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Gurus und Ethik

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Gurus und Ethik
Madhukar

Das Beispiel des Skandalgurus Madhukar

An dem spirituellen Lehrer Madhukar scheiden sich die Geister. Für die einen ist er ein arroganter, selbstherrlicher Guru, der egoistisch Sex mit seinen Schülerinnen hat. Für andere repräsentiert er den postmodernen, spirituellen Sucher mit Charme und Anziehungskraft. Viele Diskussionen sind schon im Zusammenhang mit spiritueller Arroganz und Machtmissbrauch von Gurus geführt worden, wir möchten nach dem Lesen des Essays von Wolf Schneider zu einer weiteren einladen...

Am 26. Mai 2012, dem Pfingstsamstag, gab es in München auf dem Rainbow-Spirit-Festival eine Podiumsdiskussion zum Thema »Spirituelle Arroganz«. Sie war mit Spannung erwartet worden, zum einen, weil das Thema von der lichtvollen Esoterik gerne in den Schatten verbannt wird, wo es dann umso stärker sein Unwesen treibt, zum anderen weil der immer wieder als Beispiel für spirituelle Arroganz genannte Guru Madhukar mit in der Runde saß, und mit ihm einige als scharfe Kritiker des Gurukults bekannte Debattierer. Dieser Rückblick auf eine Diskussion, die auch im Web zu sehen ist, nennt auch Hintergründe zur Person des umstrittenen Gurus und versucht speziell das Thema der Gurus und ihrer Ethik zu beleuchten und das der erstrebten oder gemiedenen Selbstherrlichkeit

Alle Beteiligten waren ein bisschen nervös vor dieser mit Spannung erwarteten Diskussion, vielleicht am wenigsten Katharina Ceming, die das Thema mehr von außen betrachtet, vielleicht am meisten Madhukar, den der Vorwurf der Arroganz am häufigsten trifft. Und auch die Veranstalter waren gespannt, wie das Duell ausgehen würde: Die da auf der Bühne sind ja zum Teil ihre Kunden. Wie hart darf man mit Kunden umgehen? Das Thema jedenfalls war heiß: Spirituelle Arroganz. Stimmt es denn, was manche verbitterten Szene-Aussteiger sagen, dass man das ganze spirituelle Getue in der Pfeife rauchen kann? Dass wir Menschen dadurch nicht besser werden, dass wir jahrelang Yoga machen, Reiki oder stille Meditation, sondern dadurch nur arroganter werden, weil wir uns dann für bessere Menschen halten, den Normalos hoch überlegen? Die essen ja »noch« Fleisch, kennen ihre Chakren und ihr Hara nicht und sind noch nicht mal imstande sind »die einfachsten Energien zu spüren«…

Der Markt der spirituellen Lehrer

Es stand also durchaus etwas auf dem Spiel. Für die »spirituellen Lehrer« dort auf der Bühne ihr Ruf als solche, denn wenn sie sich hier als arrogant erweisen würden oder dieser kritischen Frage nicht gewachsen, dann bedeutete das Einbußen an Reputation und Zulauf. Auch die spirituelle Szene ist ein Markt, so sehr viele ihrer Teilnehmer sich auch darüber erhaben wähnen. Klar sind wir nicht nur diejenigen, deren Reputation da durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird – wer wir wirklich sind, das ist doch die tausendfach nachgebetete Frage – aber es gibt auch keinen, der glaubhaft sagen kann, das sei ihm oder ihr egal. Wer nicht wirken will, tritt hier gar nicht auf. Wer hier auftritt, will wirken, und da kommt es eben auch auf den guten oder schlechten Ruf an. In unserer Mai-Juni Ausgabe hatte ich Madkukars Ablehnung des E-Mail Interviews mit ihm veröffentlicht unter den Überschrift »Das Zeitfenster hat sich geschlossen«. Er hatte mir drei Mal hintereinander eine Antwort verweigert. Was tut man da als Journalist? Man schreibt darüber, dass er die Antwort verweigert hat. Vielleicht hatten einige gedacht, ich würde nun in mich gehen und mich der Betrachtung meines Ego widmen, warum es gerade mir passiert ist, dass »der Meister« das Interview mit mir ablehnt. Wem in einer Situation gerade die Aufgabe zugeschoben wird, sein Ego zu betrachten, ist in der Szene ein beliebtes Spiel und eines, das die Rangordnung definiert: Die ganz oben auf der Leiter brauchen sich ihr Ego nicht mehr anzuschauen, gemäß spiritueller Pop-Kultur haben sie ja keines mehr oder spielen nur noch ganz souverän mit der Illusion eines solchen, weil sie es voll durchschaut haben.

