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Plastik, Plastik überall

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Mann auf Lastenfahrrad mit riesiger Menge Plastikmüll

Werner Boote und sein Doku beleuchten die Schattenseiten unseres Plastikkonsums

Von PVC-Bodenbelägen über Kinderspielzeug und Babyflaschen bis hin zu den ganz normalen Verpackungen im Supermarkt: Umweltorganisationen und die Verbraucherzeitschrift Ökotest weisen schon länger auf die Gefahren der heute allgegenwärtigen Plastikprodukte hin. Als der österreichische Regisseur Werner Boote vor fast zehn Jahren mit den Recherchen zu seinem Kinofilm »Plastic Planet« begann, wunderte ihn, »dass es keinen Film gibt, der all die Puzzleteile auf den Tisch legt und zusammenfügt«. Mit seiner Doku (deutscher Kinostart: 25. 2. 2010) will er »zeigen wie umfassend dieses Problem ist und wie sehr es jeden von uns betrifft«

Von Katja Marzahn

Filmtitel »Plastic Planet«

Interviewtermin in einem Berliner Hotel. Vor Werner Boote auf dem Tisch stehen eine mit Wasser gefüllte Glasflasche und ein Joghurtglas mit dem heute längst überkommenen Einweckverschluss – und einem »Gummi aus Naturkautschuk«, wie der Regisseur erklärt. Daneben liegt eine kleine mit dem »Plastic Planet«-Logo seines Films bedruckte Bio-Plastiktüte, die sich wie normaler Kunststoff anfühlt, aber aus Maisstärke hergestellt ist. »Kein genmanipulierter Mais«, fügt Werner Boote schnell hinzu. »Darauf muss bei der Herstellung natürlich auch geachtet werden.«

Der Regisseur ist so sympathisch, dass der Schock, in den mich sein Film versetzt hatte, im Gespräch mit ihm erstmal verschwindet. Was Wissenschaftler und Betroffene zum Thema Plastik herausgefunden haben ist dramatisch, und diese Nachrichten durchziehen seine 93-minütige Kinokumentation. Boote will mit ihr jedoch nicht Panik machen oder Propaganda gegen das Plastikimperium, sondern Aufmerksamkeit wecken für ein Problem, das endlich gesehen und angepackt werden muss. Auch die derzeit so dringliche Klimadebatte sei einst durch einen Kinofilm losgetreten worden, betont er – Al Gores »Eine unbequeme Wahrheit«.

Schleichende Vergiftung

Unbequem sind auch die Wahrheiten, die Boote auf seiner filmischen Plastik-Reise rund um den Globus entdeckt hat. Über die praktischen Eigenschaften des modernen Kunststoffs wird oft vergessen: Plastik ist chemisch nicht stabil und damit potenziell gesundheitsgefährdend. Seine meist unerforschten Inhaltsstoffe werden in schädlichen »Problemstufen« nur langsam abgebaut und an die Umwelt abgegeben, über die sie dann auch unseren Körper erreichen.

Genforscher halten das im Kunststoff enthaltene Bisphenol A schon in geringen Dosen für erbgutschädigend

Das heißt: Grundwasser, Boden und Luft können – noch jahrhundertelang – von halb zersetztem Plastikmüll belastet werden. Aus Kunststoff hergestellte Verpackungen und Alltagsgegenstände belasten unseren Organismus. Insbesondere, wenn man Plastik länger in Gebrauch hat und extremen Temperaturen oder Umwelteinflüssen wie z.B. Zerkratzen aussetze, könnten sich Schadstoffe daraus lösen und in unseren Körper gelangen. Das ist insbesondere bei Kunststoffflaschen, Küchen- und Kochgeschirr der Fall. Aber auch der typische beißende Geruch von Plastik-Autoarmaturen, Luftmatratzen oder Wachsdecken sei ein Zeichen dafür, dass gefährliche Chemikalien austreten, erklärt Boote im Interview. In seinem Film spricht er mit der Genforscherin Patricia Hunt – nur eine von zahlreichen Wissenschaftlern weltweit, die das im Kunststoff enthaltene Bisphenol A schon in geringen Dosen für erbgutschädigend halten. Auch Entwicklungsstörungen, Krebs und Allergien werden mit BPA in Zusammenhang gebracht. Und die Dosis steigt, denn jeder von uns kommt heute massenhaft mit Plastik in Berührung. »Wir essen, wir trinken es, wir atmen es ein«, sagt Hunt.

