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Ist der Buddhismus die Religion der Zukunft?

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Buddha

Die angesagte Religion und Philosophie der Avantgarde ist er schon jetzt

Der Prozess der Globalisierung ist ein näher Zusammenrücken der Bewohner dieses Planeten, in wirtschaftlicher, kultureller, aber auch religiöser Hinsicht. Was früher ein ferner Kontinent war, ist heute zum Vorort geworden: Waren und Arbeitskräfte kommen von dort, aber auch religiöse Praktiken und Symbole. Der Buddha als Einrichtungsgegenstand, der gleichermaßen japanische wie kalifornische und deutsche Wohnzimmer schmückt, ist da nur eines von vielen.

Auf dem unvermeidlichen Weg zu einer Weltreligiosität hat der Buddhismus ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. In gewisser Hinsicht hat hierbei sogar die Pole-Position inne, denn unter Künstlern und Wissenschaftlern genießt er hohes Ansehen. Auch unter der erstarkenden Gruppe der Atheisten hat er eine Lobby, ist der doch selbst ein Atheismus – eine atheistische Religion, Philosophie oder besser: eine Lehre und Praxis der Selbsterkenntnis und Befreiung von vermeidbarem Leiden.

Hier ist die Geschichte von einem, der aufbrach, seine deutsche Herkunft und wissenschaftliche Ausbildung mit der Lehre und Praxis des Buddhismus zu verbinden

Als ich 18 Jahre alt war, floh ich. Wovor? Vor meinem Elternhaus natürlich, aber auch vor der ganzen Kultur, die es mir vermittelt hatte und in der ich aufgewachsen war. Mit 18 das Elternhaus zu verlassen, ist ganz normal. Eher sollte, wer das nicht tut, beargwöhnt werden. Ich aber hatte den starken Drang, meine ganze Kultur zu verlassen, ich fühlte mich in ihr gefangen. So war ich mit 17 nach Marokko getrampt, mit 18 über die Türkei, den Iran und Afghanistan auf dem Landweg nach Indien. Immer allein, immer mit wenig Geld in der Tasche, immer so weit wie möglich weg, weg, weg. Die Frage nach dem Warum würde ich heute in der einfachsten Form so beantworten: Das deutsche Bildungsbürgertum, dem ich entstamme, hat den Holocaust zugelassen. Damit war es für mich erledigt. Etwas komplexer gesagt floh ich vor einer Kultur, die mit Begeisterung zwei Weltkriege initiiert und außerdem den Kolonialismus zu verantworten hatte, der von Europa aus den Rest der Welt unterworfen und gedemütigt hatte, und schließlich aus dem christlichen Kulturkreis, der Kolonialismus, Naturzerstörung und viele andere Übel (darunter den Holocaust) mitbegründet oder gerechtfertigt hatte – nicht nur aus Deutschland.

So saß ich nun als 18jähriger heimatflüchtiger Deutscher an einem Julitag des Jahres 1971 mitten in der indischen Regenzeit an jenem Ort, von dem ich erst später erfuhr, dass er für Buddhisten große Bedeutung hat.

Sarnath

Mönch

Dort, im Wildpark zu Sarnath in der Nähe des heutigen Varanasi, hatte der Buddha im Jahre 528 vuZ (also vor damals ziemlich genau 2500 Jahren) kurz nach seiner Erleuchtung seine erste Lehrrede gehalten. Das wusste ich damals noch nicht, auch vom Buddhismus wusste ich fast nichts, aber ich saß dort allein im Regen und verlor plötzlich jedes Gefühl für Zeit und jegliche Abneigung gegen das vom Himmel herabfallende Wasser. So wurde ich nass und nässer, ohne einen Impuls, mich davor zu schützen. Überhaupt fehlte der Impuls, irgend etwas an meiner Situation ändern zu wollen. Sowas kannte ich nicht. Es war ein gutes Gefühl, wenn auch etwas seltsam und insofern ein bisschen beunruhigend. Kann das jederzeit eintreten? Ja – aber das erfuhr ich erst später. Heute würde ich dieses Erlebnis in Sarnath, abgesehen von einigen kindlichen Trancen, als meine erste Meditationserfahrung bezeichnen.