Unfreiwillige Schülerschaft

Hierzu eine kleine Geschichte, auch diese aus der Satsang-Szene. Vor ein paar Jahren hatte ich den Satsanglehrer Tyohar organisiert. Ich hatte für sein Satsang in München einen Raum gemietet, die Veranstaltung beworben und hoffte nun auf viele Teilnehmer und einen schönen Abend mit ihm. Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung erfuhr ich, dass er seine Leute angewiesen hatte, einen anderen Eintrittspreis zu nehmen als wir vereinbart hatten. Der vereinbarte Preis war ihm als zu hoch erschienen. Ich stellte ihn zur Rede: Wie kann er das anweisen, ohne mich vorher zu fragen, der ich diese Veranstaltung wirtschaftlich zu verantworten hatte? Die Leute um ihn, allesamt seine Schüler, fanden es peinlich, was ich da sagte. Ihn einfach so auf Augenhöhe anzusprechen, wie vermessen. Wo er mir doch so viel Energie gab, mir persönlich, mich dies überhaupt veranstalten zu lassen! Und nun zeigte er auch noch seine Weisheit darin, dass er einen anderen Eintrittspreis für richtig hielt und dies ohne zu zögern umsetzte. Für wen hielte ich mich überhaupt, zu denken, dass ich das besser wüsste?

Doch ich blieb dabei: Wenn er mit mir als Geschäftspartner eine Vereinbarung trifft, dann gilt die so lange, bis sie einvernehmlich aufgehoben wird. Ich bin nicht sein Schüler, und ich lasse mich auch nicht ungefragt zu einem solchen machen. Wir einigten uns dann irgendwie, aber es blieb bei mir das Gefühl: Hände weg von Tyohar! Da wird man ungefragt zum Schüler erklärt, der dem Meister Gehorsam zu leisten hat, ganz wie in der indischen Tradition. Und auf Seiten der Tyohar-Gemeinde blieb das Gefühl, dass ich eben »im Ego« sei und die Chance, hier mal einen Sprung in eine andere Dimension zu machen, leider nicht genutzt hätte.

Stimmt es denn, was manche verbitterten Szene-Aussteiger sagen, dass man durch spirituelle Praxis kein bisschen besser wird?

Macht, Sex und Geld

Während der Wochen vor der Diskussion über Spirituelle Arroganz stieg die Spannung. Madhukars PR-Frau sprach mich an und sagte, sie habe ihm vorher geraten an der Diskussion teilzunehmen, nun könne sie das aber nicht mehr, außerdem unterstellte sie mir eine Unwahrhaftigkeit. Einige sagten: Madhukar wird wahrscheinlich nicht kommen, nun, da ich »so mit ihm umgegangen« sei. Andere: Er wird kommen, jetzt kann er ja nicht mehr aus! Dann sah ich an seinem Stand auf dem Rainbow-Festival. Dort hatte er die Podiumsdiskussion groß angekündigt hatte. Ah, gut, dachte ich, er kneift nicht! Inzwischen hatte mir seine Pressefrau mehr erzählt über ihn, darunter vieles, was ihn mir sympathischer machte. Denn die Recherchen, die ich vorher über ihn angestellt hatte, hatten ein anderes Bild ergeben: Dass er berüchtigt war für die Selbstherrlichkeit seiner Auftritte; dass er an mehreren angesehenen spirituellen Zentren nicht mehr erwünscht war; dass der Leiter eines großen internationalen Advaita-Kongresses in seinen Auftritten ein riesiges Guruspiel (»a huge guru game«) sieht; die Art, wie ich damit umgegangen war, würdigte er als »die Art von Offenlegung und Transparenz, die wir dieser Tage brauchen«. Und dann die Geschichten über Madhukars Umgang mit Macht, Sex und Geld, die wirklich nicht angetan waren, Sympathien für diesen Menschen zu wecken. Jedenfalls das schien unbestritten: Er hat Sex mit seinen Schülerinnen, und zwar mit vielen. Alle, die für ihn arbeiten (circa fünzig) tun das unentgeltlich, niemand wird bezahlt, nicht einmal seine Finanzchefin, sie müssen sogar noch die Retreats bezahlen, an denen sie mit ihrem Meister teilnehmen. Und sie alle siezen ihn, ausnahmslos. Uhhh, was für ein Trip!

