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Uralt, grausam, antisexuell: die Beschneidung der weiblichen Genitalien

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Uralt, grausam, antisexuell: die Beschneidung der weiblichen Genitalien
Foto: flickr.com, gbaku

Die Praxis der Verstümmelung geht weiter - millionenfach

In den modernen Ländern der Welt hat die sexuelle Revolution trotz Kommerzialisierung den Frauen viele Freiheiten gebracht ihr Leben selbst zu bestimmen und auch sexuell zu genießen. Am anderen Ende dieser lichten Welt jedoch gibt es so etwas wie einen dunklen Kontinent, in dem an die 150 Millionen Frauen als genital Verstümmelte körperlich, psychisch und kulturell von diesen Freiheiten ausgeschlossen sind. Die Praxis ist uralt, wird meist rituell oder quasi-rituell vollzogen und erweist sich als nur schwer beeinflussbar. Auch heute noch werden mehr als zwei Millionen Mädchen jedes Jahr beschnitten, alle zehn Sekunden ein weiteres.

Nach einer Studie im Auftrag von Terre des Femmes aus dem Jahr 2005 sind 80 % der weltweit etwa 140 Millionen genital beschnittenen Frauen so verstümmelt, dass ihnen die Klitoris oder ein Teil davon entfernt wurde sowie die Schamlippen oder ein Teil davon (Typ 1 und 2, nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO, siehe unseren Infokasten auf S. xx). 15 % haben die Verstümmelung des dritten Typs erfahren, die "pharaonische", die eine Schließung der Scheide beinhaltet. In Ländern wie Eritrea, Dschibuti und Somalia wird ausschließlich der dritte, "pharaonische" Typ der Genitalverstümmelung durchgeführt.
Die Risiken dieses Eingriffs für die Frauen reichen von einer Infektion durch unhygienische Bedingungen, die allerdings mittels Anwendung der modernen Medizin zu bewältigen wären, bis zu Unfruchtbarkeit, psychischen Traumata, lebenslangen Schmerzen beim Urinlassen, im schlimmsten Fall bis zum Tod der Betroffenen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass 10 % der beschnittenen Frauen an daraus folgenden "akuten Konsequenzen" sterben, z.B. an Blutvergiftung oder großem Blutverlust; weitere 15 % sterben an langfristigen Schäden wie Komplikationen bei der Entbindung.

Eingriff ohne Anästhesie

In Ländern wie Eritrea, Dschibuti und Somalia sind fast alle Frauen »pharaonisch« verstümmelt, das heißt ihre Klitoris wurde entfernt und die Scheide verschlossen

Die Anwendung moderner Medizin ist eher im städtischen Milieu verbreitet und mit hohen Kosten für die Familie verbunden. Meist wird die Verstümmelung in einer unhygienischen Umgebung vorgenommen, mit kaum oder gar keiner Anästhesie, mithilfe vieler Frauen, die das Mädchen festhalten. Zu den häufige Folgen für Mädchen gehören in diesem Falle die unbeabsichtigte Verletzung der Harnröhre oder des Analschließmuskels, was in manchen Fällen zu Inkontinenz oder zu Ödemen mit späteren Folgen für das Urogenitalsystem führt. Infolge der unhygienischen Versuche, die starke Blutung zu stillen, kommt es oft zu der schon erwähnten Blutvergiftung, zu Wundbrand, Tetanus, Polio, Hepatitis oder HIV, vor allem dann, wenn die Instrumente für mehrere Beschneidungen verwendet werden. Besonders häufig treten die Infektionen im Bereich der Harnorgane auf, die Steine und Entzündungen im Nierenbecken zur Folge haben. Weitere Folgen sind Zystenbildungen und Erschwernisse im Zusammenhang mit der Menstruationsblutung.