Atemekstase

Fünf Jahre später war ich von Singapur nordwärts Richtung Thailand unterwegs, wieder per Autostop. An der Straße traf ich einen jungen Thai, der auch trampend unterwegs war. Ich tat mich mit ihm zusammen, und er erzählte mir unterwegs viel von seinem Land, auch vom Buddhismus dort. Die Klöster auf dem Land hatten dort noch vielfach die Funktion von Schulen – jahrhundertelang war die Unterweisung durch Mönche die Art gewesen, wie Kinder in Thailand eine Schulbildung erhielten. Dort hatte er seine Bildung erhalten, und er empfahl mir ein Kloster im Südosten des Landes, in dem Vipassana nach der Methode des Burmesen Mahasi Sayadaw gelehrt wurde. Nichts wie hin, dachte ich, und nahm an einem zweiwöchigen Retreat teil, allein in einer Hütte, als einziger westlicher Besucher des Klosters, unter Anleitung eines Mönchs, der kaum Englisch sprach und mit dem ich alle zwei Tage für eine halbe Stunde radebrechen durfte.

Ich saß dort allein im Regen und verlor plötzlich jedes Gefühl für Zeit und jegliche Abneigung gegen das vom Himmel herabfallende Wasser

Ich brauchte aber auch nicht zu sprechen. Es genügte die Beobachtung meines Atems und der sich auf und ab bewegenden Bauchdecke, abwechselnd mit der Beobachtung meiner Füße beim Gehen. Die Genauigkeit dieser Beobachtung, und dass es sonst nichts zu tun gab, führte zu einer Konzentration, einer Ausrichtung auf das gegenwärtige Geschehen, die mich schon nach ein paar Tagen in Ekstase versetzte. Nicht die Konzentration selbst, die kann keine Ekstase erzeugen, sondern die Hingabe an den Atem oder das Gehen bei nachlassender Konzentration. Und da dieses wunderbare Gefühl tagelang anhielt, entschloss ich mich, in eines der dortigen Klöster einzutreten und buddhistischer Mönch zu werden, nichts anderes war mir nun mehr wichtiger als das.

Mönchsleben

Mönch

Da ich die Sprache Thailands nicht verstand und sie, um mich nicht in die Kultur des Landes zu verwickeln, auch nicht erlernen wollte, verwies man mich auf Wat Bovornives in Bangkok, in dem ein paar der Mönche und der Abt Englisch sprachen. Auch der heutige König von Thailand hatte in diesem Kloster ein paar Monate als Mönch verbracht. Es gab dort nicht viel zu tun. Morgens gingen wir auf Pindapat. Das ist das Hinausgehen mit der Schale, in die einem die Thais sehr ehrerbietig und großzügig zu Essen geben (siehe etwa: Video auf Youtube). Dann galt es, weiterhin den Tag in Achtsamkeit zu verbringen, und wir konnten die Schriften des Theravada-Buddhismus studieren, so viel wir dazu Lust hatten. Zu dem Zweck gab es eine kleine Klosterbibliothek, die auch etliche Schriften auf Englisch enthielt. Unter denen stieß ich bald auch auf Bücher über den ostasiatischen, vor allem den japanischen Zen, der von den meisten meiner Mitmönche als Degeneration des Bud­dhismus betrachtet wurde, weil man sich im Zen nicht mehr an die Ethik des Urbud­dhismus (Theravada – die Lehre der Alten) hielt.