Gurus und Ethik
Foto: Janine Grimmig, pixelio.de

»Mit der Energie gehen«

Aus einer verlässlichen Quelle erfuhr ich, dass Madhukar für seinen Umgang mit Geld und Macht beansprucht, dass das sehr klug sei, denn so würden alle gleich behandelt; niemand erhält finanzielle Vorteile, die andere nicht haben, außer ihm selbst natürlich, er ist ja der Guru (»Nur eine Führungsebene« nennt man das in der Wirtschaft). Dass zwei seiner Schüler »erwacht« seien und von ihm aufgefordert wurden Satsang zu geben; dass sie das aber nicht täten, denn »solange das Original verfügbar sei, warum solle man da zu den Kopien gehen« (sehr verräterisch: Offenbar geht es hier also nicht darum, selbst zum Original zu werden). Dass Madhukar bei der Auswahl seiner Sexpartnerinnen zudem sehr darauf bedacht sei, keine unreifen Frauen zu erwischen, die ihm dann was vorjammern, wenn sie wieder verlassen werden, nachdem er doch nur »mit der Energie gegangen« war, bei einer beiderseitigen Attraktion zwischen reifen Erwachsenen. Und dass es tatsächlich noch keine verbitterten Ex-Schüler gäbe, was ja bei Gurus, die Sex mit Schülern (im typischen Fall Schülerinnen) haben, meist der Fall ist. Zudem sei bei Madhukar alles transparent: Die Frauen wissen, mit wem er gerade intim ist. Große Eifersuchtsszenen scheinen da auszubleiben, zumal dann ja auch immer »mit dem Ego gearbeitet« wird und an der Fähigkeit loslassen zu können, wenn wieder mal eine zu sehr an der besonderen Zuwendung des Meisters zu ihrer Person gehaftet hatte und dabei vergessen, dass das Leben ein ewiger Fluss ist, wir nichts und niemand sind und wir nur jetzt leben, nur jetzt, nichts können wir greifen und festhalten.

Wo sind die frustrierten Ehemaligen?

Bei alledem bin ich selbst erstaunt. Habe ich doch die Skandalgeschichten um Swami Maheshwarananda von Yoga in Daily Life und den verstorbenen Satya Sai Baba mitverfolgt (und dann in Connection veröffentlicht), um da mal nur zwei herauszupicken. Beide beanspruchten Brahmacharya (das heißt: sexlos) zu leben. Beide taten, was sie konnten, um den Missbrauch von Schülern zu verheimlichen oder zu vertuschen, und bei beiden findet man im Internet viel besuchte Treffpunkte, wo sich die Missbrauchten und Enttäuschten erstmal mitteilen können, dann auch trösten und gegenseitig unterstützen. Nichts dergleichen bei Madhukar. Hat er es wirklich geschafft, alle die von sich fernzuhalten, die dann als Enttäuschte oder Missbrauchte seinen Ruf schädigen könnten? Madhukars Ruf ist zwar denkbar schlecht, aber vor allem unter denen, die ihn nicht wirklich gut kennen.

Ich sprach mit einem Veranstalter, der schon einiges mit Madhukar zu tun hatte, über die Gefahr nicht nur für die Schülerinnen durch den Missbrauch, sondern auch für Madhukar selbst, dass die bei diesem Tabubruch, dem Sex zwischen Meister und Schülerin, die in eine solche extrem »asymmetrische Beziehung« Hineingesogene nicht damit umgehen kann und der resultierende Skandal ihm dann um die Ohren fliegt. »Früher oder später wird das passieren«, war die lapidare Antwort des Veranstalters.