Körperliche und psychische Folgen

Besonders für die infibulierten Frauen ("pharaonische Beschneidung") wird das Menstruieren danach oft zu einem Horrorerlebnis, mit starken Schmerzen und einer um Tage verlängerten Blutung. Infolge der Infektionen können sich die Eileiter verkleben, was wiederum zur Unfruchtbarkeit führt. Diese ist in den genannten Gesellschaften ein Grund zur Scheidung, was für die Frauen einer Katastrophe gleichkommt, da sie sozial und wirtschaftlich völlig durch den Ehemann definiert werden und von ihm abhängig sind. Die psychischen Folgen für die Betroffenen können sehr unterschiedlich ausfallen. Die WHO geht davon aus, dass die Traumatisierung der Frauen infolge der Verstümmelung der durch eine Vergewaltigung ähnelt. Alpträume, Schlaflosigkeit, Depressionen, Dissoziationen, Verhaltensstörungen, gestörtes Essverhalten, unberechenbare Aggressionen und häufige Suizidversuche können einer FGM folgen.
In manchen Gesellschaften wird von dem Mädchen oder der Frau verlangt, dass sie bei der Operation ihre Gefühle unterdrückt, da ihr Verhalten in dieser Situation als stellvertretend für ihre Persönlichkeit angesehen wird. Wenn das Mädchen schreit und seinen Gefühlen freien Lauf lässt, kann es passieren, dass das seinen Wert auf dem Heiratsmarkt senkt. Die Unterdrückung der Emotionen in dieser psychisch und physisch höchst dramatischen Situation fügt deshalb der physischen Verstümmelung oft eine psychische Deformation hinzu.
Häufig fühlen sich die Mädchen von ihren Verwandten im Stich gelassen und der Gewalt der Beschneiderin ausgeliefert, was die Vertrauensbasis für immer erschüttert, weil es als Verrat empfunden wird. Der Zwiespalt der Situation, dass das, was dem Mädchen so viele Schmerzen bereitet, von der Dorfgemeinschaft frenetisch gefeiert wird, kann ebenfalls psychische Störungen hervorrufen. Auch das Miterleben des Todes von nahen weiblichen Verwandten an den Folgen des FGM kann nur schwer verarbeitet werden, da das Thema weitgehend tabuisiert ist. Für viele Frauen bedeutet die Verstümmelung ein Leben ohne erfüllende Sexualität. Das ist wohl auch das, was dadurch kulturell intendiert wird. Für viele der so Verstümmelten ist der Geschlechtsverkehr eine Qual, die sie jedoch nicht verhindern können, ohne gesellschaftliche Sanktionen zu erfahren. Auch die Entbindung kann für die verstümmelten Frauen zu einem Risiko für ihr Leben und das des Kindes werden. Der Geburtskanal kann sich aufgrund der Vernarbung nicht ausreichend dehnen, was zu einer Verzögerung und einem möglichen Sauerstoffmangel für das Kind führen kann. Ein Gebärmuttervorfall und Inkontinenz bei der Mutter führt unter Umständen zu sozialer Ausgrenzung.

Statistik zur Beschneidung der weiblichen Genitalien

Wie viele sind es?

Nach den Schätzungen der WHO sind weltweit 130 bis 150 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten. Und es hört nicht auf: Jedes Jahr werden weiterhin Mädchen beschnitten, meist sind sie zwischen vier und zwölf Jahre alt. Die WHO schätzt die Anzahl der weiterhin neu Beschnittenen auf drei Millionen jährlich. Das sind mehr als acht tausend jeden Tag. Ungefähr alle zehn Sekunden wird ein weiteres Mädchen verstümmelt, rund um die Uhr, jeden Tag, jede Woche, das ganze Jahr lang. Etwa ein Viertel davon stirbt an den Folgen, die anderen drei Viertel haben ihr Leben lang mit den Folgen zu kämpfen.
Die Praktiken der Genitalverstümmelung von Mädchen werden in 28 afrikanischen Ländern ausgeführt: in Ägypten, Äthiopien, Benin, Burkina Faso, Dschibuti, Elfenbeinküste, Eritrea, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kamerun, Kenia, Demokratische Republik Kongo, Liberia, Mauretanien, Mali, Niger, Nigeria, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Tansania, Togo, Tschad, Uganda und der Zentralafrikanischen Republik, wobei die Verbreitung von Land zu Land stark variiert. In Ägypten sind 96 % aller 15 bis 49 Jahre alten Frauen beschnitten. In Kamerun sind es nur 1,4 %. Neben Afrika finden wir diese Praxis auch im Jemen, in manchen Regionen der Vereinigten Arabischen Emirate, im Irak, Iran, auf den Philippinen, in Malaysia, in Israel unter den äthiopischen Jüdinnen sowie in manchen Regionen Indiens und Pakistans.
6,5 Millionen der beschnittenen Frauen leben in Europa (Angaben nach www.graf-berlin.de/graf%20fgm.html). Für sie wurden die Beschneider entweder aus dem Heimatland geholt, oder es wurde jemand aus der gleichen Kulturgruppe angeheuert, der im Gastland im medizinischen Bereich beruflich Fuß gefasst hat. Oft werden die Mädchen aber auch für die Durchführung des Rituals in das Heimatland geschickt. Nach Einschätzung von Amnesty International leben in Deutschland 30 000 Migrantinnen, die beschnitten wurden, und Terre des Femmes schätzt, dass in Deutschland etwa 6000 Mädchen aktuell gefährdet sind verstümmelt zu werden. Er Eingriff ist hier zwar illegal, wird jedoch heimlich vorgenommen, man weiß nur nicht wie oft.