Was ist da drin? Keiner weiß es

»Plastic Planet« – der Name von Bootes Film – bezieht sich einerseits auf die ungeheure Vermüllung unseres Planeten, insbesondere der Meere, mit Plastik: »Die Menge an Kunststoffen, die wir seit Beginn des Plastik-Zeitalters produziert haben, reicht aus, um unseren gesamten Erdball sechs Mal in Plastikfolie einzupacken«, sagt Boote. Andererseits verweist der Titel auf einen aufblasbaren, mit der Landkarte der Erde bedruckten Spielzeugball, der im Film für die schleichende Gefahr in unzähligen Kunststoffprodukten steht. Der Umweltanalytiker Kurt Scheidl hat im Material des in Shanghai hergestellten Balls einen hochgiftigen Cocktail an Substanzen gefunden, u.a. Quecksilber und sogenannte Phtalate, gefährliche Weichmacher. Fazit: »Eigentlich dürfte dieser Ball gar nicht auf dem Markt sein«. Ist er aber. Wie abertausende, ähnliche Produkte: CD-Hüllen und technisches Zubehör, Kulis, Tüten und Aufbewahrungsdosen. »Das Problem bei der Kunststoffproduktion ist, dass die Industrie oft selber nicht weiß, was sich im Plastik-Endprodukt genau befindet.«

Flucht vor der Kamera

Allerdings scheint sie daran auch nicht interessiert. Umweltmediziner haben Boote zufolge inzwischen über 700 Studien zusammengetragen, die das Gesundheitsrisiko von Plastik beweisen. Aber die Hersteller, die jedes Jahr circa 800 Milliarden auf dem Kunststoffmarkt verdienen, verfolgen Boote zufolge eine Hinhaltetaktik: »Sie wollen das Verbot von Kunststoffen oder bestimmten, darin enthaltenen Chemikalien natürlich so lange wie möglich hinauszögern, würde dieses ja nicht nur einen Umsatzeinbruch, sondern auch bedeuten, dass nach Ersatzstoffen geforscht werden müsste.« Als der Regisseur auf der Internationalen Kunststoffmesse den damaligen Präsidenten des Wirtschaftsverbandes PlasticsEurope John Taylor vor der Kamera mit den kritischen Studien konfrontieren will, entbrennt eine Verfolgungsjagd. Taylor lässt sich verleugnen und schickt Monate später einen geschulten PR-Mann vor: Dieser »vertraut« der Industrie. Boote nicht.

Re-use, Recycle, Reduce

Im Interview spricht Boote über die »drei Rs«, die man beim Plastikkonsum beachten sollte: Re-use (wieder verwenden) Recycling (wieder verwerten) und Reduce (verringern, vermeiden). Eine Maxime, deren erste beiden Komponenten Boote jedoch hinterfragt.

Recycling ist nicht nur aufwendig und teuer. Wenn man die Stoffe, die im Plastik-Endprodukt enthalten sind, nicht genau kenne, sei es zudem schwierig, sie zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Beim Recycling komme also vor allem minderwertiges neues Plastik heraus, das womöglich noch instabiler und risikoreicher ist als das Erstprodukt. Und auch mit dem Re-use sei das so eine Sache, da der intensive Gebrauch von Kunststoff zur Ablösung von gefährlichen Inhaltstoffen führen kann. »Wer normale Plastikflaschen aus dem Handel wiederbefüllt, womöglich noch mit heißen Getränken, verwandelt sie in wahre Hormonbomben«, sagt Boote. Das in den meisten Fällen im Kunststoff enthaltene Bisphenol A sei ein Stoff, der Östrogen imitiert und damit das menschliche Hormonsystem durcheinander bringt, was Wissenschaftlern zufolge bis zur Unfruchtbarkeit führen kann.

