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Die Denkirrtümer der Esoteriker

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Die Denkirrtümer der Esoteriker
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Denkwürdiges über Denken, Nach-Denken und Glauben

Wenn Siddhartha in Hermann Hesses Erzählung von 1922 sagt, drei Sachen könne er: Denken, Warten und Fasten, dann meint er damit drei herausragende Eigenschaften, die ihn getrost den kommenden Prüfungen entgegen gehen lassen. Mit »Denken« meint er nicht die in spirituellen Kreisen so gern verspottete Hirnwichserei, das halbautomatische Kreisen der ewig gleichen Gedanken, sondern klares, scharfes, rationales Denken. So mahnt denn der bekennende Skeptiker Jürgen Beetz hier auch, auf dem von Ken Wilber empfohlenen Weg vom Prä- zum Transrationalen das Rationale nicht zu überspringen

Eigentlich gibt es nur einen einzigen Denkfehler der Esoteriker: Sie denken, dass die Dinge existieren, an die sie glauben.Weil sie doch so fest an sie glauben, müssen sie existieren! Tun sie aber nicht. Klar gibt es Dinge und Phänomene, die existieren, weil wir daran glauben: zum Beispiel Vertrauen. Die Tatsache,dass wir oder sonstwer daran glauben, ist aber noch kein ausreichender Grund dafür, dass dieses Objekt tatsächlich existiert.

Denken kann jeder, und jeder tut es irgendwie, fast immer. Gedanken strömen durch unseren Kopf wie die Abwässer in der undichten Kanalisation Neapels: »Ich denke mal, dass…« – und es folgt Unbedachtes. Dieses Denken ist ein fast automatisches Abfallprodukt des Erlebten. »Das Gehirn ist eine wunderbare Sache. Es fängt bei der Geburt an zu arbeiten und hört erst damit auf, wenn du aufstehst, um eine Rede zu halten «, hat ein Spötter mal gesagt, aber leider produziert es auch außerhalb der Reden viel Müll. Nicht umsonst arbeiten verschiedene Meditationstechniken daran, den Fluss der Gedanken zu beruhigen, ihn gar zu stoppen und ins »Nichts« zu leiten.Viel schwieriger als das Denken ist das Nach-Denken,die Reflexion, das wirkliche Verarbeiten des Erlebten und Gedachten und die »Erkenntnis der Erkenntnis«.

Schwierig und für viele unmöglich ist auch das Zurücktreten von einer einmal gefassten Meinung, der Zweifel an der eigenen Erkenntnis. Das ist eine erhellende (wenn auch vielleicht nicht gleich »erleuchtende«), manchmal beängstigende Erfahrung: Wenn ich über etwas nachdenke, was mir klar erschien, und ich plötzlich merke, dass ich nichts verstanden habe.

Denken oder Nachdenken?

Denken verhält sich zu Nachdenken wieVorurteil zu Urteil – und das kann dann sogar in die zweite und dritte Instanz gehen.Wir müssen dabei innere Widerstände überwinden und die gefühlte Sicherheit einer Erkenntnis aufgeben.Unser Gehirn ist ein Mustersucher und ein Regelbildungsapparat – es belohnt uns mit Glückshormonen, wenn es ein Muster gefunden hat. Selbst wenn gar keins da ist. Das hat das Bavelas-Experiment gezeigt, bei dem Probanden Bilder von gesunden und kranken Zellen unter dem Mikroskop gezeigt werden – je zufälliger die Muster, desto abstruser die Erklärungen der scheinbaren Regelhaftigkeit. Und so landen wir auch bei diesem Thema bei einigen grundsätzlichen Fragen: hier bei der »Wahrheit«. Sind die Behauptungen der Esoteriker (ersatzweise: der Politiker, Augenzeugen,Wahrsager) wahr? Sind sie logische Folgen aus gegebenen, als sicher geltenden Prämissen? Hier können wir wieder auf die alten Philosophen zurückgreifen. Aristoteles schrieb:

