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Neo-Tantra – besser als sein Ruf?

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Eine Erwiderung auf den Neo-Tantra Kritiker Daniel Odier

Wie seinerzeit das klassische Tantra, ist auch heute Tantra umstritten. Das gilt für alle seinen Varianten, auch für die im Westen weit verbreitete Variante des Neo-Tantra, die therapeutische Methoden aus der Humanistischen Psychologie einbezieht. Der Tantralehrer Silvio Wirth verteidigt hier das Neo-Tantra gegen den Angriff des Chan- und Tantra-Lehrers Daniel Odier

In den achtziger Jahren, als das westliche Tantra noch in den Kinderschuhen stand, war es hauptsächlich Angriffen aus dem schockierten Mainstream ausgesetzt. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt; Tantra hat in der deutschen und der westlichen Gesellschaft seine Nische gefunden.

Das westliche Tantra wurde vielerorts »Neo-Tantra« genannt, um es vom traditionellen indischen oder tibetischen Tantra abzugrenzen. Diese Bezeichnung geht ursprünglich auf einen Satz von Osho zurück, der, obwohl selbst Inder, ein nicht-traditionelles, für den westlichen Menschen offenes Tantra begründen wollte: »Das Tantra ist eine Tradition gegen jede Tradition. Aber es ist trotzdem noch eine Tradition. Ich dagegen spreche von einer völlig neuen Sache, von etwas, das lebendig, jung, überhaupt nicht traditionell ist … Darum sind alle Religionen, Tantra ebenso wie die anderen, ritualisiert. Aber heute hat das menschliche Wesen seine Reife erreicht. Umso mehr müssen wir Tantra von allen ritualistischen Strukturen befreien, um es poetischer, spontaner zu gestalten. Genau das mache ich, damit aus dem Tantra wieder eine tief lebendige, gelebte Erfahrung werden kann. Denn es muss euer Lebensstil werden, aber es ist besser, es ›Neo-Tantra‹ zu nennen. Sonst werden diese ›Experten‹ weiter Verwirrung in dir anstiften.« (1)

Tantra und Neo-Tantra

Neo-Tantra ist für seine Gegner inzwischen eine Art Schimpfwort geworden. Mein Eindruck ist, dass die stärksten Kritiker mittlerweile aus dem Kreis der Anhänger des traditionellen hinduistischen und buddhistischen Tantra kommen, und sie gewinnen zunehmend an Einfluss. Die Anhänger des Neo-Tantra scheinen publizistisch in Rückenlage zu geraten: Wenn man bei Google »Tantra« eintippt, kommt mittlerweile an erster Stelle der Wikipedia-Eintrag, der zum traditionellen Hindu-Tantra hinweist, immerhin noch mit einem Link: »zur modernen westlichen Richtung siehe Neotantra«.

Was mich betrifft, gehöre ich zu einer jüngeren Generation von Tantralehrern und bin seit immerhin zehn Jahren tätig. Ich habe früher wohl reines »Neo-Tantra« gemacht, habe mich mittlerweile aber immer mehr den traditionellen Tantra- und den Yoga-Wegen geöffnet. Ich habe meine Arbeit immer schon als sinnvolle, tief gehende Heilungsarbeit verstanden, die in der Lage ist, viele Menschen für einen spirituellen Pfad zu öffnen. Daher hat es mich immer gewurmt, wenn ich irgendwo die Meinung selbsternannter Experten las, wie unseriös und nutzlos meine Arbeit doch sei.

Die Hutschnur ging mir endgültig hoch, als ich in der Zeitschrift KGS Berlin ein Interview mit dem von mir bis dahin eigentlich geschätzten Daniel Odier las, in dem er sich wie folgt äußert:

