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Wider die spirituelle Denkfaulheit

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Wider die spirituelle Denkfaulheit - Saleem Matthias Riek hat eine Tagung des Integralen Forums besucht
Foto: Fotolia.com, Stan Tiberiu

Eine Tagung des Integralen Forums

Der Tantralehrer Saleem Matthias Riek ist überzeugt, dass Denkfaulheit keine gute oder gar ausreichende Voraussetzung ist, um die so vielfach begehrte Herzöffnung zu erreichen, und nahm an einer Tagung der Ken-Wilber-Fans teil. Hier sein subjektiver Bericht

Unter dem Motto "Integral Handeln" fand vom 17. bis 19. Juni 2011 in Nürnberg die Jahrestagung des Integralen Forums statt. Um den Begriff des "Integralen" versammeln sich vor allem die Anhänger des Philosophen Ken Wilber und seiner in vielen Veröffentlichungen dargelegten Integralen Theorie. Diese bringt in einer umfassenden Sicht des Menschen und der Welt verschiedenste Perspektiven in einen gemeinsamen Kontext wie z.B. zeitlose spirituelle Einsichten, wissenschaftliche Forschung und individuelle Lebenspraxis, jeweils aus verschiedensten Kulturen und Epochen. Wahrlich ein Mammutprojekt.

Den Kopf abschalten?

In der spirituellen Szene und vor allem im Tantra ist der Wunsch weit verbreitet, den Kopf abschalten zu wollen. Entsprechend unterentwickelt ist das theoretische Verständnis dessen, was hier eigentlich geschieht. Ich halte dies nicht immer für hilfreich, denn selbst wenn es gelingen sollte, sich beispielsweise in einem Workshop zeitweilig von der allgegenwärtigen Dominanz des Kopfes zu befreien und mehr auf Herz und Sinne zu lauschen, so bestehen die Muster des Verstandes leider von den neuen Erfahrungen weitgehend unbehelligt weiter fort und übernehmen im Alltag schnell wieder das Zepter. Die Integrale Theorie scheint das passende Mittel gegen spirituelle Denkfaulheit zu sein. An der manchmal mühevollen Auseinandersetzung mit dem Verstand führt leider kein Weg vorbei, wenn wir uns nachhaltig weiter entwickeln wollen. Und wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum, auch wenn seine Schriften gelinde gesagt anspruchsvoll formuliert sind.

"World Café" und "Open Space"

Vor der Kopflastigkeit der Anhänger Ken Wilbers war ich verschiedentlich gewarnt worden. Das konnte mich jedoch nicht vom Besuch der Tagung abhalten. Nach dieser Art Ausgleich stand mir ja der Sinn. Das Programm bestand denn auch hauptsächlich aus Vorträgen im Plenum, die sich mit kleineren Special-Interest-Workshops abwechselten, die jeweils parallel angeboten wurden. Außerdem standen Morgenmeditationen und offenere Strukturen wie "World Café" oder "Open Space" auf der Tagesordnung, die Raum für Spontanes bieten und Kongressteilnehmer dazu anregen sollten, sich aktiv in die Gestaltung einzubringen. Und auch die Samstag-Abend-Party fehlte nicht. Als absolutes Highlight wurde ein Life-Telefon-Interview mit Ken Wilber angekündigt, eine seltene Gelegenheit, ihn zumindest mal direkt zu hören, denn er tritt kaum in der Öffentlichkeit auf.

Buntes Bewusstsein, von blau bis gelb

Am Freitag Mittag fand ich mich also in den Räumen der katholischen Akademie in der Altstadt Nürnbergs ein. Schon bald wurde die Tagung von dem Veranstalterteam auf lockere ("Wie sprechen uns hier mit einem Arbeits-Du an!") und sympathische Art und Weise eröffnet und der Tagungsablauf erläutert. Als Intro dienten unter anderem kleine Theatersketche, in denen unterschiedliche Bewusstseinsstufen karikiert wurden. Diese stehen im Mittelpunkt der Integralen Theorie und werden jeweils mit Farben gekennzeichnet. Blau (autoritär), orange (effektiv) und grün (gemeinschaftlich) bekamen jeweils ihr Fett ab. Die nächsthöhere Stufe wäre gelb. Gelb kennzeichnet den Sprung ins Integrale Bewusstsein, welches nicht mehr die tieferen Bewusstseinsebenen bekämpft, sondern aus einer höheren Warte heraus ihnen ihren jeweils eigenen Wert zuerkennt. Gelb bekam leider keinen eigenen Sketch. Zum Ausgleich gerieten allerdings Teile der Tagung zur wohl eher unfreiwilligen Karikatur integralen Bewusstseins. So wurde allseits mit den Farben der Integralen Lehre so virtuos jongliert, dass es jedem Magier zur Ehre gereichen würde.

Haben wir an alles gedacht?

