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Schamanische Kunst & Heilkunst

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Schamanische Kunst & Heilkunst

Wie die Schamanen Kunst und Heilung verbinden

Bei den Schamanen sind Heilung, Kunst und Kultur eng miteinander verwoben. Schamanen arbeiten mit Musik, Tanz und aufwändigen Kostümen an der Heilung ihrer Patienten oder auch der Erde selbst

Möge die Magie mir einen Teppich weben, auf dem meine Seele im Geisterland schlafen kann. Mögen sich meine Bilder und Geschichten, Tänze und Klänge ineinander spinnen und so Zauber ins Leben flechten. Möge meine Heilkraft den Raum weit machen, damit alles sein darf, was ist und sich wandeln kann. Von vielen Kulturen und alten Traditionen lässt sich lernen, wie kranke Menschen mit Tanz, bildnerischen Mitteln, mit Klang und Imagination geheilt wurden. Heilung und Kunst verbanden sich zu Heilkunst. Die Verbindung von Kunst, Leben, Ekstase, von alltäglicher Wirklichkeit und den anderen Welten war gewollt und lebendig. »Die wichtigsten Fragen in schamanischen Gesellschaften,« schreibt die Tanztherapeutin Gabrielle Roth, »waren: Wann hast du aufgehört zu tanzen? Wann hast du aufgehört zu singen? Wann hast du aufgehört, dich von Geschichten verzaubern zu lassen? Wann hast du aufgehört, im Reich der Stille Trost zu finden? An den Punkten haben wir den Verlust der Seele erfahren.« Bei schamanischer Kunst betreten wir ein Feld mit völlig anderen Kriterien und Ausrichtungen als im uns angelernten und vertrauten Kunstfeld. Am ehesten wussten wir noch als Kinder davon. Damals habe ich gerne gesungen, habe tiefe, seltsame Töne von mir gegeben, stundenlang. Dabei habe ich riesige Flächen mit Zeichenteppichen überzogen, mich in Trance gesungen, geschaukelt, den Linien Klänge gegeben. Alles knarzend benannt, was ich tue. Bewegung, Klang, Bild – alles war noch miteinander verknüpft. Was ist dann passiert? Bildungsstätten, vereinbarte Codes mussten erlernt werden. Intellekt war gefragt, rationaler Zwang. Mein Singen wurde beschämt, Zweifel an meiner Stimme kamen auf und dann die Gewissheit: Ich kann es nicht. Es gab immer dieses »im Vergleich zu ...«. Ich habe aufgehört, es anderen überlassen, es weggepackt in die hinterste Schublade.

Kreativität ist kein Gnadengeschenk

Und jetzt? Jetzt können wir uns als Reisende, als Forschende erfahren, die sich aufmachen, etwas wiederzuentdecken – neue Impulse in den Ländern der Kunst, freie Räume, zerbröckelnde Formdiktaturen, ganzheitlichen Ausdruck, unsere Wahrheit, unseren authentischen Ausdruck, unsere ganz eigene Lebensform. Wenn wir uns die Enteignung von Kreativität bewusst machen, sie anerkennen, betreten wir bereits einen Heilraum. Wir haben vieles vergessen, was erinnert werden will, zum Beispiel, dass Kreativität kein Gnadengeschenk ist, sondern dass es uns zusteht, ein kreatives Leben zu führen, eines, das unseren Visionen folgt. In dem Moment, in dem wir Kunst als heilerisch-magischen Akt verstehen, beginnen wir, uns von Bewertungsschemen in Bezug auf Kreativität zu befreien. Es ist ein langer Weg, konditioniert im jahrzehntelangen Schul- und Ausbildungswesen und einem jahrhundertelangen abendländischen Infofeld. Aber, so wie die Kraft des Wassers, die irgendwann die größten Felsen ausspült und unterhöhlt, wird das stetige, sanfte Herausgehen aus dem Bewerten etwas bewirken. Das Vergleichen und Beurteilen von sich selbst und anderen wird immer weniger werden, und dann geht die Türe ins Feld der schamanischen Kunst wieder auf. Als ich für einen Stein und eine Katze gesungen habe, da habe ich begonnen, meiner Stimme wieder zu vertrauen. Später lernte ich von altaischen Kaitschis (mit Obertongesängen arbeitenden Schamanen) wie Stimme und Schwingungsmedizin zusammengehören. Ich experimentiere. Ich gebe meine Stimme frei, eigne mir den Klangraum wieder an und hole mir die Magie meiner Gesänge wieder. Alles können wir uns wieder holen. Auf die Erfolge weiterer grüner Revolutionen zu hoffen ist utopisch. Fast jedes der Zukunftsprobleme ist umso schwerer zu lösen, je mehr Menschen es gibt.

