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Wir Elders

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Fotos: pixelio.de, R. Sturm (u.), U. Pelz (o.)

Schmetterlingsfrauen und Heilige Narren im dritten Lebensabschnitt

Sex ist was für junge Leute: In der Pubertät fängt es an, im Alter hört es auf, für Frauen mit der Menopause, für Männer mit der erschlaffenden Erektionsfähgikeit dann bald auch. Soweit das Klischee. Die Wirklichkeit aber sieht anders aus. Ältere Menschen haben mehr Sex als man kürzlich noch dachte, man sprach nur kaum darüber. Und das Alter bietet nicht nur weiterhin Lust und Sinnlichkeit - das Bewusstsein des herannahenden Todes lässt einen die Wechselfälle des Lebens unaufgeregter hinnehmen, stiller, weiser.

"Wenn du willst, dass dein Alter sich aus Weisheit nähre, so sorge dafür, solange du jung bist, dass es in deinem Alter nicht an Nahrung mangelt."
Leonardo da Vinci

"Bunt sind schon die Wälder ... und der Herbst beginnt", heißt es in einem bekannten Volkslied. Sind wir als reife Menschen im Herbst des Lebens auch so lebensbunt geworden wie die Landschaften um uns herum - in all den Facetten unseres Daseins - und leuchten wir im Alter auch noch in unseren sexuellen und sinnlichen Farben? Sind wir darüber hinaus sogar weise und lebensheiter geworden? Wir, die wir offenen Herzens und mit Vertrauen in den dritten Lebensabschnitt gehen, der nicht nur "Alter" bedeutet, sondern irgendwann auch Verfall und Tod? Der Tod, der für uns doch eher als "Wandel der Welten" verstanden werden sollte, wie es die Indigenen benennen. Oder hat uns innerlich das Grau des Älterwerdens oder sogar das Grauen erfasst?

Älter werden in einer jugendbesessenen Gesellschaft

"Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird."
Ursula Lehr, Gerontologin

Seien wir mal ehrlich: Das Thema des Älterwerdens und was das unserem Liebesleben macht und mit unserer Sexualität, in diesen Jahren vor dem nahenden Tod, das ist in unserer jugendversessenen Zeit in den Medien nicht gerade ein Quotenrenner. Selbst in tantrischen Kreisen, wo anzunehmen wäre, dass ein entwickeltes Bewusstsein über das ganze Rad des Lebens da sei, wird das Thema eher marginal behandelt.
Wir, die wir uns in der Altersgruppe ab Mitte fünfzig oder Anfang sechzig und danach befinden, es scheint uns in Bezug auf unsere Sinnlichkeit kaum mehr zu geben. Obwohl es doch heißt, dass uns unsere Sexualität und Orgasmusfähigkeit bis zu unserem Tod erhalten bleiben wird - auch noch mit achtzig und neunzig Jahren können wir Orgasmen erleben. Doch wer und was sind wir überhaupt als ältere Menschen? Wie ist unsere Identität beschaffen, und wo ist unsere Autorität und Kompetenz?

"Immerhin machen wir über Sechzigjährige in den westlichen Industrie- staaten schon ein Viertel der Bevölkerung aus"

