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Lebenskunst

Details

Frau wirft Kuss zu

Vom verführerischen Zauber des immerwährenden Anfangs

Lebenskunst ist Liebeskunst: die Kunst sich selbst zu lieben, die Welt und alles, was einem darin begegnet. Sie weiß das Zeitliche zu akzeptieren, sie segnet es noch vor dem Tod. Denn allem Anfang wohnt ein Zauber inne – und allem Ende auch. Lebenskunst ist die Kunst, diesen immerwährenden Beginn, dieses Stirb und Werde zu feiern: Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens!

Ach, was für Genüsse könnte ich haben, wenn ich jetzt nicht nachdenken und schreiben würde!

Da ist sie wieder, diese Frage: Soll ich mich hineinstürzen ins Leben, lustvoll hinein ins Abenteuer des Lebens, oder soll ich mich lieber zurücklehnen und reflektieren, um berichten zu können von dem, was ich erlebt habe? Denn beides zugleich, das geht nicht. Seit es mir überhaupt dämmert, dass ich es bin, der da lebt, hat mich diese Frage getriezt. Meist war meine Antwort darauf die Entscheidung für das Leben; seltener fürs Nachdenken über das Leben – und dann eventuell berichten Können. Jetzt aber, da ich hier das Thema des erotischen Lebensgefühls gestellt habe, in meiner eigenen Zeitschrift, und habe mir darin für meine Worte auch noch den prominentesten Platz gegeben, da kann ich nicht anders: Nun muss ich dazu was sagen. Das heißt, ich muss auf Genüsse verzichten, die ich haben könnte, wenn ich jetzt nicht nachdenken und schreiben würde.

Sterben können

Wozu lebe ich überhaupt? Als ich im fast noch jugendlichen Alter von 22 die griechische Küste entlang südwärts trampte (ich wollte auf die Inseln und dann zur Türkei übersetzen) hatte ich das Pech, einen Fahrer zu erwischen, der seinen ganzen männlichen Stolz darein setzte, mir zu zeigen, wie schnell er sich diese Straße entlang zu fahren traute. Links von uns fiel es steil ab zum Meer, rechts von uns Felsenwände. Die Straße war eng und kurvig. Die Sonne schien uns ins Gesicht und das Wasser der Ägäis glitzerte und funkelte zu uns herüber, im Gegenlicht – was für eine Lust zu leben! Oder zu sterben … an einer dieser Felswände. Den Fahrer auf seine Fahrweise anzusprechen, hätte ihn noch mehr herausgefordert, das wusste ich von früheren derartigen Versuchen, mein Leben zu retten, also gab ich mein Bestes, beruhigend auf ihn einzureden über ganz andere Themen, die ihn ablenken würden. Und dachte mir, hier zum ersten Mal im Leben in solch unmissverständlicher Klarheit: Wenn ich jetzt sterben müsste, ich könnte mit dem Gefühl gehen, dass es genug war. Was ich bis hierher erlebt habe, ist schon sooo viel! Eigentlich ist es genug, ich kann in Frieden gehen.

Offenbar habe ich diese Fahrt überlebt, und es sind seitdem 34 Jahre vergangen. Die waren noch voller als die Zeit davor, die mir nun eher als jugendlicher Leichtsinn erscheint, zugleich auch als tief melancholisch, garniert mit existenzialistisch-naseweiser Altklugheit, aber auch Glück. Das erotische Lebensgefühl und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins kannte ich schon damals. Ich hatte die Memoiren von Giacomo Casanova gelesen aus kulturhistorischer Neugier (mein geliebtes 18. Jhd! Die Freigeister der Aufklärung!), aber auch wegen Casanovas erotischen Abenteuern, die den Zauber des Anfangs zum Lebensstil zu machen versuchten, und bedauerte ihn dann, dass der alternde Biobliothekar in Böhmen Anzeichen von Bitterkeit zeigte. Das wollte ich anders machen: Leben und verstehen, was das Leben ausmacht! Dabei sein, rückhaltlos mitten drin, und doch soweit draußen, dass ich verstehen würde!