Ein altes Kulturgut (oder Kulturschlecht)

Der Beruf der Beschneiderin zählt in den betroffenen Kulturen zu den best bezahlten und ehrwürdigsten

Die Beschneidung wird gemäß der Tradition von Heilerinnen, Hebammen oder professionellen Beschneiderinnen ausgeführt. Deren Beruf zählt in den betroffenen Kulturen zu den best bezahlten und ehrwürdigsten. In manchen Regionen Afrikas sind es die Frauen von Schmieden, die zu Beschneiderinnen werden, man sagt ihnen Zauberfähigkeiten nach. Auch Barbiere und Medizinmänner tun es. In vielen Traditionen wird die Verstümmelung im Rahmen von Initiationsriten durchgeführt. In diesem Fall sind die Mädchen etwa 12 is 14 Jahre alt. Je nach Tradition ist der Zeitpunkt jedoch sehr unterschiedlich. In manchen Fällen wird der Eingriff gleich nach der Geburt vorgenommen, in anderen in der Pubertät, manche Frauen werden erst nach der ersten Entbindung beschnitten. Neuere Erhebungen ergaben, dass immer mehr Mädchen im Säuglingsalter oder frühen Kindesalter beschnitten werden: Je jünger das Kind, desto weniger muss ihm erklärt werden oder ist Widerstand zu befürchten.

Aus Ägypten über den Islam in die Welt

In Ägypten fand man das erste Zeugnis, das von der weiblichen Beschneidung spricht, auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v.u.Z. Viel früher schilderte bereits der antike Historiker Herodot seine Erkenntnisse bezüglich der weiblichen Genitalverstümmelung in Ägypten. Dieses Land scheint für uns die Ursprungquelle dieses archaischen Rituals zu sein. Die Statistiken von 2009 sprechen von 96 % genital verstümmelten Ägypterinnen zwischen 15 und 49 Jahren. Eine Theorie lautet, dass die Muslime bei ihrer Eroberung Ägyptens (um 640 n.u.Z.) die Praxis der Beschneidung in ihre Religion integriert haben und bei der Ausweitung ihres Machtbereichs über die Welt verbreiteten. Dabei fiel dieser Ritus, worum es dabei ursprünglich auch immer ging, vor allem in Afrika auf den fruchtbaren Boden einer unterentwickelten, archaischen und patriarchalen Gesellschaft.

Ethnisch gefangen

Die weibliche Genitalverstümmelung ist in den Ländern und Ethnien, wie sie praktiziert wird, ein Teil der Tradition. Wer sich der Tradition widersetzt, muss mit gesellschaftlichen Ausgrenzungen rechnen. In einer Gesellschaft, in der eine Frau alleine nicht überlebensfähig ist, lässt ihr das fast keinen Ausweg. Solange die betroffenen Gesellschaften keine Individualisierungstendenzen zeigen und die Frau keine ökonomische Unabhängigkeit erreicht, wird es vermutlich so bleiben. Die Vorstellung, dass die Sexualität der Frau nicht anders zu bändigen sei und die Familienehre allein durch die operative Zügelung in Form von FGM zu erreichen ist, begleitet diese Tradition.