Immerhin machen wir über Sechzigjährige in den westlichen Industriestaaten schon ein Viertel der Bevölkerung aus, mit steigender Tendenz. Wir haben das Leben der gesamten Gesellschaft aktiv mitgestaltet. Wir sind reich an Erfahrungen und wollen diesen Reichtum mitteilen. Aber - sind wir nun verblichene und tattrige Opas und Omas, alte, unansehnliche Knacker und verwelkte Rosen, oder sind wir "Elders", wie die Natives sagen, die Indigenen. Sind wir Groß-Mütter und Groß-Väter, die in der Blüte eines neuen Lebensabschnitts stehen und der Welt in Würde und Weisheit und mit Herz und in der Schönheit des Alters noch etwas zu geben haben?
Älter werden betrifft natürlich auch meist die anderen, nicht uns selbst. Wir merken es oft gar nicht, dass sich da etwas verändert, wir fühlen uns immer noch jung. Bis wir irgendwann von größeren oder kleineren "Zipperleins" überrascht werden, oder ein Youngster spricht uns mit "Hi, Opa" (oder "Oma") an. Oder es geht uns wie dem Arzt, zu dem eines Tages eine ältere Dame in die Sprechstunde kam, die ihn ganz erfreut ansprach: "Bist du nicht der Franz? Wir waren doch damals in Oberdinkelsbach zusammen in der dritten Klasse!" - "Dritte Klasse?", antwortet der Arzt nachdenklich, "ich kann mich an eine Lehrerin mit Ihrem Namen aber nicht erinnern".
Und wie sieht es speziell mit den Themen Körperlichkeit und Sexualität im Alter aus, mit unserem Liebesleben? Da werden wir oft sehr still, schauen weg oder trumpfen gar auf. Da wird geschmunzelt, gewitzelt oder auch geneidet - in Talkshows, an Stammtischen, in Damenkränzchen und in den Medien.

Forever Young?

"Die verschiedenen Altersstufen der Menschen halten einander für verschiedene Rassen. Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können."
Kurt Tucholsky

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Älter werden ist in unserer aktuellen Gesellschaft nicht unbedingt in. Anti-Aging hingegen ist ist der Renner, und das Leitbild von Menschen, die ewig jung und attraktiv bleiben wollen. Das ist die kollektive Wunschpalette, die uns auf Konsum orientierte Medien und andere Imagemaker vorgaukeln.
Da gibt es einen Mick Jagger, der mit bald Siebzig noch immer wie ein Youngster über die Bühne fegt und "I can't get no satisfaction" ins Mikrophon stöhnt, und einen Herrn Ex-Gouverneur Schwarzenegger, der sich passend zu seinem noch immer vor Kraft strotzenden Body auch noch alle Altersfältchen wegglätten lässt. Auch den lüsternen Alten gibt es, der einer Susanna im Bade nachstellt, und er existiert nicht nur als historischer Archetyp, sondern aktuell und real Affären produzierend, wie die jüngsten Skandale um Berlusconi und Dominique Strauß-Kahn zeigen.
Unsere heutige Zeit beschenkt uns außerdem noch mit Phänomenen, die es so früher nicht gab. Da sind z.B. die Cougars, ein Typus extravaganter postmoderner Madonnen. Denn nicht mehr nur die wohlhabenden älteren Charmeure mit Glatze, Viagra und Ferrari schmücken sich mit jungen und attraktiven Frauen und glauben, sich dadurch ihre Jugendlichkeit bewahren zu können, sondern es sind neuerdings auch immer mehr ältere, auf jung gestylte Damen - eben die Cougars - die sich hübsche und knackige junge Männer als Lebensgefährten zur Seite nehmen.
Und die "normalen" Leute? Die bleiben, wenn sie älter werden eher auf der Strecke und können sich derlei Kapriolen sowieso nicht leisten. Dazu kommt, dass die Lebensunsicherheit auf Grund der chronischen wirtschaftlichen Dauerkrisen der gesamten Bevölkerung - "Wir sind die 99 Prozent" - eher zugenommen hat. Das gilt speziell auch für die älteren Menschen. Es wird schon über "Rente ab 69" gemunkelt. Die Tendenz geht da nach oben, parallel zu den höheren öffentlichen Schulden und Zinsbelastungen. Bei "Rente ab 84" dürfte dann jene biologische Grenzlinie erreicht sein, ab der sowieso kaum mehr Renten ausgezahlt werden müssten. Das macht nicht gerade lebenslustig im Alter. Doch nicht nur nicht nur die Zinsen und Zinseszinsen, auch Depressionen und Burn-Out-Syndrome sind im Wachsen begriffen, und das schon in jüngeren Jahren. Im Alter fühlen sich viele Menschen dann wertlos und "weggeworfen".
Und dann gibt es auch noch diejenigen, die ihren goldenen Oktober zu feiern gelernt haben und im Alter glücklicher sind als in ihrer Jugend! Doch das ändert nichts an der allgemeinen Verunsicherung, die den Durchschnitt prägt. Machen wir uns also nichts vor: Bezogen auch auf unsere gesamte Lebenskultur und speziell bezogen auf Sinnlichkeit und Sexualität ist das Älterwerden ist zu einer kollektiven Sinn- und Identitätskrise geworden. Grundlegende neue Leitbilder - und nicht nur Leidbilder - tun hier not. Und natürlich auch eine grundlegende Veränderung der Werthaltungen, Spielregeln und Lebensgrundlagen unserer Gesellschaft.

