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Eros als Tor zur Mystik

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Sexuelle Verschmelzung als Tor zur Mystik?

Nicht jede Verschmelzung ist eine mystische. Aber die Verschmelzung zweier Liebender miteinander bietet eine gute Chance für eine solche, denn Sex, Liebe und Eros sind starke, archaische Kräfte, die imstande sind, uns »ganz« mitzureißen

»Mein Gott, mein Gott …«, stöhnt sie, als es ihr zum zweiten Mal kommt. Sie, die doch sonst mit Gott und der Kirche nichts zu tun hat. Hat sie gerade ein mystisches Erlebnis gehabt und ist nun mit dem All-Einen verschmolzen, mit Gott, dem Universum, im kosmischen Orgasmus? Und ihr Partner fühlt sich nicht wie Josef, sondern wie der Heilige Geist, der es Maria besorgt hat? Die Frage erinnert mich an die Geschichte, wo der kleine Ernie im Deutschunterricht erzählt, er habe auf dem Weg zur Schule den Pfarrer angefahren, woraufhin die Lehrerin geistesgegenwärtig auch die anderen fragt: »Hat sonst noch jemand ein religiöses Erlebnis zu berichten?«

»Mein Gott, mein Gott…«, stöhnt sie, als es ihr zum zweiten Mal kommt. Hat sie da gerade ein mystisches Erlebnis gehabt?

Nein, das Anfahren eines Pfarrers ist noch kein religiöses Erlebnis, und auch der Ausruf »Mein Gott« in der Ekstase eines überwältigenden Orgasmus ist noch kein Beweis für ein mystisches, alles Bekannte transzendierendes Erlebnis. Der zweite Fall kommt allerdings schon näher ran das Mystische, denn die Hingabe und der Ich-Verlust einer sexuellen Ekstase ähneln zumindest dem, was Mystiker erleben, wenn ihr kleines Alltags-Ich sich im Meer des kosmischen Bewusstseins auflöst.

Was ist Mystik?

Doch vorab ein paar Unterscheidungen. Ein Ich-Verlust oder eine Ich-Auflösung ist noch nicht unbedingt eine Transformation der Persönlichkeit. Es kann auch das Zerbrechen einer gewachsenen Ich-Identität sein durch ein schockierendes Erlebnis, das in die Psychose führt und dem so Schockierten die Fähigkeit nimmt, mit den Erfordernissen eines normalen Alltags umzugehen – also nicht unbedingt etwas Positives.

Auch wenn die Ich-Auflösung keine krankhafte ist, sondern die Ich-Identität sich dabei in einem größeren Ganzen auflöst, wie der Fan eines Fußballvereins oder einer Rockband es vielleicht erlebt angesichts eines Siegs oder Auftritts seiner Idole, so ist das noch kein mystisches Erlebnis. Sonst wären Schalke-04-Fans, die für ihren Club durch dick und dünn gehen, aller dadurch entstehenden persönlichen Nachteile zum Trotz hochreligiöse Menschen par excellence. Oder die Soldaten militärischen Elitetruppen, die ihr Leben einsetzen, um dem größeren Ganzen ihrer Nation oder Partei zu dienen, wären demnach Mystiker.

Mystisch würde ich ein Erlebnis der Ich-Auflösung erst dann nennen, wenn es erstens die Rückkehr zu einer alltagstauglichen Ich-Identität erlaubt, andernfalls ist es eher ein Fall für die Psychiatrie als für eine Heiligsprechung. Und zweitens sollte das Ich sich dabei in einem größeren Ganzen auflösen, das nicht wieder Partei ist, sondern »das Ganze« – alles. Egal wie kurz diese Auflösung auch dauern mag. Auch ein Verschwinden im Großen, Ganzen nur für Sekunden würde ich mystisch nennen, wenn es das Alltags-Ich nicht zerstört, sondern »aufhebt«. Kann sein, dass das Ich nach der Auflösung sogar geläutert wiederersteht.

