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Shivas Tanz

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Shivas Tanz
© Dieter Schütz pixelio.de

Tiefenökologie und Spiritualität begegnen sich im Bild des Gottes als Tanzendem

Im Bild von Shiva als Tänzer – der Welt als tanzender Gott – ist der unaufhörliche Wandel einander abwechselnder Formen aufs schönste verdichtet. In diesem Tanz wechseln auch Lust und Schmerz, Erregung und Stille einander ab – und wer bei beidem Zeuge sein kann, ruht

Alles tanzt. Rhythmisch sich ausdehnend und wieder zusammenziehend, pulst das Universum in ungebrochener Bewegung. Planeten wie die Erde drehen sich um sich selbst und umkreisen dabei riesige Sonnen, welche wiederum in phantastisch anmutenden Zeit-und Raumdimensionen Galaxien ausbilden, die in den Tiefen des Weltalls von Ewigkeit zu Ewigkeit schwingen. Übersetzt man die Frequenzen solcher Schwingungen in den menschlichen Hörbereich, dann kann man beispielsweise jedem Planeten unseres Sonnensystems einen bestimmten Klang zuordnen. Das All ist Klang, die Bewegung hörbar, so drückte Joachim-Ernst Behrendt diese Beziehung aus. Ebenso tanzen Elektronen und Neutronen im mikrokosmischen Bereich um Atomkerne, und der Flügelschlag eines Schmetterlings mag zum Auslöser großer Gewalten werden, behaupten die Ökosystemiker. Wer einmal die Schönheit der Paarungstänze der Kraniche gesehen hat – und sei es nur im Film – die anmutigen Balzflüge vieler anderer Vogelarten, die lustvoll-aufgeregten Wirbel sich umkreisender Schmetterlinge, den wie ein Gebet senkrecht aufsteigenden Gesang der Lerchen über frühlingsgrünen Feldern, – wer dies mit allen Sinnen wahrgenommen hat, dem wird das Bild vom Tanz der Natur leicht eingehen. Von der gerade zitierten Tierwelt bis tief in den religiösen Kosmos der verschiedensten Kulturen: Es ist ein Tanz, was die Welt da aufführt!

Shivas Tanz

Shiva, neben Vishnu und Brahman eine der drei großen Gottheiten der indischen Dreifaltigkeit, in seinem weiblichen Aspekt als Kali, der schwarzen Göttin, zertanzt er in rasender Leidenschaft die Welt, um sie anschließend aus dem Urquell seiner reinigenden spirituellen Kraft in aller Schönheit wieder neu entstehen zu lassen. Hier erscheint der Tanz im Gleichnis eines universalen apokalyptischen Feuers, das im Wirbel seiner kosmischen Energiepotentiale alle Schlacken des (menschlichen) Geistes, alle seelischen Verhärtungen einschmilzt zugunsten einer jungfräulichen Wiedergeburt. Solche uralten religiösen An-Schauungen zielen auf den innersten Kern einer meta-physischen Wahrheit, der sich die Naturwissenschaften nur nach zahlreichen Umwegen und unter größten Wehen anzunähern vermochten: dass das Universum nämlich, unabhängig von Evolution und Funktionalität, eine jederzeit freischwingende, allen bloß biologischen Sinn überragende geistige Essenz zum Ausdruck bringt – die ebenso stille wie ekstatische Hingabe an die Bewegung, die manchmal als chaotisch erscheint und dann wieder in vollendeter Schönheit in den Formen der Natur.

Im Islam deuten die geheimnisvollen Drehtänze der Sufis in ihrer berückenden Anmut auf diese Weisheit der Natur. In schweigender Verzückung wirbeln die Tänzer in ihren schwarzen, weiten Roben und großen Hüten still um eine unsichtbare Mitte, gleich unserer Erde, die um sich selbst rotiert (der Tanz von Tag und Nacht) und sich zugleich um unsere Lebensquelle dreht, die Sonne (der Tanz von Sommer und Winter). Entrückt und doch ganz präsent drehen sich diese Tänzer im Raum – nun sind sie selbst zum großen Gebet, zum Abbild des kosmischen Reigens geworden. In solchen bewegten Formen des Gebets leuchtet die schon in der Antike von Pythagoras beschworene Harmonie der Sphären ebenso sinnlich wie subtil aus der menschlichen Gebärde hervor.

Hier treffen sich tiefenökologische Betrachtung und spirituelle Einsicht: Maya, die Täuschung der Formenwelt, ist pure Freude, ja Glückseligkeit, das heißt der Geschmack der Liebe in ihrer reinsten Form

Die Wunder der Natur

Adolf Portmann, der große, in seiner Zeit oftmals verkannte Biologe und Mitbegründer einer modernen Morphologie, nannte das Staunen über die unermessliche Vielfalt der Farben und Formen in der Tier-und Pflanzenwelt eine unverzichtbare Voraussetzung wissenschaftlicher Forschung. Er war überzeugt, dass die Komplexität der Muster (z.B. auf einem Tierfell) niemals mit der Erklärung ihrer Funktion (das Fellmuster etwa als Tarnung) befriedigend zu würdigen sei. Es bliebe, meinte er, jenseits aller Funktionalität, ein Überschuß an Formvielfalt, ein großer Rest, der nicht aufginge im wissenschaftlichen Erklärungsmodell. Das Spiel der Erscheinungen, ähnlich der menschengemachten Mode, lebt aus einem Mehr, dass den Gesetzen der Logik zu widersprechen scheint. Die Evolution, im alten Sprachgebrauch die Schöpfung, beliebt also zu spielen und Schönheit zu produzieren aus keinem anderen ersichtlichen Grund als dem der Schönheit selbst.

