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Editorial Tantra-Special 84

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Heilige Sexualität

Photo Wolf Schneider

Wie kann Sex etwas Heiliges sein? Er ist doch mit so viel Gier verbunden. Er kann eine Invasion sein in einen behüteten Schutzraum, brutal ausgeübt werden, unfreiwillig sein und unwillkommen. Sex ist nicht immer freudvoll und glückbringend, und doch: Eine archaische Kraft ist das Sexuelle immer; sogar dann, wenn es verborgen, verdrängt, missbraucht, sublimiert oder verleugnet wird.

Sexualität weckt von Natur aus in uns so erhabene Gefühle, wie wir Menschen sie sonst nur an Altären und in geweihten Häusern haben

Man kann das Leben so betrachten, als sei darin nichts heilig: Schluss mit den Kindermärchen, lasst uns mal ganz nüchtern drauf schauen! Wer so schaut, für den ist alles profan. Das ist aber nur eine Betrachtungsweise. Eine andere ist die staunende. Wer so schaut, dem kommt das Leben vor wie ein Wunder. Was es da alles gibt! Und wie es sich fortsetzt, dieses Leben! Wie aus Kleinem Großes entsteht (das Aufwachsen), und wie aus zwei Großen ein kleines Drittes wird. Dieses ganze Werden und Vergehen und immer wieder neu Werden ist angetrieben von unserem Wunsch zu essen, uns zu verteidigen und uns fortzupflanzen, und von diesen dreien ist der dritte Wunsch der verbindendste. Wenn ich unter all den Kräften, die das Leben bewirken eine herauszupicken hätte als die besondere, dann wäre es diese hier: die Kraft, die zwei Menschen zueinander führt, die sexuelle. Oder etwas abstrakter, feiner, zivilisierter: die Liebe.

Drei Dimensionen

Der profanen Betrachtung des Lebens, wie die Biologie sie pflegt, kann ich durchaus einiges abgewinnen. Es gibt aber auch noch eine andere, poetischere. Die betrachtet die Anziehung zwischen Individuen aus der Perspektive derer, die da ziehen und angezogen werden – aus meiner und deiner Perspektive. Diese Anziehungskraft ist das größte und schönste Thema unserer Literatur und Kunst, aber sie ist noch mehr als das. Es gibt nämlich neben der tierischen Dimension, die die Biologie beschreibt und der menschlichen der Künste noch eine dritte Dimension. Man könnte sie religiös oder philosophisch, transzendental oder existenziell nennen. In ihr ist sogar das Darstellungsbedürfnis der Künste aufgehoben, denn da sind die Darsteller ganz sie selbst, und die Suche nach Schönheit und Perfektion ist hier keine Suche mehr, sondern ein Finden – im Auge des Betrachters ist alles perfekt. In dieser Dimension sind Sexualität und Liebe etwas Heiliges.

Natürliche Religiosität

Ein Altar erscheint als etwas Heiliges, weil er so definiert, vielleicht auch geweiht wurde. Sonst wäre es nur ein Tisch. Ebenso wären Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel nur Häuser; vielleicht besonders schöne, aber ohne diese Weihe, diese zeremonielle Zuweisung eines Sinns, wären sie keine Gotteshäuser. Die Sexualität aber braucht eine solche Weihe nicht. Sie weckt von Natur aus in uns so starke und erhabene Gefühle, wie wir Menschen sie sonst nur vor Altären und in geweihten Häusern haben.

Das ist der Grund, warum viele Religionen die Sexualität verteufelt haben. Sie haben sie zur Sünde erklärt, weil sie die stärkste Konkurrentin der künstlichen Religiosität ist. Von Natur aus empfinden wir Sexualität und Liebe als etwas Heiliges. Es braucht schon sehr starke Kräfte manipulativer Erziehung und Bildung, um uns davon abzubringen.

In Sexualität und Liebe begegnen sich zwei und werden zu einem. Die Trennung, Spaltung, Entzweiung wird hier aufgehoben in der Vereinigung. Das ist »der Akt«, der religiöse Akt. Deshalb sind Sexualität und Liebe die natürlichsten Tore zur dritten Dimension, in der wir das Leben bewundern, uns ihm hingeben und es auf diese Weise heiligen.

Wolf Schneider, Jg. 52, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie, 1976 buddh. Mönch in Thailand; 1985 Gründer des Connection Verlages, 2004 der »Schule der Kommunikation« im oberbayerischen Niedertaufkirchen. Hrsg. der connection Tantra-Specials.
Blog: www.schreibkunst.com


Titelseite connection special 84

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