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Wie soll ich dieses Entzücken ertragen?

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Küssendes Paar

Er sieht sie, fühlt sie, riecht sie und ist entzückt. Da begegnet ihm das Wunder, das Göttliche Mysterium und entführt ihn, still und unausweichlich, ins Elysium. Franz Lang, der zusammen mit Pamela Behnke den Tantra-Newsletter von connection herausgibt, hat hier eine Hymne auf die Liebe, die Schönheit und das ineinander Aufgehen zweier Leiber und Seelen geschaffen, die man singen müsste – wenn Papier doch nur singen könnte!

Nach einer langen Arbeit im Zimmer, am Schreibtisch, hoch konzentriert und energetisch geladen, trete ich nach draußen. Der Wind umfängt mich, und mein erster Blick trifft auf die bunten Felder, die satten Wiesen, die feinen farbigen Abstufungen, die Schatten von Grün, von Gelb, von Braun und dann das weite, helle Himmelsblau mit weißen Federwolken darin schwebend. Leichtes, tiefes, gewichtiges Entzücken. Da fährt die ganze Wucht und Fülle der Farben in meinen Leib, der so lange nur der trockene Diener des Geistes war, und macht ihn stark, und lädt ihn auf mit Lebenskraft und gibt ihm Freude, Mut und tiefes Sattsein. Wenn ich nur ein Maler wäre! Ich würde es mit magischen Flächen auf die Leinwand bannen, und es wäre dennoch nicht genug. Aber geben möchte ich es. Zurück geben an Gott, woraus ich es empfangen habe, in meiner Liebe. Die Menschen, die es sehen, sind das Auge Gottes.

Jeder Schein ist das Antlitz Gottes. Alle Sinneswelt ist Schein, so auch das Schöne. Der Schein ist Maya, erste und größte Göttin aus der Gottheit. Wenn ich Schönes schaue, taste, fühle, schmecke und besonders rieche, dann bist du es, Maya, die mir den Blick zur Gottheit öffnet. Dich liebe ich über allem. In jeder Frau sehe ich dich, in jedem Blatt, in jeder Knospe und in der vollen Pracht der Blütenblätter. Und wenn ich trinke aus dem Schoß der Frau, dann trink ich deinen Nektar. Maya, Illusion, Trugbild, Schein, bist du, aber Teil der göttlichen Essenz. Gnade. Dein schöner Schein umhüllt mich, außen wie innen, und macht mir die Sinnesempfindungen zum Abbild göttlicher Glückseligkeit.

Ohne das Hässliche gibt es nichts Schönes. Jedes Schöne hat einen hässlichen Fleck, und immer auch birgt das Hässliche das Schöne in sich

Gnade

Zu schmerzhaft wäre das Bewusstsein der organisch-körperlichen Vorgänge für mich! Den Verdauungsvorgang beispielsweise vollkommen bewusst mitzuerleben, wäre nicht erträglich. Für mich und für jeden Menschen ist ein solcher organischer Vorgang nur gedämpft-träumerisch wahrnehmbar, andernfalls würde er mich töten. Aber ich bin geschützt. Eine Hülle umgibt mich, ein schützendes Bewusstsein. Es kommt von der Gnade.

Jedoch: Ohne das Hässliche gibt es nichts Schönes. Jedes Schöne hat einen hässlichen Fleck, und immer auch birgt das Hässliche das Schöne in sich. In jedem Schmutzfleck, in jedem Gestank, im Lärm und im Schmerz finde ich den Kern des Schönen. Ja, auch im Schmerz. Und auch der Tod hat Würde und Schönheit. Besonders der Tod.

Den Schatten, die Wunden, die Hässlichkeit in mir anderen nicht zu zeigen, gebieten Scham und Rücksichtnahme auf meine mitmenschliche Umwelt. Sie ständig zu verbergen wäre aber eine herkulische Aufgabe, erdrückend und schlicht unmöglich. Den Deckel draufhalten auf dem brodelnden Topf? Da würde ich verkrampfen und erstarren.

