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Der Tanz der Gegensätze

Details


In seinem Tanz verkörpert
Gott Shiva Werden und
Vergehen, Schöpfung
und Zerstörung
Ausstellung im Rietberg Museum
Zürich: »Shiva Nataraj – Der
kosmische Tänzer« noch bis
1. März 2009

In der Mitte ist es still, aber zwischen den Polen, da tanzt der Bär

Das erste mal so richtig ekstatisch getanzt habe ich, als ich, ungefähr 17 Jahre alt, nachts im Haus meiner Eltern Eric Burdon and the Animals auflegte. Die Eltern waren verreist, das Haus war leer, die Nachbarn konnten mich nicht hören und auch sonst niemand, und ich hatte es im Wohnzimmer so dunkel gemacht, dass ich gerade noch die Möbel sah, um nicht anzustoßen. Seitdem weiß ich, dass nichts über den Tanz geht – ausgelassenen Tanz, bei dem es einem egal ist, wie man aussieht. Wo man nur dem Rhythmus der Musik folgt, sich in die Klänge hineinstürzt und mit den Melodien fliegt bis ans Ende der Welt. In solchen Momenten passiert mit mir so etwas wie ein innerer Schwur, ein Gelübde, auch wenn dabei keine Worte ausgesprochen werden, nicht mal innerliche: Das ist es! Das werde ich nie wieder vergessen. Dafür lohnt es sich, am Leben zu sein.

Als ich ein paar Jahre später, in einem Dschungelkloster Thailands bei der Beobachtung meines Atems wieder in eine solche, alles Bisherige überschreitende Eks­tase geriet, wollte ich … wieder tanzen. Die Vorschrift aber lautete: Gehen! Setze achtsam einen Fuß vor den anderen, ganz langsam, wie in Zeitlupe. Meine Beine zuckten fast, sie wollten hüpfen und stampfen, aber das war nicht erlaubt. In einem Meditations­retreat tut man das nicht. In den folgenden Monaten als ordinierter Mönch in einem Kloster in Bangkok ohne Musik und Tanz zu leben, das war für mich ein schwerer Verzicht. Aber ein vorübergehender. Denn das Gelübde, auf Tanz nicht zu verzichten, das war schon passiert – vorher. Ich war schon vergeben, vom Gott des Tanzes schon initiiert. So konnte auch die Klostererfahrung einen Buddhisten im üblichen Sinne aus mir nicht mehr machen.

Satcitananda

Einige Monate vor diesem Erlebnis im Dschungel war ich in einer Bibliothek in Singapur auf ein Buch über indische Philosophie gestoßen, in dem mich der Begriff Satcitananda ansprang. Ich wusste nur wenig von den indischen Sprachen, aber Sat­ya (Wahrheit, Sein), Citta (Bewusstsein) und Ananda (Glückseligkeit), das verstand ich. Diese drei Begriffe zusammen in einem einzigen Wort? Sollte das vielleicht heißen, dass das Bewusstsein der Wahrheit Glückseligkeit bedeutet? Allein der Gedanke, dass das so sein könnte, ließ mich erschaudern, und es trieb mich wieder hinaus auf die Straße, um zu laufen, zu schauen, den Wind zu fühlen und dabei diesen heiligen Gedanken mitzunehmen. In dem Buch war neben dem Text über Satcitananda eine Statue von Shiva als tanzendem Gott abgebildet , so wie ich sie heute in meinem Büro auf einem kleinen Zimmeraltar stehen habe: Shiva Nataraj, der tanzende Gott und Gott der Tänzer, der in seinem Tanz das ganze Universum repräsentiert. Da war es wieder, das, was ich damals mit Eric Burdon and the Animals erlebt hatte: Tanzen, so dass es genug ist! Sei drin, dann brauchst du nichts mehr, der Tanz ist genug. Alles ist da. Hier bin ich, der Tanz, alles … und jeder neue Moment ist wieder die Erschaffung der Welt, mit jedem Schlag der Trommel, mit jedem Takt und neuen Ton.