Menschlich sein

Der griechische Mythos von Amor und Psyche beginnt damit, dass das Mädchen Psyche so schön ist, dass die Menschen aufhören, Venus, die Göttin der Schönheit und der Liebe zu verehren. Das ärgert Venus, und so schickte sie ihren Sohn Amor, um Psyche dazu zu bringen, sich in einen schlechten Mann zu verlieben. Amor tut wie befohlen, verliebt sich dann aber selbst in die schöne Psyche.

Eine Menschenfrau kann schöner sein als eine Göttin! Die alten Griechen wussten doch schon so viel

Eine Menschenfrau schöner als eine Göttin! Die menschliche Seele (Psyche) schöner als Venus, der Inbegriff göttlicher Schönheit! Die alten Griechen wussten doch schon eine Menge. Das Göttliche ist nur Dekoration, das eigentlich Schöne ist der Mensch. Die Götterwelt gibt dem Menschsein einen dramatischen Hintergrund und eine gewisse Tiefe, das Eigentliche aber ist der Mensch. So auch im Buddhismus: Erleuchtet werden kann man nur als Mensch, nicht als Gott. Den Göttern geht es zu gut, sie wollen gar nicht erleuchtet werden (was ja ein Verlöschen bedeutet). Nur wer von dem Hoch, der Euphorie oder Ekstase wieder runterkommt ins normal Menschliche, kann den vollen Durchblick erlangen.

Verstehen

Duchblick? Grad war doch noch von der Schönheit die Rede und vom Genuss. Auch diese Frage hat mich mein Leben lang bewegt: Ist genießen das Höchste? Lieben und geliebt werden? Oder verstehen? Ich kann mich da nicht entscheiden. Ein Verstehen ohne Genuss, das wäre nichts. Ebensowenig ein Genießen ohne zu verstehen. Und beides geht nicht ohne Liebe. Das Verstehen setzt ein Lieben voraus, sogar wenn es um theoretische Physik geht. Wie soll man sonst ein pulsierendes Universum und die Weiten des Weltalls verstehen, in dem dort, wo der Raum aufhört, auch die Zeit aufhört? Das muss man lieben – oder aufgeben, es verstehen zu wollen. Und das Geiebtwerdenwollen ist eine Sucht, wenn das Verständnis fehlt – das Verstehen der eigenen, Beheimatung in diesem unverwechselbaren Körper, an dieser einzigartigen Stelle im Universum.

Meeresstrand
»Die Schönheit der Meeresküste
war so überwältigend, dass ich davon lief«

Eros, Agape, Caritas

Die klassische Philosophie teilt die Liebe auf in Eros, Caritas und Agape. Interessant. Darauf muss man erstmal kommen! Erst nach einer solchen Analyse kann man sagen: Agape ist hui, Eros ist pfui. Oder etwa: Caritas ist hui, Eros ist pfui. Oder umgekehrt. Für mich stellt sich das nicht so dar. Meine Art zu lieben ist alles in einem. Einen Menschen, den ich erotisch liebe, könnte ich nicht verkümmern lassen (Caritas) und liebe ihn auch geistig (Agape), ans Bedingungslose grenzend. Das erotische Lebensgefühl ist für mich insofern etwas, das Geist und sorgende Hingabe einschließt. So etwa wie Wilhelm Reich den orgasmischen Menschen beschrieben hat als einen, der zärtlich und geistvoll liebt und dabei altruistisch ist, der polare Gegensatz zum faschistischen Charakter. Das ist natürlich ein Ideal, aber eines, das mein Leben berührt, so wie der erotische Gott Krishna das der Hindus oder der geile Zeus das der Griechen berührt haben mag.

Das höchste der Gefühle

Die schönsten Gefühle, die ich kenne sind das Verstehen, das Lieben und das Genießen, immer ergänzt von der passiven Seite oder in Konkurrenz mit ihr: verstanden, geliebt und genossen werden. Den Sonnenschein, den Wind und das Wasser kann ich genießen, gut; aber genießt auch die Sonne mich, der Wind und das Wasser? Eben nicht, und auch ein gutes Essen kann mich nicht genießen, und es versteht und liebt mich auch nicht. Die Frau aber, die ich liebe, sie kann mich genießen, verstehen und lieben, während ich sie genieße, verstehe und liebe. Das ist das Höchste!