Im Rahmen seiner Dokumentation lässt Boote unfruchtbare Paare auf Bisphenol A, Phtalate und andere Kunststoffe im Blut untersuchen. Das frappierende Ergebnis: Alle Beteiligten weisen eine besonders hohe Konzentration von bedenklichen Substanzen im Blut auf. Auch wenn diese kleine Studie nicht als repräsentativ betrachtet werden kann, sie verstört. Was kann man da machen? fragen die betroffenen Paare. Plastik umgehen, so gut es geht, rät Werner Boote. Und da sind wir beim dritten R angekommen, dem einzigen, das der Regisseur für wirklich nützlich hält: Reduce, die Vermeidung von Kunststoffen durch Ausweichen auf bewährte andere Materialien. Wenn immer mehr Konsumenten sich Plastikprodukten verweigern, seien die Produzenten schließlich gezwungen, sich nach neuen Verpackungs- oder Konstruktionsalternativen umzusehen.

Familie Krautwaschl lebt ohne Plastik

Als die Familie Krautwaschl aus Graz Werner Bootes Film sah, war sie über die schädlichen Auswirkungen des Plastiks entsetzt. Prompt fasste sie den Entschluss, künftig auf Kunststoff im Haushalt zu verzichten. Bei der etwa dreiwöchigen Vorbereitung des Vorhabens »plastikfreies Haus« stand ihr das Filmteam von Plastic Planet beratend zu Seite. Dutzende von Schüsseln, Boxen, Verpackungen, Möbeln und Alltagsgegenständen mussten ausgetauscht und durch Erzeugnisse aus anderen Materialien ersetzt werden. Alternative Anbieter zu finden, war zum Teil mühselig. Probleme gab’s laut Boote zum Beispiel beim Toilettenpapier, das in Österreich heute nirgends mehr ohne Plastikverpackung angeboten wird. Aber die Familie Krautwaschl nahm die Herausforderung an »und machte eine Art Spiel daraus«. Was als Experiment begann, wurde zur Leidenschaft. Das Internet und Freunde dienten als Informationsquelle. Und auch für die schwierigen Fälle entstanden schließlich Lösungen.

Bis auf die Stromkabel und Abwasserrohre in ihrem Haus sei, so Boote, seit Dezember bei den Krautwaschls nichts mehr aus Kunststoff. Die Milch lässt sich die Familie jetzt direkt beim Bauern in eine Kanne abfüllen. Anderes wird sogar selbst hergestellt. Sogar der kleine Sohn der Familie hat das neue Anti-Plastik-Prinzip so verinnerlicht, dass er seine Lego-Ritterburg schließlich aus freien Stücken dem Müll übergab, um sich zu Weihnachten ungefährlicheres Holzspielzeug zu wünschen.

Photo
Regisseur Werner Boote

Plastikfreier und gesünder

»Letztendlich führt die Vermeidung von Plastik zu bewussterem und nachhaltigerem Konsum«, sagt Boote. »Statt schnell mal in den Supermarkt zu gehen und ohne nachzudenken all die hübsch verpackten Sachen in den Korb zu laden, muss, wer Plastikverpackungen und -produkte vermeiden will, genau wissen, was und wo man einkauft.«

Auch Boote selbst hat seinen Verbrauch so weit wie möglich auf plastikfreie Produkte umgestellt. »Bei der Reinigung weiß man inzwischen, dass ich meinen Anzug ohne Überfolie will. Ich habe allerdings immer noch ein Handy, einen Computer und Fernseher.« Die sind kaum ohne Plastikgehäuse zu haben. Stolz berichtet der Regisseur von der Wirkung seiner neuen Einkaufsstrategie: »Nur anderthalb Jahre nachdem ich weitestgehend auf Plastik verzichte, hat man in meinem Blut deutlich weniger des bedenklichen Bisphenol A gefunden, als beim ersten Test.« Es besteht also Grund zur Hoffnung? Mit Einschränkungen: »Leider gibt es in Kunststoff enthaltene Substanzen, die der Körper weniger gut abbauen kann, weil sie sich z.B. an den Gefäßwänden ablagern.«

