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Bodypainting

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Bodypainting
Foto: Peter Engelhardt

Welche Farbe hat die Göttin?

Sie wollte ausprobieren, wie es ist, mal die alte Haut hinter sich zu lassen und ganz neu dazustehen, nackt und zugleich angezogen. Und so zog sie sich eines schönen Tages an einem stillen See splitternackt aus und ließ den Göttinnenmaler Peter Engelhardt ihre Haut als Leinwand nehmen

Manchmal male ich mir Symbole auf verdeckte Körperstellen, wenn ich vor einer Herausforderung stehe und nicht weiß, ob ich es schaffen werde – es schaffen werde, mich zu zeigen, egal was andere (und ich selbst!) darüber denken könnten. Meist male ich da schlangenähnliche Gebilde; irgendwie bestärken die mich tatsächlich. Nun ließ ich mir spontan vom Künstler und »Göttinnen-Bilder-Maler« Peter Engelhardt meine gesamte Haut mit Farben und Mustern bemalen. Die Wirkung hat mich selbst überrascht. Ort und Zeit des Experimentes fanden sich von ganz allein: ein stiller See am späten Vormittag. Während mein Körper bemalt wird, bemerke ich die beginnende Veränderung in mir. Es prickelt, und gleichzeitig werde ich immer ruhiger, fühle mich ganz anders an.

Bodypainting
Foto: Peter Engelhardt

Stark und doch geschmeidig

Beweglichkeit war mein inneres Bedürfnis, Biegsamkeit, Leichtigkeit und innere Freiheit. Mich bis zum Boden neigen und wieder zurück zum Himmel strecken, mit Leichtigkeit im Wind wiegen, Sturm und Regen trotzen und einfach verwurzelt stehen bleiben, weder brechen noch kippen. Stark sein und doch geschmeidig bleiben, frei sein und voller Leben – wie die Birke, wie das Schilf im Wind ... all das gab es hier. Zwei Stunden später sind meine Haut & Haare grün, schwarz und weiß bemalt, und es fällt mir plötzlich leicht, die »alte Haut« zu vergessen, sie hinter mir zu lassen und aus ihr herauszutreten. Ich fühle mich zunehmend befreit, verlasse die, die ich glaubte zu sein oder sein zu müssen, und erkenne mich nicht mehr. Wie erleichternd! – Ich bin einfach nur da, ohne etwas zu sein. Aus dieser Ruhe heraus entstehen langsame Bewegungen. Ich ziehe in meinen Körper ein, probiere mich aus, staune und freue mich wie ein Kind.

Nackt und angezogen zugleich

Es ist, als hätte ich eine Tarnkappe auf, durch die ich nun tun und lassen kann, was ich will. Niemand sieht mich, auch mein eigener innerer Beobachter nicht. Dabei habe ich in Wirklichkeit gar nichts an – ich bin nackt und angezogen zugleich. Ich bin voller Tarnung und gleichzeitig nicht mehr getarnt. In mitten der Natur komme ich wieder in Kontakt zu Aspekten meiner eigenen inneren Natur. Die Bewegungen werden fließender – sie fließen aus mir heraus – ich selbst fließe aus mir heraus und in mich hinein. Die Kamera ist bald vergessen, der fremde Mann hinter der Kamera ebenfalls. Ich bin einfach nur da – ganz allein mit mir – leer und voll und frei fließend.

»In diesem Moment bin ich vollkommen – schön, stark, frei und grenzenlos glücklich«

Umstülpung von innen nach außen

Es fühlt sich an wie eine Umstülpung von innen nach außen. Die Farbe auf der Haut lässt aus dem Inneren etwas tief Verborgenes und Kraftvolles in mir aufsteigen. Erinnerungen? Es gibt weder eine Idee noch ein Konzept, nichts, was mein Verstand ausfüllen oder beeinflussen könnte – es gibt keine Rolle und dadurch keinerlei Orientierung. Das Gefäß –mein Körper – füllt sich einfach selbst von innen heraus, wie ein Funke, der explodiert und sich zu einer goldenen Flüssigkeit ausbreitet, die sich langsam und geschmeidig in mir bewegt. Bin ich nun selbst ein Bildnis der Göttin? Der Göttin in mir? Ich weiß nicht, wer oder was ich bin, und es ist auch nicht wichtig; ich fühle mich einfach nur – in diesem Moment bin ich vollkommen – schön, stark, frei und grenzenlos glücklich. Ich atme es tief in mich hinein – wie den Geruch eines geliebten Menschen –, damit ich mich daran erinnern kann, auch wenn die Farbe längst wieder abgewaschen ist. Ich möchte dieses Gefühl immer wieder wachrufen können, bis es sich in mir verwirklicht hat und immer da ist. Im Nachhinein ist es lustig, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen, bevor dieses Erlebnis stattfand: »Oh Gott!!! Ich müsste doch eigentlich noch ein paar Kilos loswerden« und »Ich müsste schnell noch ganz viel Sport machen, damit der Körper straffer wird!« Letztendlich tat ich gar nichts, weil alles so schnell geschah. Wenn ich nun die Bilder betrachte, fühle ich mich weder dick noch schlaff. Das ist auch alles völlig egal, denn wir sind einfach wundervoll, so wie wir jetzt sind – tatsächlich!

Cornelia Wenzel

Informationen zum »Goddess–Bodypainting« und Kontakt zum Künstler Peter Engelhardt: www.diegoettin.com

Cornelia Wenzel, Jg. 70, lebt in Berlin, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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