»Zu sagen nämlich,das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr«. Und in seiner Schrift über die Dialektik definiert er »anerkannte Meinungen« als »diejenigen, die entweder (a) von allen oder (b) den meisten oder (c) den Fachleuten und dabei entweder (ci) von allen oder (cii) den meisten oder (ciii) den bekanntesten und anerkanntesten für richtig gehaltenwerden«. Besser kann man Quellen desWissens und der Wahrheit kaum beschreiben – die Experten und die Weisheit der Vielen. Aber ob am Ende (a) alle oder nur (ciii) die anerkanntesten Fachleute recht behalten, vor allem, wenn sie sich widersprechen, das ist bis heute unbeantwortet und im Einzelfall mal so, mal so.Wobei die »alten Weisheiten« natürlich mit Vorsicht zu genießen sind: Das Alter eines (Aber-) Glaubens ist kein Beweis für seine Richtigkeit. Einer meiner Lieblingsslogans ist:»5000 Jahre altesWissen aus der chinesischen Heilkunst in Kombination mit der modernen Quantenphysik« – damit verkaufen Quacksalber ihre Bioresonanzmesser oder Strahlungsdetektoren. Jahrtausende alt ist aber auch die chinesische Tradition, auf den Fußboden zu spucken.

Das Glaubensgruselkabinett

Wenn ich mich in der heutigen Welt so umschaue, habe ich den Eindruck, die Aufklärung, das war mal. Heute breitet sich wieder der Aberglaube aus. Wie soll ein denkender und nachdenkender Mensch sich denn verhalten in einer Welt solcher Merkwürdigkeiten, wie etwa das Glaubensgruselkabinett von www.esowatch.com sie aufzählt: Astrologie, Aura-Reading und Aurafotografie, Channeling,Edelsteinwasser und Heilsteintherapie, Bachblüten und Homöopathie, Engel, Feinstofflichkeit, Handlesen, Hellsehen, Indigo- und Kristallkinder, Kinesiologie, Japanische Wasserkristalle, Jenseitskontakte, Karma, Kartenlegen, Kirlian- Fotografie, Kryon und sein Magnetgitter, Lichtarbeit und -heilung, Magnetisiertes Wasser, Mondholz und Mondkalender, Numerologie, Orgonakkumulator und -strahler, Pendeln, Radiästhesie, Reinkarnation, Schamanismus, Tarot, Telepathie und -portation, Quantenheilung, Voodoo… und kein Ende. Und wo wir gerade dabei sind: Räumen wir doch die Religionen auch gleich mit ab!

Die vielen weiteren Lieblingsthemen der Esoterik hier aufs Korn zu nehmen, damit wäre der Raum für diesen Artikel schnell aufgebraucht. Wie sich also verhalten: Die Schultern zucken und Einstein zitieren: »Es gibt zwei Dinge, die grenzenlos sind. Das Universum und die menschliche Dummheit. Wobei ich mir beim Universum nicht so sicher bin.« Oder beharrlich geistigen Widerstand leisten und versuchen, an Reste eines rationalen Denkens zu appellieren? Nun, letzteres will ich als in der Wolle gefärbter Rationalist, Naturwissenschaftler und Agnostiker versuchen – damit die Esoteriker unter meinen Lesern gleich ein klares Feindbild haben.

»Unser Gehirn ist ein Mustersucher. Es belohnt uns mit Glückshormonen, wenn es welche gefunden hat – auch wenn gar keine da sind«

Die Horde und der Boss

Lasst uns zu diesem Zweck eine Reise zurück in unsere Stammesgeschichte machen, vielleicht bis zu einer Zeit des homo, in der er das Attribut sapiens noch nicht hatte. Sein Garant für das Überleben war das »viel zu große« Gehirn, das ihm aber schon zwei wichtige Strategien diktierte: den Schutz durch die Horde und den mächtigen Führer. Daher rühren unsere Sozialbindung und unserAutoritätsschema. Beide sind Muster, in denen die zufälligen und undurchschaubaren Erlebnisse aus der Umwelt zu einfachen Regeln zusammengedampft werden. Deswegen akzeptiert der Mensch kein Nicht- Verstehen und keinen Zufall, mit Regellosigkeit und Komplexität tut er sich schwer. Also nehmen wir die Meinungen der anderen und besonders des Bosses für »wahr«. VieleMenschen brauchen daher einen Führer, dem sie kreischend und brüllend in den Tinnitus (Michael J.) oder den totalen Sieg (Adolf H.) folgen. Diese Bindung an die Horde und den leader derselben scheint einen evolutionärenVorteil gehabt zu haben. Dieser schwindet allerdings, wenn man für seinen Führer blind in denTod geht, anstatt seinem Verstand zu folgen. Denn diese Leitfigur ist ja oft »Gott« – der »virtuelle Silberrücken «,wie Schmidt-Salomon ihn in seiner Religionskritik nennt.