Das große und das kleine Glück

Gelingt das nur selten? Nur am Anfang, wenn die Liebe beginnt? Liebe ist nicht dasselbe wie Verliebtheit, von diese Predigten habe ich wohl schon einige tausend gehört. Meist ist ihr Fazit, dass man die (als pubertär disqualifizierte) Verliebtheit überwinden müsse, um das reifere Entwicklungsstadium der echten Liebe zu erreichen. Sehr populär unter diesen Predigten war in den letzten Jahren die von Hellinger über das große und das kleine Glück: Die ewigen Sucher nach dem großen Glück, der großen Ekstase, sie wollen das Gefühl der Verliebtheit perpetuieren. Sie hangeln sich deshalb von einer Affäre zur anderen und verpassen so das kleine Glück, das einzige, was von Dauer sein kann. Auf ewig suchend, wird ihre Unzufriedenheit immer nur von kurzen Höhenflügen der Verliebtheit unterbrochen, vielleicht ähnlich den Erleuchtungssuchern, die sich mit den kleinen Einsichten und der allmählichen Zunahme ihrer Lebensweisheit nicht zufrieden geben, sondern stattdessen in der ewig unerfüllbaren Suche nach dem großen Durchbruch verharren.

Lebenskunst

So ist es aber nicht. Es gibt sie, die Quadratur des Kreises, den Zen-Geist des Anfängers, die Begrüßung jeden neuen Tages als den ersten vom Rest meines Lebens! Es gibt die Liebe, die nicht aufhört zu kribbeln, auch nach Jahrzehnten, mit demselben Menschen, den ich doch schon in- und auswendig kenne! Dies zu erleben aber ist eine Kunst, und nicht die leichteste von allen – Lebenskunst eben. Und die Fähigkeit dazu ist ähnlich der, als Profi neugierig zu bleiben und begeistert, auch von Aufgaben, deren Ansprüche man schon zu kennen meint. Es ist die Fähigkeit, das Leben immer wieder wie ein Kind zu betrachten, so als sei alles ganz neu.

Als ich das Buch von Shunryu Suzuki »Zen-Geist, der Geist des Anfängers« las, fühlte ich mich bestätigt: Ja, es ist möglich! Auch auf den religiösen Wegen gibt es diese Weisheit, nicht nur in der Liebeskunst, und sie ist im Grunde dieselbe. Das erotische Lebensgefühl zu kultivieren ist eben diese Kunst. Du kannst sie als zölibatärer Mönch leben (so wie Shunryu Suzuki), als monogam Lebender ebenso wie als polyamorisch Liebender. Sie hängt nicht ab von der Beziehungsform, so wenig wie deine Liebesfähigkeit davon abhängt, ob du Christ, Buddhist, Moslem, Heide oder Atheist bist.

Anfänger sein

Ich bin Anfänger auch in dieser Hinsicht: zu erklären, was ich meine. Auch in der Schreibkunst bin ich ein Anfänger und werde das wohl auch bleiben – hoffentlich oder leider, je nachdem wie man es betrachtet. Als ich mein Blog schreibkunst.com nannte, habe ich gezögert: Ist das nicht ein bisschen vermessen, mich Anfänger hier als Schreibkünstler zu präsentieren? Ja, das ist es. Einerseits kann ich nicht so tun, als wüsste ich davon nichts und hätte noch gar nicht angefangen zu üben, andererseits bin ich damit nie fertig, und so ist es auch mit meiner Lebenskunst. Die Meisterschaft in dieser Kunst ist wohl eine Art innerer Frieden damit, darin auf ewig Anfänger zu bleiben.

Zwei Kinder
Mit Kinderaugen die Welt sehen
heißt den Zauber des Anfangs zulassen

Der permanente Rausch

Meine Versuche, nach der ersten Meditationserfahrung immer »in Meditation« zu bleiben ähneln denen, auf ewig verliebt zu bleiben. Dieses Gefühl, warum lässt es sich nicht aufrecht erhalten? Biochemisch würde das wohl bedeuten, einen gewissen Hormonspiegel (von Serotonin, Dopamin, Neurotrophin, Oxytocin oder Adrenalin) im Blut hoch zu halten, den ganz natürlichen Rausch mit körpereigenen Drogen. Die aber werden nach einer Weile abgebaut, und es ist auch nicht gesund, ständig gedopt zu sein, jedenfalls nicht mit Adrenalin. Wobei die körpereigenen Drogen immer noch besser sind als die von außen zugeführten. Dass wir eine ganze Menge selbst induzieren können, zeigen ja die Placebotests. Sogar Zahnoperationen lassen sich ohne Spritze durchführen, wenn es gelingt, sich die körpereigenen Schmerzmittel per Hypnose suggestiv zu verabreichen.

