Archiv connection.de bis 2015

Besuche das aktuelle connection-Blog

Abonniere den Newsletter:


Magazintexte

Die Rückkehr von Trommel und Besen

Details

Schamane
Bild: wikipedia

Schamanismus ist in. Doch kann man allen so genannten Schamanen trauen?

Fliegst du noch mit dem Flugzeug oder schon per Trommel in die Geisterwelt? So absurd, wie sie erscheinen mag, ist diese Frage nicht. Denn die Begeisterung für die »Don Juan«-Bücher des amerikanischen Ethnologen Carlos Castaneda, die, von den USA ausgehend, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts auch den alten Kontinent erfasste, war erst der Anfang

War Castanedas Mentor, der Yaqui-Schamane Don Juan, nur eine fiktive Figur, eine Erfindung des Autors? Die Frage löste unter Anhängern und Wissenschaftlern heiße Debatten aus. Egal, seinen »Lehren« gelang es viele Menschen zu inspirieren, darunter vor allem junge Leute aus der Alternativszene. Via Trancereisen und anderer schamanischer Praktiken suchten und gingen sie neue – oder vielmehr uralte – spirituelle Wege.

Nur Boom und Abzocke?

Mit dieser eher stillen Art persönlicher Sinnsuche ist es heute nicht mehr getan. Längst ist der so genannte Neoschamanismus in den Sog der Esoterikwelle geraten, dabei zunehmend in Mode gekommen und hat sich mittlerweile zum regelrechten Boom entwickelt. Dies zeigt sich nicht nur an den mit einschlägiger Literatur gut bestückten Regalen von Buchhandlungen und Büchereien. Auch an Fernsehsendungen zum Thema herrscht kein Mangel, und wer im Internet sucht, wird hunderttausendfach fündig. Sieht man sich an, was überwiegend unter diesem Namen firmiert, wird schnell klar: Was hier am kräftigsten gerührt wird, ist weniger die Schamanen-, denn die Werbetrommel. Portale, die kompetente und sachliche Information rund ums Phänomen Schamanentum bieten, sind rar.

Schon für 150 € ist eine Online-Begleitung auf dem schamanischen Weg zu haben … Geschäftsideen zur praktischen Verwertung des zu erwerbenden spirituellen Jodelpatents gibt's gratis mit dazu

Umso umfangreicher ist dafür das Angebot an diversen Seminaren, Kursen, Akademien etcetera, die Anleitung für angehende sowie weiterbildungswillige Schamanen oder gleich eine komplette Schamanen-Ausbildung offerieren. Schon für 150 € ist eine Online-Begleitung auf dem schamanischen Weg zu haben … Geschäftsideen zur praktischen Verwertung des zu erwerbenden spirituellen Jodelpatents gibt's sozusagen gratis mit dazu. Die Bezeichnung Schamane ist nicht geschützt, und es gibt keinen Verband oder sonst eine Kontrollinstanz, die Lehrinhalte, Qualifikation und Leistungsqualität festlegen und prüfen würde. Wer oder was also sollte einen hindern, nach einem beliebigen Light- und Instant-Schnupperkurs selbst ins Schamanenausbilder-Geschäft einzusteigen? Auch eine weitere Anregung lässt sich den Internet-Seiten sowie Online- und Zeitungs-Anzeigen entnehmen: selbst als schamanischer Heiler zu arbeiten. Da dieser Markt hierzulande seit den 80er Jahren floriert, ist die Konkurrenz zwar groß, aber wie sich das Manko ausgleichen lässt, zeigen die Offerten manch professionell Schamanisierender ebenfalls: durch Quantität. Alternative Methoden aus den verschiedensten Zeiten und Kulturen schmücken das Image, irgendeine davon wird sich schon verkaufen …

Fußangeln und reale Kräfte

Wo gibt es einen Ariadnefaden, der Orientierung in dieser labyrinthischen Vielfalt bieten könnte? Wie findet man heraus, welche Lehrer vertrauenswürdig und welche nur aufs Geschäft aus sind?