»Wo wir gerade beim esoterischen Gruselkabinett sind: Räumen wir doch die Religionen auch gleich mit ab!«

Wir nackten Affen

Hier sind auch die bedeutendsten Fragen der Philosophie angesiedelt: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist derMensch? Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: Wir sind ein extrem komplex gewordener Mehrzeller. Nun gibt es das biologische Prinzip, dass die Ontogenese der Phylogenese ähnelt, also die These, dass vieles in unserer frühen individuellenEntwicklung (vor allem im Mutterleib) der universellen Stammesgeschichte folgt. So haben wir in unserer Embryonalentwicklung in einem frühen Stadium einen Kiemenbogen. Und auch in unserer psychischen Entwicklung durchlaufen wir die frühen Phasen der Menschwerdung, was das Konzept der Spiral Dynamics so schön zeigt. Dort ist die zweitälteste Ebene purpur mit dem Grundthema: »Halte die Geister bei Laune und das Nest des Stammes warm und sicher. Der Mensch gehorcht dem Willen der Geistwesen und mystischen Zeichen und ist loyal gegenüber Häuptling, Ältesten, Ahnen und Clan« – unser Gehirn vor 50.000 Jahren. Und – Vorsicht! – diese frühen Stadien sind nicht etwa gelöscht, sie sind noch da und beeinflussen unserWesen. Das merken wir, wenn der Depp vor uns abbiegt, ohne zu blinken – da wallen die alten stammesgeschichtlichen Regungen in uns auf. Denn wir sind nach Erich Kästner »im Grund noch immer die alten Affen«.Was eigentlich eine Beleidigung ist, denn auch Schimpansen denken darüber nach, was Artgenossen denken.

Die Denkirrtümer der Esoteriker
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Denken, Verstehen, Begreifen

Unser Denken vollzieht sich teilweise, aber beileibe nicht überwiegend, im Rationalen und im Sprachlichen. »Alle Philosophie ist ›Sprachkritik‹«, sagte der Philosoph Wittgenstein. Die Verwandtschaft von »Begriff« und »Begreifen« deutet schon auf die enge Verbindung zwischen Geist und Körper hin. Doch je höher wir in der Hierarchie der Begriffe kommen, desto nebulöser – wenn nicht gar leerer – werden sie. Ein Linsensenkkopf M4, das ist für den Eingeweihten eindeutig definiert; Glaube, Liebe, Hoffnung jedoch selbst von »Erleuchteten« schwer zu erläutern. Auch mit der Ewigkeit und der Unendlichkeit (außerhalb derMathematik) haben wir unsere Probleme. Apropos Mathematik: Selbst diese angeblich so exakte Wissenschaft kennt den Begriff »unbestimmt« (für Fachleute: z. B. 0 dividiert durch 0) – das kann alles sein oder eins oder nichts. So verwundert es nicht, dass viele Begriffe zum New-Age-Standard-Vokabular gehören, die nicht erläutert werden (können). Schwingung und Harmonisierung, Frequenz und Energie, Aura und Feinstofflichkeit sind so, wie sie im esoterischen Kontext gebraucht werden, nur ein undefiniertes Geschwurbel. Es soll geheimnisvoll klingen und so ein tiefes Wissen vortäuschen. Die meisten Esoterikprodukte werden mit solchen Begriffen beworben.

Leider ist unser altes Gehirn auch vor Fehlschlüssen nicht gefeit. Ein Wunder, dass wir von der Evolution nicht aussortiert wurden. Wenn wir fünfzig weiße Schwäne gesehen haben, schließen wir daraus, dass alle Schwäne weiß sind. Und der Hahn glaubt, dass durch sein Krähen die Sonne aufgeht. Unser Regelbildungsapparat im Gehirn sucht immer nach einfachen und schnellen Ergebnissen – »energetisiertes Wasser«, das »die Schwingungen der Bergkristalle aufnimmt «, ist eine einfachere Erklärung als das Prinzip eines Ionenaustauschers.

Alles und Nichts

Alles zu glauben heißt nichts zu wissen.Und umgekehrt, wie ein Buchtitel sagt: »Wer nichts weiß, muss alles glauben«. Doch nichts zu wissen reicht nicht (um einen Spruch Karl Kraus' abzuwandeln), man muss auch die falschen Schlüsse daraus ziehen: Der Mond zieht das Wasser an und Pflanzen bestehen zu über 80% aus Wasser, also wachsen sie bei Vollmond besonders gut. So werden die Voraussetzungen für echte Erkenntnisse – z. B. personenunabhängige Reproduzierbarkeit oder funktionierende Technik – über Bord geworfen.