Und die ewige Verliebtheit? Gerade wurden Testergebnisse veröffentlicht (Messung der Blutwerte und Computertomografie), dass auch Paare, die seit zwanzig Jahren zusammen sind, noch ineinander verliebt sein können. Man hätte ihnen auch zuhören können oder denen, die seit Jahrzehnten meditieren, um festzustellen: Es geht!

Vor Glück den Verstand verlieren

Ein gewisses Maß an Mut aber gehört dazu. Nicht immer hatte ich den. An der Ostküste von Malaysia hatte ich einmal nicht den Mut, ans Meer zu gehen. Vielleicht noch nie davor habe ich ein solches Zögern vor dem Glück so gut beobachten können. Ich war nur kurz an der Küste gewesen – eine menschenleere, paradiesische Küste. Es muss Nachmittag gewesen sein. Ich sah den von den Wellen wunderschön gerippten Sand, hörte, sah und roch die Tiere und Pflanzen und das Meer – bunte Fische, wie bei uns im Aquarium, Vogelschreie, der Duft des Tangs, die allmählich sinkende Sonne … es war so unfassbar schön, dass ich Angst bekam. Nicht vor der Nacht allein am Meer, sondern dass ich inmitten dieser Schönheit den Verstand verlieren würde und dann nicht mehr wüsste, was ich tue. Eine Stimme in mir sagte: »Du brauchst was zu essen, das findest du hier nicht«, dabei hatte ich doch gerade gegessen und gar keinen Hunger. Dann: »Hier wirst du nicht übernachten können, das ist zu gefährlich, es könnte regnen«, aber es war Trockenzeit, und Gefahren gab es hier nicht, oder sie waren leicht zu vermeiden. Im Grunde war es die Angst, vor Glück den Verstand zu verlieren.

Vermutlich passiert solches öfters, und wahrscheinlich bemerken wir es meist nicht. Ganz nach dem Motto: Lieber ein bekanntes Unglück, als ein unbekanntes Glück. Unsere Ausreden, warum wir Schönheit, Glück, Liebe oder Zufriedenheit vermeiden sollten, haben ja eine gewisse innere Logik. Meist überzeugen sie uns. Zum Glück aber nicht immer, und da öffnet sich dann eine Tür in die Präsenz – das erotische Lebensgefühl.

Charisma

Als junger Sannyasin in der Münchner S-Bahn habe ich das manchmal erlebt. Dieses Gefühl von »nichts ist sicher, alles ist möglich – jetzt«, und ich bilde mir ein, dabei eine Ausstrahlung gehabt zu haben, die ich selbst gut von der passiven Seite her kenne, wenn jemand so auf mich ausstrahlt. Du kommst in den Raum, und alle drehen sich nach dir um. Du tust etwas, und alle schauen her. Das ist Magie – soziale Magie, denn es braucht dazu einen Sender und einen Empfänger. Strahlen gibt es dabei nur im metaphorischen Sinne; es ist so, als ob von der Person Strahlen ausgingen. Auch das sich Verlieben geschieht so. Manchmal nur beim Empfänger. Manchmal aber auch, weil der Sender sich in diese Präsenz begibt, dieses »Alles ist möglich – jetzt!«. Dann strahlt der Sender, und der Empfänger ist fasziniert.

»Charisma« ist nur ein hilfloser Versuch, eine solche Kommunikation zu beschreiben. Sie tritt am leichtesten ein, wenn der (strahlende) Sender sich in das Bewusstsein dessen gibt, was möglich ist, ohne dabei zu leugnen, was ist. Vergangenheit gibt es nur eine, Zukünfte aber sind unendlich viele möglich. Dazwischen stehen wir, in der Gegenwart, und vor uns öffnet sich die Zukunft mit diesen unendlich vielen Möglichkeiten! Wenn wir uns doch nur vorstellen könnten, wie eine solche, mögliche Zukunft aussieht! And … yes, we can! Obama kann sich eine Zukunft ohne Atomwaffen vorstellen, und er ist imstande, das auszusprechen mit Zuversicht. Dieses Stehenkönnen im Raum dessen, was sein könnte, gegenüber dem, was ist, macht einen wesentlichen Teil seines Charismas aus.

