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Bekenntnis eines Optimisten

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Bekenntnis eines Optimisten
Flickr.com © Fountain Head

Warum wir nicht aufgeben dürfen

Unsere Zukunft ist düster: Kriege ohne Ende, religiöser Fanatismus, Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen …, die Dummheit des Menschen ist unendlich und wird nicht weniger. Wie kann man da noch Optimist sein? Man kann nicht nur, man muss, meint der Friedenskämpfer Uri Avnery und nennt einige Beispiele von scheinbar aussichtslosen Situationen, die sich dann zum Positiven gewendet haben

Ich bin ein Optimist. Punkt. Kein Wenn und kein Aber. Kein Vielleicht. Vielleicht ist dies vererbt. Mein Vater war ein Optimist. Selbst dann, als er im Alter von 45 Jahren aus seiner Heimat Deutschland in ein primitives, kleines Land im Nahen Osten hat fliehen müssen, blieb seine Stimmung unberührt. Er war glücklich, obwohl er sich an ein neues Land, an ein heißes Klima, an körperlich schwere Arbeit und an erdrückende Armut gewöhnen musste. Wenigstens hatte er seine Frau und seine vier Kinder, von denen ich das Jüngste war, gerettet.

Der Pessimist als Win-Winner

Heute, am 26. April 2012, ist nach dem hebräischen Kalender Israels 64. Geburtstag. Ich bin noch immer Optimist. Vor einiger Zeit traf ich zufällig den Schriftsteller Amos Oz bei einer Hochzeit, und wir sprachen über diese Kuriosität, meinen Optimismus. Er sagte, er sei Pessimist. Pessimist zu sein, sei eine Win-Win-Situation. Wenn sich die Dinge zum Besseren wenden, ist man glücklich. Wenn die Dinge schlimmer werden, ist man noch immer glücklich, weil man von Anfang an Recht gehabt hat. Das Problem beim Pessimismus sei, dass er nirgendwo hinführe, sagte ich zu ihm. Pessimismus befreit einen von dem Drang, etwas zu tun. Wenn die Dinge sowieso schlimmer werden, warum sollte man sich damit befassen. Pessimismus sei eine bequeme Einstellung. Er erlaubt einem sogar, die Optimisten, die noch immer für eine bessere Welt kämpfen, zu belächeln. Optimismus ist etwas für Einfaltspinsel.

Nur Optimisten kämpfen

Aber genau darum geht es. Nur Optimisten können kämpfen. Wenn man nicht an eine bessere Welt, ein besseres Land, eine bessere Gesellschaft glaubt, kann man nicht dafür kämpfen. Dann kann man nur im Sessel vor dem Fernseher sitzen und »aber-aber!« mit den Lippen murmeln, wegen der Dummheit der menschlichen Rasse und besonders des eigenen Volkes, und sich überlegen fühlen. Jedes Mal, wenn ich bekenne, ich sei ein Optimist, werde ich mit Mitleid überschüttet. Ob ich nicht sehe, was rund um mich geschieht? War dies der Staat, den du dir am 14. Mai 1948 vorgestellt hast, als du der Rede von Ben Gurion am Radio gelauscht hast und dich für die Schlacht in der Nacht vorbereitet hast? Nein, ich stellte mir keinen Staat wie diesen vor. Meine Kameraden und ich hatten uns einen ganz anderen Staat vorgestellt. Und trotzdem bin ich ein Optimist.

Oktober 1942 ...

Wenn man darüber spricht, werde ich immer an einen bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben erinnert. Es war im Oktober 1942, und die Welt bebte. In Russland hatten die Nazitruppen Stalingrad erreicht, und der gigantische Kampf mit dem Feind war aufgenommen worden. Es bestand kein Zweifel, dass die Deutschen die Stadt einnehmen und dann weiterziehen würden. Weiter südlich ist die unbesiegbare Wehrmacht in den Kaukasus eingebrochen. Von dort führt eine gerade Linie durch die Türkei und Syrien nach Palästina. Erwin Rommels berühmtes Afrikakorps hatte die britische Linie durchbrochen und den ägyptischen Ort El-Alamein erreicht, nur 106 km von Alexandria entfernt. Von dort bis Palästina war es nur noch ein Katzensprung. Ein Jahr vorher hatten die Nazis schon Kreta erobert – die erste Invasion der Geschichte aus der Luft mit Fallschirmen. Für jeden, der auf die Landkarte schaute, war die Situation klar. Vom Norden, Westen und Süden bewegte sich der militärische Nazikoloss unaufhaltsam auf Palästina zu mit dem Ziel, den jüdischen Beinahe-Staat dort zu vernichten. Adolf Hitlers wahnsinniger Antisemitismus führte zu keiner anderen Schlussfolgerung.