Leidenschaft

Große Leidenschaft will heraus. Sexuelle Kraft, Freude und Begehren. Alle Bedürftigkeit wird gesammelt, fokussiert. Jetzt ist es der starke Strahl, der mich selber reinigt, weil ich ihn in mir fasse. Entweder bleibt sie in mir, die Leidenschaft, dann konzentriert sie sich und sucht sich im Innenraum zu erweitern. Oder sie geht nach außen, dann ist sie Tatkraft, Veränderung und Sex.

Wo ist alles hin, das natürliche Lieben? Wie viele Mauern haben du und ich aufgerichtet zwischen uns! Wir kommen nicht zueinander. Da ist es wieder, wie so oft, das stumpfe Gefühl, das fahle, das hohle: Nichts zieht uns zueinander, wir sind uns so fremd.

Aber halt! Ist es nicht gerade das Gefühl der Fremdheit, das stumpfe Dösen, das uns eint, das wir gemeinsam haben? Nun könnten wir in aller Ruhe da hinein sinken. Es ist Gott in uns, untätig, jedoch in einer denkbar gelassenen Art, die hier sich selbst begegnet.

Kein Grund zur Panik. Die Liebe steigt dennoch immer höher, immer tiefer, fließt in die Breite. Lass sie zu, geliebtes Du, diese Wirksamkeit! Wir werden wieder wie die Kinder. Wir necken uns, wir spielen. Wir lachen und sprudeln, und scheinbar beleidigt ziehen wir uns dann zurück. Da kommst du an, guckst um die Ecke und schon springen wir wieder aufeinander zu.

Bald werden wir uns wieder verlieren. Ich werde rufen nach dir: Kommst du? Kommst du nicht?

Mysterium

»Wie wunderbar du bist!« – »Weil du mich so siehst!« Das ist das Mysterium. Ich habe es aus deinem Mund schon oft gehört. Das Lächeln der Frauen versetzt mich in einen anderen Zustand. Ich übergehe ihn nicht. Ich handle aus ihm.

Weisheit ohne Liebe kann so trocken sein, so fürchterlich öde. Auch wenn es nichts gegen sie einzuwenden gibt, bleibt doch ein vages Gefühl von Ungenügen. Da fehlt doch etwas! Vielleicht die Fülle, der Überfluss des Lebens? Vielleicht das wunderbare »einander Brauchen«, das die Weisheit schon verbannen wollte? Vielleicht die unendliche Triebfeder der Sehnsucht, die unser Leben fortwährend in Bewegung hält, es umwälzt, neu gestaltet? Vielleicht der Sex, der meine Existenz geschaffen hat?

Wenn die Weisheit sagt: »Es ist, wie es ist«, dann antwortet mein Gefühlsleben: »Ich will nicht, dass es so ist, wie es ist!« – »Sei still«, antwortet sanft die Weisheit. Doch immer wieder meldet sich die Sehnsucht zu Wort: »Ich will, dass es werde, wie ich will!«

Wenn Weisheit und Sehnsucht eine Weile gestritten haben (ein lange Weile?), dann einigen sie sich schließlich. »Wenn es etwas Schönes ist, das du willst, dann kann ich dir bestimmt nicht widerstehen«, spricht die Weisheit. Da nimmt die Sehnsucht die Weisheit bei der Hand und führt sie zum zärtlich vorbereiteten Lager. Dort legen sie sich hin und machen Liebe.

Paar in erotischer Pose

Sehnsucht

Sehnsucht ist stets auf Vollendung gerichtet. Mit nichts davor gibt sie sich zufrieden. Sie ist keine Projektion aus der Vergangenheit. Sie kommt aus der Zukunft auf mich zu, dort existiert das Ersehnte bereits.

Sehnsucht hat ihre Wurzeln jenseits von Gefühlen und konkreten Vorstellungen. Sie ist der Sammelpunkt aller Begierden, Wünsche, Hoffnungen, Planungen und Visionen. Sie ist das schwarze Auge, das mich aus der Zukunft anblickt. Schwarz, weil es sehen, aber nicht gesehen werden kann.

Sehnsucht ist auch die Herkunft der Vergangenheit und meine Entstehungsursache. Zurück verfolgt trifft sie mit der Zukunft in einen Punkt zusammen. So ist sie auch ewige Gegenwart.

Sehnsucht ist die gespannte Sehne des Bogens – bereit, den Pfeil abzuschießen.