Das Stehen im Raum des Möglichen macht den Visionär aus und auch den Flirtenden. Das Vorhersehbare langweilt sie, umso mehr fasziniert sie das Mögliche

Im Raum des Möglichen zu verweilen ist auch eine Tür, die zu den Zugang zu einem erotischen Lebensgefühl öffnet. Das scheint mir auch der Schlüssel zu sein, eine »alte« Beziehung weiterhin als aufregend zu empfinden. Man kennt sich schon, klar doch. Man könnte nun immer wieder dieselben Routinen abspulen, auch im Liebesspiel. Dabei gilt auch für uns beide: Nur die Vergangenheit ist fest, die Zukunft ist offen. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Wir können nochmal ganz von vorne anfangen – heute!

Das gilt auch in der Wirtschaft. Die Erlöse gehen zurück, die Preise verfallen, nichts ist mehr gewiss. Was tun? Was ist, das ist, da kann ich nichts dran ändern. Aber heute beginnt die Zukunft. Heute ist der Tag der Entscheidung – jeder Tag ist der Tag der Entscheidung! Dieses Stehen im Raum des Möglichen gegenüber dem Faktischen macht den Visionär aus, und ebenso den Flirtenden, den alles Vorhersehbare langweilt, nur das Mögliche fasziniert ihn.

Mönche
Den Europäern hat Gott die Uhr gegeben, uns
hat er die Zeit gegeben (Afrikanisches Sprichwort)

Der Status des Erleuchteten

Man kann sich in diesen Raum des Möglichen hineinstellen. Mindestens einen Funken von dem dabei entstehenden Charisma braucht ja jede Kommunikation. In meiner Ikonografie ist der Narr einer, der in diesem Raum drin steht, denn er kann sich alle Rollen erlauben; er ist ein Joker. Aber es passiert manchmal auch, dass man in diese Position hineingestellt wird. Dann kann man sie ablehnen oder annehmen. Neulich passierte es, dass ich in diese Position hineingestellt wurde und so die maximale Aufmerksamkeit bekam, ohne danach zu suchen.

Ein Seminar fand bei uns im Haus statt, das wir nicht organisiert hatten, die Gruppe hatte nur die Räume gemietet. Als ich am Sonntagnachmittag, kurz vor Ende des Seminars, runterging in den Bereich, wo sich die Seminarteilnehmer voneinander verabschiedeten, sprach mich einer mit glänzenden Augen an: »Du …. bist der Wolf Schneider?« Der Wolf Schneider?! Er konnte kaum sprechen, so bewegt und schüchtern war er, da er nun mich, den Herausgeber dieser Zeitschrift leibhaftig vor sich hatte.

War das die Chance, nun meine Termine bekannt zu geben: Satsang mit Wolf Schneider am Soundsovielten? Ich nutzte sie nicht, sondern – feige oder vorsichtig wie ich bin – tat, was ich konnte, damit er von dieser Ehrfurcht wieder runterkäme. Weiß ich doch, wie wir Menschen in dieser Hinsicht sind: Die wir einst auf den Sockel erhoben und uns so vor ihnen gedemütigt haben, an denen wollen wir uns dann, eines Tages, rächen, indem wir sie stürzen. Das Gleichgewicht muss früher oder später (manchmal erst postum) doch wieder hergestellt werden, so sicher, wie auf den Frühling der Herbst folgt.

Mich erinnerte dieses Erlebnis auch daran, wie ich einst denen begegnet bin, die ich für erleuchtet hielt. Nun begegnete mir dieser Blick auf der anderen Seite – ich wurde für erleuchtet gehalten. Faszinierend! Aber auch schrecklich, wie einfach es ist, den Erleuchteten-Status zu erhalten; und so wenig ist nötig, um ihn zu kultivieren. Als erleuchtet zu gelten ist jedenfalls ein soziales Phänomen und sagt zunächst mal über die Weisheit des Inhabers dieses Status noch nicht viel aus. Für viele religiöse Bewegungen ist solch ein Status des Lehrers essentiell, ähnlich dem Status des Heiligen in manchen Religionen. Und diese Verehrung eines Heiligen oder Erleuchteten ist zweifellos ein erotisches Phänomen: Sie ist sinnlich, charismatisch und berührt das Herz.

