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Editorial 07-08/12

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Die Welt als Innenwelt

Photo Wolf Schneider

Ich gehöre dazu. Dies ist für mich die essenzielle spirituelle Erfahrung. Ich bin hier nicht fremd, hier auf der Welt, ich bin geborgen in dem, was mich umgibt. Die ganze Welt ist Innenwelt – meine Innenwelt und ebenso auch deine und eure. Wir sind miteinander verbunden, connected, verwoben, vielfältig verflochten, interdependent. Niemand ist draußen, alles und jeder gehört mit dazu. Und wenn etwas endet, verwandelt es sich nur, nichts geht verloren. Seit ich das weiß, habe ich mich nie mehr einsam gefühlt, nie mehr verloren, habe Verluste ohne Angst ertragen können und gehe mit meinem Besitz – auch dem an Wissen und Erfahrung – anders um als vorher, und ebenso mit meiner Sterblichkeit, der Begrenzheit der Zeit, die mir hier gegeben ist.

Bitte keine Weichzeichner

Dieses Wissen um die Einheit und die Geborgenheit von allem und allen in diesem Ganzen verführt mich jedoch keineswegs dazu, die vorhandenen Unterschiede zu vernebeln oder zu verwässern. Die Erfahrung der Einheit und das damit verbundene Wissen um die untrennbare Zusammengehörigkeit des Ganzen als Weichzeichner für die Randschärfen der Teile innerhalb des Ganzen zu verwenden wäre eine Sünde, ein Missbrauch. Zu analysieren und zu differenzieren, genau definierte Worte zu verwenden und dabei logisch klar und kompromisslos scharf zu denken sind für mein Verständnis nicht nur hochkompatibel mit spiritueller Erfahrung und dem Wissen um die Einheit des Ganzen, sondern notwendig. Zum für mich Peinlichsten gehört, wenn das eine mit dem anderen verwechselt wird. Wenn die tiefe Akzeptanz des Lebens und der Natur und der Welt wie sie ist verwechselt wird mit einer Haltung, die alles irgendwie durchgehen lässt, weil ja alles eins ist und irgendwie stimmt und auch dazu gehört und irgendwie so ganz okay ist. Wenn dann noch einer sagt, ich solle mich entspannen, weil ich etwas genau nehme, reicht's mir schon wieder für diesen Tag. Mit dieser Art Pseudospiritualität habe ich über die Jahre genug zu tun gehabt, beruflich wie privat. Das alles eins ist, heißt nicht, dass alles egal ist. Beliebigkeit und Wurschtigkeit sind keine spirituellen Qualitäten.

Tröste-Spiritualität

Noch immer ist es so, das hierzulande und in vielen Teilen der Welt Spiritualität als etwas verstanden wird für Leute, die alles süß und kuschelig haben wollen, weil sie mit der harten Welt da draußen nicht gut umgehen können. Eine Freizeitbeschäftigung für Romantiker, für in Gefühlen schwelgende Frauen (von denen die Männer meinen, sie seien »spirituell« nur deshalb, weil sie nicht richtig logisch denken könnten) und für vom Leben an der Rand gespülte Menschen mit Schicksalsschlägen, die man irgendwie trösten muss, damit dass auch sie das Gefühl haben dazu zu gehören, und dass alles irgendwie gut ist und Sinn macht, auch das Schlimmste und Schrecklichste. Solch eine Tröste-Spiritualität finde ich genauso abstoßend wie die Weichzeichner-Variante, oder die Variante der schäfischen Duldung, dass Gott das alles so wolle oder das Karma, oder irgendeine Matrix. Fehlt bloß noch, viertens die Überspitzung des Gurukults, und ich würde am liebsten mit all dem Schmarrn nie etwas zu tun gehabt haben.

Entscheidungen

Dabei war jede dieser Varianten und »Anwendungen« spiritueller Prinzipien ursprünglich mal irgendwo sinnvoll und richtig, irgendwo in einem anderen Kontext, oft vor langer, langer Zeit. Weisheit bedeutet eben nicht, ein uraltes Lebenshilfe-Muster mal wieder aus dem Schrank zu holen und zu sagen: Das ist es jetzt, es hat sich seit Jahrtausenden bewährt! Sondern das Prinzip wirklich verstehen und es dann situationgerecht anzuwenden – was meinst der Intuition besser gelingt als dem linearen, logisches Denken. Auch die Intuition muss allerdings reifen, um dazu fähig zu sein. Gefühlsbetonte Entscheidungen »aus dem Bauch heraus« sind oft falsch. Auch der Bauch alias das Gefühl müssen lernen. Aus dem Gefühl einer Geborgenheit in der Welt heraus sind Entscheidungen jedenfalls generell besser als die aus einer Angs oder einem Gefühl der Bedrohtheit heraus getroffenen – für den sich so Entscheidenden selbst und für seine Umgebung.

Wolf Schneider

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Aus dem Heft connection spirit 07-08/12

   
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