Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:

Neue Kommentare  

   

Wer ist online?  

Aktuell sind 475 Gäste und 2 Mitglieder online

  • OrenepeS
   

Unsere Partner  

FlowBirthing

Mystica TV

Reiki-land

   

Magazintexte

Unterstützung in spirituellen Krisen

Details

Psychotherapeuten haben seit je – und vielleicht heute mehr denn je – nicht nur mit psychischen Krisen und Krankheiten zu tun, sondern gelegentlich auch mit spirituellen Krisen. Sind sie dem gewachsen? Häufig nicht, meint die Psychologin und Psychotherapeutin Maria-Anne Gallen. Denn dafür braucht es besondere Kenntnisse, Achtsamkeit, und eigentlich auch die spirituelle Reife und Demut der Therapeutin selbst

Meine Beschäftigung mit diesem Thema begann 1993 mit den ersten Anzeichen einer eigenen transformatorischen Krise. Diese kam Anfang des Jahres 1994 heftig zum Ausbruch und führte ab da zu einschneidenden Veränderungen in meinen Denkgewohnheiten und meiner Lebensweise, die bis heute andauern. Für mich war das eine Art Initiation in die weiten Bereiche mystischer Erfahrungswelten. Seitdem fühle ich mich auf einem bewussten spirituellen Weg, mit zwischendrin sehr stürmischen Phasen, die immer wieder von ruhigeren Etappen abgelöst wurden. Angekommen bin ich dabei auf sehr viel tiefere Weise in mir selbst. Gleichzeitig scheint mir das Auf-dem-Weg-Bleiben letztlich meine (Entwicklungs)Aufgabe und der Sinn dieses Lebens zu sein. Da ich (approbierte) psychologische Psychotherapeutin mit humanistischem Schwerpunkt (Focusing) bin, habe ich meinen eigenen Prozess natürlich auch ständig mit fachlichen Augen begleitet.

Retreat zuhause

Mein Weg führte mich durch ein langes Retreat (1997–2003), das ich weitgehend autodidaktisch gestaltete. Ich hatte mich im häuslichen Umfeld zurückgezogen, betreute meine heranwachsenden Kinder und wurde von einer katholischen Ordensschwester geistlich begleitet. Danach eröffnete ich wieder eine psychotherapeutische Praxis. Die nenne ich jetzt »transpersonal« und habe auf eine Kassenzulassung verzichtet. Als ich wieder zu arbeiten begann, ließ ich mich in die Therapeuten-Liste des SEN (Spiritual Emergence Network) aufnehmen, erstellte für meine Website eine Seite zum Thema »Spirituelle Krisen« und initiierte mit anderen zusammen – u.a. meinem Ehe-Mann, der Arbeitslosenseelsorger in der katholischen Kirche ist – eine Netzwerk-Initiative für Menschen in spirituellen Krisen und Transformationsprozessen. Auf diesem Hintergrund und nach mittlerweile fünf Jahren praktischer Erfahrung in der Betreuung von Menschen in solchen Krisen, sind die folgenden Ausführungen zu verstehen.

Was ist eine »spirituelle Krise«?

Das Wissen um Glaubens- und spirituelle Krisen ist in allen religiösen Traditionen uralt. Die Verwendung des Begriffs »spirituelle Krise« im psychologischen und psychotherapeutischen Kontext hingegen ist noch sehr jung. Er wurde dort erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts eingeführt (vgl. Grof&Grof, 1990, 1991, Luckoff, 1998). Bei der praktischen und theoretischen Ausarbeitung dieses Konzepts stehen wir hier also noch am Anfang. In der ganz konkreten alltäglichen Arbeit suchen und forschen meine Kollegen und ich noch sehr darüber, was hilfreich und unterstützend ist und welche fachlichen Konzepte zu gebrauchen sind. Ich selbst lehne mich dabei eng an meinen humanistisch-psychologischen Hintergrund an, der mittlerweile die Beschäftigung mit Konzepten aus der transpersonalen Psychologie einschließt. Darüber hinaus habe ich mich mit verschiedenen Kundalini-Modellen auseinander gesetzt, mich auch ein wenig mit dem Schamanismus befasst und durch Lektüre, Meditationspraxis und enge Freunde auch einen gewissen Einblick in buddhistische Erklärungszusammenhänge bekommen. Am nächsten ist mir dort die buddhistische Psychologie des Vipassana-Meditationslehrers Jack Kornfield.