Wozu haben wir ein Rhythmusgefühl?

Jahre später hatte ich Joachim-Ernst Berendt, der auch für uns, für connection schrieb, in mein Haus in Niedertaufkirchen eingeladen, damit er dort einen Musikworkshop leitete. Wir sprachen auch über Rhythmus. Warum können Menschen Rhyth­mus empfinden? Können das auch Tiere? Was macht den Unterschied aus zwischen einem guten Schlagzeuger (sagen wir mal: Max Roach oder Art Blakey oder Ringo Starr oder so jemand) und einer Rhyth­musmaschine? Letztlich wusste er es nicht. Mensch und Maschine, diesen Unterschied kann man noch irgendwie erklären mit ein paar der üblichen Binsen. Aber warum fühlen wir uns bei guter, rhythmischer Musik geradezu gezwungen, mit dem Fuß zu wippen? Das hat mir noch keiner in zufrieden stellender Weise erklären können. Der Drang dazu ist zu stark, um nur kulturell geprägt zu sein, und die Menschen aller Völker haben ihn. Er muss biologische Wurzeln haben. Es muss irgendeinen evolutionären Vorteil haben, Rhythmus empfinden und tanzen zu können, sonst hätte sich das nicht herausgebildet. Der Vorteil muss sogar ein ziemlich großer sein, denn die Lust am Tanzen ist groß, man kann dabei in Ekstase geraten und in die verschiedensten Trancen, in denen man ein leichtes Opfer ist für den Tiger. Was also ist der biologische Gewinn dieser menschlichen Eigenschaft? Diese Frage muss man doch mal stellen – zumal im Darwin-Jahr.

Dem Rhythmus der Musik folgen, sich in die Klänge hineinstürzen und mit den Melodien fliegen bis ans Ende der Welt

Der König und die Schmeichler

Osho hat hierzu einmal eine Geschichte erzählt. Ein König im alten Indien war es leid, von so vielen Heuchlern umgeben zu sein. Im ganzen Land wusste man, dass er ein Musikliebhaber war. Wenn es Konzerte gab am Hof, versammelten sich deshalb immer Massen von Schöntuern, Schmeichlern und Speichelleckern um ihn, die ekstatisch taten, wenn nur irgendwo eine Sitar oder Tabla erklang. Der König gab deshalb beim nächsten Konzert die Anweisung, dass, um Disziplin zu beweisen – diese hohe Tugend – alle sich still verhalten sollten. Keine Bewegung, kein Ton, nicht einmal ein Seufzer war erlaubt. Um dem Nachdruck zu verleihen, kündigte er an, dass jeder Zuwiderhandelnde von seiner Palastgarde um einen Kopf kürzer gemacht würde.

Dann begann die Musik. Wie bei indischen Ragas üblich – die sind nicht so kurzatmig wie westliche Musikstücke – begann das Spiel langsam, schwoll allmählich an und brachte schließlich mit dem Flirren und Klingen der mal jauchzenden, mal nur zart die Seele streichelnden Sitar und Tambura und den dahinfetzenden Kaskaden der Tabla den Raum schier zum Kochen. Aber es blieb still. Der König sah sich um im Raum – alles war still. Keiner bewegte sich, denn alle hatten Angst. Doch dort, am Rand, da saßen drei, die schwangen mit den Rhythmen und Melodien wie ein Bambus im Wind, und leise Töne flohen aus ihren Mündern mit dem Auf und Ab der Freudensprünge und Trauergirlanden der Musik. Sie hatten sich selbst vergessen. Sie waren mit Herz und Seele in der Musik aufgegangen. Angst um ihr Leben? Vergessen. Da war nur noch die Musik. Da wusste der König, woran er war mit seinen Leuten. In Zukunft hörte er Musik nur noch mit diesen dreien, alle anderen wurden vom Hof verjagt.