Madhukar scheint einen Riecher dafür zu haben, Sexpartnerinnen zu meiden, die ihm dann was vorjammern, nachdem er doch nur »mit der Energie gegangen« war

Die große Verwechslung

Inzwischen kam eine Psychologin auf mich zu, die auch mit Menschen in spirituellen Krisen arbeitet, und erzählte mir von vier Frauen, die ihre Hilfe in Anspruch genommen hätten, weil sie allein nicht damit umgehen könnten, dass sie mit Madhukar erst Sex hatten, dann aber von ihm kühl abgelegt worden waren, mit Verweis auf die transpersonale Art der Begegnung. Zwischen spirituellem Lehrer und Schülerin (seltener, aber von der Art her systemisch ähnlich auch zwischen Lehrerin und Schüler) entstünde eine tiefe Liebe mit starken ekstatischen Zügen. »Diese Verliebtheit auf die Person des Lehrers zu beziehen, oder wenn er sie gar für sich und seine Bedürfnisse oder Triebbefriedigung benutzt, ist eine Zweckentfremdung« schrieb sie mir. Die Schülerin würde »die Liebe zum Göttlichen leicht mit persönlicher Verliebtheit verwechseln« und dabei oft sogar alle Tricks des Ego und Verführungskünste benutzen, um die Liebe des Lehrers zu gewinnen und sogar »die merkwürdigsten bis unannehmlichsten Dinge dafür auf sich nehmen«. Der Lehrer müsse den persönlichen Teil an dieser Liebe zurückweisen, anstatt sich daran zu bereichern. Das Sexuelle habe immer die Tendenz persönlich zu werden, dabei blieben die Schülerinnen dann »in einer unerfüllten Sehnsuchts-Beziehung an der Person des Lehrers hängen« und seien abhängig von seiner Zuwendung, anstatt sich selbst als Quelle der Liebe und Erfüllung zu erkennen.

Männerträume

Etwas überspitzt kann man sagen, dass Madhukar ein Playboy ist, der es geschafft hat, sich einige der größten Männerträume zu erfüllen. Er hat einen Harem von Frauen um sich und kann sich da rauspicken, wen er gerade will (eine recht bekannte spirituelle Lehrerin hat ihm dabei zugesehen und mir beschrieben wie er das macht). Er hat circa 200 Schüler um sich, die für ihn arbeiten, ohne dass er einen einzigen bezahlen muss, so hat er enorm viel Geld zur Verfügung. Und er wird verehrt, ja, geradezu angehimmelt, zumindest von seinen Schülern. Was für ein Traum für einen Mann! Dafür wird er sehr beneidet, sagen seine Befürworter. Die Kritik, die Madhukar erfährt, sei zum großen Teil Neid. Vor allem bei den Männern sei das die zugrunde liegende Motivation der Ablehnung, und bei den Frauen Prüderie, oder wenn sie ihm mal näher gekommen waren, der Frust, dass sie »nicht dran gekommen« seien. So dreht sich hier ein einigermaßen geschlossenen System der Rechtfertigung seines Verhaltens, zu dessen Prämissen ja gehört, dass er der egolose Meister ist, die Schüler die Egoüberwindung Suchenden. Wenn dann der Meister nach der konventionellen Moral einen Fehltritt macht, erscheint der dem Schüler gar nicht als solcher, sondern als eine hilfreiche Provokation, um seinen Verstand (den viel gescholtenen »mind«) bzw. das Ego zu überwinden und so zur bedingungslosen Hingabe an das Göttliche zu finden.

Madhukars Auftritt ist eine Fusion des westlichen Playboys mit den Rollenmodellen östlicher Meister wie Ramana, Osho und Papaji