Das Lebensrad

Warum ist die Verbindung von Kunst, Magie und Heilen gerade jetzt so wichtig? Das Zeitfenster, in dem sich unsere Gesellschaft bewegt, ha so bedrohlich wenig Antworten. Die Industrienationen bewegen sich durch einen Dschungel, ohne dabei von Werten getragen zu sein. Ihre Mitglieder sind im Lebensrad steckengeblieben und ewige Südkinder geblieben. Erst wenn wir initiiert über die Schwellen ins Erwachsensein gehen, im Norden des Lebensrades ankommen, werden reife Antworten auf die existenziellen Fragen gefunden. Nur bedenklich wenige sind initiiert im Norden angekommen. Kunst, die magisch ist, schamanisch, könnte die Räume öffnen, die zu den Antworten führen. Sie eignet sich deshalb, weil sie einen spontanen, sinnenhaften Zugang gibt. Sie schöpft aus der Leere, aus dem Urchaos. Das ist die heile Verbindung, der Zugang, den Kinder noch haben. Aus dem Raum des Gestaltlosen, Ungeborenen heraus schälen sich Wege, um Situationen zu verändern und Krisen zu bewältigen. Es wäre der induktive Weg, aus tiefem, ungelenktem Zugang etwas in die Schöpfung zu bringen und darüber zur Erkenntnis zu kommen. Das vorherrschende Deduktive – eine Idee haben, Gedanken, vom Denken ins Fühlen und dann zum Ausdruck, das bringt keine Lösung. Kunst im Schamanischen ist unbedingt. Sie geht ins Fühlen, in die Traumzeit. Dort träumt sie Wirklichkeit, geht ins Erkennen und handelt erst dann.

Für das, was der Menschheit gerade abgefragt wird, was es zu entwickeln gilt, ist es notwendig, die kreativ-schöpferischen Kräfte hervorzurufen, denn mit dem Deduktiven, mit der Ratio stehen wir an. Um in etwas Neues hineinzugehen, braucht es etwas zutiefst Kreatives, Schöpferisches. Das geht nicht mit dem Kopf. Das Denken ist zu begrenzt. Kunst liefert einen Zugang. Sie lässt eintauchen in Urschichten, in die Leere, lässt erstmal alles verlieren, alle Konzepte, alle Bilder, alles. Sie geht in den Raum, in dem es möglich ist, sich mit allem, was war, was ist und was sein wird, mit allem, was sich erst im Bereich des Möglichen befindet, mit allen Samen und ihrem Potenzial in Verbindung zu setzen. Kunst ist die allen innewohnende Möglichkeit, Leben kreativ zu gestalten. Sie ist der schöpferische Akt des Gebärens. Dadurch wird es möglich, in neuen Zusammenhängen zu denken. Auf diese Weise können die Antworten gefunden werden, die es braucht. Die Lösungen, die sich zeigen, werden vielleicht unerwartet sein.