Für Suchende, die selbst den spirituellen Weg des Schamanen gehen möchten, vor allem aber für Menschen, die auf schamanische Hilfe in Krisensituationen hoffen, ist die Zahl der Angebote verwirrend. Wo gibt es einen Ariadnefaden, der Orientierung in dieser labyrinthischen Vielfalt bieten könnte? Wie findet man heraus, welche Lehrer oder Therapeuten erfahren und vertrauenswürdig sind, und welche nur ihr Geschäft im Auge haben? Und Trancereisen – ist das nicht überhaupt ganz schön gefährlich?

Gefährlich kann es durchaus werden: Beispielsweise, wenn man eigenmächtig, ohne Anleitung und Erfahrung, mit psychoaktiven Substanzen wie Pilzen, Pflanzengiften oder synthetischen Präparaten herumexperimentiert, um per Schnellstart in die Geisterwelt zu jetten. Auch persönliche Motivation und innere Verfassung können zu Fußangeln werden und sollten deshalb vorab sorgfältig überdacht und überprüft werden. Ob man die Welten, Orte und Wesen, die einem auf der schamanischen Reise begegnen, nun im Nachhinein als dem Tagesbewusstsein unzugängliche oder auch bewusst verdrängte innerpsychische Bereiche und Aspekte interpretiert, oder ob man in ihnen außerpsychische Entitäten oder ganz konkret, Ahnengeister, Krankheitsdämonen sieht: Es handelt sich um sehr reale Kräfte! Mit Betonung auf real und auf Kräfte – auch dann, wenn es um »Reisebegleiter« wie die so genannten Krafttiere geht. Ihrem Ursprung nach machtvolle Tierseelen, ohne deren Hilfe der Zugang in andere Welten verschlossen bleibt, werden sie von westlichen Neoschamanen gelegentlich auch als Manifestationen eigener Befindlichkeiten gedeutet. In jedem Fall aber sind sie von Tierchen aus dem seelischen Streichelzoo meilenweit entfernt. Wie übrigens alles, was mit schamanischen Reisen und Ritualen zu tun hat. Denn wie heute selbst die Wissenschaft zugesteht, die noch bis in die 1950er Jahre hinein schamanische Phänomene rein psychopathologisch diagnostizierte, wirken und bewirken diese tatsächlich etwas – im Schamanen selbst, in seinen Schülern und in den Ratsuchenden.

Es ist weder klug noch ratsam, sich solchen Kräften ohne Respekt zu nähern oder aus bloßer Neugier, oder weil diese aparte Variante in der persönlichen Sammlung esoterischer Selbstverwirklichungstrips noch fehlt

Sich solchen Kräften ohne Respekt zu nähern und aus bloßer Neugier, weil es gerade »in« ist oder weil diese aparte Variante noch in der persönlichen Sammlung esoterischer Selbstverwirklichungstrips fehlt, ist daher weder klug noch ratsam. Im besten Fall ist das Ergebnis Enttäuschung, weil es nicht klappt mit dem tollen Kick, oder Selbsttäuschung, weil man sich in bonbonfarbene Traumwelten à la Hollywood hineinvisualisiert statt eine echte »Reise« zu erleben. Gelingt aber letztere, kann schlimmstenfalls der psychische Zusammenbruch drohen. So warnte der Psychiater Wielant Machleidt im Stern-Artikel »Medizin der Naturvölker« ausdrücklich: »Psychisch nicht gefestigte Personen können bei einem intensiven Tranceerlebnis in eine Psychose rutschen.«