Warum ist, biologisch betrachtet, unsere Lust am Tanzen so groß? In Ekstase oder Trance ist man doch ein viel leichteres Opfer für den Tiger

Veränderung fällt auf

Was macht es, dass wir manchmal nicht anders können als mit dem Fuß zu wippen, wenn wir Rhythmus hören? Ich möchte hierzu ein paar meiner Gedanken vorstellen. Wir Menschentiere sind von unserem kognitiven und dem das damit Aufgenommene verarbeitenden Apparat sehr darauf getrimmt, Bewegung wahrzunehmen. Aus gutem Grund: Flucht und Angriff können über Leben und Tod entscheiden, über fressen Können oder gefressen Werden. Die Hand, die eine Fliege oder Eidechse fangen will, muss deshalb unendlich langsam sein im sich Annähern. Jäger wie Gejagte sehen geradezu nur das, was sich bewegt, alles andere läuft bei unserer Wahrnehmung einfach durch. Bewegung sehen heißt, im Gesichtsfeld das sehen, was sich verändert. Deshalb sitzen Katzen und Frösche so still; anders würden sie von ihrer Beute zu schnell entdeckt und könnten nicht satt werden.

Auch über das Ohr nehmen wir vor allem das wahr, was sich ändert. Straßenverkehr oder vorbei fahrende Züge hören Stadtbewohner nach einer Weile nicht mehr. Erst wenn die Geräusche wegbleiben, fällt es auf. Wenn nun eine tickende Uhr oder eine Rhythmusmaschine in immer demselben Abstand ein Geräusch macht, hören wir das nach einer Weile nicht mehr. Erst wenn der folgende Ton zu spät kommt oder zu früh, fällt er auf. Die Flöte in der europäischen Barock- und Klassikmusik kommt immer ein bisschen zu spät. Das fällt auf und reizt. Ebenso wie eine von der Lautstärke zunehmende (crescendo) oder sich verschnellernde (accelerando) Musik oder die für den Jazz typische Verzögerung, die bis zum Offbeat gehen kann, zum Schlag an der Stelle des Taktes, wo man gerade keinen erwartet hätte.

Wenn das Erwartete beinahe eintrifft …

Im meine nun, dass bei einem Rhythmus – das heißt: bei einem wiederkehrenden Ereignis – wir uns auf diese Wiederkehr einstellen. Wir erwarten sie. Im Falle der Musik erwarten wir das kommende akustische Ereignis mit Freude – Vorfreude. Wenn der so erwartete Ton oder Schlag des Rhyth­musinstruments nun ein bisschen zu spät oder ein bisschen zu früh kommt, spielt diese Zeitdifferenz mit unserer Erwartung. Sie kitzelt uns, neckt uns, flirtet mit uns, wie wenn der Geliebte zu spät oder zu früh kommt zum Date: Wir haben »ein Date« mit dem nächsten Schlag der Trommeln, wir erwarten ihn, freuen uns auf ihn, sind gespannt, und wenn er (wie im accelerando) einen Sekundenbruchteil zu früh kommt – einmal, zweimal, mehrmals und immer wieder – dann irritiert das auf reizende Weise; befremdend oder anziehend, je nachdem, es kommt auf den Abstand zum Erwarteten an. So wie ja auch Mode reizt, in dem sie das zu sehen Begehrte auf immer wieder neue, immer wieder andere Weise verhüllt. Allgemeine Nacktheit wäre so unerotisch wie eine Rhythmusmaschine; erst das beinahe Eintreffen der Erwartung oder das Verhüllte, dem Begehrenden sich Entziehende reizt.