Gerne argumentieren Esoteriker auch mal mit Shakespeare: »Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio«. Wohl wahr! Doch die Tatsache, dass es mehr Dinge gibt, als wir erklären können, bedeutet nicht, dass es alles,was wir nicht erklären können, sondern nur behaupten, auch wirklich gibt. Die Abwesenheit eines Beweises ist auch kein Beweis für die Abwesenheit – deswegen ist das Fehlen eines Gottesbeweises eben auch kein Beweis für das Fehlen eines Gottes. Wer einen Gott haben will, dem bleibt da nur der Glaube. Dagegen hat ja niemand was – aber dann sagt's das doch, liebe Leute! Was für euch das »Lasset uns beten!«, ist für mich ein »Lasset uns denken!«

Nachdenken und Hinterfragen sehe ich als eine notwendige Geisteshaltung an, nicht erst seit Kants sapere aude (»Habe Mut,dich deines eigenen Verstandes zu bedienen«). »Hoppla, ich habe mich geirrt« ist ein Satz, der dem Wissenschaftler leicht fallen sollte, der den Falsifikationismus, die Wissenschaftstheorie von Sir Karl Popper, ernst nimmt. Den meisten anderen bricht solch ein Geständnis das Ego in kleine Stücke.

Seit Urzeiten ist unser Denken darauf gerichtet zu glauben, dass die Horde und ihr Führer uns schützen, deshalb unterwerfen wir uns ihnen

50 Prozent sind richtig!

Ich habe in meinem Buch (die Peinlichkeit, es lobend zu erwähnen, kann ich uns hier nicht ersparen) einen Text aus einem »Faselbuch « auseinander genommen. Er zeigt exemplarisch die Komponenten einer gesunden Halbbildung und einer Pseudowissenschaft, der wir so oft begegnen. Dazu gehört die »Alles-Falle«: »Wenn alles Energie ist…«. Nun kennt der Volksmund nicht umsonst die (paradoxe!) Regel: »Keine Regel ohne Ausnahme« – es ist eben selten alles von gleicher Art. Übersinnliche Wahrnehmung, die von klinischen Halluzinationen oft nichtweit entfernt ist,ersetzt die Forderung der beobachtenden Wissenschaft nach Messbarkeit (z. B. bei der »Feinstofflichkeit «).

Zu den beliebtesten Denkfallen gehören auch Kategorienfehler und falsche Analogien. Was im subatomaren Bereich gilt (Materie und Schwingung sind nicht zu unterscheiden), gilt »im Großen« nicht – die Quantenphysik ist nicht auf makroskopische Systeme anwendbar. Wenn die Physik nachweislich irrt, muss sie umgeschrieben werden, aber nur alle paar Generationen ist das und auch nur in Teilbereichen der Fall. Hingegen lässt sich in solchen Büchern oder Prospekten ungefähr jeder zweite Satz durch Nachdenken oderNachfragen zerpflücken – aber eben nur jeder zweite, die anderen 50 Prozent sind korrekt und werden gebraucht, um mit richtigen Aussagen zu suggerieren, dass die restlichen Behauptungen ebenso stimmen.

Lustig wird es, wenn »wissenschaftliche Erkenntnisse « zur Begründung esoterischen Spuks herangezogen werden. Besonders wenn Leute, die nicht einmal den Grund für Sommer und Winter erklären können, die Quantenphysik bemühen, um ihr kosmisches Weltbild zu erklären. Der Physiker und Nobelpreisträgers Richard Feynman sagte hierzu (sinngemäß): »Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube, dass auch damals schon keine zwölf Einsteins Theorie verstanden. Auf der anderen Seite kann man sicher sagen, dass niemand die Quantenmechanik versteht.« Ist es nicht erstaunlich, dass die so verteufelte Wissenschaftsgläubigkeit (ein Widerspruch in sich, denn Wissenschaft hat mit Glauben nichts zu tun) gerade von Esoterikern bar jeder fundierten Fachkenntnisse benutztwird, umihre Produkte zu vermarkten? Warum sagen sie nicht einfach: »Leute, glaubt's dran, s' wird schon wirken!« Denn Halb- oder Pseudowissen ist schlimmer als gar kein Wissen. Fairerweise muss ich allerdings sagen: Wir alle haben von allem nur ein Teilwissen.