Du bist für mich »alles«

Wenn er so in sie vernarrt ist, dass er nichts anderes mehr will als sie, dann ist die Begegnung mit ihr die »totale« Erfüllung

Es ist eine große Versuchung, die Verschmelzung mit dem Partner in einer romantischen Liebe ebenso wie die im ekstatischen Sex bereits für ein mystisches Erlebnis zu halten. Die Liebesgeschichte von Leila und Majnun hat den islamischen Kulturraum noch viel mehr geprägt als Romeo und Julia und die anderen europäischen Liebesgeschichten des christlichen Raums, und sie feiert diese Ähnlichkeit. Es ist eine Geschichte von Ich-Auflösung im Anderen, ein Gleichnis der mystischen Verschmelzung. Eine wirkliche mystische Verschmelzung aber ist es erst dann, wenn Majnun (als Person, aber zugleich auch als Symbol der Gott suchenden Seele) »nichts anderes« mehr will als Leila. Wenn er so in sie vernarrt ist, dass er wirklich nichts anderes mehr will als sie, dann ist die Begegnung mit ihr die »totale« Erfüllung im eigentlichen Wortsinn, also die Verschmelzung des kleinen Majnun mit dem, was für ihn der ganze Rest des Universum ist: Leila. Die Frau ist alles, was er haben will, sie ist für ihn als total hingegeben Liebender das Universum, das Ganze, Gott.

In ähnlicher Weise müsste man dann aber jede Verschmelzung mit etwas total Begehrtem ein mystisches Erlebnis nennen, auch wenn es dabei nicht um so Hehres, leicht Verehrbares, geht wie einen über alles geliebten Menschen.

Verschmelzung

Das einzelne, oft einsame Ich sehnt sich nach Verschmelzung mit etwas Größerem. Allen Menschen geht das so. Dieses Größere kann die Familie sein, der Stamm, das Land oder die Nation, die Armee, die Kirche, eine politische Partei; fast jede soziale Gruppe ist dafür geeignet, wenn sie bereit ist, einen einzelnen aufzunehmen. Eine solche Aufnahme in eine soziale Gruppe kann durchaus als »Initiation« bezeichnet werden, ähnlich den spirituellen Initiationen. Es sind ja, nüchtern betrachtet, auch die spirituellen Initiationen überwiegend soziale; der geistige oder spirituelle Anteil daran, jenseits der sozialen Inszenierung, ist in der Regel verschwindend gering.

Als neu Aufgenommener in einer sozialen Gruppe ist man nun mit dem größeren Ganzen verschmolzen. Das kann die Fangruppe eines Fußballvereins sein, eine Jugendbande, die Mafia oder eine Religion, zu der man gerade konvertiert ist. Oder auch eine Nation, deren Sprache man als Immigrant erlernt hat. Oder die Aufnahme in eine spirituelle Linie, in der man nun Statthalter für irgendeine Tradition ist. In allen diesen Fällen wird man »initiiert« und ist als Initiat nun ein mit dem größeren Ganzen der neuen sozialen Gruppe (oder spirituellen Linie) Verschmolzener. Diese Verschmelzung mag sich erhaben anfühlen, sie mag das Lebensgefühl erhöhen, aber sie ist noch nicht im engeren Sinne ein religiöses Phänomen, so wenig wie das Anfahren eines Pfarrers im Straßenverkehr eines ist.

Gemeinsame Sache

Doch zurück zu Liebe, Eros und Sex, auf die ich trotz all der Ähnlichkeit mit anderen Verschmelzungen der Identität ein Loblied singen möchte. Auf die Liebe als den emotionalen Teil der Sehnsucht des kleinen Partikels, zum Großen, Ganzen aufzusteigen, und auf den Sex als den physischen Teil dieser Sehnsucht. Liebe und Sex zu praktizieren hat insofern immer eine religiöse Dimension oder berührt diese zumindest, vom brutalen, sein Objekt benutzenden Sex mal abgesehen. Für den Liebenden ist das, was er liebt, ein Teil seines Ich, er – das heißt: seine Identität – hat sich erweitert. Der geliebte Mensch oder Fußballclub, die geliebte Familie, Nation, Sprache, Weltanschauung oder sonst eine Heimat wird nun als ein im Handeln zu bevorzugendes Ziel betrachtet. Der Liebende ist »identifiziert« damit, seine Identität ist damit verschmolzen, wie brüchig, zeitweilig und erschütterbar diese Verschmelzung auch immer sein mag.