Erfahrungswissen mit uralten Wurzeln

Mit einem problemlos konsumierbaren Freizeitabenteuer sollte man den Schamanismus also besser nicht verwechseln. Allerdings ebenso wenig mit einer Religion, darüber sind sich Ethnologen und Praktizierende einig. Manche Wissenschaftler datieren die Anfänge des Schamanismus bis in die Altsteinzeit zurück und verweisen dabei u.a. auf die Darstellung eines »Schamanen« in der Höhle von Lascaux. Obwohl das Schamanentum vermutlich im frühen Animismus wurzelt, handelt es sich nicht um ein fest gefügtes, institutionalisiertes Glaubenssystem (und wäre damit eine Religion), sondern um ein auf Erfahrung gegründetes, über Erfahrung wirkendes Muster von Ekstase-Techniken. Und von Traditionen, denn es gibt zahlreiche Ethnien und Stammesgesellschaften rund um den Globus, in denen der Schamanismus bis heute in ungebrochener Überlieferung lebendig geblieben ist. In anderen Fällen konnte er nach Intervallen der Unterdrückung durch Christentum oder Buddhismus, später durch den Kommunismus, wiederbelebt werden, so etwa in einigen transuralischen Gebieten der ehemaligen UDSSR. Am Beispiel Asien wird übrigens deutlich, dass Schamanismus keine in sich geschlossene, mit anderen konkurrierende Religion ist. In Nepal, der Mongolei, Korea und weiteren Ländern besteht er heute in überwiegend friedlicher Koexistenz mit Weltreligionen wie Buddhismus oder Hinduismus, hat teilweise Aspekte dieser Glaubensrichtungen integriert und wird von deren Anhängern in Anspruch genommen oder auch ausgeübt.

Folgt man dem Religionswissenschaftler und Begründer der Schamanismusforschung Mircea Eliade, spielte Ekstase auch in Mythen und Kulten der antiken Mittelmeerwelt eine wichtige Rolle. Und trotz rarer schriftlicher Zeugnisse spricht manches dafür, dass auch den Kelten und Germanen schamanische Praktiken nicht fremd waren. Schamanismus wurde in unseren Breiten also nicht nur in grauer Vorzeit, sondern vermutlich noch in geschichtlicher Zeit ausgeübt. Rudimentär könnte er sich sogar bis weit ins christliche Mittelalter erhalten haben. So jedenfalls die These des italienischen Historikers Carlo Ginzburg. Er weist Phänomene wie Hexenflug, Hexensabbat, Gestaltwandlung (Werwölfe) oder Kämpfe zwischen »guten« und »bösen« Hexen oder Werwölfen im ganzen damaligen Europa nach und deutet sie als späte Ausformungen oder Relikte von Schamanismus sowie Ahnen- und Totenkult. Wenn dem wirklich so war, besiegelte der gnadenlose Ausrottungsfeldzug, den Kirchen und weltliche Obrigkeit mittels »Hexenhammer« führten, das Ende einer jahrtausendealten Überlieferung.

Gemessen an den unsäglichen Exzessen von Hexenwahn und -verfolgung scheinen die erst sehr spät christianisierten Sami (Lappen) des hohen Nordens noch relativ glimpflich davon gekommen zu sein. Aber das Schamanisieren, das ein wesentlicher Lebensnerv ihrer Kultur war, wurde ihnen konsequent ausgetrieben. Denn auch in den samischen Schamanen sah man bösartige Hexen und Zauberer und in ihren Hilfsgeistern leibhaftige Teufel; in aufgeklärteren Zeiten galten sie als Vertreter eines Aberglaubens, der der »Zivilisierung« im Wege stand.

Individualismus oder Show der Schamanen?

Man greift großzügig in den Fundus schamanischer Traditionen aller Zeiten und Kulturen und bastelt sich aus deren Versatzstücken dann seinen ganz privaten Schamanismus zurecht