Die Diagnose

Das Allerwichtigste im Zusammenhang mit der Diagnostik von spirituellen Krisen ist nach meinem Empfinden, dass man dem Menschen, der zu einem kommt, glaubt was er sagt und nicht vorschnell eine Umdeutung vornimmt. Ganz egal, ob die Person von Dämonen erzählt, die auftauchen, von Lichterscheinungen, die sie sieht oder sogar von Engelsstimmen, die sie hört, das ist alles ihr Erleben. Für diesen Menschen stellt sich das genau so dar und fühlt sich genau an, wie er es mir schildert – wenn er sich denn traut, es mir zu schildern, denn das gesellschaftliche Tabu ist hier bei vielen Erscheinungen sehr wirksam.

Klinisch geschulte Psychotherapeuten neigen dazu, spirituelle Erfahrungen negativ und pathologisierend zu bewerten

Als klinisch geschulte Psychotherapeuten sind wir (durch psychiatrische Diagnoseschlüssel) darauf geeicht, tendenziell alle solchen Schilderungen negativ und pathologisierend zu bewerten. Damit werden wir den Menschen vor uns aber nicht gerecht. Diese Art des Vorgehens wurde uns beigebracht, um innerhalb eines gesellschaftlich etablierten Gesundheitssystems ein Krankheitsgeschehen ausfindig zu machen und zu benennen. Sie ist völlig ungeeignet, um ein Leiden zu erfassen, das aufgrund transpersonaler Erfahrungen entstanden ist. Wie schon Graf Dürckheim sagte: »Nichts ist schrecklicher und heilloser, als in einer solchen Situation sich einem Menschen anvertraut zu haben, der, weil er selbst diese Erfahrung nicht kennt, das hier Geschehene fehldeutet, z.B. die Wesenserfahrung als Ich-Aufblähung« (1991, S. 225f.) Oder wenn, wie ich anfügen möchte, ein Leiden, das Ausdruck einer stürmischen inneren Entwicklung ist, als Krankheit oder Entwicklungsstörung gedeutet wird.

Präpersonal und transpersonal

Selbstverständlich bilde ich mir als Fachkraft darüber hinaus trotzdem noch eine eigene Meinung, welcher Art die geschilderte Störung ist, und was die beste Unterstützungsmöglichkeit für den Klienten sein könnte. Bei der Differentialdiagnostik stütze ich mich auf die von Brunnhuber/Wagner 2006 in der »Zeitschrift für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie« vorgeschlagene Dreiteilung in präpersonale, personale und transpersonale Entwicklungsprozesse.

Zwei Stühle auf dem Rasen

Transpersonale Entwicklungsprozesse sind nach dieser Diagnostik »echte spirituelle Krisen« und folgen einem natürlichen inneren Ablauf – sie werden von innen her geführt. Von dieser Führung wird auch meist in irgendeiner Form berichtet. Manche Menschen beziehen sich dabei mehr auf »innere Meister« oder »Heiler«, mit denen sie in Kontakt stehen, andere wiederum (das hängt sehr stark von der religiösen Sozialisation ab) fühlen sich von Christus, oder einfach nur einem »weißen Licht«, geführt und begleitet. Es können sehr stürmische Entwicklungen sein (wie z.B. auch in der Pubertät). Sie können aber auch ruhiger verlaufen und dauern dann länger. Bei den meisten Menschen treten unterwegs immer wieder Pausen ein, es gibt längere (manchmal jahrelange) Plateauphasen, die irgendwann wieder in den nächsten Entwicklungsschub übergehen. Im Verlauf dieser Prozesse begegnet man irgendwann allen ungelösten biographischen (aber auch überindividuellen karmischen) Prägungen und Traumata. Die Person erfährt (durch die karmischen Gesetze von Ursache und Wirkung) Wiederholungen, die sie mit ihren eigenen Ungelöstheiten konfrontieren und vor neue Aufgaben stellen.

Die »einbindende Kultur«

Nach dem bekannten US-amerikanischen Entwicklungsforscher Robert Kegan ist das Wichtigste für natürliche Entwicklungsprozesse, dass sie eine »einbindende Kultur« bekommen. Diese hat nach Kegan verschiedene Funktionen: Sie bestätigt (spiegelt) die Entwicklung, leistet Widerstand, damit das Alte losgelassen werden kann, und bleibt »in der Nähe«, damit das Neue re-integriert werden kann.

In natürlichen Entwicklungsprozessen besteht diese einbindende Kultur normalerweise aus Personen, die diese Entwicklungen schon durchlaufen haben. In der Kindheit sind das natürlich die älteren Geschwister und Eltern, später andere Erwachsene. Jeder, der selbst eine Pubertät hinter sich gebracht hat, hat ein gewisses Verständnis für »pubertierende Jugendliche«. Wenn hingegen Erwachsene plötzlich »komisch werden«, wenn sie z.B. zu arbeiten aufhören und stattdessen meditieren gehen, dann hat unsere Leistungsgesellschaft dafür wenig Verständnis. Sie schickt diejenigen, die komisch sind, in Therapie, damit sie wieder an gesellschaftliche Normen angepasst werden.