Daniel Odiers Kritik

»Neo-Tantra war eine süße Idee der sechziger Jahre, als wir diese historische Zeit erlebten, die die ›sexuelle Revolution‹ genannt wird. In diesem Zusammenhang entstand auch die Idee, dass Sex ein besonderes Tor sein könnte. Es war eine schöne Idee – das einzige Problem ist, sie funktioniert nicht! Bis heute denken viele Menschen immer noch, dass diese Idee funktionieren könnte – leider führt das zu nichts. Im Gegenteil, die Verwirrung wächst. Vom Standpunkt des Yoga aus betrachtet sind diese Praktiken genau das Gegenteil von dem, worum es im ursprünglichen Tantra geht. Neo-Tantra beruht auf einer Erfindung, es ist nicht authentisch. Das Ergebnis dieser falschen Praktiken sind zwanghafte Verspannung, Verkrampfungen und übertriebene Entladungen der Muskeln und des Nervensystems. Aus energetischer Sicht war Neo-Tantra ein Versehen, ein Fehler, und spirituell betrachtet macht es keinen Sinn.«

Das ist starker Tobak, zumal Odier selbst bisher in Deutschland sehr unkritisch aufgenommen wird. Ich denke, jetzt muss mal widersprochen werden. Bei allem Respekt, Monsieur Odier, das stimmt einfach nicht!

Vier Kritikpunkte am Neo-Tantra

Die häufigsten Kritikpunkte am westlichen Tantra könnte man wie folgt zusammenfassen:

  • Kritikpunkt 1: Neo-Tantra ist ein Produkt der übersättigten Esoterik-Szene und therapeutisch nicht fundiert. Eigentlich ist es eine Geldmacherei ohne jeden Anspruch.
  • Kritikpunkt 2: Neo-Tantra hat sich vom spirituellen Ideal verabschiedet und führt seine Jünger nicht zur Wahrheit und Tiefe. Bestenfalls ist es Liebeskunst oder Sexualtherapie.
  • Kritikpunkt 3: Im traditionellen Tantra kommt die Sexualität entweder gar nicht oder zuletzt, im Neo-Tantra hingegen kommt sie zuerst. Beim Neo-Tantra geht es nur um Sex, anders als im »echten« Tantra. Sexualität als Tor zur Spiritualität, das funktioniert einfach nicht.
  • Kritikpunkt 4: Tantra ist nur in einer Übertragungslinie authentisch und lässt sich nur in einer tiefen Guru-Schüler-Beziehung realisieren.

Ich möchte der Klarheit halber zu jedem dieser vier Punkte ausführlich Stellung beziehen und darlegen, dass diese Kritikpunkte im Großen und Ganzen nicht fundiert sind und im Kern hohl.

»Neo-Tantra ist Pop-Esoterik«

Kritikpunkt 1: Neo-Tantra ist ein Produkt der übersättigten Esoterik-Szene und therapeutisch nicht fundiert. Neo-Tantra ist eigentlich eine Geldmacherei ohne jeden Anspruch.

Die inkompetenten ›Neo-Tantriker‹ sind natürlich immer die anderen

Wenn man die Szene genau beobachtet, kann man Interessantes feststellen: Andro etwa spricht Margo Anand und ihren Nachfolgern ab, echtes Tantra zu praktizieren. Nun wird er selbst auf der Wiki-Seite als Neo-Tantriker bezeichnet. Daniel Odier kritisiert alle westlichen Tantraschulen in Bausch und Bogen, um sich auf der englischen Wikipedia-Seite dann wieder selbst als Neo-Tantriker wiederzufinden. Das Ganze scheint mir eher ein Spiel der Eitelkeiten zu sein, die inkompetenten »Neo-Tantriker« sind natürlich immer die anderen.

Das Neo-Tantra, auf dem seine Gegner herumhacken, das gibt es in diesem Sinne gar nicht. Dazu ist die ganze Landschaft längst viel zu komplex geworden. Ich kenne mittlerweile doch etliche Tantraschulen und ihre Arbeit. Nahezu jede dieser Schulen hat sich auf eine bestimmte Art therapeutischer Basis-Arbeit spezialisiert. Das kann Primärtherapie sein, Bonding nach Dan Casriel, Gestaltarbeit, holotropes Atmen, verschiedene Arten aktiver Meditationen nach Osho, aber auch Verfahren wie Sexual Grounding nach Poppelier oder Essence Work nach Almaas. Das Spektrum der so genannten Neo-Tantriker reicht von eher ruhiger therapeutischer Arbeit am Selbst, wo man sich sogar in einem geschlossenen Jahrestraining nicht auszieht, bis zu sexuellen Gruppenritualen; von sanfter yogischer Körperarbeit bis zu Encounter-Therapie.