Da sich die schamanischen Wurzeln der westlichen Kulturen teils im prähistorischen Dunkel verlieren, teils gekappt wurden, ist der Neoschamanismus nicht per se in authentische Überlieferungen eingebettet, die Formen, Inhalte und Ziele vorgeben könnten. Das bedeutet einen Verlust an Orientierung, sozialer Einbindung und Aufgabenstellung, dafür aber einen Zugewinn an persönlicher Freiheit – ein Aspekt, der unserem individualistischen Lebensstil entgegenkommt. Aus dieser Perspektive macht auch Stefan Neil Klemenc' Feststellung, »das schamanische Paradigma« sei »von der Grundkonzeption her individualistisch« durchaus Sinn. Zumindest teilweise. Denn ohne Vorlage funktioniert das freie Fliegen offenbar nicht. Also greift man großzügig in den Fundus schamanischer Traditionen aller Zeiten und Kulturen und bastelt sich aus deren Versatzstücken dann seinen ganz privaten Schamanismus zurecht.

»Mit den schillernden, ego-besessenen Neo- und Pseudoschamanen die an New-Age-Kongressen und in teuren Workshops ihre Show abziehen, haben die Schamanen der traditionellen Naturvölker … wenig gemein« — Wolf-Dieter Storl

Doch egal ob privat im Sinne des Wortes oder mit traditionspoliertem Esoterik-Etikett beworben – solchem Beliebigkeitsmix fehlt oft die Erdung. Dies zeigt sich unter anderem an einer Tendenz, die überdies ein Erfolgsgeheimnis des Neoschamanismus erklärt: Aus ihren ursprünglichen Sinnzusammenhängen herausgelöst können sich die so genannten »darstellenden Elemente« des Schamanisierens – darunter Kostüme, Masken, Rituale, Gesänge, Tanz, Trommeln – zu einer Inszenierung verselbständigen, die den Event-Hunger unserer Gesellschaft perfekt bedient. Zeitgeistgemäß, an der Oberfläche. Ohne dass man sich wirklich tief auf irgendetwas einlassen müsste. Entsprechend vernichtend fallen viele Kritiken aus. So urteilt etwa der renommierte Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl: »Mit den schillernden, egobesessenen Neo- und Pseudoschamanen die an New-Age-Kongressen und in teuren Workshops ihre Show abziehen, haben die Schamanen der traditionellen Naturvölker … wenig gemein.«

Scharlatane, Berufene …

Trotzdem gibt es selbst in Kulturen mit lebendiger schamanischer Tradition Vergleichbares. Wie die Forscher Christian Rätsch, Claudia Müller-Ebeling und Surendra Bahadur Shahi in ihrem Buch »Schamanismus und Tantra in Nepal« berichten, sind zum Beispiel manche Jhankris (nepalesische Schamanen) »ihrer Aufgabe … nicht gewachsen« und schlagen sich mit sensationellen Show-Darbietungen als »Chicken-Schamanen« durchs Leben. Die echten Jhankris, die in ganz alltäglichen Berufen arbeiten und ihren Schamanenpflichten sozusagen ehrenamtlich nachkommen, lehnen diese Scharlatanerie ebenso ab wie die »professionelle«, profitorientierte Spielart schamanischen Heilens: Die »Professionellen«, die »eine Praxis … mit festen Arbeitszeiten und geregeltem Einkommen« betreiben, seien »keine Schamanen«, so das einhellige Urteil über die »unechten Kollegen«.

Deutliche Worte, vielleicht zu deutlich für manche Neoschamanen, die einen eigentlich spirituellen Weg nur als goldgepflasterte Straße zu lukrativen Geschäften nutzen. Die im oben genannten Stern-Artikel zitierte koreanische Schamanin Hi-ah Park geht noch aus einem anderen, entscheidenderen Grund mit den Neo-Kollegen ins Gericht. Denn gemäß eurasiatischer Überlieferung ist Schamanismus kein Beruf, den man einfach so, aus eigenem Antrieb wählen und erlernen kann, sondern eine Berufung. Buchstäblich. Dies kann sich etwa als spontaner Ruf von außen (Auserwählung durch die Geister) und/oder inneres Drängen äußern. Es setzt immer eine besondere geistig-spirituelle Disposition voraus und beginnt häufig mit der so genannten »Schamanenkrankheit«, einem schweren körperlichen oder seelischen Leiden, in dessen Verlauf die alte Persönlichkeit des Betroffenen »getötet«, sein Körper von den Geistern auseinandergenommen und zu einem neuen Wesen zusammengesetzt wird: dem angehenden Schamanen. Ist dieses Stadium überwunden und die Berufung innerlich angenommen, folgt in der Regel eine meist langjährige Unterweisung des Neulings durch erfahrene Schamanen, bis er schließlich als initiierter, vollwertiger Schamane seine Aufgaben erfüllen kann.