In den östlichen Religionen spricht man von der Maya, dem Täuschungscharakter der Formenwelt, sofern man ihre Essenz nicht erkennt. Diese, und hier treffen sich tiefenökologische Betrachtung und spirituelle Einsicht, ist pure Freude, ja mehr, nämlich Glückseligkeit, das heißt der Geschmack der Liebe in ihrer reinsten Form. Der erste materielle Abdruck solcher Ekstase ist eben Schönheit als objektive Lebensgestalt, vergänglich in ihren einzelnen Erscheinungsformen, doch ewig in ihrer Potenz. Das zweite thermodynamische Grundgesetz der Physik, dass von der Entropie aller Materie, also ihrer kontinuierlichen Auflösung handelt, ist in dieser anderen Wahrheit aufgehoben: Die Schöpfung ist in jedem Moment unauslotbar neu und unvorhersehbar, der Kreislauf der Formentfaltung birgt immer wieder Unvorhersehbares. Die Evolution ist ein Spiel mit unendlich vielen Facetten, und das Bewusstsein ist Tänzer und (im menschlichen Raum) Zuschauer zugleich. Shiva ist das Auge des Zyklons, und die Wirbelstürme an seinen Rändern sind die Geburtswehen seiner (weiblichen) Schöpferkraft. Was geboren wird, muss sterben, so wie der Sufitänzer sich mitten im Reigen abrupt zu Boden fallen lässt – gestorben, besser gesagt: eingegangen in den Schoß der Erde.

Shivas Tanz
© Tevlikret photocase.com

Innen und außen

So gewinnt gerade in der Tiefenökologie die Perspektive des Tanzes eine hervorragende Bedeutung. Angesichts der Erfahrung in Biologie und Physik wie auch der systemischen Theorie, dass es notwendig geworden ist, in Begriffen von Feldern, Räumen und Ereignissen zu denken statt von Fakten und Ursachen zu sprechen, zeigt sich die Einheit des Lebendigen in seinen kontinuierlichen Übergängen von innen (Schönheit/Ekstase, Bewusstsein) nach außen (Form, Funktion, Gestalt) und umgekehrt. Diese Bewegung erinnert an die berühmte Möbiusschleife, in der beide Qualitäten sich ad infinitum miteinander verquicken. Die moderne Tiefenpsychologie sagt daher, dass das menschliche Bewusstsein seinem Umfeld gleichzusetzen sei, dieses sozusagen im jeweiligen individuellen Handeln sichtbar werden lassend. Person und Umwelt bilden demgemäß eine stetig in- und auseinderfließende Bewegung, wie zwei Tänzer im Tango, wo Führung und Hingabe, erst wenn sie zusammenkommen, ein harmonisches Ganzes ergeben. Statt Hingabe spricht man in der Tiefenökologie von Resonanz. Als ein hochsensibles Schwingungsphänomen begriffen, geht Resonanz weit über jedes Reiz-Reaktionsschema hinaus: Sie beinhaltet die Fähigkeit zum Dialogischen und damit zur schöpferischen Offenheit. Umwelt ist Mitwelt und Inwelt – ein unaufhörlicher, energetischer Strom von Übergängen und Wandlungen, die sich in seelischen Stimmungen und Gefühlsregungen ebenso ausdrücken wie in meinen Handlungen im natürlichen und sozialen Umfeld, also der sogenannten Außenwelt. Leben bewegt sich in einem Innen-Außen-Kontinuum; je bewusster diese doppelte Bewegung dem Individuum wird, desto voller kann sich sein ihm geschenktes, natürliches Tänzertum entfalten.

Im Bild des Tanzes zeigt sich eine uralte spirituelle Wahrheit in neuem Gewand: der Mensch im Balanceakt zwischen Himmel und Erde, zwischen irdischen und kosmischen Energien, schließlich als Zeuge und Zeugender im Prozess der Evolution

Im Bild des Tanzes und des Tänzers gewinnt die Tiefenökologie eine uralte spirituelle Wahrheit in neuem Gewande zurück: der Mensch im Balanceakt zwischen Himmel und Erde, der Mensch als Mittler zwischen irdischen und kosmischen Energien, und schließlich der Mensch als Zeuge und Zeugender im Prozess der Evolution. Was ist die Liebe zur Natur anderes als der staunende Blick nach einem Berggipfelanstieg oder am Rande eines Meeresufers, oder im Anblick einer Pflanzenblüte? Was anderes also als das geöffnete Auge für das Gegenüber des Lebens, das ich in solchen Augenblicken zutiefst als das meinige empfinde? Solche Naturbetrachtung hat oft zur Mystik geführt. Diese ist nichts Verschwommenes, sentimental Romantisches, sondern eine Klarschau dessen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«. In dieser Hinsicht ist jeder zum Forscher seiner individuellen wie weiteren Natur aufgerufen, und, so er sich traut, zum Tanz Shivas.

Dr. Peter Erlenwein

Dr. Peter Erlenwein, Soz.wiss. und Autor ist seit mehr als 20 Jahren in Körperpsychotherapie, Tanz, interreligiöser Begegnung, Gestalttherapie und der Friedensarbeit aktiv. Tätigkeiten als Gastprofessor in Pune, Indien, Dozent an der FH Rosenheim und Lehrbeauftragter am C.G.Jung Institut, Zürich. Begründer des Instituts für integrale Entwicklung.

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