Barfuß gehen, als Mönch: Es war als würden meine Füße die Erde küssen, kühl und sanft; mit jedem Schritt ein weiterer Kuss der geliebten Erde

Barfuß die Erde küssen

Und noch manch anderes ist sehr erotisch, von dem man das zunächst nicht denkt. Zum Beispiel meine morgendlichen Spaziergänge als Mönch auf »Pindapat«, dem Rundgang mit der Schale, um Essensgaben einzusammeln, empfand ich als sehr erotisch, weil ich dort barfuß ging. Barfuß zu gehen war Vorschrift, deshalb hatten wir nie Schuhe an, jedenfalls nicht außerhalb des Klosters. Noch heute trage ich lieber Schlappen als feste Schuhe, auch in Deutschland, auch im Winter. In den Armenvierteln nahe der Klongs (Wasserwege) in Bangkok war das Barfußgehen besonders schön, denn dort war die Erde noch nicht zubetoniert oder -asphaltiert, da ging ich auf dunkler, weicher Erde. Es war, als würden meine Füße die Erde küssen, kühl und sanft; mit jedem Schritt ein weiterer Kuss der geliebten Erde.

Mit der Zeit tanzen

Damals brauchte ich auch keine Uhr. Der Zeitpunkt, an dem wir morgens losgehen sollten, war in den alten Schriften genannt als der, wenn wir in der Dämmerung die Handlinien auf unserer ausgestreckten Hand erkennen konnten oder die Blätter an einem nahen Baum. Heute brauche ich für mein Leben eine Uhr und einen Kalender – und wehe, ich verpasse mal einen Termin, das kann böse Folgen haben. Ist »Zeit eine Illusion«? Diese Binse der Esoteriker erweist sich im Verlagsalltag, überhaupt in jedem geschäftlichen Alltag, als gefährlich, denn »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«. Wie kann man damit umgehen? Wo doch, gemäß einem alten afrikanischen Sprichwort, Gott den Europäern die Uhr gegeben hat, »uns hat er dafür die Zeit gegeben«. So afrikanisch möchte ich auch gerne leben, hier, mitten in Europa, und ich erlaube es mir, in dem ich mit der Zeit tanze. Gegen den Terror der Uhr zu rebellieren hilft ja nichts, da bleibt man immer der Schwächere, aber mit ihr zu tanzen, das geht. Pünktlich sein, so gut es geht, aber wie beim Rhythmus in der Musik, da kann ein kleines Zufrüh oder Zuspät den Reiz ausmachen, wir sind ja keine Maschinen; nur ignorieren darf man den Rhythmus, die Uhr, die Zeit nicht. Dann kann auch das Verhältnis zu einem Tagesplan oder den Terminen eines Kalenders ein erotisches sein.

Mönche
Buddhistische Mönche haben Humor –
falls die Meditation schon gewirkt hat

Humor

Was auch hilft ist, sich selbst nicht völlig ernst zu nehmen. Ernst genug, aber nicht zu ernst. Sogar zum eigenen Ego (!) kann man ein erotisches Verhältnis haben. Wer bin ich denn? Für wen halte ich mich denn heute wieder? Das kommt auch bei Frauen gut an, habe ich mir sagen lassen – Humor steht auf ihrer Wunschliste für den Mann ihrer Träume heutzutage ganz weit oben (Das ist übrigens neu; noch vor zwei Generationen kam Humor als erwünschte Eigenschaft bei Bindung suchenden Frauen gar nicht vor).

Humor ist zweifellos ein Aphrodisiakum. Und das gilt sogar umgekehrt: Auch wir Männer mögen humorvolle Frauen! Sofern wir – unseres Geschlechtes zum Trotz – überhaupt dazu imstande sind, diese Eigenschaft als solche zu erkennen.