Insofern ist Liebe, vom Genuss der Verschmelzung (der ja durch den Schmerz der drohenden oder vollzogenen Trennung wieder aufgehoben wird) mal abgesehen, auch ethisch wertvoll. Und sie ist die Eingangstür in die höchste Form der Religiosität, die Mystik. Denn die Liebe, auch die kleine, persönliche Liebe, übt die Verschmelzung immerhin. Das große Ganze mag hier nur das kleine Ganze des Doppelegos eines miteinander verschmolzenen Paares sein, das nun gemeinsame Sache macht, trotzdem: Diese Liebe übt die Verschmelzung und bereitet insofern das Mystische vor.

Leben wird durch Sex übertragen

Dass Liebe etwas Spirituelles ist, da werden mir die meisten zustimmen. Liebe ist die einzige wahre Religion, und Gott ist ein Liebender, soweit die beliebten Sprüche hierzu, die allüberall auf Pin-Boards heften und auf Eisschranktüren kleben. Zumindest was die Agape anbelangt, die selbstlose Liebe, findet diese Interpretation von dem, was Religion sein soll, heutzutage breite Zustimmung. Aber Eros, der irdische, physische Teil der Liebe, ist auch der noch so erhaben spirituell? Ist die Praxis von Sex »im Grunde« bereits etwas Spirituelles oder gar Religiöses, wo doch Pan, der ziegenfüßige, bockshornige und wollüstige Gott der Hirten – immerhin ein Gott war?

Der spirituellen Übertragung der Weisheit von Meister zu Schüler entspricht eine vitale Übertragung: die Übertragung des Lebens durch Sex, und diese »Linie« ist noch viel älter

Spirituelle Linien haben eine lange Tradition. Die des Zen gehen angeblich auf Buddha zurück, und auch im Schamanismus und in anderen spirituellen Traditionen wird die Weisheit jenseits der Worte über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende weitergereicht. Aber es gibt auch eine physische »Linie«, die sogar über Jahrmillionen weitergereicht wurde, und sie wird nicht durch eine spirituelle Initiation, sondern – durch Sex übertragen. Ganz im Sinne des Blödelspruchs, das Leben sei eine Krankheit, die mit dem Tod endet und durch Sex übertragen wird. Ja, Sex ist es, was uns das Leben gibt und durch Sex geben wir es weiter. Der spirituellen Übertragung von Geist oder Weisheit entspricht also eine vitale Übertragung durch Sex, die noch viel älter ist und viel weiter reicht. Aus einem Sexualorgan werden wir geboren, und unsere Sexualorgane sind es, mit denen wir imstande sind, dieses Geschenk weiterzugeben. So ist das Blut eben ein ganz besonderer Saft, und ebenso die sexuellen Säfte; und so können Blutsbande und sexuelle Säfte noch tiefer verbinden als das Elixier des Geistes.

Die Heilige Hochzeit

Liebe ist gut, keine Frage, und den christlichen Gott ihren Kindern als einen »lieben Gott« vorzustellen, fällt den Eltern wohl überall auf der Welt nicht schwer. Welche Mutter und welcher Vater jedoch würde es wagen, den eigenen pubertierenden Kindern Gott nicht nur als einen »lieben«, sondern auch als einen erotischen oder sexuellen vorzustellen?

Obwohl doch Sex archaischer ist als die Liebe und tiefer in uns wurzelt. Im europäischen Verständnis hat die Liebe drei Teile: Eros, Agape, Karitas; und von diesen dreien ist Eros der mächtigste, denn er ist am tiefsten in uns verwurzelt. Entsprechend mächtig sind auch die Bindungen, die Eros schafft und die Gefühle, die er weckt – und die Verschmelzungserlebnisse, die in einer sexuellen Vereinigung möglich sind.