Niemals darf ich meine Sehnsucht aufgeben, noch kann ich es. Aber wenn ich sie mit Gefühlen befrachte, droht sie zu ersticken oder tut endlos weh, und Melancholie versieht die lebendige Sehnsucht mit einem Trauerrand.

Sehnsucht, die ich von allen Objekten bereinige, ist auf das Unbekannte gerichtet. Sie hört auf zu leiden, zu schwächeln, zu trauern, zu gieren. Stattdessen entfaltet sie ihre Unendlichkeit: breit, tief, hoch und durchdringend. Dann bleibt sie stehen und bewegt sich gleichzeitig. Sie ist die Liebe, die niemals endet. Sie blickt mich jetzt mit großen, reinen, blauen Augen an. Und dahinter die trauergeränderten, melancholischen Augen, verblassend.

Weichheit

Ich habe die Weichheit entdeckt. Nicht die Seligkeit, auf Wolken zu schweben, in sanfte Kissen zu fallen. Nein nein, es ist nicht das. Dein gesamter Körper, meine Geliebte, mein eigener, mein leicht geschwelltes Glied, dein breites, sanftes Tal, in dem es steckt, das alles ist ein weiter Schoß, eine einzige weiche Welt. Sie ist ohne Anstoß, ohne Grenzen, warm und schwerelos uns schwemmend. In ihr möchte ich verweilen, bis irgend wann – unweigerlich – ein harter Ton uns dieser Seligkeit wieder entreißt.

Ich rieche dich gern. Mehr als das: Ich tauche ein in die Aura deiner Haut, deiner Haare, deiner Wässer. Es strömt, es dunstet, es hüllt mich ein. Eine zauberhafte Wolke zieht in mich ein: Dein unvergleichlicher Duft, unwiderstehlich. Er zieht mich tiefer, oder anders, hinein in dich als meine Augen, meine Ohren es jemals eröffnen könnten.

Der ständig variierende Ausdruck deiner Stimme, deine Becken- und Körperbewegungen, deine Mimik und die Grimassen, die sich ganz natürlich zeigen wollen beim Liebesspiel, sie sind es, die mich dir noch näher bringen.

Ich liebe nicht nur den lichtvollen Engel in dir, ich liebe auch das untergründige Tier

Das Tier

Du verbirgst nichts vor mir. Das ehrt mich und es würdigt mich, Zeuge des für gewöhnlich in deinem tiefen Inneren schlummernden Tieres zu werden. Ich liebe dein Tier. Es ist ganz einzigartig deines. Es hat vielleicht Ähnlichkeit mit einem Fuchs, einem Marder oder was sonst es sein mag, aber es ist unverwechselbar deines. Ich liebe nicht nur den lichtvollen Engel in dir, ich liebe auch das untergründige Tier.

Es geht bei uns recht oft auch ziemlich tierisch ab! Wir lieben die Wildheit, Lust und Geilheit, die wir hoch kommen lassen, weil wir nichts zurück halten wollen. Wir erleben den Frieden und das stille Glück, das sich danach oft einstellt. Dann liegen wir selig ineinander verschlungen, dankbar und mild strahlend. Eine unendliche Zärtlichkeit überkommt uns, und der Engel senkt sich herab und segnet uns.

Jetzt

Die Tiefe und Kostbarkeit des Augenblicks erleben, indem wir ihn jedes Mal wieder loslassen und nicht festhalten wollen für den nächsten Tag oder wünschen, dass er für immer bleiben sollte: Durch dieses Gehenlassen wird es möglich, den Moment in einer noch schöneren Tiefe und Intensität zu erleben. Durch das Festhalten-Wollen verhindern wir das ewig neue Erstehen des Wunders des Augenblicks. Wir Liebenden glauben an den Augenblick und geben uns die Chance, ihn in einer neuen Tiefe und Intensität immer wieder zu erfahren. Alles andere ist Vergangenheit. Wir glauben auch nicht an die Zukunft. Vielmehr ist eine glückliche Zukunft nur das Ergebnis gelebter Momente. Und diese ewige Gegenwart ist gleichermaßen ewige Sehnsucht. Das wissen wir, wenn wir lieben. Deshalb geben wir uns immer frei. Das ist unser Geheimnis. Nicht alle, die uns danach fragen, wollen das hören.