Wer heilt, hat Recht

Aber »Wer heilt, hat Recht«. Das ist das Killerkriterium schlechthin.Vor allem, wenn es auch bei Babys und kleinen Hunden wirkt, die ja für (Auto-) Suggestion noch kein ausreichendes Bewusstsein haben. Der Placebo- Effekt scheidet hier also aus, heißt es. Von wegen! Die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Menschen und auch Tieren und die der Wahrnehmung feinster Stimmungen und Signale sind noch weitgehend unerforscht. Der »kluge Hans« war ein Pferd, das angeblich rechnen und zählen konnte, wie uns Wikipedia verrät: »In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erregte der Schulmeister und Mathematiklehrer Wilhelm von Osten mit Hans' einzigartigem Können erhebliches Aufsehen. […] Hans beherrschte zwar nicht die Mathematik, konnte dafür aber feinste Nuancen in Gesichtsausdruck und Körpersprache seines menschlichen Gegenübers deuten.«

Na bitte! Die »Beweise« der Wirksamkeit (oft auch ohne eine Erläuterung eines plausiblen Wirkungsmechanismus) sind natürlich von einer ordentlichen Doppelblindstudie weit entfernt und strotzen vor Placebo-Effekten, selektiver Wahrnehmung oder simpler Scharlatanerie. Aber manche sagen: »Ist mir egal, wie es wirkt…aber es wirkt!« Der sprichwörtliche Glaube versetzt Berge, der Vatikan erkennt »Wunder« an und aus Lourdes kommen die Blinden zu Fuß und die Lahmen sehend zurück. Oder so ähnlich. Was den nachdenklichen Menschen aber zweifeln lässt, ist das Fehlen des Wirkungsmechanismus. Wie soll eine substanzfreie Lösung in der Homöopathie den Körper beeinflussen? Wie kann die simple Masse eines Planeten das Schicksal und den Charakter eines Menschen bestimmen? Wie kann die Art der Beleuchtung des Mondes durch die Sonn eAuswirkungen auf den Termin für das Haareschneiden oder andere Entscheidungen haben? Wie kann eine Weidenrute das »Feld« einer Wasseradermessen? Diese Fragen stammen nicht aus einem Kabarettprogramm, sondern es sind die, die sich vernünftige Menschen stellen sollten. Vermeintliche Glücksbringer wirken ebenso über eine selbsterfüllende Prophezeiung wie andere Wundermittel. »Wenn ein vorhandener Aberglaube aktiviert wird, kann das die Leistung eines Menschen steigern«, sagt ein Psychologe dazu.

»Hier und Jetzt – auch so eine Metapher, die glänzt wie eine polierte Christbaumkugel und doch genau so leer ist«

Spiritualität

Zählt auch die »Spiritualität« zum Kreis der üblichen Verdächtigen? Das ist die moderne Form der »Gretchenfrage« aus Goethes Faust (»Wie hältst du's mit der Religion?«). Das ist zweifellos das schwierigste Thema, besonders für mich, der ich auf diesem Sektor keinerlei profunde Erfahrung habe. Ich sollte eigentlich der Empfehlung der jungen Generation folgen, die – jeglichem Euphemismus abhold – fordert: »Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten halten! «

Hier müsste ein Blinder von der Farbe sprechen – das will ich möglichst umgehen. AlsWittgenstein-Fan, seinem »Sprachspiel« zugeneigt, werde ich natürlich zuerst hartnäckig und unverfroren nach einer Definition des Begriffes »Spiritualität« fragen. Darauf können diejenigen, die »spirituell unterwegs « sind, bezüglich ihrer Reise und ihres Ziels leider meist nur Verschwommenes äußern. Die Begriffsschublade mit dieser Aufschrift scheint leer zu sein und im besten Fall nur eine (leere?) Schachtelmit dem Titel »Religiöses« zu enthalten. Denn »Geistiges aller Art«, wie Wikipedia es zusammenfasst, kann auch Philosophie oder Mathematik sein.

Spott beiseite: Gräbt man tiefer, so findet man darunter diemehr oderminder bewusste Beschäftigung »mit Sinn- undWertfragen des Daseins, der Welt und der Menschen und besonders der eigenen Existenz und seiner Selbstverwirklichung im Leben«, also einen subjektiv erlebten Sinnhorizont. Auch »die höheren und höchsten Stufen bzw. Ebenen aller beliebigenEntwicklungslinien« können (nach Ken Wilber und seiner »Integralen Spiritualität «) dazu gerechnetwerden. Nun füllt sich die Schublade langsam. Auch »Achtsamkeit « wird hier oft genannt. Achtung – schon besser! – schließt Achtsamkeitmit ein, beinhaltet aber eine größere Portion Respekt. Achtung würde einen Dieter Bohlen ebenso unmöglich machen wie Massentierhaltung.