In Würde und Weisheit altern - und dabei jung bleiben

"War es immer wie jetzt? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen. Nur das Alter ist jung, ach! und die Jugend ist alt."
Friedrich Schiller

Wer Photographien von älteren indigenen Häuptlingen oder tibetischen Weisen aus dem 19. Jahrhundert anschaut, den kann ein heiliger Schauder ergreifen. Das sind Antlitze von Menschen, die nicht trotz, sondern wegen ihres gelebten Lebens innerlich jung und lebendig geblieben sind. Und diese Elders der Alten Zeit haben uns, die wir in dieser verworren erscheinenden Transformationszeit am Beginn des 21. Jahrhundert leben, noch einiges mitzuteilen, damit unsere gegenwärtige Zivilisation sich zu einer wirklich liebens- und lebenswerten Kultur entwickeln kann. Nicht nur die Balance des Männlichen und des Weiblichen, auch die Jugend und das Alter in ihrem ausbalancierten Zusammenspiel entscheiden laut Aussagen der Natives, ob und wie wir als Menschheit zukünftig weiter leben können - ob in Würde und mit Lebenssinn oder nur noch im hektischen Überlebenskampf. Es geht also ums Leben und nicht nur ums Überleben. Und zu diesem Leben gehört das "Whole and Holy Life", das ganze als heilig angesehene Leben und nicht nur jener mittlere Lebensabschnitt, der uns als der lebenswerteste erscheint.
"Stufen" heißt eines der schönsten Gedichte von Hermann Hesse, das dem Zauber des Neuanfangs auf jeder Lebensstufe huldigt und uns selbst noch im Angesicht des Todes jung bleiben lässt; dort sagt er: "Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden". Damit ist ein anderes Jung-Sein zum Ausdruck gebracht, als jenes Anti-Aging, welches das Alter nur wegbeamen möchte und selbst noch im Sarg mit perfektem Make-up glaubt, den Tod mit materiellen Mitteln überlisten zu können.?

Stufen

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Foto: fotolia.com, focus finder

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zu Abschied sein und Neubeginn,
Um sich in Dankbarkeit und ohne Reue
In andere, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohl denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Schmetterlingsfrauen

"Die alten Kulturen wussten um den wahren Wert einer Frau nach ihrer gebärfähigen Zeit."
Nah Kin, Maya-Priesterin und Psychologin

Nicht nur den Frauen nach der Menopause, auch den Männern kommt im Alter eine besondere Aufgabe zu. Diese besondere Identität älterer Menschen hat sich bei den Natives, den Zeugen alter Kulturen, die z.T. noch auf matriarchale Ur-Zeiten zurückgehen, in den Grundzügen erhalten.
Nah Kin, eine Eingeweihte und Mayapriesterin, beschreibt dies in ihrem Buch "Lebe die Göttin in Dir" auf folgende Weise: "Die ältere Frau wird auch als 'Ixpapalotl-Schmetterlingsfrau' bezeichnet. Die Zeit, in der die Raupe in ihrem Kokon war, ist überwunden... Jetzt verwandelt sich die Frau in einen Schmetterling, der seine wunderschönen bunten Flügel entfaltet. Jetzt ist sie frei, sich außerhalb des familiären Umfeldes auszudrücken und der Gemeinschaft ihre Anwesenheit und ihren Dienst zu schenken." Diese Medizinfrauen verbanden sich mit der Natur, sie waren im Ratskreis der Stämme wichtige Beraterinnen in essentiellen Lebensfragen, sie unterrichteten und junge Männer und Frauen und führten sie in die als heilig angesehene Sexualität ein. Sie waren Heilerinnen, Hebammen und leiteten wichtige Zeremonien.

"Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden" Hermann Hesse

Bei einigen indigenen Stämmen in Nordamerika gab es so genannte Phoenix-Frauen und -Männer, die mit Hilfe von zeremoniellen, z.T. auch sexuellen Riten, Heilung für Mensch und Welt bewirkten. Bei den Huna war es die Lomi Lomi Massage, eine so genannte Tempelmassage, die eine Initiationsmassage für Jugendliche war, mit der diese in ihren Körper als Tempel der Seele eingeführt wurden. Bei den Aborigines Australiens wiederum waren männliche und weibliche Elders Traditionshüter und Lehrer der Traumzeit, die mit ihrer Weisheit und ihrem Wissen den ganzen Stamm begleiteten. In den alten matriarchalischen Kulturen gab es die dreifache Göttin, die weiße, die rote und die schwarze Göttin. Die schwarze Göttin stand für das Alter und die Transformation in Neues Leben. Kali zum Beispiel verkörpert diesen Aspekt der Göttin in Indien. Der entsprechende männliche Part war Shiva, der mit seinem Tanz Welten zerstören und erneuern konnte.
Die indische Göttin Dhumavati, die Krähengöttin und Unansehnliche, ist eine weitere Symbolgöttin für jenen Aspekt im Alter, der die Transzendenz und die Transformation zum inneren Reichtum hin gegenüber der äußeren Schönheit betonte. In unserem Kulturkreis war es Hekate, die "Hexengöttin", die diese Aufgabe wahrnahm.
Was das für unsere heutige Zeit bedeuten kann und ob diese Archetypen uns noch etwas zu sagen haben, da ist unsere ganze Fantasie und Experimentierfreude gefragt.

Heilige Narren - Happy Aging

"Der alte Mann ist das Gegenlied zum Helden. Er ist der Großvater, der Mann, der seine innere Stärke gefunden hat und sie mit Weisheit mäßigt"
Peter A. Schröter

Bei den Männern ist es der Heyoka, der Koyote-Mann, der Trickster, der Heilige Narr, der im Alter zur Geltung kommt. In Tibet wird dieser Archetyp durch Drugpa Künleg verkörpert, und im arabischen Raum ist es Nasrudin mit seiner Weisheit und seinem Humor - Aspekte, die uns männlichen Elders helfen, im Herzen zu bleiben, die offene Weite auch im Alter zu spüren und nicht zu verbittern.
Zu diesen neueren Heiligen Narren gehört auch ein Picasso, der es vermochte, den Eros auf künstlerische Weise zu leben und mit 87 Jahren innerhalb von sechs Monaten sage und schreibe 347 erotische Radierungen gemacht hat. Oder ein Charly Chaplin, der zu seinem 70. Geburtstag schrieb: "Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen, und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war. Heute weiß ich: Das nennt man Reife."
Doch warum in die Ferne schweifen, wo das Gute doch so nah: Last not least ist es auch diese Zeitschrift selbst, in der dieser Text veröffentlicht wird, die sich schon seit einigen Jahren dem Humor und der Weisheit der Heiligen Narren geöffnet hat - zum Beispiel auch dann, wenn der Herausgeber Wolf Schneider mit seinem "Esoterik-Kabarett" tourt und dort Darshans gibt, wo er als "Shitananda" in humorig-alchemischer Weise Scheiße in Gold verwandelt. Es gibt auch Tantralehrer, die mit diesen Ur-Archetypen, wie sie oben dargestellt wurden - dem der Schmetterlingsfrau und dem des Kosmischen Narren - arbeiten. Peter A. Schröter z.B. verweist darauf in seinem Männerbuch, und Advaita Maria Bach bezieht sich auf die Göttin Dhumavati in ihren Essays über das Alter. Beide, selbst Elders geworden, würdigen diese Transformations-Aspekte auf sehr lebendige Weise.