… und Therapeuten

Von völlig entgegengesetzten Bedingungen geht das wissenschaftliche Schamanismus-Konzept des US-amerikanischen Anthropologen Michael Harner aus. Nach langjähriger Feldforschung, intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema sowie eigenen Experimenten kam er zur Überzeugung, die Pforte zu den Welten »jenseits der alltäglichen Wirklichkeit« stehe keineswegs nur wenigen Auserwählten offen. Harner wörtlich: »Tatsächlich ergaben unsere eigenen Untersuchungen, dass 90 Prozent der Menschen der westlichen Welt leichten Zugang zu diesen Welten haben. Das heißt … nicht, dass sie Schamanen sind, … nur, dass sie beginnen können. So ähnlich, wie man eben auch Auto fahren lernt.«

Praktische Umsetzung dieser Erkenntnis war die Entwicklung des »Core-Schamanismus«, einer Art Quintessenz des Schamanismus. Die auch Basis- oder Kern-Schamanismus genannte Methode fasst »fundamentale Prinzipien der schamanischen Praxis« zusammen, die der Anthropologe bei allen schamanisierenden Völkern ausmachen konnte, egal in welch besonderen ethnischen Ausprägungen sie sich jeweils zeigen. Die von Harner gegründete Foundation for Shamanic Studies macht diesen Weg auch für an westlich-wissenschaftliches Denken Gewöhnte zugänglich. Mit dem »Shamanic Counseling« wurde zudem eine Beratungsmethode kreiert, die Unterstützung bei Lebensproblemen anbietet – allerdings eine sehr spezielle. Der menschliche »Counselor« fungiert lediglich als Starthelfer für die Reise in die Geisterwelt. Die wahren Berater sind die Geister – und der Klient selbst, der ihren Rat für sich interpretiert.

Inwieweit dies eigenen Erwartungen und Bedürfnissen genügt, hat jeder potenzielle Schamanen-Klient selbst zu entscheiden. Wer beispielsweise gesundheitliche Probleme hat und sich Hilfe von authentischen alten Heilritualen erhofft, muss dagegen vor der schamanischen Reise nicht selten eine Fernreise zu den Quellen auf sich nehmen. Genauer: in eines der Länder, in denen noch traditioneller Schamanismus praktiziert wird. Da aber inzwischen auch dort mancherorts das Geschäft mit westlichen Esoterik- und Gesundheitstouristen boomt und gelegentlich zwielichtige Wunderheiler am Werk sind, ist es nicht immer leicht an eine seriöse Adresse zu kommen. Eine gerade in seelischen Krisensituationen empfehlenswerte und sicherere Alternative könnte die Behandlung durch einen schamanisch inspirierten und geschulten Psychotherapeuten sein. Die Chance, in Deutschland oder einem deutschsprachigen Nachbarland fündig zu werden, wächst mit dem zunehmenden Interesse der Schulmedizin am Wissen und den Ritualen der traditonellen Heiler.

Wie fruchtbar und hilfreich für Patienten diese Verbindung alter und neuer Methoden sein kann, zeigt nicht nur das 2006 erschienene Buch »Schamanismus und Psychotherapie« des erfahrenen Tiefenpsychologen Winfried Picard. Schon Anfang der 1980er Jahre interpretierte der Schweizer Experte Prof. Dr. Christian Scharfetter den Schamanen als »Urbild des Therapeuten« und stellte grundlegende Gemeinsamkeiten zwischen schamanischer Praxis und moderner Psychotherapie heraus. Und auch andere Psychiater betonen heute, dass »schamanische Rituale … die Selbstheilungskräfte« manchmal effektiver »aktivieren als gängige Psychotherapiemethoden«.