Bewusst sein

Meine persönliche Spiritualität ist meine private Deutung der Welt. Sie findet in meinem Kopf statt und braucht keine externen Entitäten. Das Erleben von Glück, Sinn und Liebe – das Bewältigen von Schmerz, Leid und Unglück. Bewusst sein – und nicht erst Jahre später merken, wie man sich damals gefühlt hat.

Wenn es aber extern nichts gibt und jenseits auch nicht, müssen wir Sinn und Inhalt in uns und zu unseren Lebzeiten suchen und – finden! Sinnlosigkeit kann krank machen, so lehrt die Logotherapie der so genannten »dritten Wiener Schule« um den österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor E. Frankl. Denn der Mensch ist ein Wahrheits-, aber auch ein Sinnsucher. Also geben wir ihm, was er sucht – nur nicht so, dass das zweite dem ersten widerspricht. Keine falschen Götter, Engel und Weihnachtsmänner, sondern wahre, menschliche und irdische Inhalte.

Nachdenken über Spiritualität ist natürlich ein klarer Verstoß gegen die Regel: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen«. Fordert Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus im Satz 7. Doch vielleicht sagt Goethe zu diesem Versuch: »Und wenn Ihr es nicht erspüret, Ihr werdet es nicht erhaschen«.

Zum Sinn des Lebens könnte ich ja auch die britische Komikertruppe Monty Python zitieren: »Also, nun kommt der Sinn des Lebens. Nun, es ist wirklich nichts Besonderes. Versuch einfach nett zu den Leuten zu sein, vermeide fettes Essen, lese ab und zu ein gutes Buch, lass dichmal besuchen, und versuch mit allen Rassen und Nationen in Frieden und Harmonie zu leben.« Besser kann man es doch nicht sagen. Lebe im »Hier und Jetzt« – auch so eine Metapher, die glänzt wie eine polierte Christbaumkugel und doch genau so leer ist.

»Wer vom prä-rationalen Zustand des Denkens in den transrationalen wechseln möchte, der möge doch bitte den rationalen nicht überspringen«

Zwischen prä- und transrational

Wer vom prä-rationalen Zustand des Denkens in den transrationalen wechseln möchte, der möge doch bitte den rationalen nicht überspringen. Aber vielleicht irre ich mich ja… vielleicht gibt es gar kein »Ich«, und ich bin nur eine radikale Konstruktion meiner biochemischen Prozesse.Oder gar ein Stück Software aus der »Matrix«? Oder ich irre mich nicht – aber es wäre besser, dies alles nicht so laut herauszuposaunen? Eine »See von Plagen « in Formvon geringschätzigemLächeln angesichts meiner fehlenden Erleuchtung bliebe mir erspart. SozialeWärme undAnerkennung im Chanting-Kreis wären mir sicher. Kirlian würde meine Aura fotografieren und Madame Buchela, die »Pythia vom Rhein«, würde aus dem Jenseits mein Karma bestimmen, und ich wäre für nichts verantwortlich, denn alles ist vorbestimmt.

Kleists »unendliches Bewusstsein«

Wir können also nur nach vorne gehen, uns und unser Bewusstsein weiter entwickeln, zu einer wie immer definierten höheren Ebene. Ob diese nun aus dem Spirituellen kommt,von »Jenem höheren Wesen,das wir verehren«, dem Universum oder Kosmos – oder »nur« aus ein wenig mehr Vernunft, das mag jeder selbst entscheiden. Wollten wir Occams Sparsamkeitsprinzip folgen, dann bräuchten wir keine metaphysischen Mächte, um (wörtlich) »zur Vernunft zu kommen «, sondern nur eine deutlichere Fortentwicklung und Loslösung von unseren Jahrzehntausende alten Denkschemata und Verhaltensweisen.

Lassen wir am Ende den Dichter sprechen: Heinrich von Kleist formulierte es in »Über das Marionettentheater« so: »[…] so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat«. Der Dichter zieht daraus die Schlussfolgerung: »Mithin […]müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen.« Und eine Spiritualität zu erreichen,wie ich sie verstehe: rational und transrational. Prä-rational war gestern, aber es steckt noch genug davon in uns drin.

Jürgen Beetz

JÜRGEN BEETZ, Systemanalytiker und Dozent i. R., Autor des Buches »Denken – Nach- Denken – Handeln« (Alibri Verlag 2010)

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