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Alter und Schönheit

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Advaita, mittleres Alter

Die Weisheit des Alters

Wer jung ist sorge beizeiten dafür, innere Werte zu entwickeln, rät die Tantralehrerin Advaita Maria Bach. Sie ist nun schon im Alter der nicht sehr populären indischen Göttin Dhumavati und gibt ihre Lebenserfahrung und Weisheit an Jüngere weiter. Das Alter raubt uns viele Illusionen, vor allem über Dauerhaftigkeit und Schönheit, aber in diesem Raub liegt auch ein Geschenk: Die Weisheit des Alters kann leuchten und so unsere innere Schönheit nach außen tragen

Kann das überhaupt zusammen passen? Diese zwei Worte als Paar beschreiben für unsere üblichen Assozationsketten und Neuronenbahnen im Gehirn ein Paradox. Natürlich haben wir alle abgespeichert, dass jung = schön und alt = hässlich. Selbst wenn jetzt bei einigen Lesern gedankliche Beschwichtigungsrituale gegenüber dieser Aussage in Kraft treten. Auch das kollektive Klima in unserer Gesellschaft ist nicht dazu angetan, Alter und Schönheit in Beziehung zu setzen – natürlich reden wir hier erst 'mal von äußerer Schönheit und dem biologischen Alter. Die Models werden immer jünger und dünner, die Kosmetikprodukte für die reife Frau heißen »Anti-Aging« – als wäre das Altern eine Krankheit, auf jeden Fall etwas, gegen das man etwas tun muss.

Schönheitschirurgen haben Hochkonjunktur, zunehmend auch für Männer. Und sogar die genitale Chirurgie ist im Vormarsch. Asymmetrische Schamlippen oder verschieden hoch hängende Hoden? Wird korrigiert. Natürlich am ehesten in Amerika. Alle älteren Hollywoodstars lassen sich den Hals korrigieren, und eine hämische Medienöffentlichkeit kommentiert, wenn ein Star dicker wird oder im Alltag auch mal aussieht wie »ein ganz normaler Mensch«. Schönheitskult und Jugendwahn bestimmen die Werte – obwohl es auch Gegenstimmen gibt, aber natürlich nur, weil man die Generation 50 plus als konsumstarke Gruppe entdeckt hat, für Prestigeobjekte und Kosmetika. Der Jahrmarkt der Eitelkeiten setzt viele Milliarden Dollars und Euros um, und kein Ende in Sicht.

Advaita, jung

Hässliche Männer sind okay

Von Frauen wird auch immer noch mehr als von Männern erwartet, dass sie schön sein müssen, um geachtet zu werden, zumindest, um begehrenswert zu sein. Als Jugendliche hatte ich immer Sophia Loren und Carlo Ponti vor Augen: Sie mit guter Figur und herrlichem Antlitz, er durfte dick und glatzköpfig sein. Als extremes Beispiel für diese Tatsache der unterschiedlichen Bewertung von Mann und Frau in Sachen Herzeigbarkeit empfand ich Marlon Brando in dem Film »Don Juan de Marco« aus dem Jahr 1994. Klar, er war immer noch ein guter Schauspieler – aber er war sehr dick geworden, um es mal taktvoll auszudrücken. Catherine Deneuve oder Liz Taylor hätten mit dieser Figur keine Hauptrolle mehr bekommen! Früh im Leben bemerkte ich, dass es für ein weibliches Wesen zu beachten ist: Wenn die Natur ihm Schönheit geschenkt hat, dann sorge es bei Zeiten dafür, dass es im Alter »innere Werte« kultiviert hat! Seien diese Werte intellektuell oder spirituell. Beides habe ich getan – aber der Singlemarkt heute spricht eine andere Sprache: Je gebildeter eine Frau ist, umso weniger hat sie Chancen auf einen Partner auf Augenhöhe, egal, wie attraktiv sie ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Wenn in der Tagesschau das Endlosthema Rente angesprochen wird, werden immer drei Rentner auf einer Bank von hinten gezeigt, so als wäre ihr Anblick von vorne schwer zu ertragen Wenn es um Jugendliche oder Kinder geht, werden sie von vorne präsentiert. In unserer Gesellschaft entwickelt sich ein Widerspruch, mit dem wir alle leben müssen: Der sogenannte »demographische Wandel« bedeutet, dass es immer mehr Alte gibt und immer weniger Kinder. Die Alten werden nicht mehr für ihre Weisheit und ihre Lebenserfahrung geehrt – weil sie manchmal auch gar nicht weise sind, da brauche ich nur an meine eigenen Eltern zu denken – und weil ihre Lebenserfahrung tatsächlich in einer Welt des stetigen und immer schnelleren Wandels als Basis für die Jungen auch einen geringeren Wert hat als früher. Während dessen schwindet die Schönheit, ein wichtiger Bestandteil des Selbstwertgefühls, jeden Tag ein wenig mehr.