Von Christa Wüchner

Einen vertrauenswürdigen Lehrer finden

Mancher Lehrer, der für den einen gut ist, taugt nicht für einen anderen. Nichts sagt einem besser als die eigene Intuition, ob der Lehrer stimmt oder nicht. Folgende Punkte können helfen, die innere Wahrnehmung zu klären:

  • Prüfe für dich selbst, ob du auf der Suche nach einem Heilsersatz bist. Falls ja, wird dir jeder Lehrer recht sein, der Gehirnwäsche betreibt.
  • Falls nein: Prüfe, ob der Lehrer flexibel genug ist, sich auf deine besonderen Bedingungen und Eigenarten einzustellen.
  • Prüfe, ob dein Lehrer das Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz gut bewältigt. Fühlst du dich – unabhängig von deineen spirituellen Fortschritten – von deinem Lehrer in deinem menschlichen Wert respektiert oder verlangt er blinde Unterwürfigkeit?
  • Würde sich dein Lehrer bemühen, mit dir einen Zahlungsmodus zu finden, falls du Zahlungsschwierigkeiten hast? Achtung: Phantasiehonorare sind von vornherein verdächtig.
  • Ist dein Lehrer bereit, sich über sich selbst befragen zu lassen?
  • Fordert dein Lehrer Sexualität ein?
  • Dein Lehrer fällt keine Lebensentscheidungen für dich, sondern überlässt das dir?
  • Dein Lehrer würde akzeptieren, wenn du würdest aussteigen wollten und äußert sich nicht negativ über ehemalige Aussteiger?
  • Dein Lehrer respektiert andere spirituelle Wege?

Diese Tipps gelten generell für alle spirituellen Lehrer. Im speziellen Fall des traditionellen Schamanismus spielt Sexualität zwischen Lehrer und Schüler keine Rolle.


Funktionen und Aufgaben des Schamanen

Unsere gängige Vorstellung vom Schamanen stellt oft einseitig den Heiler in den Vordergrund, doch ein traditioneller Schamane hat vielfältige spirituelle und soziale Aufgaben. Er ist

  • ein Wissender, der die Welten der Götter, Geister und Ahnen kennt,
  • ein Mittler zwischen diesen Welten und der Gemeinschaft/den Menschen und damit auch
  • Vermittler und Bewahrer der kosmischen Ordnung.
  • Seelenführer, der die Toten bei ihrem Übergang ins »Jenseits« begleitet oder
  • die verlorenen Seelenanteile Lebender zurückholt.
  • Bewahrer der mündlichen Überlieferung, aber auch
  • zuständig für die Heilung von und Vorbeugung gegen Krankheiten
  • für Weissagungen
  • für die Leitung sakraler Zeremonien und Rituale

Die Schamanische Reise

Eine Schamanische Reise

  • führt nicht ins Irgendwo beliebiger Dimensionen. Denn so verschieden die ethnischen und kulturellen Ausprägungen des weltweiten Schamanismus sind, die triadische Einteilung der Welt in Mittlere Welt (Erde, Natur, Welt der Menschen und anderen Erdbewohner, Alltagswirklichkeit, Zeitlichkeit), Obere Welt (Götter, Geister, Ahnen) und Untere Welt (Totengeister, Unterweltgottheiten, Dämonen etcetera) ist ihnen in der Regel gemeinsam. Reisen in die Geisterwelt führen daher, je nachdem, in die Ober- oder Unterwelt, oder beide.
  • dient traditionell immer einem bestimmten Zweck, der sich aus den schamanischen Aufgabenbereichen ableitet
  • wird bewusst eingeleitet durch verschiedene Ekstasetechniken wie monotones Trommeln oder ekstatischer Tanz; in manchen Stammesgesellschaften auch durch kontrollierte Einnahme psychoaktiver Pflanzenstoffe.
  • erfolgt in einer spezifischen Trance (schamanische Ekstase), die das Bewusstsein nicht ausschaltet, sondern erweitert. Das bedeutet, der Schamane nimmt nicht nur die Orte, Wesen und Kräfte der anderen Welten konkret wahr und kann mit ihnen kommunizieren, sondern er bleibt sich auch des Ziels seiner jeweiligen Reise bewusst. Er kann diese bewusst steuern und erinnert sich nach seiner Rückkehr daran.