"Wer bereits entwickelte Theorien im Bereich undogmatischer Spiritualität sucht, kommt um das Studium von Ken Wilbers Werken kaum herum"

Die Tagung war nahezu perfekt und sehr ideenreich organisiert. In mir erweckte dies den Eindruck, hier werde wirklich an alles gedacht und alles nur Erdenkliche berücksichtigt. Möglicherweise liegt allerdings genau hierin ein Problem der integralen Bewegung. Über allem schwebt die Frage: Haben wir auch an alles gedacht? Eigentlich kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Bewegung von einem virtuosen Denker begründet wurde. Ohne dass dies explizit ausgesprochen wurde, schien man davon überzeugt zu sein, dass ein integral entwickeltes Bewusstsein in der Lage sei, uns nicht nur mental, sondern auch praktisch die Richtung unserer spirituellen Entwicklung vorzugeben. Integrale Einsichten müssten nur entsprechend konsequent umgesetzt werden, um die Evolution voranzubringen und damit letztlich uns selbst und die kriselnde Welt zu retten. Kaum etwas könnte meiner Meinung nach leichter in die Irre führen. Für eine echte Evolution des Bewusstseins brauchen wir immer wieder die Bereitschaft, uns auf offene Risiken einzulassen, deren Ergebnis unvorhersehbar ist, sonst gerät sogar die integrale Theorie zum Dogma.

Räume für Unerwartetes

Eine gute Theorie ist wie ein Sprungbrett. Je höher entwickelt sie ist desto größer wird die Fallhöhe, ein Sprung vom Beckenrand ist nicht das Gleiche wie der Sprung vom Zehner. In keinem Fall ersetzt das Sprungbrett jedoch den Sprung, dessen Folgen immer ungewiss sein werden. Die Theorie ist nur die Vorbereitung, doch der Sprung muss folgen, sonst bleibt unsere Erfahrung blutleer. Allerdings ist der Sprung in die Ungewissheit bei einem Idioten nicht der Gleiche wie der eines Weisen. Aber beide sind herausgefordert, sich über die eigenen Begrenzungen hinaus zu wagen, wenn sie sich entwickeln wollen. Tragischerweise fällt das dem Idioten oft leichter als demjenigen, der sich bereits vielerlei Gefahren auszumalen vermag. Umso wichtiger erscheint mir, wenn wir die integrale Idee einer Evolution des Bewusstseins ernst nehmen, Räume zu schaffen, in denen Unerwartetes geschehen kann und dann vor allem genügend Wertschätzung bekommt. Es gab solche Räume im Verlauf der Tagung - es war ja an alles gedacht - aber sie bekamen nach meinem Geschmack nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen, und in direkter Konkurrenz zu prominenten Vortragsrednern, die ihre Zeit überzogen, wurden sie leichtfertig aus dem Programm genommen. Dennoch, die Tagung gab mir vielfältige Inspirationen und Möglichkeiten zu persönlichem Austausch auf hohem Niveau. Mein persönliches Risiko konnte ich auch eingehen, in dem ich im "Open Space" einen Austausch zum Thema "Hat Liebe etwas in der Politik zu suchen?" anregte und dabei nur eine weitere Interessentin fand. Ich fiel sanft, denn später verrieten mir noch andere, dass sie das Thema durchaus spannend fänden.

Die "Prinzipien von Vergnügen"

Die brillantesten Vorträge waren wohl die von Rabbi Marc Gafni über die Prinzipien von Vergnügen ("Pleasure"). Selten habe ich etwas so überraschend Einleuchtendes gehört. Der Rabbi arbeitet an nicht weniger als an einer "Landkarte zur Erleuchtung der Fülle", ein Pendent zu den reichlich vorhandenen Landkarten der Leere, wie sie vor allem im Buddhismus entwickelt wurden und dort Millionen von Schülern Orientierung bieten. Ich meine allerdings, dass die im Lauf dieser Tagung bevorzugte Form der Vermittlung - der Vortrag - nicht genügend Raum für kollektive Überraschung und damit echte Bewusstseinserweiterung schaffen kann. Wenn die integrale Bewegung wirklich historisch wirksam werden will - daran ließen die Protagonisten keinen Zweifel - dann braucht es weit mehr als die Umsetzung einer brillanten Theorie in die Praxis. Integrale Praxis braucht Räume, in denen der Verstand und damit auch alle Theorie zurücktritt, um sich immer wieder eines Besseren belehren zu lassen.

Die Landkarten und das Land

Also doch lieber mal den Kopf abschalten? Nein, ganz und gar nicht. Es braucht unsere Bereitschaft, nicht kopflos, sondern bei vollem Bewusstsein zu erleben und zu erfahren, dass unsere Erwartungen und Theorien nur die Landkarten, aber nicht das Land selbst sind. Wie kann es gelingen, die genialen Fähigkeiten unseres Verstandes und das vollständige Loslassen seines allgegenwärtigen Herrschaftsanspruchs zu integrieren? Ich wünsche innerhalb und außerhalb der Integralen Bewegung den Mut, auf Tagungen nicht nur bereits Gewusstes zu reproduzieren, sondern die Zusammenkünfte mehr für das zu öffnen, was wir noch nicht wissen - und letztlich auch für das Nichtwissen selbst. Das kann gründlich misslingen. Aber wäre nicht auch das ein Erfolg?

Saleem Matthias Riek

Saleem Matthias Riek ist Seminarleiter mit den Schwerpunkten Liebe, Eros und Bewusstsein, HP für Körperpsychotherapie und Buchautor (Herzenslust, Herzensfeuer, Leben Lieben und Nicht Wissen). Seine 2010 gegründete "Schule des Seins" ging aus seiner mehr als 15-jährigen Tätigkeit im Rahmen des The Art of Being Instituts hervor. www.schule-des-seins.de, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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