Der Schock

Für einen im Theravada Ausgebildeten ist Zen ein Schock. So war es auch für mich. Wenn Nagarjuna und die japanischen Zen-Meister von der Leere (Shunyata) sprachen, dann konnte man als braver Mönch noch denken, das habe vielleicht irgendeine sehr tiefe Bedeutung, die man als Anfänger nicht so leicht verstehen würde. In den Büchern von Alan Watts aber sprach mich diese Leere, dieses Nichts so direkt an, dass ich nicht ausweichen konnte. Der tiefste Inhalt aller (taoistischen oder buddhistischen oder sonstwelcher) Weisheit ist tatsächlich: nichts. Unfassbar. Alles sollte »leer« sein, nichts drin? Wozu dann alle die Studien und das Einhalten der 227 Mönchsregeln? Das kann doch nicht euer Ernst sein …

»Ernst« ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber dieser erste Schock führt doch sehr nahe ran an das, was ich auch heute noch »wahr« nennen würde, obwohl es mir inzwischen, 33 Jahre später, tausende Male mit anderen Worten gesagt wurde und ich auch selbst viele hundert Male darüber gesprochen habe. Es ist tatsächlich nichts drin in diesem Sack, er ist leer. Ich kann es nicht besser sagen also so: Es ist leer. Was aber nicht heißt, dass Regellosigkeit, Beliebigkeit oder Anarchie den jeweiligen Ordnungen vorzuziehen wären, denn Regellosigkeit, Beliebigkeit oder Anarchie, so wie wir sie uns vorstellen, sind nur andere Arten von Ordnung. In Wahrheit aber ist da – nichts.

Zu voll, um etwas zu verstehen

Vielleicht ist es besser, es mit dem Hintergrund zu erklären. Jedes Bild hat einen Hintergrund. Ein Gemälde wird auf eine ursprünglich weiße (oder monochrome) Fläche gemalt, ein Film auf eine möglichst weiße Leinwand projiziert, ein Konzert findet in einem ansonsten möglichst stillen Raum statt. Eine Form – jegliche Form – ist erkennbar nur auf einem Hintergrund, der möglichst ansonsten (bzw. vorher) nichts enthält. Das ist es auch schon, die ganze Wahrheit von der Leere. In eine Tasse, die schon voll ist, kann man nichts mehr hineinkippen, wie diese schöne alte Zengeschichte erzählt, in der der Meister einem Besucher, der voller Gedanken und Überzeugungen ankommt, einfach unab­lässig Tee eingießt in seine längst übervolle Tasse. Wie unhöflich! Aber vielleicht auch: hilfreich provozierend. Denn manches versteht man eben nicht, wenn man nur die Worte hört, die einen schon übervollen Kopf dann doch nur noch weiter belasten.

Befreiung

Alles soll »leer« sein, nichts drin? Wozu dann alle die Studien und das Einhalten der 227 Mönchsregeln? Das kann doch nicht euer Ernst sein …

Wie der Buddhismus wirklich zu verstehen ist, diese Frage blieb mir weiterhin ständig Thema. Der Buddha war ja kein Buddhist, so wenig wie Jesus ein Christ oder Lao Tse ein Taoist waren. Die Gründer oder Urquellen dieser Lehren sind ja nicht selbst »Anhänger« bestimmter Lehren (jedenfalls nicht ihrer eigenen); zumindest sind sie das nicht im Wesentlichen. Der Buddhismus ist auch nicht mit unseren Religionen zu vergleichen, auch nicht mit unseren Philosophien, er ist eine Lehre der Befreiung. Wovon? Von allem Leiden, von aller Ignoranz. Nicht von dem Schmerz, den eine Schürfwunde auch in der Haut eines Bud­dha auslöst, oder von der Ignoranz, nicht zu wissen, wie die Hauptstadt der Fidschi-Inseln heißt, sondern von der Ignoranz dessen, worum es im Leben überhaupt geht, was wirklich ist, und von dem Leiden an der Unerfülltheit und der Sinnlosigkeit: was das hier alles soll und was mir und uns im Grunde fehlt. Dafür ist der Buddhismus gut. Aber er ist nur eine von vielen Lehren, die zu solcher Befreiung führen können, nicht die einzige. Und letztlich ist es auch nicht die Lehre, die zur Befreiung führt, sondern die Befreiung geschieht irgendwie geradezu trotz der Lehre, die typischerweise sich doch nur als eine weitere Falle erweist.

