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Was im Neo-Schamanismus wirklich neu ist

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Was im Neo-Schamanismus wirklich neu ist
flickr.com © superde1uxe

Von der Göttin zum Gott zum Gemeinsamen

Definitiv haben die Jahrtausende der Unterdrückung im Patriarchat viel Schaden angerichtet in der Welt und in unserem kollektiven Unterbewusstsein. Wahrscheinlich stimmt es auch, dass die Vorzeit eine Zeit des Matriarchats war. Aber was jetzt? Wie können wir nun zu einem neuen, gleichberechtigten Miteinander finden, einem Miteinander von Mann und Frau und Mensch und Natur, obwohl es dafür doch keine brauchbaren Vorbilder gibt, die uns leiten könnten?

Immer wieder wird die Frage diskutiert, ob der globale Kern des Schamanismus eine weibliche Wurzel habe. Vieles scheint tatsächlich darauf hinzuweisen. In diversen kulturellen Ausprägungen des überlieferten Schamanismus gibt es Erscheinungen, die man dahingehend interpretieren könnte, dass Männer in der Rolle der Heiler, Ritualleiter und Mittler zwischen der menschlichen und geistigen Welt bewusst das Aussehen und den Habitus von Frauen imitieren. Dazu gehören weibliche Kleidung, in die sich männliche Schamanen gewanden, besonderer Schmuck und Haartracht, aber auch deutlichere Verhaltensweisen wie die öfters in verschiedenen Kulturen erwähnte Heirat und das Zusammenleben mit einem anderen Mann.

Auch verschiedene Rituale, wie z.B. die indianische Schwitzhütte, werden gelegentlich als Ersatz der Männer für die ihnen fehlende weibliche Mondblutung gedeutet. Der Sonnentanz soll Männer in den Schmerz initiieren, da sie nicht wie Frauen ein Kind gebären können und so durch die Natur selbst initiiert werden.

Man könnte diese Hinweise durchaus als Versuch verstehen, als Mann Anteil zu erlangen an einer besonderen Kraft, die dem Weiblichen zugeschrieben wurde. Und das ist nicht verwunderlich: Ist es doch immer die Frau, die auf geheimnisvolle Weise durch ihren Mondzyklus mit dem Wachsen und Schwinden des Mondes, des hellsten Himmelskörper am Nachthimmel, verbunden ist, und die das Geheimnis des Gebärens von allem neuen Leben ist, an ihr hängt der Fortbestand der Gemeinschaft! Auch die besonderen intuitiven Heilkräfte der Frauen, die in vielen indigenen Traditionen in ihrer zweiten Lebenshälfte als Heilerin initiiert werden konnten, meist mit viel kürzerer Ausbildungszeit als die Männer, dürften Eindruck im kollektiven männlichen Bewusstsein hinterlassen haben.

Spurensuche

Wenn wir von solchen Erscheinungen sprechen, befinden wir uns in einem Zeitraum von vor ein- bis etwa fünftausend Jahren. In diesem Zeitraum ist die spirituelle Kunst weltweit voll von Götterfiguren, die sowohl männliche wie weibliche Archetypen abbilden – mit einem deutlich zunehmenden Schwerpunkt auf dem Männlichen. In den weiter zurückliegenden Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte dagegen dominieren die weiblichen Götterfigurinen – das männliche Pendant taucht höchstens noch ab und an in symbolischer Gestalt als gehörntes Tier auf. Diese Dominanz weiblicher Darstellungen der sogenannten Großen Göttin wird von vielen als Beleg für ein früh- und steinzeitliches Matriarchat gedeutet. Dass die weibliche Kraft damals so unterdrückt und entwertet wurde wie bekanntermaßen in den darauf folgenden Zeiten, ist kaum vorstellbar. Anscheinend ist es tatsächlich so, dass nach einer langen Zeit, in der die Göttin im Mittelpunkt der Verehrung stand, ein fast globaler kultureller Wechsel erfolgte hin zur Dominanz des Männlichen und eines patriarchalen Gottes- und Gesellschaftsbilds.

Warum und wie genau dieser Umschwung vonstatten ging – er zog sich sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende hin –, liegt weitgehend im Dunkel unseres kollektiven Bewusstseins. Oft genannte Mythen wie »Die Männer hatten langsam genug von Unterdrückung« oder von der bösen Invasion der indogermanischen Jägervölker, die die friedlichparadiesischen matriarchalen Ackerbauer niedermeuchelten, sind keine befriedigende Erklärung, wie es letztlich zu einem solch fundamentalen Umschwung kommen konnte.