Die Qualität dieser Arbeit mag sehr unterschiedlich sein, aber dieses Problem hat man mit nahezu jedem Angebot im Bereich der Selbsterfahrung und zweifellos auch in den traditionellen spirituellen Schulen. Aufgrund der Rückmeldungen von Menschen, die an Tantrakursen teilgenommen haben, scheint mir mit Ausnahme einiger weniger schwarzer Schafe die Qualität recht hoch zu sein.

Auch die Kritik, das sei Geldmacherei, kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Die Preise von Tantra-Kursen sind mit anderen Selbsterfahrungs-Angeboten vergleichbar. Eine goldene Nase hat sich da noch keiner verdient, ganz im Gegensatz zu anderen Bereichen unserer Gesellschaft.

»Neo-Tantra ist unspirituell«

Kritikpunkt 2: Neo-Tantra hat sich vom spirituellen Ideal verabschiedet und führt seine Jünger nicht zur Wahrheit und Tiefe. Bestenfalls ist es Liebeskunst oder Sexualtherapie.

Oder etwas indischer formuliert: Tantra ist moksha-shastra, es gehört zum Pfad der Befreiung, und wird im Westen als kama-shastra missverstanden, als Weg zu Lustgewinn und Liebe, wie etwa das mit den Tantras nicht näher verwandte Kamasutra.

Hier gibt es wahrscheinlich wieder sehr große Unterschiede in den Angeboten der verschiedenen Schulen. Die meisten Tantra-Lehrer, die ich kenne, nehmen sehr wohl eine starke Haltung für Spiritualität und Selbsterkenntnis ein und vermitteln das in ihren Kursen, so gut sie können. Ich habe die Erfahrung gemacht – und da spreche ich auch für andere Tantra-Lehrer –, dass ich schon bei einigen hundert Leuten, die zu mir in die Seminare mit ganz weltlicher Motivation kamen, durch meine Arbeit und den bereitgestellten Erfahrungsraum den spirituellen Impuls erst richtig anzünden konnte.

Für einen echten Tantriker ist Tantra keine Wochenend- Parallelidentität, sondern wird früher oder später zum gelebten Alltag

Häufig wird von Seiten der Traditionen auch kritisiert – und diesmal zu Recht, meine ich –, dass Neo-Tantra die Schüler nicht zu regelmäßiger Praxis anleitet. Meine Meinung dazu: Für einen echten Tantriker ist Tantra keine Wochenend-Parallelidentität, sondern wird früher oder später zum gelebten Alltag. Ein einfaches Einsteiger-Wochenende kann jedoch den Geschmack des Tantra schon vermitteln. Viele Menschen machen darin die Erfahrung, dass es da »noch etwas ganz anderes gibt«. Die meisten brauchen dann allerdings schon ein Jahrestraining, um zu einer regelmäßigen Praxis zu gelangen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Tantra, auch westliches, wenn es gut ist, starke Energieerfahrungen vermitteln kann. Durch meine Praxis bin ich zu bestimmten Kundalini-Erfahrungen gekommen, die hier zu beschreiben den Rahmen sprengen würde. Einige meiner fortgeschrittenen Schüler haben da sogar noch intensivere Erfahrungen gemacht. Ich kenne auch Yoga und Zen und finde, Tantra ist diesen spirituellen Wegen keineswegs unterlegen.

Ich weiß nicht, mit wem Daniel Odier hier schlechte Erfahrungen gemacht hat. Ich kann ihm in diesen Punkten jedenfalls nicht zustimmen. Tantra führt nicht zu Verspannungen und Verkrampfungen und dergleichen mehr, sondern es führt mindestens zu Entspannung, Wohlbehagen, stärkerer Selbstannahme und stärkerer Freude an der eigenen Erotik und Sexualität. Bei vielen Menschen verändert ein Tantra-Training das ganze Leben. Es bringt mehr Ehrlichkeit hinein und bewegt sie dazu, ihren Platz im Leben noch mal neu zu bestimmen. Zum Beispiel findet ein Absolvent des Trainings nun eine stärker befriedigende, neue Arbeitsstelle, eine verödete Beziehung oder Ehe wird wiederbelebt oder einem vereinsamten Single gelingt nun eine beglückende Partnerschaft. Ich könnte da zig Geschichten erzählen, darunter auch solche, wo eine spirituelle Krise überwunden wird und ein Mensch »zu sich« findet.