Krematoriumsbetrieb

Aber bevor ich hier weiter über das Unerklärliche schwadroniere, erzähle ich lieber, wie es weiterging mit mir. Nach einem knappen halben Jahr in jenem Kloster in Bangkok, in dem ich auch einige politische Verwicklungen des Klerus mit der Thaipolitik mitbekam, verließ ich es wieder (ein Exdiktator hatte sich über unser Kloster wieder ins Land eingeschlichen, direkt in die Hütte neben meiner, nachdem er vorher aus dem Land geworfen worden war). Ich vertraute einfach darauf, dass meine weiteren Reisen – also: das Leben selbst – mich ebenso oder besser würden ausbilden können als dieses Kloster oder überhaupt das Mönchsleben es konnten. Ich trampte wieder, reiste wieder, spielte wieder Musik (in meinem Rucksack hatte ich eine Klarinette dabei) und verliebte mich wieder – in Menschen, Sprachen, Orte … halt das ganze, pralle Leben, wie man es als Mönch zwar durch die Meditation höchst sensibilisiert erfährt, aber doch nicht in seiner breiten Fülle.

Wahrscheinlich sind die meisten klerikalen Betriebe vor allem Wirtschaftsbetriebe mit dem jeweils üblichen, zeittypischen religiösen Anstrich

Ein paar Monate später trat ich in ein Mahayana-Kloster in Singapur ein. Immer noch kurzhaarig, trug ich nun die graue Tracht der dortigen Mönche. Es war eine kleine Sangha (so nennen Buddhisten die Gemeinschaft der Mönche bzw. der Suchenden), die sich um dem Betrieb eines Krematoriums gruppiert hatte und wirtschaftlich davon abhing. Kein morgendliches Pindapat mehr, kein Studium der Alten Schriften, kein Dharma-Unterricht, nur noch der Betrieb. Nach einem Monat verließ ich den Platz wieder. Es waren auch nur die Kleidung und der Tagesablauf gewesen, was mich mit dieser Sangha verbunden hatte. Spirituelle Entwicklung: null. Außer vielleicht die Einsicht, dass wahrscheinlich die meisten klerikalen Betriebe auf der Welt vor allem Wirtschaftsbetriebe sind. Vielleicht waren die meisten christlichen Klöster des Mittelalters ja in erster Linie Agrarbetriebe, Brauereien oder Käsereien, mit dem damals eben üblichen, zeittypischen religiösen Anstrich.

Osho und Buddha

Einige weitere Monate später ließ ich mir im damaligen Poona (Indien) von Bhagwan Shree Rajneesh (heute heißt er Osho) erst widerstrebend, dann aber doch freudig-neugierig die Mala umhängen und einen Namen geben: Sugata. Einen der Namen des Buddha, mit der Bedeutung »well-gone« (wohl gegangen? Nein, »abgefahren« oder »verduftet« übersetzte ich das lieber, das klang nicht so bieder). Ich trage diesen Namen heute noch, abwechselnd mit dem deutschen Namen »Wolf«, wie einen Ruf- oder Künstlernamen.

Dieser Bhagwan alias Osho faszinierte mich in vieler Hinsicht. Mein erster Eindruck war: Wenn es einen lebenden Buddha gibt (bisher hatte ich immer nur von dem längst Verstorbenen gehört), dann ist er es. Also nahm ich bei ihm Sannyas. Meine zweiten, dritten und weiteren Eindrücke waren andere, vielfältigere. Jedenfalls erfuhr ich in seiner »Sangha« eine Art zweite Sozialisation. Ich wurde vom Einzelgänger zum Liebenden und vertraut mit vielen Formen der Meditation und spirituellen Übungen aus allen großen Kulturen der Welt, westlichen und östlichen, jüdischen, christlichen, islamischen, taoistischen und hinduistischen.