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Auch die Maya, einige Indigene wie die Sweet Medicine Sundance Leute oder die Huna öffnen vieles von dem alten Wissen für die neue Zeit, wenn auch nicht mehr in der ursprünglichen Form. Die wäre heute auf die alte Weise kaum mehr praktikabel und würde auch nicht mehr verstanden. Vieles von diesem alten reinen Wissen wurde in unserer Kultur verboten, verteufelt und pervertiert und manches davon existiert noch heute als Aberglaube oder als Schatten. Die Initiation, Einführung und Begleitung von Jugendlichen in die als heilig empfundene Sexualität durch Elders oder auch viele geomantische Zeremonien und Natur-Riten wären darum für heutige Maßstäbe in der alten Form undenkbar. Allerdings haben sich auf der anderen Seite dafür pervertierte Schattengespinste wie Pädophilie, sexuelle Missbräuche, Kinderpornographie und alle möglichen Arten von Naturzerstörung und "schwarzer Macht-Magie" herausgebildet. Das ist die Kehrseite der Medaille der Zerstörung von heiliger Weisheit durch unsere so genannte moderne Zivilisation.

Pro Aging - Tantra for Elders

"Und dann eines Tages alt sein und noch lange nicht alles verstehen, nein, aber anfangen, aber lieben, aber ahnen, aber zusammenhängen mit Fernem und Unsagbarem, bis in die Sterne hinein".
Rainer Maria Rilke

Es ist noch längst nicht alles gesagt zu diesem Thema. Es ist ein offenes Experimentierfeld - ein Open Space neuer möglicher Erfahrungen - die wir in diesem Bereich noch zelebrieren dürfen. Da gibt es keine festen Regeln und Allgemeinplätze - einige Menschen erleben ihren ersten Orgasmus mit acht, andere erst mit achtzig.
Es geht alles langsamer im Alter - auch das Lieben und Geliebt werden. Und alles ist auch noch da: Körper, Fühlen, Sex, Herz, Geist - nur ein wenig anders. "Das Fühlen altert nicht, die Haut erinnert sich und freut sich immer", schreibt Eva Steinrücke und erzählt von einer sinnlichen Begegnung mit ihrem Liebsten, als dieser 86 und sie 76 Jahre alt war. Der "multiorgasmische Mann" und die Liebesgöttin, die Dutzende, auch akrobatische Stellungen zu zelebrieren vermag, spielen in dieser Alterstufe wohl nicht mehr die große Rolle und sind auch nicht mehr Ansporn wie in jüngeren Jahren. Jetzt geht es mehr um die Tiefe des Erlebens und auch um eine geistig-seelische Verschmelzung, die durch eine neue Art von körperlicher Verbindung - so wie sie körperlich eben noch möglich ist - geschieht. Das kann mehr, das kann weniger sein. Und es darf sein, muss aber nicht.

Es geht ums Leben und nicht nur ums Überleben. Es geht um das ganze "Whole and Holy Life", nicht nur jenen mittleren Abschnitt

Es sind Aufbrüche in ruhigere Gewässer, wie die Tantra-Lehrerin Helena Krivan zu berichten weiß, die dennoch neue Erfahrungen ermöglichen können. "Müssen einerseits manche, wie etwa die Buchautorin Elfriede Vavrik tatsächlich erst 79 werden, um die Freude am erotischen Spiel zu entdecken? Kann es andrerseits sein, dass das Alter keinesfalls mit sexuell-erotischem Verfall und Vergessen einhergehen muss?", fragt sie und entdeckte dabei viele neue Pfade und Aspekte der Alterssexualität.
Es ist eine ähnliche Arbeit wie die von den Paartherapeuten Robert P. Fischer und Surabhi Notburga Schaubmair, die in ihr Tantra für jedes Alter mit den Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter allegorisieren. "Jedes Alter hat seinen Sexappeal. Diesen zu entdecken und zu kultivieren ist unsere Aufgabe als sexuelle Wesen" schreiben sie - womit unsere eingangs gestellte Frage nach dem Blühen unserer Farben im Herbst des Lebens fast schon beantwortet wäre.