Die Fiktion der Meisterlinie

Im Falle von Zweifeln an der Autorität des Meisters bietet die spirituelle Linie weitere Unterstützung, die sich Madhukar gebastelt hat, von Ramana Maharshi über Papaji zu ihm, denn Papaji und noch mehr Ramana sind weithin geachtete Autoritäten. Dass diese Übertragungslinie jedoch eine Fiktion ist, weiß jeder, der sich mit den historischen Tatsachen befasst hat: Ramana steht in keiner spirituellen Linie, und er hat ganz bewusst keinen Nachfolger hinterlassen. Das einzige, was er hinterließ, ist die Methode: Frage dich, wer du bist! Wer auch immer sich als durch Ramana autorisiert darstellt, ist damit in einer Egofalle gelandet oder hält eine Fiktion aufrecht, die ihm nützt – bei Madhukar tippe ich auf das zweite. Übrigens ist auch Papaji kein Nachfolger von Ramana, so sehr er auch durch die tatsächliche, nicht nur fiktive und gefühlte Begegnung mit Ramana, in seinem Lebenslauf beeinflusst wurde. Und auch Papaji hat keine Linie hinterlassen. Er hat zwar viele ermutigt Satsang zu geben, von einer »Autorisierung«, etwa ähnlich der Inka im Zen aber kann man da kaum sprechen. Jedenfalls nicht bei Madhukar, eher schon bei Gangaji und Eli, aber auch dort würde ich das nicht so nennen. Über etliche, die »der Löwe von Lucknow« ermutigt hatte, seine Botschaft in den Westen zu tragen, belustigte er sich danach sogar ausgiebig (so etwa über Andrew Cohen).

Der Tabubruch

Soll man einem Playboy übelnehmen, dass er es geschafft hat, sich einen Männertraum zu verwirklichen? Keineswegs, finde ich. Solange er damit keinen schädigt. Madhukars Umgang mit Sex ist jedoch nicht keine meisterliche Führung im Sinne etwa dessen, wie der linkshändige Tantra-Weg sie praktiziert, wie etwa Daniel Odier sie in »Eintauchen in die absolute Liebe« beschrieben hat. Die Gefahr der seelischen Schädigung dabei ist riesengroß, und offenbar passiert dann auch, was dabei passieren kann, denn das Machtgefälle zwischen ihm und seinen Schülerinnen ist durch den von ihm inszenierten extremen Gurukult so immens, dass man hier von »einvernehmlichem Sex« kaum mehr sprechen kann. Er scheint zwar ein Gespür dafür zu haben, sich dabei im Großen und Ganzen keine kindlichen und sehr bedürftigen Frauen auszuwählen. Hut ab, vor dieser Fähigkeit! Und doch: Er bricht damit ein Tabu, das gute Gründe hat eingehalten zu werden. Zu seinen Gunsten ist hier erstmal zu sagen, dass dieser Tabubruch für alle in seiner Sangha transparent zu sein scheint. Und es sind keine Dummchen, die sich dort finden. Die Frauen und Männer in Madhukars Sangha so reif oder unreif, souverän oder hilfsbedürftig sind wie in anderen Sanghas auch.

Gottes Wege sind unerforschlich

Auf mich wirkt Madhukar arrogant und kein bisschen attraktiv. Anderen hingegen erscheint er als souveräne, erleuchtete Autorität in spirituellen Dingen, zudem als süß und überaus liebenswert. Die an ihn gerichteten Liebesbriefe, die er auf seiner Webseite www.madhukar.org versammelt hat, finde ich kitschig. Mir wäre es peinlich, sowas Plattes und von Brief zu Brief einander Ähnelndes zu veröffentlichen, und ich finde außerdem, sie zeugen auch nicht gerade von der noch eben behaupteten Reife. So fühle ich. Andere fühlen anders. Wenn so viele immer wieder in Madhukar-Retreats gehen, in denen ihnen durchaus nicht nur geschmeichelt wird – oft ganz im Gegenteil – haben sie vermutlich ihre Gründe dafür. Sie erleben dort spirituelle Ekstasen, vielleicht auch das eine oder andere »Erwachen« aus der Illusion, ein sehr begrenztes kleines Ich zu sein. Der Markt der Anbieter ist groß, da ist für jeden was dabei, und manches verstehe ich eben nicht. Gottes Wege sind unerforschlich, sagten die alten Mystiker dazu. Michael Sandvoss vom Axel Springer Verlag, der einmal im Jahr die »Weimarer Visionen« organisiert, hatte dort 2009 Madhukar eingeladen. Der kam zu spät zu seinem Auftritt – das macht er öfter. Der Auftritt war aber als Vortrag angekündigt, und dann schwieg er auch noch. Skandal! Das Publikum war gespalten, ungefähr die Hälfte war wütend über diese Zumutung. Zu den eher Verständnisvollen gehörte auch der renommierte Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Nur durch solche Provokationen würde man in eine andere Dimension des Bewusstseins katapultiert, fanden die Befürworter, und so war es vielleicht auch gemeint.