Besonders in seinen späten Jahren führte Osho (was übrigens ein buddhistischer Name ist) die Formel der buddhistischen Zuflucht ein: Buddham saranam gacchami (Ich nehme Zuflucht zu Buddha), Dhammam saranam gacchami (Ich nehme Zuflucht zum Dharma), Sangham saranam gacchami (Ich nehme Zuflucht zur Sangha). So näherten sich die für mich spirituell prägendsten Gestalten in meinem Leben einander an. Als mich Beeinflussende fusionierten sie quasi zu einer – trotz ihrer unterschiedlichen Behandlung von Themen wie etwa Ethik, worin ich mehr der bud­dhistischen Haltung zuneige oder Kunst und Musik, worin ich mehr Osho zuneige.

Wissenschaft

Wie konnte ich als wissenschaftlich ausgebildeter Mensch mein Leben so komplett umstellen, dass plötzlich nur noch das Religiöse zählte, die Einsicht und Hingabe? Der Buddhismus hat das geschafft. Er war für mich das Tor, durch das mein naturwissenschaftlich geprägter Verstand hindurch gehen und solche Erfahrungen machen konnte. Ich hatte vorher in München im Hauptstudiengang »Wissenschaftstheorie und Logik« studiert. Das ist so ungefähr die strengste wissenschaftlich-philosophische Richtung, die man sich vorstellen kann. Für die dort Studierenden sind schon die üblichen Geisteswissenschaften zu 80% Wischiwaschi, Blabla oder nichts als hochfliegende Meinungsäußerungen der gerade angesagten Lehrstuhlinhaber. Wir von der Wissenschaftstheorie wollten die Philosophie auf den Boden holen und überprüfbar machen. Zweieinhalbtausend Jahre Philosophie, und wir sind noch immer nicht viel weiter als Platon und Aristoteles? Nein, danke. Auch die Philosophie soll echte Fortschritte machen können, und dazu wollten wir ihr wissenschaftlich auf die Beine helfen.

So war ich trainiert. Da konnte man mir nicht mit Engeln, Horoskopen oder einem Gespür für Energien und feine Schwingungen kommen, was ja die Hauptnahrung des modernen Mainstream-Esoterikers ausmacht. Der Buddhismus war da anders. Er sagte: Du brauchst an nichts zu glauben. Probier's aus, dann wirst du's wissen! – Ich probierte es aus. Dann wusste ich.

Täuschungen minimieren

Lhasa, Rom, Mekka … aus Gründen der Profilierung, der Folklore und des Tourismus wird die »Biodiversität« auch im religiösen Bereich wohl noch lange aufrechterhalten bleiben

Wissenschaftlich war mein Denken danach immer noch und ist es bis heute geblieben. Ich bewundere den Dalai Lama, wie er sich auf diese Diskussionen mit Wissenschaftlern einlässt. Er will von ihnen lernen, nicht dozieren, und auch die Wissenschaftler wollen von ihm lernen, jedenfalls viele von ihnen. Einige Wissenschaftler haben mich gefragt: Wie kann ich Meditation erlernen? Welche Methode ist gut? Das freut mich. Man braucht als Wissenschaftler keine Abstriche von seiner Methode zu machen, um sich auf buddhistische Theorie und Praxis einzulassen. Man wird dann vielleicht keine militärische Forschung mehr machen können, und mancher Unsinn in der Pharmazie verbietet sich dann aus ethischen Gründen, aber man braucht nichts zu glauben und an keiner Stelle auf wissenschaftliche Prinzipien wie Vergleichbarkeit und Wiederholbarkeit zu verzichten, und man wird als Wissenschaftler natürlich auch weiterhin randomisierte Studien mit Mehrfachverblindung zum Minimieren von Wahrnehmungstäuschungen (engl: bias) befürworten.