Und mit einem humorvollen Menschen meine ich hier nicht unbedingt einen Spaßmacher, sondern einen, der sich sogar mit dem, was ihm zutiefst wichtig ist, nicht völlig ernst nimmt, sondern immer nur gerade ausreichend ernst. Das Ausmaß ist dabei das Entscheidende. Wir wollen zwar alle ernsthaft wissen, woran wir sind mit unseren Freunden, Partnern, Kindern, Eltern – und uns selbst. Aber ganz genau wissen wir es doch nie. Deshalb ist ein gewisses Zwinkern beim Auftritt nie ganz falsch: Ich bin zwar so, aber eigentlich könnte ich auch anders sein (ich komme nur so selten dazu).

Geschichten erzählen

Als ich einmal im Herkunftswörterbuch das Wort »Fisimatenten« nachschlug, fand ich dort, dass die Mütter im Rheinland damit einst ihre Töchter vor einem Anbandeln mit den napoleonischen Soldaten gewarnt haben sollen: »Mach mir keine Fisimatenten!« Weil diese die rheinischen Mädchen zum »visite ma tente – besuch mich in meinem Zelt« aufgefordert hatten. Dabei hatte ich noch das »Mach mir keine Geschichten!« im Ohr, diese Ermahnung der Therapeuten im Poona der 70er Jahre (Don't tell me your story!) mit der sie die Gruppenteilnehmer aufforderten, auf den Punkt zu kommen und in die Gegenwart, anstatt irgendwelche Storys zu erzählen.

Geschichten sind Fisimatenten, Erfindungen, die ihre ganz eigene Magie haben. Sie sind ausgedacht, erfunden, fiktiv. Sie erschaffen eine Wirklichkeit, die es ohne sie nicht gäbe, obwohl sie doch zu erzählen vorgeben »was war, ist oder sein könnte«. Obwohl sie also Fiktionen sind, können wir ohne sie nicht leben. Ohne sie hätten wir keine Biografie, keine Identität, und auch keine Zukunft – wir wären niemand. Das ist zwar spirituell gesehen richtig: Wir sind niemand! Aber unser Alltag und unser soziales Leben spricht eine ganze andere Sprache. Dort sind wir jemand, und wer dieses Spiel nicht mitspielt, hat verloren.

Erzähl mir deine Geschichte! So kann ich dich kennenlernen und verstehen, wer du bist. Große Verführungskünstler wissen das: Ohne eine Geschichte läuft nichts. Erzähl einer Frau, dass du seit Jahren auf sie gewartet hast, dass ihr euch aus einem früheren Leben her kennt, dass du von ihr geträumt hast, dass eure Handlinien sich ähneln oder eure Horoskope zusammenpassen, und du hast sie schon fast im Bett. Erzählst du ihr nichts, weil du an Geschichten nicht glaubst, wird es wohl nichts mit der Eroberung.

Der Flirt mit dem Schicksal, der Bestimmung, der Zeit und einer gut gespielten Identität ist ein wesentliches Element erotischer Lebenskunst

Der Zwischenraum

Und doch sind wir Menschen auch an der Wahrheit interessiert. Manchmal. Im Grunde wissen wir ja, dass wir einander was vormachen, indem wir so tun, als seien wir jemand und hätten uns gerade heute getroffen, kein Zufall, es hat nicht anders kommen können. Der Flirt mit dem Schicksal, der Bestimmung, der Zeit und einer gut gespielten Identität ist meines Erachtens ein wesentliches Element erotischer Lebenskunst. In diesem Zwischenraum werden wir uns wohl immer aufhalten, das scheint unsere condition humaine zu sein, unausweichlich in unser Gehirn und unsere Genen eingeschrieben: jemand zu sein, jeder für sich, du und ich zwei Verschiedene, einander ein bisschen Fremde; und dabei einander zu verführen mit unseren Geschichten; und dabei doch auch wissend, dass wir niemand sind und im Großen Ganzen verschwimmen mit allem, was sonst noch da ist. Das Schillernde dieses Zwischenraums zu lieben, auch das macht ein wesentliches Element der Lebenskunst aus. Und, zugegeben, es hat doch was – was Menschliches, Göttliches, Erotisches.

— Wolf Schneider

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Blog: www.schreibkunst.com


Titelseite connection spirit 05/09, Link zum Shop

Aus dem Heft connection spirit Mai 2009

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