Advaita, mit zwei Kindern

So geht es allen

Irgendwo habe ich ein Mal die Worte aufgeschnappt: Die Zeit ist ein Raubtier auf leisen Pfoten. Der berühmte morgendliche Blick in den Spiegel hat mich gelehrt, dass das Altern in Schüben geschieht. Trotz guter Kosmetik, guter gesundheitlicher Versorgung und Yoga schrumpfe ich keineswegs nur im Gesicht, sondern auch in der Länge, ich mag das gar nicht nachmessen. Neulich sagte ein guter Freund zu mir – er ist mittlerweile über 60 – er sei schon vier Zentimeter kleiner. Und das war zu sehen! Da sind diese Denkerfalten auf der Stirn – die habe ich schon sehr lange – das kommt vom vielen Zweifeln und Reisen in sonnigen Ländern ohne die heute so übliche Sonnenbrille. Da sind die scharfen Falten um den Mund, die sind auch nicht neu, aber die kleinen senkrechten an der Oberlippe, die sind neu. Das ist das Alter. Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, zwei oder drei Jahre oder mehr, da waren sie eines Morgens unleugbar da. Und der Hals! Und vor allem: Wenn die Oberarme so schlaff werden, dass sie hängen und am Rücken bei jeder Bewegung Falten auftauchen. Ich werde alt, ja: »Sie ist alt«. Und jeder überflüssige Schokoladenriegel bleibt für ewig auf den Hüften.

Die Zeit ist ein Raubtier auf leisen Pfoten

Der einzige Trost ist, dass es allen so geht. Meine Freunde und Freundinnen altern mit mir, die meisten sind schon über 60 – ein Datum, das ich erst nächstes Jahr erreiche. Meine Söhne spucken mir alle auf den Kopf, und Großmutter bin ich schon seit zwölf Jahren, bisher mit drei Enkeln gesegnet, der vierte ist auf dem Weg.

Einkehr

Also nehme ich morgens all die kleinen Auffüller mit Collagen für die Lippen, für die Augen und so weiter. Heute mehr als früher spielt sorgfältiges Styling dafür eine Rolle, wie sich gerade meine Stimmung gestaltet. Als junge Frau reichte ein Fetzen vom Billiganbieter für fünf DM – ich sah immer gut aus. Heute empfiehlt es sich, gute Schnitte zu tragen. Gott sei Dank haben die Haare die Wechseljahre überstanden ohne Ausdünnung, was nicht selbstverständlich ist. Aber seit ungefähr drei Jahren schaut sich niemand mehr nach mir um oder spricht mich an auf der Straße – auch Tantralehrer werden alt und verlieren ihre Ausstrahlung als Sexualobjekt. Aber das ist mir nicht so wichtig – ich hatte meinen Teil an männlicher Bewunderung für meine äußerliche Hülle. Anders als viele meiner Seminarteilnehmer, die ihre Schönheit mit der tantrischen Arbeit erst entdecken, hielt ich mich schon immer für attraktiv, und heute hilft mir das Tantra, mit fast 60 Jahren von den Äußerlichkeiten tendenziell immer weniger abhängig zu sein. Tatsächlich sind mir heute Meditation, eine ruhige geistige Verfassung und kreative Verwirklichung wichtiger als äußere Schönheit. Schon länger ist das so. Viel unangenehmer als das äußere Altern empfinde ich das allmähliche unvermeidliche Nachlassen der Energie. Die Weisheitslehren des Tantra unterstützen mich dabei, den Zyklus des Lebens anzuerkennen, und die Schönheit der Essenz, die Schönheit der Shakti blitzt noch immer aus den Augen, wenn das Bewusstsein dafür aktiviert ist.

Advaita, älter
Ein altes Gesicht, von Lachfältchen durchwoben,
kann um Lichtjahre schöner sein
als ein junges depressives

Schönheit im Alter

Ist es, was man spürt? Ist es, was andere sagen? Ist es, was andere wagen? Ist es, was uns verführt? Doch Schönheit ist ein Wort, sie variiert von Ort zu Ort. Mit dem Alter verblasst manches Gemüt, Während ein anderes wieder erblüht. Wenn ich spüre einer Frau inneres Glänzen, ihre Seele, bedeckt von bunten Kränzen, Will ich sie nehmen an der Hand, so zerbröckelt zwischen uns die Wand.