Buddhismus und Esoterik

Seit nunmehr ungefähr dreißig Jahren beschäftige ich mich mit den esoterischen und spirituellen Randgruppen der Gesellschaft, weil ich darin ursprünglich Chancen einer Alternative zu den kriegerischen und naturzerstörenden Mainstream-Kulturen sah. Der Buddhismus wird von den traditionell den Westen dominierenden Kulturen, der säkularen ebenso wie der christlichen oder jüdischen, zur Esoterik gerechnet, als eine der vielen nicht wirklich ernst zu nehmenden Subkulturen von Verrückten, sozialen Losern, Utopisten – oder Zynikern, die sich mit der Leichtgläubigkeit der vom Mainstream Frustrierten »eine goldene Nase« verdienen. Soweit das Klischee, das natürlich die esoterischen Subkulturen ebenso beleidigt wie den Buddhismus. Der allerdings wird von Kennern selbstverständlich als eine der großen Weltreligionen »erkannt« und anerkannt. Obwohl er genauso sehr Philosophie ist wie Religion, oder keins von beidem.

Wie soll der Buddhismus in diese beiden Schubladen zugleich passen? Zu den geachteten Weltreligionen, denen der Edelverlag Suhrkamp nun eine eigene Edition widmet? Oder in die Schmuddelecke Esoterik? Da haben die Besitzstandswahrer des alten Westens ein Problem. Popstars wie der Dalai Lama aber gehen damit ganz locker um. Er verschenkt seinen Segen und seine Glückwünsche auch an Esoteriker aller Art – wenn da mal sowas mit dabei ist wie ein Fototermin mit einem wie Shoko Asahara von der japanischen Aum-Sekte, steckt seine Popularität das als Panne ungerührt weg. Heute genießt der Dalai Lama unter den lebenden Weisen weltweit unübertroffene Anerkennung, und der Konsens ist, dass er seinen Humor, seine Brillianz und geistige Tiefe wohl nicht nur seinen Genen zu verdanken hat, sondern auch dieser strengen, buddhistischen Schulung.

Die Religiosität der Globalkultur

Dass einige Zen-Priester im zweiten Weltkrieg Kamikaze-Piloten vor ihrem letzten Flug gesegnet haben, gehört zu den unrühmlichen Ausnahmen dieser ansonsten sehr friedliebenden Religion

Der Dalai Lama ist zudem einer der wenigen religiösen Führer, die wissen, dass die religiöse Kultur von morgen nicht mehr so aussehen wird wie die von heute. Der nächste Dalai Lama könnte eine Frau sein oder demokratisch gewählt werden, sagt er, oder die Institution des Dalai Lama wird ganz aufhören – alles ist möglich. Wichtiger als die Frage, ob die Religion der Zukunft Buddhismus heißt, ist es ihm, Weisheit und Frieden in die Welt zu tragen. Dann ist es doch egal, welchen Namen diese Weisheit trägt. Der Buddhismus wird sich sowieso ändern, und auch alle anderen Religionen und Philosophien, ob sie wollen oder nicht.

Schon jetzt hat sich eine Popspiritualität in der Welt ausgebreitet, zu der die Chakren (aus dem Hinduismus), die Subjekt-Objekt-Verschmelzung (angeblich aus der Quantenphysik), die Reinkarnationslehre (indisch), Erleuchtung (buddhistisch), Nächs­tenliebe (christlich) und die Magie der Wünscheverwirklichung (uralt, transkulturell) und vieles andere mehr (»Es gibt keine Zufälle«, »Das Herz ist besser als der Kopf« usw.) gehören. Wie wird es dem Buddhismus in diesem Maelstrom ergehen, in dem die Weltreligionen durch Internet und TV zu einem einzigen, vielfarbig schillernden Brei verschmelzen werden? Die Wirtschaft hat uns die Globalisierung ja schon vorgemacht, die kulturelle Globalisierung ist ebenfalls schon weit vorangeschritten. Die religiöse verläuft ein bisschen langsamer, weil es dort noch tiefer ans Eingemachte geht: den Glauben ans Jenseits, die Geburts-, Initiations-, Hochzeits- und Bestattungsrituale. Aber auch das wird passieren. Zum Beispiel bei der Bestattung: In den deutschen Großstädten sind bereits mehr als die Hälfte der Bestattungen Feuerbestattungen, in England mehr als 70% landesweit, obwohl das Chris­tentum aufgrund eines wörtlichen Verständnisses der »Auferstehung von den Toten« die Feuerbestattung ursprünglich rigoros ablehnte.