Schamanische Kunst & Heilkunst
Das Lebensrad
Osten, Gelb – Geburt, frühe Kindheit
Süden, Rot – Kindheit, Jugend
Westen, Schwarz – Jugendliche und junge Erwachsene
Norden, Weiß – reife Erwachsene, frühe Älteste
Osten – Ältestenschaft und Tod

Ich gebe meinen Fragen ein Lied

Wenn ich nirgendwo mehr Antworten finde, beginne ich zu tanzen und zu singen. Interessanterweise ist es vor allem das am meisten beschädigte meiner Heilwerkzeuge – die Stimme – das mich am weitesten trägt. Ich besinge meine Wunden, gebe meinen Fragen ein Lied, öffne mir mit den Tönen neue Räume. Und weil ich aus Bayern komme, habe ich mir das Jodeln wieder angeeignet und die schamanischen Gesänge der Alpen gefunden. Im schamanischen Tanz oder Gesang lassen sich die Türen wieder öffnen. Es ist, als ob brackigem Wasser Frischwasser zufließt oder ein fast ausgegangenes Feuer angefacht wird, damit es nährt, wärmt, transformiert. Kunst heilt, wenn sie einen authentischen, freien Ausdruck findet. Kunst ist eine Wissenschaft des Heilens. Sie versteht es, in einem rituellen Akt ganzheitlich zu transformieren. Das kreative Potenzial entdecken bedeutet, die inneren Ressourcen zu nützen, die Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. In Bildern, Klängen, Tänzen kann sich das tiefste Wesen ausdrücken und Freiheit erfahren. Wenn wir die Schöpfungskraft locken und der Kreativität im magischen Ritual Ausdruck verleihen, wenn wir in tiefster Eigenmacht unsere Wirklichkeit gestalten, dann wird das automatisch auch eine Heilarbeit sein.

Wenn ich meine Spielräume erweitere indem ich die begrenzten Räume und ihre Enge verlasse, dann kann sich eine geschlossene Situation wieder öffnen. Dann kann ich Neues entdecken, neue Lösungen finden, neue Handlungen erproben. Aus magisch-schamanischer Sicht sind Kunst und Leben eins. Kunst animiert und beseelt, sie gibt Impulse und Kraft. Die heiligen Künste sind Seelenmedizin, sie bringen alles zusammen. Sie haben die Kraft, die vorherrschenden Normen zu hinterfragen und andere Strukturen, Werte oder Identitäten zu erschaffen. Zum Beispiel die einer anderen Identität von mir als Frau, als Kunstschaffende, Lehrende oder Forscherin. Wenn sich Lebenslust, Kunst und Heilweise miteinander entfalten, können ungeahnte Entdeckungen gemacht werden. Das Feld der Ermächtigung tut sich auf.

»Wann hast du aufgehört zu tanzen? Wann hast du aufgehört zu singen? Wann hast du aufgehört, dich von Geschichten verzaubern zu lassen?«
Gabrielle Roth

Hätten wir das Schulsystem gesprengt?

Da könnten wir Fragen stellen. Ist es das, was nicht passieren sollte? Damals – knarzend, nagualreisend, traumtänzerisch sicher, verrückt getanzt, Geistertiere malend – hätten wir das Schulsystem gesprengt? Die starren Strukturen in Gefahr gebracht? War unsere Kreativität so gefährlich, so unbequem? Ist sie das auch heute noch?
Sich mutig den Raum nehmen und sich neu erfinden. Es wagen, neue Wege zu gehen und unbekannte Länder zu bereisen. Lustvoll das erwecken, was an Potenzial in einem ist. Niemandem gefallen müssen. Einfordern, was zu einem gehört, immer schon, was längst da ist. Erneuern, was man als Kind begonnen hat an wildem, freiem Sein. Auf die Visionen hören und erfahren, was sich durch uns gebären will. Bei vielen Indigenen gehört Kunst zum Heilen. Heilung, Kunst und Kultur sind für sie untrennbar. Der bewusste Einsatz von Ritualen, die künstlerischen Elemente im Ritual, das Verwandeln von Wunden in Kraft, das ist Heilkunst. Kunstschaffen kann ein heilerischer Akt des sich Verbindens, der Hingabe sein. So werden Weisheit, Lebenskraft, Sinnlichkeit und Schöpfungsintelligenz ins Bewusstsein integriert. Wenn sich etwas verkörpern darf, im Tanz, im Gesang oder Bild, dann wird es gesehen, erlebt und kann sich integrieren. Es ist nicht länger abgeschnitten. Was ist, darf sein, was sein darf, wandelt sich. Auf diese Weise heilen wir uns schöpferisch.

Cambra Skadé

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Aus dem Heft connection Schamanismus 5

   
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