Deshalb wurde die sexuelle Vereinigung in einigen prähistorischen Kulturen als ein tiefes, religiöses Ritual gefeiert, als »Hierosgamos«, die Heilige Hochzeit. Oft waren es Frühjahrsfeste, die auf magische Weise die Fruchtbarkeit fördern sollten, in denen ein ausgewähltes Paar (im alten Zweistromland die Herrscherin und ihr Gefährte) die Vereinigung des Weiblichen mit dem Männlichen darstellte und die von Himmel und Erde, Yin und Yang und anderen polaren Kräften. Die in Europa traditionellen Feste der Mainacht (die Nacht vor dem ersten Mai) sind Relikte solcher archaischer, die Sexualität heiligender Riten. In einigen Fällen wurden die in solchen Nächten außerhalb aller sonstigen Normen sexueller Verbindung entstandenen Kinder als »Maikinder« sogar in positivem Sinne als etwas Besonderes behandelt: als Kinder einer »außerordentlichen« Begegnung in einem Ritual das einer uralten Tradition folgt.

Erotische Kultur

Nicht jedes Liebeserlebnis und schon gar nicht jedes sexuelle Erlebnis ist ein mystisches, und doch hat die Ausrichtung auf Liebe seinen eigenen Charme und viele Vorzüge. Mehr auf Kontakt, Kommunikation und Vereinigung aus zu sein als auf Ablehnung und Abgrenzung ist gut für Vieles: für die Gesundheit, für das soziale Leben, die Politik (make love, not war) und nicht zuletzt auch für die Umwelt – es spart Ressourcen, als Paar oder in Gemeinschaft zu wohnen; die Single-Gesellschaft ruiniert den Planeten noch schneller, als unsere ausplündernde Wirtschaftsweise es auch ohnedies schon vollbringt.

Eine erotische Kultur ist auch dann schon eine bessere Kultur, wenn die religiöse Dimension der selbstlosen Liebe und der tiefsten Versenkung darin noch fehlt

Liebe verbindet; Hass und Gleichgültigkeit trennen. Eros ist ein Aphrodisiakum und Lebenselixier, wie selten die mystische Verschmelzung mit dem Ganzen dabei auch immer sein mag. Auch die kleinen Vereinigungen sind wertvoll, nicht nur die große mit Gott und dem Universum. Eine erotische Kultur ist auch dann schon eine bessere Kultur als eine erosfeindliche, wenn die religiöse Dimension der selbstlosen Liebe und der tiefsten Versenkung in den Urgrund darin noch fehlt.

»Wer da?« – »Du bist's!«

Das erste Mal so richtig bewusst wurde mir die verschmelzende Kraft einer starken Liebe, als ich im Alter von 21 Jahen in eine Mitstudentin verliebt war und in ihrer Nähe »verschwand«. Für mich gab es in ihrer Nähe nur noch sie; dort schien es mir, als sei ich gar nicht mehr da. Was ich fühlte und tat, berücksichtigte nur noch sie, nicht mehr mich und meine eigenen Bedürfnisse.

Heute erinnert mich das an die alte Sufi-Geschichte, in der der Liebende an die Tür der Geliebten klopft und sie fragt: »Wer da?« Er antwortet: »Ich bin's!«, und sie schickt ihn wieder fort. Erst als er ein Jahr später, nach einer langen Reise voller Leiden und Sehnsucht, hat er wieder den Mut, bei ihr anzuklopfen. Wieder fragt sie: »Wer da?«, und diesmal antwortet er: »Du bist's!« Da lässt sie ihn ein. Als Gleichnis für die Suche der Seele nach Gott mag das ja passen, aber nicht für eine irdische Liebe, in der zwei Menschen sich treffen wollen. Meine Freundin damals jedenfalls erschrak, als ich ihr sagte, dass für mich in ihrer Nähe nur noch sie existierte. »Das hilft mir gar nichts«, sagte sie. »Woran soll ich mich denn da halten?« Sie suchte einen Halt in einer Person, nicht einen mystisch Verschwindenden. Nur eine stabile, in sich ruhende Person kann das mystische Verschwinden aushalten; das gilt für den Mystiker selbst und in gewisser Hinsicht auch für die Menschen, auf die er sich in einer Liebesbeziehung einlässt, die das Mystische berührt.

Egolos?

