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Von der Nutzlosigkeit der Verbote

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Von der Nutzlosigkeit der Verbote
Foto: Fotolia.com, S. Kobold

Nicht Zwang, sondern Lebenslust führt erfolgreich durchs Leben

Verbote sind etwas Praktisches: Sie geben dem, der sie ausspricht, das Gefühl von Machtbefugnis, Zuversicht, Handlungsfähigkeit und persönlicher Korrektheit. Damit dürfte ihr wesentlicher Nutzen beschrieben sein. Denn hinsichtlich ihrer Nützlichkeit im Alltag sind sie reine Energieverschwendung.

Beispielsweise verboten mir meine Eltern zu naschen. Hinzu kam der Druck des katholischen Überichs: Du musst deinen Eltern gehorchen, das Vierte Gebot! Gar nichts musste ich. Der Effekt des Verbots war überwältigend. Kaum war die Haustür ins Schloss gefallen und meine Eltern hörbar außer Haus, begannen meine Gedanken zu stöbern; die Taten folgten nach, immer raffinierter - ein kleines Stückchen Schokolade hier und ein Keks oder eine Praline da, damit's nicht auffällt. Als Jugendlicher naschte ich dann intensiv an der Hausbar: Da fiel es noch weniger auf, wenn in so mancher Flasche ein Schlückchen Likör fehlte. Die "Kroatzbeere" in ihrer rundbauchigen Flasche habe ich deutlich in Erinnerung. Mit dieser Leidenschaft war erst Schluss, als ich als 16-Jähriger bei einer Kellerparty eine halbe Flasche Kirschwhisky leerte - mit üblen Folgen im wahrsten Sinne des Wortes.

Sich selbst regulierende Zuckerplörre

Irgendwie kennt das wohl jeder, der sich an seine Kindheit und Jugend erinnert. Und doch gehen wir der Verbotsversuchung immer wieder auf den Leim. Im größeren Stil tut das natürlich die Gesellschaft als ganze, ebenfalls mit dürftigem Erfolg. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür produzierten unlängst amerikanische Schulen. Sie setzten eine Aufforderung des Medizinischen Instituts der University of Illinois in die Praxis um: Um die Gesundheit ihrer Schüler zu schützen, durften an der Schule keine gesüßten Getränke mehr verkauft werden. Die Logik schien überzeugend: Da US-Schüler bis zum Nachmittag auf dem Schulgelände verweilen, werden sie voraussichtlich weniger Zucker zu sich nehmen - und weniger dick werden. Ein wichtiger Schritt für die Volksgesundheit. Der Aufwand für die Umsetzung des Verbots war erheblich: Die Botschaft musste an die Kinder und Jugendlichen übermittelt werden, Lieferanten wurden informiert, Verträge umgestellt und das Verbot vor Ort durchgesetzt. Nach drei Jahren überprüften die Wissenschaftler den Erfolg der Mühen und waren nicht nur enttäuscht, sondern geradezu entsetzt: Das Ergebnis war ziemlich genau gleich Null. 85 Prozent der Heranwachsenden tranken wöchentlich zuckerhaltige Getränke, 30 Prozent täglich. Ihrem Zuckerspeicher war es dabei vollkommen egal, ob sie das Süßgetränk in der Schule oder von anderswo her besorgten, der Pegel blieb unterm Strich gleich.

Und sei's bei Todesstrafe

Zwei Regeln der Gewaltfreien Kommunikation:
1. Kein Mensch will gedemütigt werden
2. Auf Gewalt reagieren wir mit Widerstand

Tatsächlich hatten die amerikanischen Forscher eine von zwei Grundregeln der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg unfreiwillig wissenschaftlich bewiesen. Die eine lautet: Kein Mensch will gedemütigt werden. Die andere: Auf Gewalt, gleich in welcher Form, reagieren wir mit (mindestens) innerem Widerstand. Das gilt auch für Verbote, die man sich selbst erteilt. Instinktiv erkennen wir, dass in den meisten Fällen nicht wir selbst die Quelle des Verbots sind, sondern verinnerlichte Regeln, Vorschriften und Glaubenssätze, eingebläut von Eltern, religiösen Zirkeln, der gesellschaftlichen Moral, dem Guru, dem Bekanntenkreis etcetera. Noch während wir uns äußerlich fügen, beginnt es in uns zu grummeln. Das ist auch der Grund, weshalb Millionen von Frauen und Männern sich lebenslang die Treue schwören und innerhalb von wenigen Monaten erst in Gedanken und schließlich in Taten aus dem Gleis ihrer guten Vorsätze springen bzw. gesprengt werden; die Vitalität und Lebensfreude, die sich in neuer Verliebtheit äußern, haben das gramvolle "Du darfst nicht" erfolgreich und lustvoll verdrängt. Nicht einmal von Sorgen oder gar Ängsten lassen wir uns unterdrücken. Noch selten hat die Furcht vor Lungenkrebs einen Raucher davon abgehalten, sich die nächste Zigarette anzustecken. Und Generationen von Forschern haben bewiesen, dass auch die Androhung der Todesstrafe in den USA niemanden daran hindert, das Verbrechen zu begehen, das er begehen möchte.

Dem Leben dienen

In gewisser Weise sind die beiden Grundregeln der Gewaltfreien Kommunikation zwei Seiten einer Medaille. Denn wer Gewalt erfährt, wird in seiner Menschenwürde gedemütigt. Und wer gedemütigt wird, der wird im selben Augenblick zum Opfer von Gewalt. Warum sich also nicht bei der nächsten, fruchtlosen Selbstdemütigungsattacke, und das sind Eigenzwänge immer, mit der Lebenslust und Freude in uns verbinden. Sie warten nur darauf, ernst genommen und gelebt zu werden. Dann - und nur dann - wird die Gewalt endlich den Kürzeren ziehen, gegenüber uns selbst, unseren Liebsten und Mitmenschen. So eröffnen sich uns schließlich Handlungsalternativen, die sehr viel mehr Vergnügen machen und dem Leben dienen.

Bobby Langer

Quelle: Daniel Tabert (University of Illinois, Chicago) et al.: Arch Pediatr Adolsc Med., doi: 10.1001/archpediatrics.2011.200

Bobby Langer, Jg. 53, Redakteur und Vater von drei Kindern, lebt in Würzburg. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit spirituellen Themen. Er unterrichtet Meditation und Gewaltfreie Kommunikation. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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