Wie auch immer das im einzelnen vor sich ging: dass wir heute global unter einem fundamentalen Ungleichgewicht zwischen der männlichen und weiblichen Kraft leiden, ist inzwischen allgemein bekannt. Dieses Ungleichgewicht drückt sich im Zwischenmenschlichen in der Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen aus, bis hin zu ihrem teilweise massiven Missbrauch. Es zeigt sich aber auch in der schwierigen Beziehung zwischen Mensch und Erde, in der gnadenlosen Ausbeutung der Natur, der fortschreitenden Umweltzerstörung, dem rasanten Artenschwund und unserer Entfremdung von den natürlichen Zyklen. Die Erde an sich aber, Mutter Erde, ist synonym mit der weiblichen Kraft. Wie alles Weibliche wird sie unterdrückt und missbraucht.

Früher war unsere Erde gleichbedeutend mit der Großen Muttergöttin, der Spenderin allen Lebens, der großen Ernährerin

Gaia, unsere Erde

Früher war unsere Erde gleichbedeutend mit der Großen Muttergöttin, der Spenderin allen Lebens, der großen Ernährerin. Sie wurde verehrt, besungen und gefeiert in Jahreszeitenfesten, Umzügen und Zeremonien. Gäa oder Gaia nannten die alten Griechen die Urmutter, aus der alle anderen Götter geboren wurden. Ihr Name ist indogermanischen Ursprungs und bedeutet tatsächlich »Gebärerin«. Den Menschen war weitgehend bewusst, dass sie Kinder der Erde sind und auf Gedeih und Verderb abhängig von ihr. Dieses Bewusstsein ist uns in unserer »Zuvielisation« abhanden gekommen. Im Schamanismus und seinen immanenten Wertesystemen lebt dieses Bewusstsein weiter. Die Wiederkehr des Schamanismus sehe ich in deutlichem Zusammenhang mit dem Entstehen der Grünen, der Umweltbewegungen in der westlichen Welt und dem Aufkommen von neuer, individuell gewählter Spiritualität. In schamanischen Weltbildern hat das Weibliche neben dem Männlichen (oder umgekehrt?!) seinen selbstverständlichen Platz. In vielen indigenen Kulturen sind Männer und Frauen zwar nicht gleichberechtigt in dem Sinne, dass jeder dieselben Aufgaben und Pflichten hat, aber sie sind gleichwertig, gleich viel wert. Und darum geht es doch vor allem! Wenn wir im industrialisierten Westen noch die individuelle Freiheit hinzufügen, dann sollten wir doch alle Möglichkeiten haben, das Gerangel um männliche oder weibliche Vorherrschaft zu beenden.

Alle mir bekannten schamanischen Weltbilder tragen in sich das große Geheimnis der Dualität als Grundlage des materiell manifestierten Lebens: Tag und Nacht, Sommer und Winter, hell und dunkel, Feuer und Wasser, Yin und Yang, Impuls und Manifestation, oben und unten, innen und außen, materiell und geistig, männlich und weiblich. Nicht gleich, aber gleichwertig. Eines kann ohne das Andere nicht existieren. So selbstverständlich ist diese fundamentale Einsicht, dass sie selten explizit erwähnt wird. Natürlich braucht eine ausgeglichene Gesellschaft beides!

Weiblich – was ist das?

Seit den 20er Jahren und verstärkt seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen die Frauen der westlichen Länder sich gegen die Vorherrschaft des Patriarchats und ihre eigene Unterdrückung und Herabstufung als minderwertige Wesen zu wehren. Sie besannen sich auf ihre Kräfte und haben bis heute viele Domänen traditioneller Männlichkeit erobert, sind in Politik und Wirtschaft (wenn auch immer noch zahlenmäßig gering) vertreten, und viele junge Frauen stehen heute »ihren Mann«. Aber genau da sehe ich das Problem: Trotz 50 Jahren erfolgreicher Emanzipation und Frauenbewegung wissen wir heute kaum mehr als damals, was eigent - lich weibliche Kraft ist. Die Frauen haben ihre eigenen männlichen Kräfte entwickelt, sind durchsetzungsfähig, karriereorientiert, leis tungsgerecht geworden und suchen Anerkennung auf den männlichen Gebieten des Seins. Was aber ist wirkliche weibliche Kraft? Sind Merkel, Schröder, von der Leyen noch weibliche Frauen, die aus ihrer weiblichen Kraft neue Impulse in die Politik bringen? Sollte ich da etwas übersehen haben? Was ist es, was uns verloren ging vor Jahrtausenden? Warum ehren wir Familie und Mutterschaft nicht mehr, brauchen Kitas, Vollzeitbetreuung und Elterngeld für alle? Was wurde so gründ lich unterdrückt, entwertet, verboten und im patriarchalen Gottesbild vermännlicht, dass wir es scheinbar komplett vergessen haben? Was bedeutet positive Weiblichkeit, Mütterlichkeit, Weichheit, Intuition? Was ist wirklich nährend und haltend und weise und dunkel und tief?

Ich glaube, wir stehen erst am Anfang der notwendigen gesellschaftlichen Transformation unserer überkommenen Bilder von männlich und weiblich. Und auch wenn manche Frauenbewegten immer noch ein neues Matriarchat herbeisehnen – verständlich als Ausgleich –, stehen wir doch am Anfang einer ganz neuen Zeit. Wir haben mit der uns erarbeiteten Freiheit im Männer- wie Frauenbild und in der Rollenverteilung eine große Chance auf etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes. Nicht nur auf Gleichberechtigung, sondern auf ein wirkliches Miteinander von Mann und Frau als heiliges Paar.