La petite différence

Man darf uns nicht zu sehr enttäuschen, sonst wenden wir uns ab. Ein bisschen anders als erwartet aber soll es schon sein. La petite différence, der kleine Unterschied muss bleiben, er darf nur nicht zu groß sein. Das ist es, was die Erotik des Rhythmus und der Musik ausmacht: Die Töne spielen mit unseren Erwartungen wie ein uns neckender Partner im Liebesspiel, der sich mal entzieht, dann wieder da ist; zu früh, zu spät oder genau richtig, aber nie gleich. Und das ist es, warum eine Rhythmusmaschine mit einem lebendigen Rhythmusinstrument nicht mithalten kann: Sie kennt unsere Erwartungen nicht, sie kann nicht mit uns spielen, ihr fehlt die Erotik. Und das ist es, was Live-Musik im Idealfall der Musikkonserve voraus hat: Die Musiker spüren das Mitgehen oder dumpfe Verharren des Publikums, sie erfüllen oder enttäuschen seine Erwartungen. So wie ein Magier auf der Bühne seine Zuschauer charmant täuscht oder ein Lehrer vor seiner Klasse Neugier weckt oder ein Kabarettist, der lauscht, bei welchen seiner Witze das Publikum lacht. Je mehr das Publikum zu einem einzigen Klangkörper zusammengewachsen ist, umso besser kann der Bühnenkünstler es spüren und mit seiner Kunst verführen. So wie Rhythmus uns verführt.

Jeder Taktschlag ist ein neues Date mit dem Puls der Erde

Zyklen und Höhepunkte

Die Zeiten aber, die ändern sich. Haben die Trommelrhythmen der Schamanen über die Jahrzehntausende eine Entwicklung durchgemacht? Das Verzögern der Flöte in der Barockmusik jedenfalls ist noch keine so große Beanspruchung der Dehnbarkeit unserer Erwartungen wie der Offbeat im Jazz. Die Musik ist inzwischen dissonanter geworden und ihre Rhythmen sind komplizierter.

An natürlichen Rhythmen fehlt es in unserem modernen Leben: Die Jahreszeiten spielen für uns Nichtbauern keine so große Rolle mehr. Die Nacht wird mit Kunstlicht erhellt, der Vollmond nur noch von Romantikern verehrt, und die Konjunktur­zyklen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Doch tanzend nach einem Samba­rhythmus, Klezmer, Jazz, Rock, Folk oder Techno (je nach biografisch entstandenen Vorlieben) können wir die Erotik einer lebendigen Musik spüren: Jeder Taktschlag ist eine neues Date mit dem Puls der Erde, und jedes Allegro con fuoco ebenso wie die finale furioso der Rockmusik sind für uns, die da hingegeben hören und tanzen, Höhepunkte im Liebesspiel mit dem Universum.

Achtsamkeit

Tanz ist aber nicht nur der freie oder rhyth­mische körperliche Ausdruck des Individuums in Bezug auf seine Umgebung und nicht nur das – biologisch vielleicht erklärbare – Spiel mit der Erwartung. Auch Ausdrucksformen wie Taijiquan und andere Kampfkünste, Kontaktimprovisation und Shinui kann man als Tanz bezeichnen, im weiteren Sinne jede Bewegungskunst. Dabei kann das Bewusstsein der Bewegung im Vordergrund stehen: sich tatsächlich jeder Bewegung im Augenblick ihrer Ausführung bewusst zu sein, wie es etwa das Kinhin, das achtsame Gehen im Zen-Buddhismus übt. Oder der körperliche Ausdruck der Beziehung zum Partner, wie sie in den Paartänzen in fast allen Kulturen seit Jahrtausenden gestaltet wird – mal mehr, mal weniger förmlich. Ob der Einzeltanz, der Paartanz oder der Gruppentanz vorherrscht, und wie sie jeweils ausgeführt wer­den, ist für die jeweilige Kultur bezeichnend. Zeige mir, wie du tanzt, und ich sage dir, wer du bist! Zeigt mir, wie ihr tanzt, und ich sage euch, was für eine Kultur das ist.

