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Editorial connection special 83

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Wolf Schneider

Schönheit erkennen
als spiritueller Weg

Haben wir uns damit nicht mal wieder ganz schön aus der Affäre gezogen? So oft wird das Wort schön nur floskelhaft verwendet, zum Beispiel, wenn man damit etwas als irgendwie gut bezeichnen will. Das ist dann ganz gut gemeint, aber nicht wirklich gut und auch nicht wirklich schön. Gut und schön sind Worte, die schnell dahin gesagt und oft auch austauschbar sind. Über solche Oberflächlichkeit kann man die Nase rümpfen, aber dieser Sprachgebrauch zeigt auch etwas: dass wir nämlich das Gute und das Schöne als einander ähnlich wahrnehmen.

Dieses Tantra-Special über Schönheit will jedoch tiefer gehen. Es widmet sich dem, was uns an einem anderen Menschen fasziniert, was wir an ihm schön finden, und der Frage, wie das zustande kommt: Warum finden wir den einen Menschen schön, den anderen nicht? Was überhaupt empfinden wir Menschen generell als schön? Und wann finden wir uns selbst schön?

Bin ich schön?

Unser Schönheitsempfinden rührt an die Grundfesten unseres Selbstverständnisses und unseres Weltbildes. Sowohl in der Eigenwahrnehmung (Bin ich schön?) wie auch in der Fremdwahrnehmung (Bist du schön?) sind wir beeinflussbar durch Suggestion und Autosuggestion, aber unser Empfinden hat auch biologische Grundlagen und darüber gelagert vor allem soziale: Wir wollen schön gefunden, begehrt, beachtet, anerkannt und geliebt werden, und alles das hängt miteinander zusammen.

Auf einer tieferen Ebene ist die Suche nach Schönheit die nach Liebe: Wir wollen lieben und geliebt werden. Noch tiefer in dieser Suche verborgen ist die nach mystischer Verschmelzung: Im Schönen begegnet uns ein Schimmer der Harmonie und Perfektion des Ganzen, der Natur, des Universums – einige würden sagen des Göttlichen – und im Erkennen identifizieren wir uns damit. In Goethes Worten klingt das so:

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Schönheit erschaffen, Schönheit empfinden

So ist die Suche nach Schönheit nicht nur die von Ästheten, Perfektionisten oder nach Anerkennung Dürstenden, sondern auch ein Aspekt der spirituellen Suche. Sie kann sogar ein spiritueller Weg sein. Auf diesem erschaffen wir – als Künstler und Lebenskünstler – Schönheit, das ist die aktive Seite. Mehr noch zeigt sich das Spirituelle jedoch im Passiven, in unserer Empfänglichkeit: Wir entwickeln uns, indem wir unser Schönheitsempfinden erweitern und auch dort noch, wo Dissonanzen anklingen und Unvereinbares sich miteinander zu streiten scheint, eine verborgene Harmonie entdecken, ein größeres Ganzes, einen Sinn.

Ekstase

Schönheit kann in Ekstase versetzen: Wir können außer uns sein im Erkennen von Schönheit, außerhalb des Normalbewusstseins unseres beschränkten kleinen Egos und so noch mehr in uns, in einem tieferen, verbundeneren Selbst. Als Liebestrunkene, von der Schönheit des Geliebten Ergriffene sehen wir keinen Makel mehr am anderen und auch nicht mehr an uns selbst. Da sind wir eins mit dem anderen und dem Ganzen, in mystischer Verschmelzung.

Dort können wir aber nicht bleiben, wir müssen zurück in unsere begrenzte Identität, von der Verschmelzung mit den Du zurück ins Ich, um von dort aus den Alltag zu bewältigen. Aber die Erinnerung an die Ekstase bleibt und auch der Bezug zu dem anderen, Größeren, das uns da begegnet ist.

Der tantrische Weg

Tantra ist ein spiritueller Weg, der die mächtigen Energien von Sexualität und Liebe zur spirituellen Transformation nutzt. Insofern ist das Erkennen von Schönheit und das Streben danach für Tantriker sehr bedeutsam. Mit dem Streben nach Schönheit ist hier aber nicht der Friede-Freude-Eierkuchen-Ansatz der Pop-Esoterik gemeint (Ach, wie gut siehst du heute wieder aus!), sondern eine Haltung, die auch das Hässliche integriert, es als etwas ansieht, das seine Schönheit vielleicht noch nicht gleich offenbaren will.

Wir brauchen nichts zu verleugnen und vor keinem Widerstand in die Knie zu gehen. Alles ist erkennbar und kann eine Stufe sein auf dem Weg zur Integration, das Hässliche ebenso wie das Dumme, Abgründige oder vermeintlich Schlechte. Wer den Zusammenhang des Ganzen sehen kann, sieht die darin verborgene Harmonie und hat so vielleicht den Schimmer einer noch größeren Schönheit erhascht –und ist verzückt.

Wolf Schneider
Hrsg. der connection Tantra-Specials
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Blog: www.schreibkunst.com
Persönlicher Webauftritt (im Aufbau): wolf-schneider.info


Titelseite connection special 83

Aus dem Heft connection special Nr. 83

   
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