutschland ist im Begriff, sowohl auf Kernenergie als auch auf seine eigene – sehr teure – Kohle zu verzichten, und verlässt sich zunehmend auf importierte Kohlenwasserstoffe. Ähnlich verhalten sich die anderen europäischen Staaten; Solarenergie und Windenergie spielen bisher eine untergeordnete, wenn auch zunehmend wichtige Rolle.

Regenerative Energien

Eine gemeinsame Energiepolitik der Europäischen Union gibt es jedoch nicht. Es ist aber ziemlich sicher, dass im Laufe der nächsten Jahrzehnte eine Antwort auf die Frage der künftigen Energieversorgung gefunden werden muss. Insbesondere erfordert die zwangsläufige Umstellung von Kohlenwasserstoffen auf andere Energiequellen einen hohen Aufwand für Forschung und Entwicklung. Hier ist insbesondere die Grundlagenforschung gefragt, um regenerative Energien zukünftig als geeignete Alternative nutzbar zu machen. Jetzt habe ich Ihnen sehr pauschal fünf vorhersehbare Weltprobleme aufgezählt, die uns allen noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht bewusst gewesen sind, als wir vor allem vom Ost-West-Konflikt und von seinen denkbaren Folgen fasziniert waren.

Zugleich erscheint es mir aber nützlich, auch einige Fragen zu nennen, die nach meiner Einschätzung keineswegs zu weltweiten Problemen werden: Es wird kein Ende des ökonomischen Wachstums geben, denn der zivilisationstechnologische Fortschritt ist unvermeidlich. Es wird wohl kaum ein globales Ernährungsproblem geben; denn die Züchtung von Nutzpflanzen und Nutztieren wird weiterhin erfolgreich sein, und die Gentechnik wird dabei helfen. Es besteht auch kaum Besorgnis, dass der Fortschritt der Wissenschaft und Forschung und der Zivilisationstechnologien sich global verlangsamt.

»Die ökonomische Wissenschaft weltweit hat sich schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht mit Ruhm, sondern eher mit Schande bedeckt«

Die Rolle der Wissenschaft

Nach dieser Beruhigungspille ist jedoch ein dringender Appell notwendig. Wissenschaftler und Forscher spezialisieren sich in einem unerhörten Ausmaß. Vielleicht war Alexander von Humboldt der letzte Universalgelehrte. Den heutigen Wissenschaftlern fehlt häufig der Überblick über den Kosmos unseres Wissens – und unseres Könnens. Damit wende ich mich insbesondere an die wissenschaftlichen Eliten. Ich weiß, das Wort Elite ist ein politisch belasteter Ausdruck. Gleichwohl sind Sie, meine Damen und Herren Wissenschaftler, eine Elite. Eliten tragen eine besondere Verantwortung gegenüber der Menschheit. Es mag ja sein, dass ein Wissenschaftler jemand ist, dessen Einsichten größer sind als seine Wirkungsmöglichkeiten. Es mag auch sein, dass Sie, meine Damen und Herren, Politiker für Menschen halten, deren Wirkungsmöglichkeiten größer sind als deren Einsichten. Gleichwohl können Wissenschaftler nicht beanspruchen, unbehelligt von den Weltproblemen, unbehelligt vom ökonomischen und politischen Geschehen, unbehelligt von den Zwängen, denen ansonsten die Gesellschaft unterworfen ist, ein glückliches Eremitendasein zu führen. Denn auch als hoch spezialisierter Forscher bleiben Sie ein Zoon politikon. Und deshalb ist Wissenschaft heute nicht nur, wie Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt hat, »sozial organisierte Erkenntnissuche« – sondern Wissenschaft ist zugleich eine der sozialen Verantwortung verpflichtete Erkenntnissuche!

Gemeinsames Handeln

Wir sind zur Vernunft fähig – sogar zu gemeinsamer Vernunft. Zwar haben die Regierungen der Staaten auf den tödlichen Feldern der Überrüstung von der Möglichkeit gemeinsamen vernünftigen Handelns bisher nur unzureichenden Gebrauch gemacht. Immerhin aber haben sie sich – zum Beispiel in Gestalt der UN-Charta – ein weitgehend gemeinsames Völkerrecht geschaffen. Und die Menschheit hat aus Gründen der Vernunft ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse und sogar große Teile ihrer Forschung internationalisiert – ein beinah globales Beispiel gemeinsamer Vernunft. Ich will daran erinnern, dass im Herbst und Winter 2008/09 die 20 wichtigsten Regierungen und ihre Zentralbanken in historisch einmaliger Manier gemeinsam vernünftig gehandelt und damit den schwersten Schaden vermieden haben.

Hier geht es zum zweiten Teil der Rede

Helmut Schmidt, geb. 1918 in Hamburg, ist neben Willi Brandt einer der renommiertesten Politiker der SPD. Von 1967 bis 74 Bundesminister (erst Verteidigung, dann Wirtschaft und Finanzen), von 74 bis 82 zwei Amtszeiten lang Bundeskanzler. Im vergangenen Oktober starb seine Ehefrau Loki, mit der er seit 1942 verheiratet war. Schmidt ist bekennder Raucher, berühmt für sein Redetalent (»Schmidt Schnauze«) und bezeichnet trotz seiner Mitgliedschaft in der ev. Kirche als nicht religiös. Bei Maischerger sagte er hierzu: Weil Gott Auschwitz zugelassen habe, könne er nicht mehr auf Gott vertrauen.

Heft
bestellen

Aus dem Heft connection spirit 03/11

   
© Connection AG 2015