Auch zwischen Guru und Schüler ist die egolose Verschmelzung nicht unbedingt das Beste, was den beiden passieren kann. Zunächst mal braucht der solche Hingabe annehmende Guru alias spirituelle Lehrer eine gewisse Leichtigkeit und Souveränität im Umgang mit seiner Existenz als Person und dem eigenen Verschmelzen im Ganzen. Und er muss, was seinen eigenen Wunsch nach Verschmelzung anbelangt, seinen Schülern gegenüber einigermaßen bedürfnislos sein, sonst wird er die mit ihm Verschmelzenden ausnützen. Eine Symbiose ist noch keine spirituelle Beziehung, und Symbiosen gibt es sowohl in der Meister-Schüler Beziehung als auch bei einer »erleuchteten« (oder sagen wir, bescheidener: aufgeklärten) spirituellen Partnerschaft. Da müssen beide auch unabhängig voneinander in den mystischen Zustand eintauchen können, sonst kleben sie aneinander und befinden sich in einer symbiotischen Co-Abhängigkeit, die eher einer Sucht ähnelt als dem erhabenen Status, den wir uns von einer Liebesbeziehung doch erträumen.

Co-Abhängigkeit

Wer sich und seine Gefährten vor solcher Co-Abhängigkeit bewahren will, braucht Meditation. Damit meine ich eine regelmäßige Praxis des Versinkens in sich selbst, in die Existenz, das Ganze, die Leere, den Kosmos, Gott oder wie auch immer man das nennen will. Wer nur mit dem geliebten Partner die glückbringende Verschmelzung erlebt, das Ende der Einsamkeit, die Geborgenheit im Universum, ist in Gefahr, davon abhängig zu werden. Das Glück des mystischen Verschmelzens ist so groß, dass die Sehnsucht danach entsprechend stark ist. Wer das nur in der Liebesbeziehung und erlebt, wird fast unvermeidlich danach süchtig, und wenn es nur bei einem Menschen geschieht, kann das zu einer Sucht nach diesem Menschen führen, zu einer Hörigkeit.

Wenn das nur auf einer Seite der beiden so ist, und die andere ist ein souveräner, erfahrener Liebender und Meditierer (manche sind das ja, ohne es zu wissen und es so zu nennen), dann ist die Beziehung zwar asymmetrisch, aber noch keine Co-Abhängigkeit. Ist es auf beiden Seiten so – das ist der typische Fall – dann ist die Liebesbeziehung eine co-abhängige, klammernde, in der vermutlich beide wenig Freiheit haben, und wahrscheinlich wird dann auch Eifersucht eine große und störende Rolle spielen.

Virtueller Sex

Unsere heutige Kultur ist nicht mehr so körperfeindlich und unerotisch, wie die europäische es jahrhundertelang war. Trotzdem begeistert mich die Art des heute üblichen offenen, fast tabulosen Umgangs mit Sexualität nicht in jeder Hinsicht. Das liegt vor allem daran, dass Sexualität, Liebe und Erotik sich heute zum großen Teil in den Phantasiewelten abspielen, die von den Medien produziert werden. In Büchern, Zeitschriften und dem Fernsehen, noch mehr im Internet, ist eine »reizvolle« Welt des Eros entstanden, die nachweislich dazu geführt hat, dass die nicht-virtuelle, reale Erotik zurückgegangen ist. Die Deutschen haben heute laut Umfragen weniger realen Sex als vor zwanzig oder dreißig Jahren, aber der Medienkonsum von sexuellen Reizen, neuerdings vor allem im Internet, ist gestiegen. Ich vermute, dass auch das nicht-virtuelle Flirten zurückgegangen ist gegenüber dem flirtenden Chat im Internet und dem Konsum von Pornografie als Ganzes, wenn man dabei das Internet einbezieht. Unser sexuelles und erotisches Leben ist virtueller geworden, irrealer, unechter. Vielleicht phantasievoller, das kann sein, aber vermutlich nicht befriedigender.