Dieses Gedicht habe ich aus dem Internet gefischt, es stand da ohne Autorenangabe, mit dem Titel »Schönheit«. Ein Gedicht, das die Schönheit im Alter hymnisch besingt, fand ich nicht.

Im Tantra wird Schönheit nicht nach einem Klischee definiert, sondern danach, wie weit die Seele, die in diesem Körper wohnt, entspannt ist. Alle entspannten Menschen sind schön! In der sexuellen Begegnung ist es leichter als früher möglich, sich länger aufzuhalten auf dem Plateau vor dem »Punkt ohne Umkehr« – es ist ein großer Vorteil, wenn »die Pferde« nicht mehr mit uns durchgehen. Da im Tantra alles sehr verlangsamt ist, um die Energie sehr bewusst und Schritt für Schritt aufzubauen, kommt diese Lebensphase der tantrischen Lebensart sehr entgegen. Allerdings spreche ich hier von Neo-Tantra, das Osho in die Welt gebracht hat, in der Kombination mit modernen Methoden und Ansichten. Im Grunde ist alles, was wir Seminaranbieter heute machen, von dieser modernen Variante des Tantra geprägt, auch bei Nicht-Sannyasins. Klassisch-tantrisch sind die Rituale, obwohl ich seit einigen Jahren auch neue Rituale erfinde, aber sie bleiben dennoch der traditionellen Symbolik und Form verbunden.

Wer arm ist, sieht früh alt aus

Dhumavati

Das klassische Tantra hat auch eine ältere Göttin, Dhumavati. Als »älter« wurde im alten Indien eine Frau ab 50 bezeichnet. Vor 5 000 Jahren war das sicherlich berechtigt. Damals erreichten ja viele Menschen gar kein höheres Alter, viele starben früher, nur wenige wurden richtig alt. In unserer modernen Industriegesellschaft hingegen wächst die Zahl der Hochbetagten, das heißt, der über Achtzigjährigen. Dhumavati gehört zu den zehn Mahavidyas, den zehn Grundaspekten der Shakti. Leider erfüllt sie alle alten Stereotypen von alt und hässlich: Sie hat hängende Brüste, ist ohne Partner, Witwe und wird ausdrücklich ohne »Sri« angesprochen, das heißt, man gesteht ihr keine Vitalität und positive Ausstrahlung zu. Außerdem hat sie große, hässliche Zähne. Einem Mythos nach hat sie sogar kannibalisch den Gott Shiva gefressen, und ihr Blick ist böse.

Dhumavatis Qualität ist durch und durch »Tamas«, das heisst dunkel. Statt eines Szepters trägt sie einen großen Staubkamm für Getreide in der Hand, und ihr Symboltier ist die Krähe. Klingt nicht gerade verlockend. Nur ein fortgeschrittener Sadhaka (Übender in einer spirituellen Disziplin) solle sich mit ihr vereinigen, heißt es, denn es bedeutet für ihn eine Überwindung der Dualität, wenn er auch in ihr noch die große Mutter sehen kann und trotz ihrer abstoßenden Erscheinung sein Lingam erhebt. Da finden wir keinen Trost, und als moderne Wellnesstantriker wenden wir uns ab von diesem Bild, ein wenig angeekelt. Wer aber Tantra wirklich als insgesamt nondual begreift, das heißt, wer alle Qualitäten verehrt, die es im Universum gibt, der begibt sich in diese Übung … zumindest mal theoretisch.

Heute noch – und auch schon vor zehn Jahren – hatte ich die Lacher auf meiner Seite, wenn ich vor einem Ritual meinem Partner sagte, dass er sicherlich erleuchtet würde nach der Vereinigung mit mir, dass er die Dualität überwinden würde, da ich ja schon Dhumavati sei. Dhumavati ist nicht gerade populär, die meisten haben noch nie von ihr gehört.

Natürlich spielen für die Erhaltung der äußeren Schönheit auch Gesundheit und Ernährung eine große Rolle. In Indien zum Beispiel, ebenso wie in anderen von krasser Armut gepeinigten Ländern, fehlen oft schon jungen Menschen die Vorderzähne, oder Jugendliche hinken den Rest ihres Lebens, weil kein Geld da war für medizinische Versorgung nach einem Beinbruch oder ähnlichen Unfällen, die hierzulande doch recht spurlos an einem Menschen vorübergehen. Wer arm ist, sieht früh alt aus.

