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Editorial 03/10

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Was ist echt?

Photo Wolf Schneider

Früher nannte man sie Wahrheitssucher. Heute ist das ein bisschen verpönt, denn das Beanspruchen einer »Wahrheit« klingt nach Rechthaberei, in schlimmeren Fällen nach Fanatismus. Heutzutage sagt man: »Es ist doch alles eine Sache der Perspektive« und »Jeder hat irgendwie Recht«. Wer das nicht so entspannt sehen kann, dem geht man lieber aus dem Weg.

Es gibt sie aber noch, die Menschen, denen der heute übliche Relativismus zu billig ist. Sie wollen mehr vom Leben und auch: mehr Gewissheit. Ein irgendwie Weiterwurschteln zwischen Autostau und Fernsehabend, Einkommensteuerschulden und Rentenversicherungsansprüchen befriedigt sie nicht. Der eine macht dies, der andere das, wir sind ja frei, und die Welt ist bunt. Der eine glaubt dies, der andere das, na und? Das kann es aber doch nicht schon gewesen sein! Dann treffen sie, wissbegierig und offen für etwas ganz anderes auf eine spirituelle Szene, in der über Quantenheilungen, Schwingungen (»Spürst du das nicht auch?«), Durchsagen von Erzengel Sowieso und energetisierte Teilchen so gesprochen wird, wie anderswo über die neue Frühjahrsdiät und die Ergebnisse der Fußballbundesliga – das geht ihnen auf den Geist.

Göttlich unzufrieden

Jiddu Krishnamurti nannte sie die »göttlich Unzufriedenen«. Sie sind Sucher nach der Echtheit, dem echten, wahren, authentischen Leben. Sie verachten die Heuchelei und das Halbherzige, Oberflächliche, Beliebige, Austauschbare. Sie wollen nicht erst nach ihrem ersten Herzinfarkt oder ihrer zweiten Krebsdiagnose beginnen, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, sondern schon jetzt, mitten in der Fülle und dem Trubel des Geschehens. Sie wollen wissen, was echt ist und was Bestand hat. Was aber ist echt? Das ist nicht leichter zu beantworten als die Frage nach der Wahrheit.

Als ich vor 24 Jahren gerade mit dieser Zeitschrift begonnen hatte, die sich den Grundfragen des Menschseins (dem »Wesentlichen«) zu widmen auf die Fahnen geschrieben hatte, bekam ich in meinem Münchner Büro eines Tages Besuch von einem weißhaarigen Inder mit einem wohlklingenden spirituellen Namen. Schon mindestens dreißig, vierzig Jahre war er spirituell unterwegs und gab nun mir jungem Zeitschriftenmacher große Worte mit auf den Weg: »Never forget to be committed to the truth!«, sagte er mir in seinem unverkennbar indischen Englisch und schaute mich dabei aus hellwach funkelnden Augen an. »Vergiss nie, dass die Wahrheit das Höchste ist! Verrate sie nie!« Aber was ist die Wahrheit? »You know, you know … deep inside you always know!«

Das Richtige im Falschen

Man kann es nennen wie man will: Suche nach der Wahrheit, nach dir selbst, nach der Tiefe hinter dem Oberflächlichen, dem Sein hinter dem Schein. Wenn man damit mal angefangen hat, lässt das einem keine Ruhe. Früher oder später wird man alles nur Halbwahre, nur scheinbar Echte, dem man auf dem Weg doch so oft – nein: überwiegend – begegnet, liegen lassen, weitergehen und weitersuchen. Bis einem vielleicht dämmert, dass der Weg das Ziel ist – aber auch das ist schon längst wieder zur Phrase geworden. Wo ist die Wahrheit hinter all den Phrasen?

»Es gibt kein richtiges Leben im falschen« sagen die Jünger von Adorno und prangern damit das sich Arrangieren in unwürdigen Lebensverhältnissen an, etwa in einem zum Selbstzweck gewordenen Wirtschaftssystem. Sie haben Recht damit, denn die Suche nach der Wahrheit braucht ein gewisses Maß an Kompromisslosigkeit, mit Halbwahrheiten ist es da nicht getan. Aber sie haben auch nicht ganz recht, denn das absolut Echte ist eine Fiktion, ein Mythos.

Das ist jedoch kein Grund zur Verzweiflung. Das Ideal der absoluten Echtheit, Liebe, Wahrhaftigkeit schimmert überall hindurch wie ein Hintergrund, den man nie ganz verdecken kann, und das erreichbar Echte sind die Gestalten auf diesem Bild. Mit unserer Sehnsucht nach dem absolut Echten wohnen wir mitten im vermeintlich Unechten – und können auch dort und damit glücklich sein.

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