Der Beziehungsmarkt

Deutlich anders ist auch der heutige Beziehungsmarkt. Vor allem ist er im Zuge der Globalisierung größer geworden, als er je war, und er hat sich ins Internet verlagert. Die Auswahl an mögichen Partnern ist größer geworden und damit ebenso die Qual der Wahl wie auch die Anforderungen an die Selbstdarstellung. Immer öfter vergleicht man heute die aktuelle Beziehung mit den Möglichkeiten, die man »sonst noch hätte« auf dem großen Marktplatz. Die aktuellen, bestehenden Beziehungen sind viel mehr Vergleichen ausgesetzt als früher. In ähnlicher Weise wie eine von Monopolen dominierte Wirtschaft aus der Öffnung für den Wettbewerb vieler alternativer Anbieter Vorteile schöpft, tun das auch die Beziehungsmärkte, aber sie haben nicht nur Vorteile. Ein Nachteil ist, dass die Bereitschaft sinkt, Beziehungskrisen durchzustehen. Man löst sich leichter, und ebenso wie das Guru-Hopping (das Hüpfen von einem Guru zum nächsten) im spirituellen Bereich ins Flachland führen kann, so kann auch das Beziehungs-Hopping dazu führen, dass die Liebesbeziehungen an Tiefe verlieren. Man löst sich leichter von einer Unglück bringenden Beziehung, aber man verpasst auch häufiger die Tiefe, die aus Kontinuität erwachsen kann.

Die Liebe zum Ganzen und die Geborgenheit darin kann ganz überraschend kommen, mitten in der »dunklen Nacht der Seele«

Und die Mystik? Die kann man in der Einsamkeit finden, in der One-Night-Affair, aber auch in der Tiefe einer monogamen Beziehung. Die Chance zur Mystik gibt es überall. Mystik braucht die Sexualität nicht; der Liebe bedarf sie schon eher. Und sie kann ganz überraschend kommen – die Mystik, die Geborgenheit spendende Liebe zum Ganzen. Mitten in der »dunklen Nacht der Seele« kann sie kommen und den Einsamen zu sich nehmen.

Marktwirtschaft als Herausforderung

Mystik führt ins Niemandsland. Das als Heimat zu empfinden ist für die meisten Menschen nicht leicht. Viel kuscheliger ist da doch die Geborgenheit einer Beziehung, die Heimat einer neuen Identität. Insofern stehen sich hier zwei polare Kräfte gegenüber: einerseits der Sog der Freiheit gebenden Mystik, die aber auch ein gähnendes Nichts ist, ein Abgrund; andererseits die Heimat einer Bindung, die Verbindlichkeit bietet, aber auch fordert. Dies sind Kräfte, die einander bedingen und ergänzen. Heimat in einer guten Identität zu finden, als Alleinstehender, Partner, Familienmensch oder beruflich Identifizierter kann einem die Geborgenheit geben, um das Unendliche, Grenzenlose des mystischen Versinkens in der Leere besser zu ertragen und aus dieser Leere Erneuerung zu schöpfen. Denn Kreativität braucht die Leere, den Freiraum, und auch jede Beziehung braucht ihn. Auch die monogame Beziehung braucht nicht nur Durchhaltevermögen sondern auch ein Eintauchen in die Leere, ebenso wie die polyamouröse Beziehung das braucht und das Zölibat eines Mönchs oder einer Nonne.

Wenn man denn an der alles ergreifenden, fast alle Regeln dahinraffenden Marktwirtschaft der heutigen Globalgesellschaft etwas Gutes finden will, dann vielleicht das: Sie fordert die einander polar ergänzenden Kräfte der Mystik (des Niemandseins) und der profilstarken sozialen Identität (des Jemandseins) heraus. Sie zwingt uns, vielleicht unerbittlicher denn je, dass wir uns der Frage stellen, wer wir eigentlich sind. Und das war doch schon vor hundert und vor tausend Jahren und auch zur Zeit von Buddha und Sokrates die entscheidende Frage des Menschen auf der Suche nach sich selbst.

— Wolf Schneider

Bücher von W. Schneider zum Thema:

Wolf Schneider, Jg. 52, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie, 1976 buddh. Mönch in Thailand; 1985 Gründer des Connection Verlages, 2004 der »Schule der Kommunikation« im oberbayerischen Niedertaufkirchen. Hrsg. der connection Tantra-Specials. Blog: www.schreibkunst.com


Titelseite connection special 84

Aus dem Heft connection special 84

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