Und die Menschen, für die Tantra vor allem Liebeskunst und Sexualtherapie ist – na, und? Auch befriedigendes Sexualleben und ein glückliches Liebesleben sind selten genug und nicht zu verachten. Die Kunst zu lieben, wenn man sie z.B. so versteht, wie Erich Fromm sie in seinem berühmten Klassiker beschrieben hat, setzt eine eine spirituelle Haltung voraus. Liebe ist jedenfalls kein geringes Ziel, und auch das erotische Verständnis der Liebe ist ein Götterfunkenregen, der ein profanes Leben zum Leuchten bringen kann. Jedenfalls bevorzuge ich den blumigen, freudvollen, lebendigen Weg des Tantra gegenüber einem asketischen Weg , auf dem ich dann, nach zwanzig Jahren der Entbehrungen, feststelle, dass ich immer noch nicht erleuchtet bin.

»Da geht es nur um Sex«

Kritikpunkt 3: Im traditionellen Tantra kommt die Sexualität entweder gar nicht oder zuletzt, im Neo-Tantra kommt sie zuerst. Beim Neo-Tantra geht es nur um Sex, anders als im »echten« Tantra. Sexualität als Tor zum Spirituellen funktioniert einfach nicht.

Im traditionellen Tantra hinduistischer und buddhistischer Prägung kommen die sexuellen Rituale in der Tat erst bei Fortgeschrittenen zur Geltung. Das Problem ist, dass hier im Westen die Anfänger ja keine Yogis mit Keuschheitsgelübde sind, sondern ohnehin sexuell aktiv. Soll ich also warten und mit ihnen Asanas und Meditationen üben, bis sie reif sind für die mächtigen Energien des Sexuellen, oder kann ich von Anfang an die tantrischen und taoistischen Methoden zu Energetisierung und Verfeinerung des sexuellen Stroms lehren? Meine Erfahrung ist, dass auch die sexuellen Methoden sehr wirkungsvoll und gut sind und dass sie dankbar angenommen werden. Natürlich gibt es bestimmte erotische Praktiken, die hohe yogische Fertigkeiten voraussetzen, die kann ich aber meinen Fortgeschrittenen dann zeigen, wenn sie erfahren genug sind. Wer für welche Übungen reif ist, das sollte ein Tantraleher allerdings erkennen können.

Viele traditionellen Lehrer wollen einem weismachen, dass Sexualität im Tantra eigentlich ein Nebengleis wäre, vielmehr ginge es um Mantrarezitation, Visualisierungen und geistige Übungen. Dies stimmt jedoch nur, was das rechtshändige Tantra betrifft. In der linkshändigen tantrischen Richtung hingegen nimmt auch die Sexualität einen zentralen Stellenwert ein, auch im tantrischen Buddhismus.

Daniel Odier etwa will einerseits die Sexualität in ihrer Bedeutung zurechtstutzen: »Das Vijnanabhairava-Tantra ist ein uraltes Yoga-System. Sie ist unsere Basis-Praxis. In ihr werden alle Aspekte des Menschseins beleuchtet. In diesem Werk werden ungefähr 130 Praktiken empfohlen und es gibt darin nur drei Verse, die sich um Sexualität drehen. Das zeigt, welchen Stellenwert die Sexualität im kaschmirischen Tantra-Weg einnimmt. Sie ist Teil davon, aber auch nicht mehr«. Derselbe Autor beschreibt in seinem Buch »Tantra – Eintauchen in die absolute Liebe« jedoch lange und ausführlich das sexuelle Ritual, das er mit seiner Meisterin durchführt, und das einen entscheidenden Einfluss auf seine Erfahrung des Erwachens hat.

Ich bin, anders als Odier, der Meinung, dass Sexualität als Tor zur Spiritualität sehr wohl funktioniert. Die Transformation der Sexualität in Liebe, die Veredelung dieser stärksten Kraft im Menschen ist ein Weg zur Heilung und Spiritualität. Meine ganze Erfahrung und auch die meiner Gefährten spricht dafür.