Als Pessimist ist man, wenn die Dinge schlimmer werden, noch immer glücklich, weil man von Anfang an Recht gehabt hat

Wir wussten: Das war das Ende

Unsere britischen Mandatsherren dachten offensichtlich auch so. Sie hatten schon ihre Frauen und Kinder in den Irak geschickt. Sie selbst würden – so wurde gemunkelt – schon auf ihren gepackten Koffern sitzen, um bei den ersten Hinweisen eines deutschen Durchbruchs in Ägypten zu fliehen. Die Hagana, unsere hauptsächliche geheime militärische Organisation, war dabei, verzweifelte Vorbereitungen zu machen, wie die Helden von Massada vor etwa 1900 Jahren, die kollektiven Selbstmord begingen, um nicht in die Hände der Römer zu fallen. Unsere Kämpfer wollten sich auf dem Karmel versammeln, um dort zu kämpfen und ihr Leben teuer zu verkaufen. Ich war gerade 19 geworden und lebte in Tel Aviv, einer Stadt, die keiner zu verteidigen dachte. Wir wussten: Das war das Ende.

Bekenntnis eines Optimisten
Uri Avnery

… aber die Krise bestand nur in unserer Vorstellung

Nachdem der Krieg mit einem totalen Kollaps von Nazi-Deutschland endete, erschienen viele Bücher über den Verlauf der Dinge. Es stellte sich heraus, dass die verzweifelte Krise vom Oktober 1942 nur in unserer Vorstellung bestand. Die Invasion Kretas mit Fallschirmjägern war weit entfernt davon, ein brillanter Sieg zu sein. In Wirklichkeit war sie eine Katastrophe. Die deutschen Verluste waren so hoch, dass Hitler eine Wiederholung verbot. (Die Briten, die das nicht wussten, begannen ihre eigene Luftoperation in Holland fast am Ende des Krieges, was auch eine totale Katastrophe war). Die deutschen Truppen, die den Kaukasus erreichten, waren total erschöpft und konnten nicht weiter nach Süden marschieren. Von dem weit entfernten Palästina konnten sie nicht einmal träumen. Und ganz besonders wichtig für uns: Rommel hatte El-Alamein mit den letzten Tropfen Benzin erreicht. Hitler, der den ganzen Nord - afrika-Feldzug für eine unnötige Ablenkung vom Hauptziel – Russland – hielt, weigerte sich, sein kostbares Petroleum dort zu verschwenden. Palästina war ihm egal. (Selbst wenn er wollte, es gab keinen Weg, das Petroleum übers Mittelmeer zu schaffen. Die Briten hatten den italienischen Marine-Code geknackt und wussten über jedes Schiff Bescheid, das einen italienischen Hafen verließ).

Ein arabischer Frühling? Hahaha!!

Die Moral der Geschichte: Selbst inmitten einer total verzweifelten Situation kennt man die Fakten nicht genau genug, um die Hoffnung zu verlieren. Aber es ist nicht nötig, siebzig Jahre zurückzugehen. Es gibt genug Beispiele aus der jüngsten Geschichte. Hätte einer von uns in Israel vor einem Jahr geglaubt, dass die apathische Jugend unseres Landes, der »alles scheißegal ist«, sich plötzlich zu einem noch nie da gewesenen sozialen Protest erheben würde? Wenn das jemand nur eine Woche vorher gesagt hätte, er wäre ausgelacht worden. Dasselbe würde jedem passieren, der zu Beginn des letzten Jahres prophezeit hätte, dass die Ägypter (ausgerechnet die Ägypter) sich erheben und ihren Diktator wegjagen würden. Ein arabischer Frühling? Hahaha!! Wenn ich in Deutschland einen Vortrag halte, frage ich immer: »Wenn jemand von Ihnen einen Tag, bevor es geschah, glaubte, die Berliner Mauer würde noch zu seinen Lebzeiten fallen, der hebe, bitte, seine Hand!« Ich sah nie eine erhobene Hand. Und das größte Ereignis: Der Zusammenbruch der Sowjetunion – wer sah dies kommen? Nicht einmal die USA mit ihrem riesigen Geheimdienstapparat. Nicht unser Mossad mit seinen vielen Kollaborateuren unter den Sowjet-Juden. Keiner sah die iranische Revolution voraus, die den Schah vertrieb. Dasselbe gilt auch für die vielen von Menschen verursachten Katastrophen während meiner Lebenszeit, vom Holocaust bis Hiroshima.