Ein solches gesellschaftliches Umfeld verstärkt meines Erachtens das Krisenhafte an den Krisen massiv. Zu den inneren Umbrüchen, mit denen der Mensch fertig werden muss, kommt nun noch der Rechtfertigungsdruck gegenüber der Außenwelt, warum man denn nun nicht mehr normal funktioniert. Wenn es niemanden im eigenen Umfeld gibt, der dafür Verständnis aufbringen kann, kann das bis zum geplanten oder sogar durchgeführten Suizid gehen. Über manche Strecken scheint dieser Prozess alle Grenzen des Erträglichen zu überschreiten. Gott-sei-Dank erleben die meisten Menschen ihn dabei jedoch so, dass im richtigen Moment auch die richtige Hilfe zur Stelle ist.

Über die menschliche Einbindung hinaus ist es auch wichtig, Deutungs- und Verständnismodelle dafür zu finden, was sich innerlich gerade bewegt. Ohne irgendein philosophisches, metaphysisches oder religiöses System oder Konzept geht es hierbei nicht. Viele Menschen finden hier aber auch mehrere Konzepte gleichzeitig nützlich.

Was ist, wenn Erwachsene plötzlich »komisch werden«: wenn sie z.B. ihre Arbeit aufhören und stattdessen meditieren gehen

Professionelle Begleitung

Neben dem (hoffentlich!) stützenden und verständnisvollen privaten Umfeld, macht es in solchen Prozessen auch Sinn, professionelle therapeutische bzw. spirituelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Psychotherapeuten sind jedoch in ihrer Arbeit eher damit beschäftigt, »kranke Leute« wieder funktionstüchtig zu machen. Genau das erweist sich jedoch bei spirituellen Krisen als kontraproduktiv, da es hier immer um ein Loslassen alter Seins- und Funktionsweisen und eine Öffnung nach innen geht. In den natürlichen Verläufen von Transformationsprozessen kann es aber durchaus Blockaden geben, die einer therapeutischen Auflösung bedürfen. Da kann auch ganz normale Therapie, z.B. Trauma- oder Körperarbeit, nützlich sein. In der Regel weiß der Betroffene intuitiv sehr gut, wann er welche Hilfe in Anspruch nehmen will. Manche Traumata lösen sich auch durch Meditation (z.B. Vipassana) besser auf als durch Psychotherapie.

Das Wichtigste bei einer solchen therapeutischen oder seelsorgerischen/spirituellen Begleitung ist meines Erachtens, dass sich der Begleiter bewusst ist, dass die Unterstützung im Kontext eines spirituellen Transformationsprozesses im Erwachsenenalter stattfindet. In solchen Prozessen verhalten sich die Menschen sehr eigenwillig und autonom (entsprechend ihrer inneren Führung) und treffen häufig abrupte Entscheidungen. Da ist dann z.B. plötzlich innerlich etwas aufgelöst, und der Klient kommt nicht mehr in die nächste Stunde – die macht ja dann keinen Sinn mehr. Solche Verhaltensweisen werden im klassisch psychotherapeutischen Vorgehen in der Regel als Widerstand gedeutet, sie können aber auch transpersonal als Auftauchen des Egos interpretiert werden.

Wenn man selbst meint, »weiser« oder »weiter« zu sein als der andere, ist besondere Achtsamkeit geboten

Demut des Begleiters

Hier ist nach meiner Erfahrung vor allem die Demut des Begleitenden gefragt: Grundsätzlich ist beim Erkennen von Widerstands- und Ego-Phänomenen immer auch davon auszugehen, dass das eigene Ego darauf reagiert. Systemtheoretisch betrachtet gibt es keine Verwicklungen, an der nicht mindestens zwei Parteien beteiligt sind. Wenn man selbst meint, »weiser« oder »weiter« zu sein als der andere, ist besondere Achtsamkeit geboten.

Ich habe in meiner personzentrierten Ausbildung gelernt, dass ein Therapeut seinem Klienten immer mindestens einen Schritt in der Persönlichkeits-Entwicklung voraus sein sollte, damit sinnvolle Begleitung stattfinden kann. Wenn das nicht der Fall sei, dann könne keine professionelle Hilfe geleistet werden.