Werkzeuge der Beschneiderinnen
Werkzeuge der Beschneiderinnen

In vielen Gesellschaften hält sich hartnäckig der Mythos von der Frau als Nymphomanin, die erst durch die Klitorisentfernung zu einer normalen Frau wird. Schon der byzantinische Arzt Aetios von Amida (um 600 n.u.Z.) beschrieb die Funktion der Beschneidung bei den Ägyptern als eine Methode der Zügelung des sexuellen Verlangens. In den heutigen Gesellschaften sind es vor allem die Schwiegermütter und die Väter, die am Bestehen des grausamen Rituals festhalten. Die ersten, weil sie so die Ehre ihrer Söhne zu schützen meinen, die Väter der Mädchen vor allem deshalb, weil die Mitgift mit dem Grad der Verstümmelung steigt.

Was der Islam dazu sagt

Auch die religiösen Autoritäten haben nicht immer ein Interesse daran, die bestehenden Traditionen zu ändern. Obwohl der Koran und die islamischen Überlieferungen (Hadithe) keine direkten Anweisungen zur Bescheidung geben, lassen sich die heiligen Sprüche doch so auslegen, dass die Verstümmelung gerechtfertigt wird. Unter den Frauen, die keine Bildung haben, die nicht mal lesen können, steht jedoch der Koran als eine Begründung der FGM hoch im Kurs, obwohl er dazu gar nichts sagt. Doch nicht die Religionszugehörigkeit, sondern die Zugehörigkeit zu einer Ethnie bestimmt, ob ein Mädchen beschnitten wird oder nicht.
Weil die meisten der beschnittenen Frauen Muslime sind, bringt man dieses Phänomen leicht mit dem Islam in Verbindung. Die Statistiken belegen jedoch, dass es nicht so einfach ist. In Gebieten wo die Vertreter einer bestimmten Ethnie leben und die Verstümmelung praktizieren, sind meist alle Mädchen betroffen, unabhängig davon, ob sie muslimischen, christlichen, jüdischen oder anderen Glaubens sind. 2005 veröffentlichten islamische Geistliche eine Fatwa (Rechtsgutachten) gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Somalia. Sie wiesen in ihren Untersuchungen nach, dass der Koran nirgendwo eine solche Praxis vorschreibt oder rechtfertigt und erklärten diese Grausamkeit als "unislamisch".
Auch in Ägypten kam es durch islamische Gelehrte zur Ächtung der Beschneidung, als auf Initiative der deutschen Menschenrechtsorganisation Target, religiöse Führer an der Azhar-Universität in Kairo mit internationalen Wissenschaftlern über die Problematik dieser Praxis diskutierten und sie verurteilten. Zwei Jahre später führten Proteste der breiten Öffentlichkeit anlässlich des Todes zweier Mädchen zu einer Gesetzesverabschiedung, nach der die Durchführung der weiblichen Genitalverstümmelung in Ägypten mit einer Strafe von drei Monaten bis zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von bis zu 900 US Dollar geahndet wird. Eine Gesetzeslücke blieb jedoch weiterhin bestehen: Bei "medizinischer Notwendigkeit" soll sie erlaubt sein. (Quelle: www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-laender-aegypten.pdf).

Die Klitoris ist giftig

In vielen Gesellschaften hält sich hartnäckig der Mythos von der Frau als Nymphomanin, die erst durch die Klitorisentfernung zu einer normalen Frau wird

Eine weitere irrige Annahme, durch die die Beschneidung legitimiert wird, ist die Krankheitsvorbeugung. In manchen Gegenden herrscht der Glaube, dass bei einer unbeschnittenen Frau die Gebärmutter herausfallen könne oder durch die weite Öffnung Insekten hineinkriechen könnten. Die Beschneidung wird zudem als allgemeine Erleichterung der Schwangerschaft und Entbindung hochgehalten. Eine magische Vorstellung geht davon aus, dass die Klitoris auf jeden und alles, mit dem sie in Berührung kommt, giftig wirkt. Um den Mann zu schützen, müsse man sie rausschneiden.

Initiation durch Beschneidung

Eine große Rolle spielt die Beschneidung in vielen Kulturen als Zeichen der Initiation des Mädchens in die Gemeinschaft als ein vollwertiges, heiratsfähiges Mitglied. In vielen afrikanischen Gemeinschaften wird der Übergang von Kindstatus zum Erwachsenenstatus von einer Reihe von Zeremonien begleitet. Meistens haben die Mädchen eine Zeit lang außerhalb des Dorfes zu leben und sich dem Unterricht durch ältere Frauen zu unterziehen. Als krönender Abschluss und ein unwiderrufliches Symbol ihrer Zugehörigkeit wird dann die Verstümmelung vorgenommen. Trotz der furchtbaren Schmerzen wird sie von vielen mit Stolz ertragen, denn erst danach sind sie "richtige Frauen". Als Initiationsritus verliert die Beschneidung jedoch immer mehr an Bedeutung, da die Mädchen in immer jüngerem Alter beschnitten werden.