Die Ursprünge

Die Ursprünge des Tanzes sind vermutlich sakrale: Die Tänzer in den Höhlengemälden der Steinzeit lassen das vermuten, ebenso die ältesten Tanzdarstellungen aus Indien (Shiva Nataraj) oder Ägypten (Tänzer, die Tod und Wiedergeburt von Osiris darstellen, um 1.400 vuZ). Auch die Tänze der Naturvölker haben meist sakrale Bedeutungen, es werden dabei Götter oder Naturkräfte herbeigerufen oder beschwichtigt. Wobei in den frühen Kulturen auch das Sexuelle als heilig verstanden wurde, als von übermenschlichen, göttlichen Kräften bestimmt und geführt; die Menschen kamen sich gegenüber diesen starken Kräfte machtlos vor. Wie ja auch die Götter Eros, Venus, Pan und Dionysos der europäischen Antike noch zeigten, dass das Heilige und das Sexuelle, beides oft im rituellen Tanz ausgedrückt, sehr nah beieinander liegen.

»Ich war schon vergeben – vom Gott des Tanzes initiiert«

In der Mitte wartet der Teufel?

Das christliche Europa beginnt dann, das Erotische und das Sakrale zu trennen. Von dem Kirchenvater Augustinus (354–430) ist der Spruch überliefert: »Der Tanz ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt der Teufel ist«, aber auch: »O Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen.« Vielleicht war er selbst in dieser Hinsicht gespalten – er ist ja ein Christ der ersten Generation, der in seiner heidnischen Jugend ein ausschweifendes Leben geführt haben soll. Oder er fürchtete die Mitte des Kreises, die Leere, die dann für die Kirche jahrhundertelang zum Einfalls­tor des Teufels in die christliche Seele wurde. Karl der Große soll um 800 jegliches Tanzen verboten haben, und die Tänzer, Gaukler und Schauspieler des Mittelalters und der Renaissance galten noch bis ins 17. Jahrhundert hinein als gesellschaftlich minderwertig – siehe auch Molières Leben, bevor er zum Dichterfürsten am Hof des Sonnenkönigs aufstieg.

Zeige mir, wie du tanzt, und ich sage dir, wer du bist!

Lustvoll, erotisch und sakral

Für mich ist Tanzen etwas Lustvolles, Erotisches und Sakrales. Es ist lustvoll, weil ich es genieße, meinen Körper zu bewegen – im Tanz viel mehr als in jeder Sportart. Und ich meine, dass das Tanzen, wenn man daraus nicht einen Leistungssport macht, auch gesünder ist als jede Sportart.

Ich empfinde das Tanzen als erotisch, weil es eine leibliche, körperliche Bewegung ist, in der immer irgendwelche Gegensätze miteinander tanzen: Mann und Frau, Führen und Folgen, Distanz und Nähe, Schnelligkeit und Langsamkeit, Stille und Bewegung, Schwere und Leichtigkeit, Erwartung und Erfüllung, und so weiter. Wenn man Erotik als körperlich-sinnliches Spiel von Gegensätzen versteht, dann ist Tanz erotisch.

Tanz ist aber auch sakral, weil sich in ihm das Ganze verkörpert, wie es die indische Kunst in der Figur des Shiva Nataraj so wunderschön ausdrückt. In seinem Tanz verkörpert Shiva Werden und Vergehen, Schöpfung und Zerstörung, verstanden als ein rhythmisches Geschehen. Das traditionelle indische Verständnis der Zeit ist ja kein lineares, sondern ein zyklisches, was sich auch darin zeigt, dass die Nationalsprache Hindi für gestern und morgen das selbe Wort hat: kal – der andere Tag. Für Hindus ist der Ort, von dem wir herkommen auch der, wo wir hingehen, Ursprung und Ziel sind dasselbe. Im menschlichen Tänzer, sei er nun in Trance oder nicht, berauscht oder nicht, inkarniert sich Shiva als Personifikation des Weltgeschehens. Scheitern und Gelingen, Absturz und Aufstieg sind, von einer höheren Warte aus betrachtet, zyklische Vorgänge. Einen endlosen Fortschritt wie im westlichen Zeitverständnis gibt es demnach nicht. Ach, hätten unsere »Wirtschaftsweisen« doch immerhin einen Funken dieser Weisheit! Dann gäbe es nicht bei jedem Nachlassen unseres wirtschaftlichen Wachstums solch ein Gejammer und solch apokalyptische Befürchtungen. Eine unendlich wachsende Wirtschaft kann es nicht geben – nichts in der Natur wächst unendlich, nicht einmal die Metastasen eines Krebses wachsen unendlich, denn mit dem Tod ihres Wirtes sterben auch sie.