Wir brauchen jede Menge Optimisten!

Was beweist dies? Nichts, außer dass mit Sicherheit nichts vorausgesehen werden kann. Menschliche Ereignisse werden von Menschen gestaltet, Menschen gestalten menschliche Ereignisse. Das mag ein guter Grund für Pessimismus sein, aber auch für Optimismus. Wir können Katastrophen verhindern. Wir können eine bessere Zukunft gestalten. Und dazu benötigen wir Optimisten – und zwar eine Menge –, die davon überzeugt sind, dass etwas getan werden kann. An Israels 64. Unabhängigkeitstag sieht die Situation trostlos aus. Frieden ist ein schmutziges Wort. Die meisten Israelis sagen: »Frieden wäre wunderbar. Ich würde jeden Preis für Frieden zahlen. Aber leider ist Frieden unmöglich. Die Araber werden uns nie akzeptieren. Also wird der Krieg ewig weitergehen. « Das ist ein sehr bequemer Pessimismus, der uns von aller Schuld befreit und uns erlaubt, nichts zu tun.

De facto ...

Die »Zwei-Staaten-Lösung«, die einzige reale Lösung, die es gibt, tritt in den Hintergrund. Das Apartheid-Regime, das längst in den besetzten palästinensischen Gebieten errichtet wurde, breitet sich in Israel aus. In ein paar Jahren werden wir eine vollkommene Apartheid im ganzen Land haben, vom Mittelmeer bis zum Jordan, mit einer jüdischen Minderheit, die über eine arabischpalästinensische Mehrheit herrscht. In dem unwahrscheinlichen Fall, dass Israel gezwungen wäre, den Palästinensern die Bürgerrechte zu geben, würde der jüdische Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan sehr schnell ein arabischer Staat vom Jordan bis zum Mittelmeer werden. Mit den USA, Israels einzigem verbleibenden Verbündeten, geht es bergab – langsam aber sicher. Die aufstrebende Macht, China, hat keine Erinnerung an den Holocaust. Die soziale Ungleichheit nimmt in Israel überhand, mehr als in jedem entwickelten Land. Es ist von den Idealen des frühen Israel weit entfernt. Die demokratischen Grundlagen der »einzigen Demokratie im Nahen Osten« wanken. Der Oberste Gerichtshof steht unter Dauer - belagerung einer Bande von Halb-Faschisten, die sich in unserer Regierung einnisten, die Knesset ist zu einer traurigen Karikatur eines Parlamentes geworden, die freien TVund gedruckten Medien werden langsam aber sicher gleichgeschaltet.

Selbst inmitten einer total verzweifelten Situation kennt man die Fakten nicht genau genug, um die Hoffnung zu verlieren

… kann es noch schlimmer werden

Kann diese Situation noch schlimmer werden? In meinem langen Leben habe ich gelernt, dass es keine Situation gibt, die so schlimm ist, dass sie nicht noch schlimmer werden kann. Und kein Führer ist so widerwärtig, dass sein Nachfolger nicht sogar noch widerwärtiger sein könnte. Aber trotzdem sind mächtige Kräfte am Werk, ungesehene und ungehörte, die die Dinge zum Besseren verändern können. Es ist wie das Errichten eines Dammes an einem Fluss. Hinter dem Damm steigt das Wasser langsam, still, unbemerkt. Eines Tages bricht der Damm ganz plötzlich, und das Wasser überschwemmt die Landschaft. Dies wird nicht geschehen, ohne dass wir unsere Rolle spielen. Was wir tun – oder nicht tun – ist ein Teil des historischen Prozesses. Hoffen und Glauben ist nicht genug. Tun und Handeln ist das Wesentliche. Hier sind wir – die unverbesserlichen Optimisten!

Uri Avnery (aus dem Englischen von Ellen Rohlfs)

URI AVNERY, geb. 1923 in Beckum (Münsterland), floh 1933 mit seiner Familie nach Palästina und war dort von 1938 bis 1942 Mitglied der Irgun, einer zionistischen Untergrundorganisation, später israelischer Soldat. Seit 1965 viele Jahre lang Abgeord neter in der Knesset, außerdem Jour - nalist, Schrift steller und Friedensaktivist. 2001 erhielt Avnery zusammen mit seiner Frau Rachel den Right Livelyhood Award. www.uri-avnery.de

Heft

Aus dem Heft connection spirit 07-08/12

   
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