Gleichzeitig ist Sex aber auch unwichtig! Bei einem guten Tantra-Lehrer wird man schließlich zu der Erfahrung geführt, dass man dem sexuellen Drang gegenüber frei ist. Sexualität bestimmt dann nicht mehr das Leben, man ist ihr nicht mehr unterworfen, sondern kann es – auch in sexueller Hinsicht – so gestalten, wie es einem selbst und den Menschen, mit denen man zu tun hat, gut tut.

Autorisierung durch einen Guru

Kritikpunkt 4: Tantra ist nur in einer Übertragungslinie authentisch und muss von Guru zu Schüler weitergegeben werden.

Das traditionelle Tantra wird man ohne Lehrer aus Indien oder Tibet nicht erfahren, das stimmt. Und so lange die Lehrer aus dem Osten kein Interesse haben, in den Westen zu kommen, wird es kein westliches Tantra im strengen Sinne geben. »Nichtsdestotrotz behaupte ich, dass ein westliches sexuelles Hybrid-Tantra besser ist als gar kein Tantra« sagt der Yoga-Guru Jonn Mumford, und ich stimme ihm darin zu. Aus eigener Erfahung weiß ich, dass auch die traditionellen Tantriker nur mit Wasser kochen.

Wo das westliche Tantra noch zu sehr in der Esoterik-Ecke klebt und selbstgefälligen Narzissmus bedient, wäre es gut beraten, sich weiter zu entwickeln

Wo das westliche Tantra noch zu sehr in der Esoterik-Ecke klebt und selbstgefälligen Narzissmus bedient, wäre es gut beraten, sich weiter zu entwickeln, mehr von seinen Schülern zu fordern, vor allem an regelmäßiger Praxis. Ich denke, wenn sich westliche Tantralehrer mit den alten Tantraschriften, mit Yoga und tibetischem Buddhismus befassen, können ihre Kurse besser und tiefer werden. So hätte das westliche, therapeutische Tantra durchaus eine Chance, als integraler Weg zu schnellen und guten Ergebnissen zu gelangen.

Es gibt immer mehr Schulen, die eine Mischung aus westlichem und traditionellem Tantra anbieten, so z.B. die »tantrische Vision« in Kassel, das Istituto Maithuna in Italien oder auch unser Secret-of-Tantra-Institut. Und es gibt einen Punkt, in dem die klassischen Traditionen vielleicht auch unterlegen sind. Ken Wilber, der tiefste und gründlichste spirituelle Denker unserer Zeit, ist der Ansicht, dass die Art der Schattenarbeit, die sich in einigen westlichen Therapien des 20. Jh. entwickelt hat, eine Qualität der Selbsterkenntnis enthält, die den alten Traditionen fehlt, auch dann, wenn sie das Gegenteil behaupten. Wer sich mal längere Zeit in einer der traditionellen spirituellen Schulen aufgehalten und gesehen hat, was für Neurotiker dort auch unter den fortgeschrittenen Praktizierenden zu finden sind, weiß vielleicht, was ich meine. Meditation verbunden mit Therapie wirkt doppelt so schnell wie nur Meditation oder nur Therapie, auch Osho wusste das. Hier liegt eine große Stärke des erotisch-therapeutischen Tantra.

Ich bin der Meinung, das westliche Tantra sollte aus seiner Defensive herauskommen und beginnen, das eigene Bild in der Öffentlichkeit stärker zu gestalten. Raus aus dem Schmuddel-Image und der Eso-Nische, hin zu einem selbstbewussteren Umgang mit dem eigenen Tun.

— Silvio Wirth

(1) aus Margo Naslednikow: Tantra. Der Pfad der Ekstase

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Jg. 70, Diplompsychologe und Tantralehrer. Leitet zusammen mit Mara Fricke das Secret-of-Tantra-Institut nahe Berlin. Lebt und arbeitet in einem tantrischen Gemeinschaftsprojekt,
www.secret-of-tantra.de


Titelseite connection special 84

Aus dem Heft connection special 84

   
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