Mal näher, mal ferner

Jedes Begehren, jedes Streben und Sehnen ist Ursache eines Leidens, denn im Streben und Sehnen hat man das Erstrebte, Ersehnte ja noch nicht, man vermisst es und leidet deshalb. Aber es gibt eine Lösung: den Tanz! Man kann mit dem Fehlenden tanzen. Mal kommt es näher, dann ist es wieder ferner, wie im Tanz. Gott, die Erleuchtung, die Liebe, das bleibende Glück, mal ist es näher, mal ferner – verstanden als ein Tanz, ist jeder Schritt bedeutsam, auch der sich entfernende. Man kommt danach ja wieder zusammen, der Tanz geht weiter.

Ich suche Sicherheit, aber ach, ich finde sie nicht. Also tanze ich mit ihr und ihrem Gegenteil, der Unsicherheit. So bin ich immer in Sicherheit, ich hab ja diesen Tanz, der bleibt mir! Auf einem Bein kann ich nicht stehen, ich falle, stürze … in eine neue Instabilität hinein, auf dem anderen Bein. Dann weiter, der nächste Schritt. Gehen ist ein Fallen von einer Instabilität in die nächs­te, und wenn es eine Richtung hat, ist es Fortschritt. Auch das Tanzen ist ein Fallen – und immer wieder Aufspringen. Ein Stürzen und wieder Hochkommen. Ein Auf und Ab, ein Rhythmus. Mein Menschsein und Unternehmerdasein ist ein solches Fallen, das Fortschritt zu sein versucht, und es ist ein Tanz zwischen dem Streben nach Sicherheit (für das Investierte) und Unsicherheit (Innovation, Aufbruch).

Tanz um die Mitte

Indien hat den Tanz Shivas gefeiert als ein zentrales Symbol seiner Religion. Die europäische Antike hat (z.B. bei Platon) die Mäßigung gefeiert als zentrale Tugend, Hildegard von Bingen sah darin sogar die Mutter aller Tugenden. Zwischen zwei Gegenpolen, Gegensätzen oder Extremen die richtige Mitte zu finden und darin zu ruhen, das wäre ein Ruhen in der Stille. Mit den Gegensätzen zu tanzen und dabei das Bewusstsein in der Mitte ruhen zu lassen, das wäre die lebendige, tänzerische Variante der Mäßigung, die sich auch in Bud­dhas »Weg der Mitte« wiederfindet. Warum lehnte Buddha den Tanz ab? Ich kann das bis heute nicht verstehen und ergänze ihn deshalb auf meinem Zimmeraltar durch die Statue von Shiva Nataraj und in meinem Leben durch den Tanz.

Das hat für mich auch im praktischen Alltag Folgen. Es geht mir nicht immer um (buddhistischen) Gleichmut, Stille, Gelassenheit, sondern ich liebe auch das Spiel der Gegenpole, zwischen denen ich tanze. Jede Bewegung im Alltag kann eine tänzerische Geste sein, sei es eine Begrüßung, ein Abschied oder eine Geste des einander Erkennens im Vorübergehen.

— Wolf Schneider

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