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Polyamorie

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Die Wiedergewinnung der Liebe zur lebendigen Erde

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Die Liebe zu uns selbst, zu unserem Körper und zu der Lust, die wir uns und einander damit bereiten können, verbindet der Freiburger Architekt und Zukunftsforscher Gerd Soballa mit der Liebe zur Erde, zu Gaia, »unserer Mutter«, der wir entstammen und in der wir verwurzelt sind. Die Polyamorie-Bewegung sieht er als Wiedergewinnung und Vollendung einer vorpatriarchalen Religiosität und »All-Liebe«, die unserem geschundenen Planeten gut tun würde – und mitten darin uns selbst

Von Gerd Soballa

»Wenn du einem Baum seinen Boden nimmst, wenn du ihn entwurzelst, dann fühlt der Baum ein großes Verlangen, wieder in der Erde verwurzelt zu sein, weil das sein wahres Leben war. Nun stirbt er. Abgetrennt kann der Baum nicht existieren. Er muss in der Erde, mit der Erde, durch die Erde existieren. Genau das ist Liebe«. — (Osho)

Auf YouTube ist der Video »Naked Witchraft« zu sehen, der das Logo der angesehenen Zeitschrift »National Geographic« trägt, also anscheinend von ihr erstellt wurde. Dort sind Männer und Frauen zu sehen, die um ein Feuer tanzen und eine weibliche Gottheit um Licht, Liebe, Freiheit und ein freudvolles Lachenkönnen anrufen. Sie sehen dabei zugleich ernsthaft und fröhlich aus. Die Bilder der Tanzenden sind unterbrochen von einer Sprecherin, die sie als moderne Heiden erklärt. Eine der rituellen Anrufungen dieser »Neuen Hexen« ist: »Pray to the Mother of all Things«. Der Beitrag wurde in YouTube als möglicherweise jugendgefährdend bezeichnet und von verschiedenen Seiten scharf angeprangert.

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Verhext

Was war die Ursache für diese Indizierung? Ganz einfach: Das Video trägt die Überschriften »Taboo Nudity« und »Naked Witchcraft« (Die nackte Kraft der Hexen). Noch schlimmer aber scheint für viele zu sein, dass diese »neuen Hexen« nackt eine Art zeremoniellen Gebets tanzen, was offenbar eine gewisse »Pan-ik« auslöste (Der Begriff stammt von Gott Pan, dem Vorbild des christlichen Teufels). Panik vor Wicca, der Bewegung der neuen Hexen, für die Pan ein zu verehrender Gott ist. Vor allem in den angelsächsischen Ländern ist Wicca mittlerweile sehr stark geworden.

André van Lysebeth, ein Tantriker und Forscher aus den Niederlanden, hat sich intensiv mit den vor-arischen drawidischen Kulturen der Großen Göttin im Industal befasst. Er begrüßt, dass auch in unserem Kulturkreis nicht nur mit Neo-Tantra, sondern auch mit der neuen Wiccabewegung eine Wiederbelebung der alten Kulturen möglich scheint. Die Vision der Wicca sieht er im Wesentlichen in Übereinstimmung mit Tantra (s. d. Kapitel »Die Hexen sind wieder da« in dem Buch »Tantra«, von André van Lysebeth).

Der Begriff »Polyamorie« stammt nicht von einem modernen Soziologen, sondern von einer Wicca-Priesterin mit dem klangvollen Namen Morning Glory-Zell Ravenheart

Übrigens stammt der Begriff »Polyamorie«, der für ein erweitertes Lebens- und Liebesverständnis eintritt, nicht von einem modernen Soziologen oder von einer Vertreterin der Freien Liebe, sondern von einer Wicca-Priesterin mit dem klangvollen Namen Morning Glory-Zell Ravenheart.

Ver-sext

Heimlichkeiten und Ängste, Scham- und Schuldgefühle bestimmen auch nach etlichen »sexuellen Revolutionen« immer noch das Sexual- und Liebesleben der meisten Menschen

Wir leben in einer paradoxen Zeit. Einerseits werden wir in der westlichen postmodernen Zivilisation im Übermaß »versext«, oder, besser gesagt, »oversexed«. Die Sexualanthropologin Linda Grant prägte diesen Begriff schon Anfang der 90er Jahre in ihrer politischen Geschichte der sexuellen Revolutionen. Doch da fing es erst an mit den öffentlichen »Coming Outs«, Madonnas Sado-Maso-Videos und Verona Feldbuschs Erotic-TV-Shows. Heute, in der ersten neuen Milleniumsdekade, ist Sex in der Print-Werbung nach wie vor omnipräsent, das Internet quillt über vor Sexvideos und Bildern, und auch unsere Verbal-Sprache ist »megageil« geworden.

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Währenddessen belegen Umfragen, dass unser wirkliches Sexualleben, bezogen auf die Gesamtgesellschaft, nachgelassen hat. Heimlichkeiten und Ängste, Scham- und Schuldgefühle bestimmen auch nach etlichen »sexuellen Revolutionen« immer noch das Sexual- und Liebesleben der meisten Menschen, und die weitaus meisten Jugendlichen stolpern unvorbereitet und schlecht begleitet ins Liebes- und Sexualleben.

Die großen erotischen Kulturen der Vergangenheit – z.B. das alte Tantra in Indien oder die orientalischen Liebesschulen – sind uns zwar, was den Wissensschatz angeht, wieder zugänglich, und es gibt auch wieder neue, ganzheitlich orientierte Liebes- und Lebensschulen, die daran anknüpfen. Von einer erotischen und reifen Beziehungskultur und Liebeskunst ist unsere Gesellschaft jedoch noch weit entfernt.

Die Medien- und die Pornoindustrie mästet sich gütlich an diesem persönlichen und gesellschaftlichen Dilemma, und die kollektiven Schuld- und Schamgefühle sorgen nach wie vor dafür, dass sowohl den konservativen Kreisen, als auch den großen Kirchen, allen voran den Katholiken, ihre Schäflein nicht ganz davon rennen. Die Faustregel »je prüder desto Porno und Kirche« hat in Zeiten scheinbarer sexueller Libertinagen noch immer Gültigkeit. Auch die Hochzeitsindustrie darf sich an einer verunsicherten und neokonservativen Jugend freuen, zumal eh jede zweite Ehe bald wieder getrennt wird und so für neue Aufträge sorgt.

Das Paradies

Was könnte daran »blasphemisch« (gotteslästerlich) sein, im »Geburtskostüm« in der freien Natur um ein Feuer zu tanzen und zu beten, …

   
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