Diesseits und jenseits von Gut und Böse

Von mir aus kann Madhukar so weitermachen wie bisher. So lange er damit keinem schadet und die, die zu ihm gehen wissen, was ihnen da blüht. Dazu will auch dieser Artikel ein bisschen beitragen. In Annette Kaisers Zentrum, der Villa Unspunnen in der Schweiz (www.villaunspunnen.ch) ist Madhukar wegen seines Verhaltens nicht mehr erwünscht. Als ich Annette Kaiser einlud, an der Diskussion teilzunehmen, hielt sie sich wegen Madhukars Anwesenheit in der Runde zunächst für fehl am Platz. Aber auch sie gab nach der Diskussion mit einem gewissen Erstaunen zu: Ja, er hat was!

Reicht das, um als spiritueller Lehrer zu agieren? Die meisten würden wohl sagen: Nein. Als spiritueller Lehrer ist man muss man im alles akzeptierenden Raum jenseits von Gut und Böse gut verankert sein. Und doch lebt man auch diesseits. Vor allem dann und dort, wen und wo man nicht allein ist, sondern mit Menschen zusammen, da gelten ethische Regeln: nicht lügen, nicht verletzen, keinen Schaden anrichten.

Mein Eindruck ist, dass Madhukar die Bedeutung der Interaktion des Absoluten mit dem Relativen in der Tiefe und in seiner Bedeutung für die Lebenspraxis noch gar nicht erkannt hat. Sein Auftritt ist eine Fusion des westlichen Playboys mit den Rollenmodellen östlicher Meister wie Ramana, Osho und Papaji. Dabei nutzt er die Verehrungs- und Hingabebereitschaft willigen Schüler und insbesondere Schülerinnen zu seiner persönlichen Bereicherung. Und die lassen sich das nicht nur gefallen, nein, sie machen mit und verteidigen ihn! Und haben dabei tatsächlich tiefe Ekstasen und transformierende Erlebnisse. Sie können durch ihn als Meister aber auch nur bis dorthin kommen, wo er ist: in diese angenehmen Trancen, die einem das Gefühl geben, über die Welt des Relativen so völlig erhaben zu sein.

Als wir nach der Podiumsdiskussion von der Bühne gingen, bedankte Madhukar sich bei mir geradezu artig für die gut geführte Diskussion. Das freute mich vor allem deshalb, weil da auf einmal eine Verletzlichkeit und Weichheit in seinen Augen sichtbar war, die ihn sympathisch macht. Die Nervosität von vor und noch während der Diskusson war von ihm gewichen. Am Tag danach schrieb er mir (auf Englisch): »Danke für die exzellente Leitung dieser Podiumsdiskussion. Es war ein sehr gutes Event, ich habe hunderte positiver Reaktionen darauf bekommen. Gratulation an alle! (»Thank you very much for the excellent leadership during the panel discussion. It was a very good event and I do have hundreds of positive reactions. Chapeau to all.«)

Chapeau dem Skandalösen!

Die Beschreibung der anderen Teilnehmer an der Diskussion kommt hier natürlich zu kurz. Das ist unfair, ich weiß. Ich habe hier dem Skandalguru die größe Aufmerksamkeit gegeben und damit auch noch seinen Narzissmus gefüttert. Die zum großen Teil gehaltvolleren Aussagen der anderen Diskussionsteilnehmer habe ich schmählich vernachlässigt. Aber ich denke, dass Madhukar in gewisser Weise diese besondere Beachtung verdient, weil auf diese Weise unmissverständlich klar sein dürfte, worauf man sich einlässt, wenn man bei ihm Schüler oder Schülerin sein will. Und weil er als Beispiel dienen kann für einen extremen Gurukult, den ja auch andere ausüben. Madhukar ist ein Bluffer und als solcher beachtlich, geradezu bewundernswert. Offenbar erlebt er selbst echte, tiefe Ekstasen, er provoziert sie auch zuweilen in seinen Schülern, ist also kein »falscher Guru« im Sinne dessen, dass er das Gefühl der Einheit lehren würde, ohne es zu kennen. Und doch ist Spritualität für ihn zum großen Teil einfach ein nützlicher Jargon, der ihm hilft, seinen Trip aufrecht zu erhalten. Es war für mich durchaus eine Herausforderung, »so einen« in der Runde zu haben, insofern: Chapeau auch für Sie, geschätzter Meister, der Sie diesen Artikel sicherlich lesen werden, ich ziehe meinen Hut vor Ihnen!