Weiterführende Links

  • kondor.de/shaman/reise.html: (neoschamanische Site; informiert ausführlich, gut verständlich und auf persönlichem Erfahrungshintergrund über Tradition, Techniken, und eventuelle Probleme der schamanischen Reise)
  • www.schamanismus-info.de: (Portal, das fundiertes Wissen zum Schamanismus, dem Beziehungszusammenhang Schamanismus-Psychotherapie sowie zur Bewusstseinsforschung und psychoaktiven Substanzen bietet; mit Bücherlisten und Links.
  • www.shamanicstudies.net: Portal der Foundation for Shamanic Studies Europe: mit ausführlichen Grundlagen- und Detailinformationen zum Core-Schamanismus u.a. Themen für wissenschaftlich und/oder schamanisch Interessierte
  • www.institut-ethnomed.de: (Site des Institut für Ethnomedizin e.V, München; informiert über Ziele, Veranstaltungen und andere Angebote des Instituts, zu dem ein »Netzwerk von über 5.000 internationalen Wissenschaftlern, Forschern, Praktizierenden, Vereinigungen, Interessenten und traditionellen Heilern« gehört.)
  • www.earth-oasis-travel.de: Reisen für Sinnsuchende; darunter auch eine spezielle Rubrik, die Reisen zu Schamanen, Heilern und Geistheilern in Südamerika, Indien, Südostasien und Sibirien anbietet)

Quellen

  • aerzteblatt.de; deraltepfad.de; earth-oasis-travel.de; institut-ethnomed.de; kondor.de; proaktivo.de; schamanismus-info.de; shamanicstudies.net; stern.de; storl.de; sueddeutsche.de; wikipedia
  • Bleibtreu-Ehrenberg, Gisela: Der Weibmann. Kultischer Geschlechtswechsel im Schamanismus, Fischer Wissenschaft1989
  • Boeing, Agnes Miriam; Eigene Wege finden, Garamond;
  • Cowan, Tom: Die Schamanen von Avalon. Reisen in die Anderswelt der Kelten, Ariston Verlag 1999
  • Eliade, Mircea: Schamanen, Götter und Mysterien: die Welt der alten Griechen, Herder 1992
  • Ginzburg, Carlo, Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte, Fischer TB 1997
  • Hoppál, Mihàly: Das Buch der Schamanen.Europa und Asien, Ullstein 2002
  • Müller-Ebeling, Claudia, Rätsch, Christian, Surendra Bahadur Shahi: Schamanismus und Tantra in Nepal. Heilmethoden, Thankas und Rituale aus dem Himalaya, AT Verlag 2000
  • Storl, Wolf-Dieter: Ich bin ein Teil des Waldes. Der Schamane aus dem Allgäu erzählt sein Leben, Kosmos Verlag 2003
  • Tolstoy, Nikolai: Auf der Suche nach Merlin. Mythos und geschichtliche Wahrheit, Diederichs 1992

Dr. Christa Wüchner, Jahrgang 1950, Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie, lebt und arbeitet in Würzburg als freiberufliche Journalistin und Lektorin. Sie beschäftigt sich seit Anfang der 70er Jahre mit keltischer Geschichte, Kultur und Spiritualität, Schamanismus und naturreligiösen Themen.


connection extra
im Shop bestellen

Aus dem Heft Schamanismus extra 2


   
© Connection AG 2015