Was im Neo-Schamanismus wirklich neu ist
flickr.com © nicolafchild

Fehlende Vorbilder

Es gibt in der menschlichen Geschichte kaum Vorbilder oder Ideen, wie so etwas wirklich aussehen kann und wie sich das anfühlt. Seit Jahrhunderten sind Beziehungen fast immer von Konflikt, Verzicht oder Auseinandersetzung geprägt, trotz manchmal zugrundeliegender Liebe. Zu tief sind die Verletzungen der Frauen im kollektiven Gedächtnis, zu groß auch die Ängste der Männer. Wie können wir uns begleiten, wie fördern und stärken, wie einander wirklich ergänzen? Wie endet der Jahrtausende währende Kampf zwischen Männern und Frauen? Wo gibt es Vorbilder?

Warum ehren wir Familie und Mutterschaft nicht mehr, brauchen Kitas, Vollzeitbetreuung und Elterngeld für alle?

Bei der Beschäftigung mit den alten Götterbildern vergangener Kulturen ist mir in diesem Zusammenhang aufgefallen, dass es kaum Statuen oder Abbildungen gibt von Paaren. Entweder sind es Götter oder Göttinnen, letztere manchmal mit Kind (oder einem erwachsenen Sohn). Aber kein Altar, der einem Götterpaar opfert, kein Bild, das wirklich Liebende zeigt. Die einzige mir bekannte Ausnahme finden wir in Indien, in der tantrischen Figur von Shiva und Shakti oder auch von Krishna und einer Gespielin (wobei die wiederum auch nicht gleichberechtigt ist). Vielleicht erklärt das auch das Faszinosum der alten tantrischen Traditionen, die wie der Schamanismus im Westen eine neue Blüte treiben. Diese fehlenden Götter-Paar-Bilder aber weisen auf fehlende Bilder in unserer kollektiven Seele hin, denn diese ist der Ursprung aller gestalteten Kunst. Die neuere weltliche Kunst der letzten Jahrhunderte ist voll von Liebespaaren – ist es jetzt vielleicht an der Zeit, diese Bilder zu heiligen, sie zu unseren inneren Götterbildern zu machen?

Mir ist natürlich bewusst, dass Bilder und Statuen noch keinen Wandel darstellen. Aber sie symbolisieren den Zustand der kollektiven Erkenntnis. Unsere Mutter Erde, die alte Große Göttin, die urweibliche Kraft liegt unter abertausenden patriarchaler, christlicher Kreuze wortwörtlich gekreuzigt. Unter Kreuzen, die bei uns jeden Hügel, jeden Berg, jede Wegkreuzung markieren und so die fortdauernde Dominanz der christlichen Macht und Moralvorstellung anzeigen. Genau so fehlen in unseren Kirchen, Tempeln, Schulen und auf unseren Altären Bilder eines gleichwertigen und liebevollen Miteinanders von Mann und Frau, von Gott und Göttin, vom heiligen Paar.

Seit Jahrhunderten sind unsere Beziehungen fast immer von Konflikt, Verzicht oder Auseinandersetzung geprägt, trotz manchmal zugrundeliegender Liebe

Nun, was kommt zuerst? Schaffen Bilder Bewusstsein? Oder neues Bewusstsein neue Bilder? Wandel findet immer auf allen Ebenen gleichzeitig statt, weder die Henne noch das Ei kommt zuerst. Neoschamanische Weltbilder beinhalten diese Gleichberechtigung. Im Kreis des Lebens- oder Medizinrads ergänzen sie sich schon immer ganz selbstverständlich zu einem Ganzen. Sie stehen sich gegenüber und sind doch miteinander verbunden, ohne Anfang und ohne Ende. Möge da keiner behaupten, dass darin hierbei wieder Rollenbilder festgeschrieben sind! Denn Männer können sich beim Medizinrad auf die weibliche, Frauen auf die männliche Seite stellen, ganz wie sie wollen oder wo sie sich am wohlsten fühlen. Denn auch darum geht es: uns wohl zu fühlen als Mann wie als Frau, und vor allem: miteinander. Es mag ein langer Weg sein dahin, aber lasst uns die Hoffnung nicht verlieren und immer wieder neu anfangen, auf dem Weg hin zu etwas ganz Neuen: Mann und Frau als Paar in Harmonie und Balance miteinander und mit ihrer Umwelt.

Gerhard Popfinger

Gerhard Popfinger (Walking Mirror) leitet, meist zusammen mit seiner Partnerin, schamanische Seminare, Schwitzhütten, spirituelle Reisen. Mit Freunden leitet er Gruppen und Visionssuchen für Männer. www.kreiszeit.de, www.männerzeit.de

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