Religion der Wissenschaftler und Künstler

Zur Zeit ist der Buddhismus weltweit sehr beliebt, vor allem unter Wissenschaftlern und avantgardistischen Künstlern. Das wird noch zunehmen, denke ich, denn er ist unter den so genannten Weltreligionen die mit der modernen Wissenschaft am besten vereinbare, und sie ist auch die friedlichste. Dass einige Zen-Priester im zweiten Weltkrieg Kamikaze-Piloten vor ihrem letzten Flug gesegnet haben, gehört, ebenso wie ein Großteil der gewaltverherrlichenden Samurai-Tradition Japans, zu den unrühmlichen Ausnahmen dieser ansonsten sehr friedliebenden Religion. Auch dass die Tibeter früher ein sehr kriegerisches Volk waren, ist bekannt und wird von vielen Fans dieses Hochlandbuddhismus nicht gerne gesehen. Allerdings ist die tibetische Variante des Buddhismus auch die am wenigsten buddhistische, sie ist eher eine Fusion aus dem Bön-Schamanismus des alten Tibet mit den aus Indien vor mehr als tausend Jahren nordwärts wandernden Lehren des Buddha.

»Edel-Religion« versus »Volksfrömmigkeit«?

Ich vermute, dass der Buddhismus eine Art »Edel-Religion« (oder -Philosophie) der Welt bleiben wird, für diejenigen, die sich damit hervorheben wollen oder die eine Verwässerung seiner Kernaussagen (wie sie im Zuge des Maelstroms der kulturellen Globalisierung fast unvermeidbar ist) nicht hinnehmen wollen. Religion wird weiterhin der Profilierung und Identitätsbildung dienen (bzw. als solche miss-braucht werden), während sich eine Globalreligiosität herausbildet, in die einige Binsen der Esoterik (Reinkarnation) wie auch des Buddhismus (Sei dir selbst ein Licht!) mit einfließen.

Die Spiritualität der Massen wird eher seicht bleiben (»Volksfrömmigkeit«). Bleibt sie allzu leichtgläubig, wird sie weiterhin nicht immun sein gegen Faschismus, Lynchjustiz oder Pogrome (unsere Geschichtsbücher sind voll mit Beispielen). Außerdem wird sie auch in Zukunft wirtschaftskompatibel bleiben (zur Zeit muss sie zum Kapitalismus und der Konsumgesellschaft passen; dafür ist der Buddhismus mit seinem Streben nach einem Überwinden der Wünsche eher ungeeignet).

Vermutlich werden die jetzt noch separaten Religionen und Konfessionen allmählich zu Sekten innerhalb des globalen religiösen Mainstreams degradiert werden. Alle befruchten und beeinflussen einander, achten dabei aber auch auf die Aufrechterhaltung von Unterschieden: Aus Gründen der Profilierung, der Folklore und des Tourismus (Tibet, Neuguinea, die Andenstaaten, Rom, Mekka, Varanasi) wird die »Biodiversität« auch im religiösen Bereich wohl noch lange aufrechterhalten bleiben.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«: www.connection.de.
Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Blog: www.schreibkunst.com


Titelseite connection spirit 04/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit April 2009

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