Bei allem Idealismus ist sich Boote jedoch durchaus bewusst, dass nicht alle dem radikalen Beispiel der Familie Krautwaschl folgen können und wollen. »Ich würde nicht sagen: ›Kauft überhaupt kein Plastik mehr!‹ Das würde nicht funktionieren. Wenn es mir mit dem Film gelingt, die Menschen zum Nachdenken zu bringen, sich zu überlegen, nicht mehr soviel Plastikramsch zu kaufen, dann ist das großartig. Dann haben wir schon viel gewonnen.« Und: »Natürlich ist es Quatsch, unbedingt eine Flasche aus Glas zu benutzen, wenn diese dann aber sonst woher stammt«, sagt er mit dem Hinweis auf die schlechtere Ökobilanz und beäugt kritisch die Glasflasche vor sich auf den Tisch. Wichtig sei vor allem eine klare Kennzeichnung von bedenklichen Plastikverpackungen und -artikeln. Damit wäre der Verbraucher informiert, könnten gefährliche Produkte meiden, und die Hersteller müssten sich schließlich andere Lösungen einfallen lassen.

»Fragt eure Supermarktverkäufer, warum auf der Plastikverpackung nicht drauf steht, was da alles für Schadstoffe ins Essen übergehen können«

Die Macht der Verbraucher

»Nur der Konsument hat die Kraft, wozu die Politik offensichtlich nicht in der Lage ist, Druck auf die Industrie auszuüben ihre Produkte zu kennzeichnen«, erklärt auch der Produzent von Plastic Planet, Daniel Zuta. Boote erinnert an ein kaum bekanntes EU-Gesetz, nach welchem der Händler dem Konsumenten innerhalb von 46 Tagen Auskunft geben müsse, was in den angebotenen Produkten enthalten sei – auch im Verpackungsmaterial. Der Regisseur beharrt: »Fragt eure Supermarktverkäufer, warum auf der Plastikverpackung nicht drauf steht, was da alles für Schadstoffe ins Essen übergehen können«. In Österreich, wo der Film schon im Herbst in den Kinos war, sei das seiner Aussage nach tatsächlich verstärkt passiert.

Auch eine Sensibilisierung der Medien für dieses heiße Verbraucherthema kann mitunter etwas bewirken. Kürzlich wurden nach einem Bericht von Frontal 21 Babyschnullermarken, die besonders hohe Mengen des schädlichen Stoffes Bisphenol A enthielten, durch den Hersteller vom Markt genommen – ein Erfolg. Doch die Frage gärt: Was ist mit den Plastiklöffeln, mit denen wir unsere Babies füttern, den Plastikwannen, in denen wir sie baden, den Plastik-Spielsachen in ihren Bettchen? Oder werden wir aufgrund der allgegenwärtigen Umweltbelastung mit Plastik bald nicht mehr in der Lage sein, gesunde Kinder zu zeugen und zu empfangen?

Es bleibt zu hoffen, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit von Einzelfällen auf das Gesamtproblem unseres massenhaften Plastikkonsums verlagert. Werner Bootes »Plastic Planet« hat das Zeug dazu, eine breite Öffentlichkeit für das brisante Thema zu schaffen. Neben Gefahren wie Elektrosmog, mit Pestiziden und Zusatzstoffen belastete Nahrung, Gammelfleisch oder Erdöl in Kosmetika, noch ein Verbraucherdilemma mehr. Aber wir sollten uns ihm stellen.

Weitere Infos

  • www.plastic-planet.at / www.plastic-planet.de – die plastikbunte österreichische und die etwas übersichtlichere deutsche Website zum Film, mit vielen Hintergrundinformationen und Links zu Studien und Mitmach-Petitionen.
  • www.keinheimfuerplastik.at – wer der Familie Krautwaschl nacheifern und Plastik im Haushalt reduzieren will, kann sich hier über Alternativen zu Kunststoffprodukten informieren. Ein Weblog und diverse Kurzfilme dokumentieren das Experiment.

Siehe auch auf S. 48 unsere Rezension des Films »Plastic Planet«.


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Katja Marzahn, geb. 1981 in Strausberg (bei Berlin), 2003-2007 Studium der Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder, 2008 interkultureller Freiwilligendienst in der Auvergne, Frankreich. Diverse Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa, u.a. in connection. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


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