Sich selbst so toll zu finden, ist prinzipiell etwas Gutes. Johannes Galli hat dazu in seinem »Kellerkinder-Training« die Figur des »Großkotzes« erfunden

Der Großkotz unter den Kellerkindern

Von weitem mag Madhukars Auftritt großkotzig aussehen. Aus der Nähe berichten viele, dass seine Selbstherrlichkeit sie fasziniert, wie er da erwartet, dass ihm die Füße gesalbt und Geschenke gebracht werden und man sich huldvoll vor ihm verbeugt, während er den Ergriffenen ein joviales Lächeln schenkt. Sich selbst toll zu finden, ist ja prinzipiell etwas Gutes. Johannes Galli hat dazu in seinem »Kellerkinder-Training« die Figur des »Großkotzes« erfunden – nein, eigentlich gefunden, denn das ist der Archetyp des bedingungslos Selbstherrlichen unter den innneren Figuren: Ludwig XIV, der da sagt »Der Staat bin ich«.

Wer diesen Archetypen in sich nicht kennt und nicht wertschätzt, vielleicht gar unterdrücken will, ist genauso schlecht dran damit, wie wenn man den Fetzer (die Aggression) oder das Flittchen (den Archetyp des Verführers) in sich unterdrücken würde oder sonst eines der sieben Kellerkinder. Dann entgeht einem was, und man lebt das nicht voll, wozu wir alle geboren wurden: Menschen zu sein in unserer ganzen charakerlichen Fülle. Um diesen Teil in einem selbst wertschätzen zu lernen kann man zu Madhukar gehen. Oder man macht einen Kellerkinder-Workshop, wie die Galli-Trainer ihn anbieten. Die zweite Variante ist billiger.

Der Kult um den Guru

Und noch etwas sollten wir nicht vergessen, bei all den Gurus und spirituellen Lehrern: Die Zweiteilung in Erwachte und noch Schlafende ist für sie die Geschäftsgrundlage. Ohne diese Zweiteilung bräuchten wir sie nicht, diese Lehrer des Erwachens. Dann würden sie aussterben, und das wäre doch schade. Eine Wiese mit so vielen merkwürdigen und auf ihre Art so wunderbaren Blüten würde uns verloren gehen! Ich finde, dass nicht nur die Altstadt von Dresden und der bayerische Schuhplattler, sondern auch der Kult um den Guru, wie er in Indien jahrtausendelang praktiziert wurde, als UNESCO-Kulturerbe geschützt werden sollte!

Wolf Schneider

Die Podiumsdiskussion auf dem Rainbow-Spirit-Festival 2012 wurde von Jetzt-TV gefilmt und wird ins Netz gestellt: www.jetzt-tv.com. Die Teilnehmer waren Katharina Ceming (www.quelle-des-guten-lebens.de), Christian Meyer (www.zeitundraum.org), Annette Kaiser ( www.villaunspunnen.ch) und Madhukar (www.madhukar.org). Auch das Rainbow-Spirit-Festival 2013 wird wieder eine Podiumsdiskussion enthalten, vermutlich auch wieder mit einem spannenden Thema: www.rainbow-spirit-festival.de.
Im neuen connection spirit 9-10/12»Mut, sei du selbst, trau dich« erklärt die Psychologin und Satsanglehrerin Padma Wolff, warum es gut ist, kein Sex mit Schülern zu haben. In einem weiteren Artikel rechnet die Psychotherapeutin Ursula Huber mit Männern und Gurus schonungslos ab.

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