Manche haben mit 50 Jahren das erste Mal einen Orgasmus

Sich als alterslos erfahren

Wenden wir uns der heilenden Kraft des spirituellen Tantra zu, dem Tantra mit uralter geistiger Botschaft, das aber auch die moderne Sexualtherapie mittransportiert. Viele Teilnehmer in meinem Seminaren, vor allem solche mit sexuellen Blockaden oder mit sehr religiös geprägter Kindheit, wagen es hier zum ersten Mal, sich als schön zu sehen, als Manifestation der weiblichen Urkraft, als Shakti. Manche werfen erst hier die Beschränkungen des Kleinbürgertums ab, energetisch und geistig, erleben sich zum ersten Mal als lustvoll und haben vielleicht mit fünfzig Jahren das erste Mal einen Orgasmus. Dabei werden sie tatsächlich innerlich und äußerlich schöner, erfahren sich eher als alterslos, als eine wie ich, der man schon immer Komplimente ins eitle Öhrchen geblasen hat. Da ich mich als junger Mensch nie habe einschränken lassen von elterlichen Verboten, habe ich auch nicht das Gefühl, das Leben beginne erst jetzt oder erst mit Tantra – Tantra habe ich mit 32 angefangen.

Von den drei haarfeinen Energiekanälen in der Wirbelsäule Ida, Pingala und Shushumna wird der erste als weiblich und mondgleich, der zweite als männlich und sonnengleich und der dritte als ausgleichend beschrieben. Kommt die Energie des Sadhakas (Schülers) in Shushumna an, dann erfährt er das Phänomen der Zeitlosigkeit, der inneren Wahrnehmung, des Stadiums jenseits der Zeit. Ja wirklich, wenn ich denn im Hier und Jetzt ankomme und schaue nicht in den Spiegel, dann singen die Vögel, der Glanz der Morgenröte verklärt den Himmel über dem noch unschuldigen Tag und meine Wahrnehmung des Jetzt ist so, wie sie immer war, und wenn ich die Augen schließe und die Ohren und gehe nach innen, dann finde ich da eine Stille, die schon immer da war und jenseits aller Zeit ist. Sie wahrzunehmen und in ihr zu sein, das fällt mir heute viel leichter als früher.

Für mich bedeutet Schönheit im Alter auch, dass der Mensch wirklich gereift ist, dann entwickelt diese Lebensphase eine besondere Schönheit. Die Tatsache, dass man sexuell weniger hormongepeitscht ist als in jungen Jahren bedeutet auch ein Stück Freiheit vom Getriebensein. Allerdings ist dafür auch wesentlich, ob man innerlich wirklich jung war, als man es äußerlich war. Nachholen lässt sich einiges, aber nicht alles. Wer sein Leben nicht seinen Phasen entsprechend lebt, der wird im Alter vielleicht auch deshalb hässlich und dünnlippig, weil ihm oder ihr das versäumte Leben zu schaffen macht und der Neid auf die Jungen die Psyche durchdringt, und der macht hässlich.

Alte und junge Schönheit

Die Fältchen und Falten offenbaren auch die verfestigten Gewohnheiten unserer Mimik. Lach- oder Sorgenfalten machen schon einen Unterschied. Ein altes Gesicht, von Lachfältchen durchwoben kann um Lichtjahre schöner sein als ein junges depressives. Und was meine geistige Verfassung betrifft, die Früchte meiner Lebenserfahrung und spirituellen Praxis, da wollte ich keinen Tag jünger sein. Eine Freundin von mir sagte mal: »Wenn man jung ist und schön, dann fehlt einem die Erfahrung. Wenn man älter ist und die Erfahrung hat, dann fehlt die Schönheit. Irgendwas fehlt immer.« Diese Äußerung war als Galgenhumor gemeint, und wir lachten dann. Mir fällt heute auf, dass, wenn man als jugendliche Schönheit schon die Erfahrung hätte – ja, dann würde man manche eben gar nicht machen und hätte sie dann eben im Alter auch nicht. Möge die innere Schönheit lange leuchten, die äußere lang erhalten, und selbst im Augenblick des Todes nicht verlöschen.

— Advaita Maria Bach

Advaita Maria Bach, Jg. 49, lernt Juli '82 in Oshos Kommune die Symbiose von Therapie, Meditation und Tantra kennen. Sie verließ die Kommune 1985, wurde selbstständig, veröffentlichte Artikel seit 1990, wurde durch die Medien bekannt und bildet seit 1998 Tantra-Lehrer aus (Advaita-Tantra-Schule). Sie hat einen eigenen, feurigen Arbeitsstil entwickelt mit vielen selbst kreierten Methoden.
www.advaita-tantra.de
 

Titelseite connection special 83

Aus dem Heft connection special Nr. 83

   
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