Wir sind glücklich, uns bloß zu sehen, beisammen zu liegen, gemeinsam Musik zu hören, uns zu halten, uns zärtlich zu berühren. Manchmal huscht ein Lächeln über unser Gesicht, lange schauen wir uns ruhig in die Augen, ohne etwas tun oder reden zu müssen, dann gleitet eine Hand unendlich sanft über den Po, über den Rücken, über den Nacken, durch die Haare, über die Brüste, und wo sie verweilt, dort breitet sich ein strahlendes Liebesfeld aus, das alles, was sich in trüben Momenten gesammelt hat, in Stunden und Tagen, auflöst und heilt.

Stille Intensität

Wie meine Hand über deine unendlich zarte Haut streift, wie die hoch empfindsamen Handinnenflächen über die fest aufgerichteten Brustknospen streichen und dein bloßer warmer Leib, hingebungsvoll und ruhig daliegend, mir so innig, sanft entgegenstrahlt, da halte ich es schier nicht aus. Dein Aufatmen, dein Stöhnen, dein Loslassen und dich Ergeben, wie es mich ansteckt! Wohin mit dieser stillen Intensität? Wie soll ich dieses Wunder fassen, was soll ich tun? Mein unerträgliches Entzücken macht, dass ich still und stiller werde und es in mir halte, dass ich mein fassungsloses Staunen nicht nach außen tragen kann. So füllt es mich an und macht mich reich. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll: unendliche Süße? Sanfte Tiefe, Breite, Weite? Zartheit zum Bersten? Maßlose Weichheit? Blumenduft?

Es gibt Worte, die diese Erfahrung umschreiben. Könnte ich doch ein Wort finden, das diese Erfahrung ist! Bin ich doch auch als Dichter Liebender. Doch wenn selbst mein Körper sich nicht mehr regen kann, wie könnte ich dann besser sprechen?

Wie soll ich all das ertragen? Die unerträgliche Schönheit schmilzt mich hinweg

Liebesmacht

Fassungslos stehe ich da. Dein Glanz, dein sanftes Glühen haben mir alles weggeschmolzen. Mein stolzer Schild, mein edles Pferd, meine Lanze: Alles legt sich hin vor dir. Ich knie da, weiß nicht, darf ich meine Augen heben, soll ich sie senken. Wie soll ich all das ertragen? Die unerträgliche Schönheit schmilzt mich hinweg.

Im Orgasmus bist du gestorben schon manches Mal. Alle Grenzen haben sich aufgelöst. Du bist in die ewige Seligkeit eingetreten, eine Zeit lang. Nichts mehr ist da, nur noch Das.

Aus deinen Augen schaue ich mich selber an. Und: Ich sehe mich, wenn du mich anschaust. Schön bist du, wie du da liegst und schläfst! Ein Zauber umgibt dein Gesicht, ein seliges Lächeln! Dein zarter Mund, so schön geschwungen wie ein Herz, atmet sanft und unhörbar. Dein Haupt liegt hingebettet in den Kissen, und dein Haar bedeckt es wie Himmelsschmuck.

Wenn ich meine Liebesmacht ergreife, erfülle ich dich, meine Geliebte, damit. Eine natürliche Meisterschaft führt mich von innen, und ich weiß, was ich zu tun habe. Es erfreut dich, da ich ohne Zweifel bin. Den Meister lässt du frei walten. Seinen Taten ergibst du dich ganz. Der Meister in mir entwickelt sich mit meiner Liebe zu dir. Meine Liebe ist meine Verehrung deiner Schönheit. Mein Zartgefühl für deine Schönheit ist mein Entzücken, mein Entzücken wird meine Leidenschaft, meine Leidenschaft wird die Kraft, die du so liebst und der du dich so gerne hingibst. Was wir tun, ist unsere gemeinsame Freude. Wir sind zusammen und eins.

— Franz Lang

Photo Franz Lang

Franz Lang, geb. 1952, ist Erziehungs- und Paarberater und Spiele-Leiter. Seit Januar 2008 macht er zusammen mit Pamela Behnke die Redaktion des mtl. Tantra- Newsletters von connection. Er leitete tantrische Jahresgruppen und schreibt an Büchern.
www.spiel-freunde.de


Titelseite connection special 83

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Aus dem Heft connection special Nr. 83

   
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