In seriösen spirituellen Traditionen gilt es als selbstverständlich, dass nur ein »verwirklichter Meister« durch die extremen Auflösungsstadien der Ich-Identität hindurch begleiten kann. Wenn dieser Vorsprung nicht gegeben ist, dann wird das Neue, das da geboren werden möchte, immer (ein wenig) falsch interpretiert: Deutungen finden im eigenen Bezugssystem statt. Wenn man das durch die spirituelle Öffnung erweiterte Bezugssystem selbst nicht hat, passt man die gemachten Beobachtungen schnell an den eigenen engeren Rahmen an. So entstehen leicht Pathologisierungen und Abwertungen von Phänomenen, die eigentlich zutiefst heilig und gesund sind.

Ich plädiere an dieser Stelle – gerade wenn man sich unsicher ist – dafür, eine radikal personenzentrierte Begleitungshaltung einzunehmen. Im Focusing beschreiben wir sie neben den von Carl Rogers, dem Begründer des klientenzentrierten Ansatzes, formulierten Variablen Akzeptanz, Echtheit (Kongruenz) und Empathie noch mit den Begriffen Achtsamkeit und Absichtslosigkeit. Wir üben uns also in Bewertungsfreiheit und versuchen, so authentisch wie möglich in unseren Reaktionen zu sein.

Mit der Empathie ist das hierbei so eine Sache: Spirituelle Erfahrungen sind äußerst schwierig bis gar nicht einzufühlen, sie erzeugen beim Gegenüber keine gewohnte emotionale innere Resonanz. Mit der Zeit lernt man aber dafür völlig neue, vorher nicht wahrgenommene innere Schwingungen wahrzunehmen und zu erkennen. Ich kann hier nur versuchen, sie zu umschreiben mit Begriffen wie »heilige Momente«, »die ewige Stille« oder »das Singen von Engelschören«.

Begleitern, die selbst ein gesundes Ur-Vertrauen haben, fällt es bei diesen Prozessen leichter, an die uneingeschränkte innere Führung zu glauben. Wenn in extrem schwierigen Zeiten dieses Vertrauen einmal ins Wanken gerät, macht es Sinn, sich in Absichtslosigkeit zu üben. Ich persönlich fand es sehr unterstützend, dass meine spirituelle Begleiterin in solchen Situationen unsere Sitzungen meistens mit dem Satz beendete: »Ich werde für dich beten«.

— Maria-Anne Gallen

Maria-Anne Gallen, Jg. 58, Dipl.-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin mit privater Praxis in Gilching. Die Mutter zweier erwachsener Töchter lebt mit ihrem Mann im Westen von München. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!www.gallen-praxis.de

Literatur

  • Brunnhuber S. & Wagner, R. (2006): Zur Differentialdiagnostik Spiritueller Krisen. In: Zeitschrift für Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1.
  • Gendlin, E. T., Wiltschko, J. (1999, 20073): Focusing in der Praxis. Klett-Cotta
  • Graf Dürckheim, K.: Vom doppelten Ursprung des Menschen. Neuausgabe, Freiburg, 1991
  • Grof, C.& Grof, S.: Die stürmische Suche nach dem Selbst. München, 1991.
  • Grof, S.& Grof, C.: Spirituelle Krisen. Chancen der Selbstfindung. München, 1990.
  • Kegan, R. (2003) In: WIE-Was ist Erleuchtung 8: Bist du bereit, dich jetzt zu ändern? Zur Dynamik menschlicher Transformation.
  • Kegan, R. (1986): Die Entwicklungsstufen des Selbst. München: Kindt.
  • Kornfield, J. (2008): The Wise Heart. A Guide to the Universal Teachings of Buddhist Psychology. New York: Bantam.
  • Lukoff, D. (1998): From Spiritual Emergency to Spiritual Problem: The Transpersonal Roots of the New DSM-IV Category. Journal of Humanistic Psychology, 38(2), 21-50.
  • Rogers, Carl (1959): A theory of therapy, personality and interpersonal relationships as developed in client-centered framework. McGraw Hill, New York.

Weblinks:


Aus dem Heft connection spirit März 2009

Diesen Beitrag teilen

Bei Wer kennt wen teilen
0
Webnews einstellen
0
0


Social Sharing powered by flodji.de
   

Ich suche  


   

Top 10 des Monats  

   

Connection Networks  

   

Werbung  

   

Unsere Partner  

Satsangfestival

Medizin und Bewusstsein

Bodhisattva Schule

Bewusstseinspraxis

zur Website von Ladeva

zur Website von Find Your Nose

zur Website von Die Kunst zu Leben

Weltinnenraum

LotusCafe - Forum für ganzheitliche Partnersuche

Spirituelles Portal

KGS Berlin

menschenklang

Periplaneta

   
© Connection AG 2015