Beschneidung als Identifikationsmerkmal

Da die Beschneidung auch ein Identifikationsmerkmal darstellt, wird sie auch bewusst als eine Abgrenzungstaktik gegen die feindliche Umwelt oder als Zeichen einer kulturellen Identität eingesetzt. So regt sich unter afrikanischen Frauen Widerstand gegen eine Stigmatisierung und aus ihrer Sicht verzerrende Darstellung der Beschneidung. Ein Beispiel ist das Statement der Gruppe "African Women Are Free to Choose (AWA-FC)" vom Februar 2009. Diese Frauen distanzieren sich von der Gewalttätigkeit dieses Ritus und plädieren für die freie Entscheidung einer jeden Frau, sich beschneiden zu lassen oder auch nicht. Sie kritisieren die westliche Welt dafür, dass diese durch ihre Weltanschauung den afrikanischen Ländern Gesetze gegen die genitale Verstümmelung aufzwingt, die der kulturellen und körperlichen Empfindung der Mehrheit der afrikanischen Frauen zuwiderläuft. Die Erklärung der AWA-FC richtete sich vor allem gegen eine journalistische Darstellung der Situation in Sierra Leone. Die folgende Darstellung wurde der GTZ (Deutsche Entwicklungshilfe) für Sierra Leone entnommen.

Politik&Religion in Sierra Leone

Auch von afrikanischen Frauen wird kritisiert, westliche Organisationen würden den afrikanischen Ländern Gesetze gegen die genitale Verstümmelung aufzwingen

Die Situation in Sierra Leone ist ein Beispiel für die Verknüpfung von Politik mit religiösen und kulturellen Bräuchen. In diesem Land sind 90 % aller Frauen verstümmelt. Die Alphabetisierungsrate liget mit 47 % bei den Männern und 27 % bei den Frauen sehr niedrig. Die Frauen haben bei Familienangelegenheiten meist kein Mitspracherecht. Die Beschneidung ist in Sierra Leone die erste Stufe der Einweihung des Mädchens in einen der sogenannten Geheimbünde. Diese hatten ursprünglich den Sinn, das Mädchen auf das Frausein vorzubereiten. Heute haben sie diese Funktion weitgehend verloren, da die Beschneidung an Kindern jedes Alters vollzogen wird. Was blieb, ist die Einbettung des Rituals in die Struktur des Geheimbundes. Die Politik ist in diese Praxis insofern involviert, als der politische Aufstieg in Sierra Leone von der Mitgliedschaft in einem dieser Bünde abhängt. Zudem hat sich die Bezahlung der Beschneidung für eine große Anzahl von Mädchen als ein probates Mittel für die Gewinnung von Wählern erwiesen. Ein Gesetz zum Verbot der Beschneidung gibt es in Sierra Leone nicht. Der Forderung nach einer freien Entscheidung der Frauen lässt sich entgegnen, dass diese nur dort mehr als ein Feigenblatt ist, wo Frauen keine Angst vor gesellschaftlichen Sanktionen haben müssen. Doch das trifft für die Mehrheit der Frauen weder in Sierra Leone noch in den meisten betroffenen Ländern zu. Wo über dieses Thema aufgrund seiner Tabuisierung nicht mal diskutiert werden kann und die Aussteiger aus dieser Praxis geächtet werden, ist eine freie Entscheidung nicht möglich.