Und das Sterben? - Mahamudra-Tantra

"Es gab Zeiten, in denen der Tod zu Hause und in Gemeinschaften stattfand und auf eine Weise, die ergreifend menschlich war."
Alan Lowen

Entscheidend in all unserem Sein ist die Achtung vor dem Leben und die Verneigung vor dem großen Mysterium, das Leben heißt und damit auch dem Tod. Denn Leben führt zum Tod, und der Tod führt uns zu neuem Leben. Damit schließt sich der Kreis dieser universellen Erfahrung, die in ihrer Essenz unvermeidlich ist. Wer sich mit dem Tod vertraut macht und ihn als Lehrer anerkennt, lebt leichter und heiterer, und wer ins Leben verliebt ist und um seine Essenz weiß, dem wird das Sterben leichter fallen. Alan Lowen, der Gründer des Art of Being, hat ein Seminar entwickelt, das den Teilnehmern eine "leidenschaftliche, intuitive und emotionale Begegnung mit ihrem eigenen Tod ermöglicht. Wir haben unsere Beziehung zum Tod verloren und sogar die zu unserer Urangst vor ihm", sagt er. "Erst wenn wir diese Tür wieder öffnen, können wir das Leben in seiner Fülle genießen."

Wer sich mit dem Tod vertraut macht, lebt leichter und heiterer. Und wer ins Leben verliebt ist und um seine Essenz weiß, dem wird das Sterben leichter fallen

Im Alter sind wir an dieser Pforte näher dran. Als ich dieses Seminar mitmachte, war ich noch jünger. Es hat mich damals sehr berührt. Wir alle, die teilnahmen, weinten. Und doch wusste ich damals noch nicht so viel vom Tod. Als dann meine eigene Frau Jahre später urplötzlich an einem Tumor starb, war ich näher dran. Da war der Tod für mich etwas Intimes. Ich habe sie in ihren letzten Tagen begleiten dürfen und auch noch danach, als sie schon verstorben war. Es war eine sehr schmerzvolle und innige Zeit, die uns damals - ich noch am Leben, sie am Sterben - beschieden war. Es war eine Tragik, ein Schicksalsschlag, aber auch ein Geschenk, das ich heute nur noch schwer mit Worten beschreiben kann. Schweigen kommt hier der Wahrheit näher.
Das tibetische Totenbuch spricht von einer besonderen Art von Tantra. Es heißt Mahamudra-Tantra und ist sehr stark mit der tibetischen Kultur des Lebens und Sterbens verwoben. Meine verstorbene Frau war sehr stark mit dem tibetischen Buddhismus verbunden. Als sie starb, waren einer ihrer spirituellen Lehrer und Meister spürbar anwesend, obwohl er Jahre vor ihr schon gegangen war. Einige Wochen vor ihrem Tod sprach sie von ihm, er war ihr in Träumen erschienen. Es war wie eine Vorahnung, wir begriffen das erst später.
Das Leben lehrt uns als Elders den Tod anzunehmen, und der Tod lehrt uns, das Leben intensiver zu leben - und das dürfen wir auch jüngeren Menschen als Lebenserfahrung mit auf den Weg geben, denn der Tod macht vor dem Alter nicht halt. Wenn wir das begriffen haben, werden wir als wache und lebendige ältere Menschen in diesem Sinne neu aufleben, so wie es Friedrich Schiller wohl meinte, als er schrieb: "Nur das Alter ist jung, ach."
Der Schlüssel aber, beide Sphären zu verbinden, Leben und Tod, ist unser offenes, jung gebliebenes Herz.

Gerd Soballa

Gerd Soballa, Jg. 1950, Zukunftsgestalter und holistischer Coach, wohnt in Freiburg und auf La Palma. Gemeinsam mit seiner Partnerin Iseris Reichl belebt er das Zentrum für Schöpferische Pausen auf La Palma und das ganzheitlich orientierte Zukunfts-Projekt "Encuentro 21". www.herzvision.de, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Aus dem Heft Tantra 90

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