Die weibliche Genitalverstümmelung

FGM (female genital mutilation), das ist der Fachbegriff für die weibliche Genitalverstümmelung. Dabei werden meistens unter großen Schmerzen die Geschlechtsorgane der Mädchen und Frauen in unterschiedlichster Form und Intensität manipuliert. Die WHO gibt vier Typen solcher Manipulationen an:

  • Typ 1: Bei der Beschneidung wird die ganze Klitoris oder ein Teil davon entfernt.Diese sogenannte Klitoridektomie ist eine der häufigsten Form der FGM. Zu diesem Typ gehört auch die einzige Form der Beschneidung, die der männlichen Beschneidung ähnelt: diemilde Sunna. Bei dieser sehr seltenen Formdes Eingriffs wird die Vorhaut der Klitoris entweder entfernt, eingeritzt oder eingestochen.
  • Typ 2: Bei dieser Beschneidung werden die ganze oder ein Teil der Klitoris und die kleinen oder großen Schamlippen (oder beide) entfernt – die sogenannte Exzision. Zusammen mit dem ersten Typ gehört diese Art der Genitalverstümmelung zu den weltweit am häufigsten praktizierten genitalverstümmelnden Kulthandlungen.
  • Typ 3: verweist mit seinem Namen auf die mögliche Entstehung dieses Rituals aus Ägypten: die »pharaonische Beschneidung«. Es ist eine Infibulation (von lat. fibula, Spange, eine Verschließung, meist Vernähung der Scheide). Dabei werden die Klitoris und die Schamlippen (die kleinen, großen oder beide) entfernt. Der Scheidenvorhof wird verschlossen, indem die restlichen Hautfetzen je nach Traditionmit Dornen, Tierdarm oder Seide zusammengeheftet oder zusammengenäht werden, sodass bei der Abheilung eine Narbenbrücke über der Vagina bleibt. Dadurch wird die vaginale Öffnung verengt, es bleibt nur eine kleine Öffnung für den Urin und das Menstruationsblut. Bei der späteren Penetration durch den Ehemann muss dieser die Scheide oft erst mit einem scharfen Gegenstand öffnen, ehe er mit seinem Penis eintreten kann. Auch für die Entbindung muss die Öffnung aufgemacht werden. In manchen Gegenden wird nach der Geburt des Kindes erneut die Infibulation durchgeführt. Die Entfernung der Geschlechtsorgane erfolgt meist mit Muschelrändern, Scherben, Dosendeckeln, unterschiedlichen Messern, Rasierklingeln oder mit Fingernägeln. Das Mädchen wird festgebunden und so für mehrere Wochen bewegungslos gemacht, bis die Wunde verheilt ist. Zum Stoppen der Blutung und der Abheilung der Wunden wird Asche, kaltes Wasser, Kräuter, Pflanzensäfte, Blätter und anderes verwendet.
  • Typ 4: bezeichnet alle anderen Eingriffe in den Geschlechtsbereich der Frau, die nicht unter die anderen 3 Typen fallen. Das können die Ausbrennung der Klitoris und des anderen Gewebes, die Dehnung der Klitoris und der Schamlippen, das Einstechen oder Einritzen der Klitoris und der Schamlippen, die Ausschabung der Vaginalöffnung, die Behandlung der Vagina mit Kräutern mit dem Zweck der Vaginaverengung und andere Praktiken sein.

Julia Koloda

Quellen:
www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-laender-sierraleone.pdf
www.frauenrechte.de/online/images/downloads/fgm/EU-StudieFGM.pdf
www.verein-tabu.de/genitalverstuemmelung.html
www.unicef.org/protection/index_genitalmutilation.html
www.fluechtlingshilfe.ch/herkunftslaender/africa/kamerun/kamerun-female-genital-mutilation/at_download/file
www.gtz.de/de/dokumente/de-fgm-laender-aegypten.pdf
www.graf-berlin.de/graf%20fgm.html
http://www.amnesty.de/umleitung/2008/deu05/046?lang=de&mimetype=text/html&destination=suche%3Fwords%3DGenitalverst%25C3%25BCmmelung%26form_id%3Dai_search_form_block%26search_x%3D0%26search_y%3D0
www.thepatrioticvanguard.com/article.php3?id_article=3752
www.whqlibdoc.who.int/hq/2011/WHO_RHR_11.18_eng.pdf
Wikipedia

Um der weiblichen Genitalverstümmelung Einhalt zu gebieten empfehlen wir die Unterstützung von Target (www.target-human-rights.de), Terre des Femmes (www.frauenrechte.de/online) und Tabu e.V. (www.verein-tabu.de).

Julia Koloda, Jg. 80, Magistra der Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaften, beschäftigt sich seit Jahren theoretisch und praktisch mit spirituellen Dimension des Lebens aus philosophischer und psychologischer Perspektive. Zur Zeit macht sie bei connection ein Redaktionspraktikum. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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