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Sexualität und Ethik

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Ausschnitt aus einer Fotocollage von Jaya Suberg

Macht Liebe verrückt? Nein, wer den Mut hat zu lieben, wird weise

Höchstens oberflächlich macht uns Liebe verrückt, weil ängstliche Normalos das Risiko der Liebe meiden. Tiefer betrachtet ist Liebe eine Freundin und Schwester der Weisheit. Wenn dann auch noch eine Portion Mut hinzukommt, steht dem Glück nichts mehr im Weg

Nichts ist so relevant für unser menschliches Glück wie Sexualität und Liebe. Und auch bei der Konstruktion unseres Unglücks spielen diese beiden Geschwister eine fast ebenso große Rolle. Deshalb sollten wir den beiden – Sexualität und Liebe – in unseren Ethik- und Moralsystemen einen Sonderplatz geben. In meiner persönlichen Ethik habe ich diesen beiden ehemaligen Kellerkindern deshalb einen Thron zugewiesen.

Verliebt war ich zum ersten Mal im Alter von vier Jahren. Dann, heftiger, mit sieben Jahren. Die erste genitale sexuelle Lust, an die ich mich erinnere, ist das Reiben an einer Reckstange im Turnunterricht. Die zweite, als ich entdeckte, wie ich mir mit den Händen an eben dieser Stelle selbst Lust verschaffen konnte, und das, wenn ich allein war, beinahe wann ich wollte. Verliebt habe ich mich weiterhin, immer wieder, und jedes Mal war ich überzeugt, dass es mich heftiger erwischt hatte als alle anderen (auch wenn die vielleicht von sich dasselbe glaubten).

Mit ungefähr sechzehn begann ich über Ethik nachzudenken. Was sollte das Ziel des menschlichen Handelns sein? Glück, das ist doch sonnenklar!

Mit ungefähr sechzehn begann ich dann, über Ethik nachzudenken. Was sollte das Ziel des menschlichen Handelns sein? Glück, das ist doch sonnenklar! Die folgenden zwei Jahre kreiste mein Denken fast ständig um dieses Glück – wie es zu erreichen wäre und welche menschlichen Verhaltensregeln das fördern würden. Die Ergebnisse, zu denen ich damals kam, haben sich bis heute fast nicht geändert.

Schmerz und Leid, Lust und Glück

Jetzt erst einmal ein paar Definitionen. Um diese philosophisch korrekt zu machen, müsste ich hier fast unlesbar umständlich werden, ich vereinfache deshalb. Glück und Lust fasse ich zusammen als das, was du oder ich, Mensch oder Tier, begehren. Was sie suchen oder erstreben (das lässt sich ja testweise feststellen). Ebenso fasse ich Schmerz, Leid und Unglück zusammen zu dem, was wir zu vermeiden suchen. Ob eher Glück zu erstreben oder eher Unglück zu vermeiden ist, diese Frage stellt sich nicht mehr, sobald man dabei eine Summenbildung erlaubt, die auch Negatives mit einbezieht. Noch genauer betrachtet, also mathematisch, quantitativ, ergibt sich dabei eine Art Integralrechnung, bei der die Höhe der Amplitude zählt (»himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt«), aber auch die Dauer, aufgezeichnet als horizontale Koordinate. Negatives und Positives können einander aufwiegen. Umgangssprachlich: Wie viel Schmerz bin ich bereit in Kauf zu nehmen für wie viel Lust oder Glück? Oder auch: Wie viel ist ein hohes, aber kurzes Glück wert, gegenüber einem langen, geringeren? Lieber ein kleines Glück jetzt oder ein großes später? Hier kommt die Wahrscheinlichkeitsrechnung ins Spiel, weil ich nicht weiß, ob das künftige Glück auch tatsächlich eintritt.

Es mag belustigen, dass ein Siebzehnjähriger sich solche Gedanken macht und dabei so viel Mathe einbringt, bei einem so emotionalen Thema. War aber so. Ich habe nachgedacht, formuliert, aufgezeichnet, bis hin zu Rechenoperationen und dem Versuch Formeln aufzustellen. Diese Überlegungen haben auch mein Verhalten beeinflusst, wenn auch nur langsam, denn ich war sehr schüchtern.

Altruismus versus Egoismus

Die Frage des Altruismus, die viele für die zentrale ethische Frage halten, die hatte ich schon bald auf die eines intelligenten Egoismus reduziert und in meinem Lösungspaket auch gleich eine Antwort auf die ewige Frage nach der Willensfreiheit versteckt. Ich reduziere, um zu vereinfachen, so wie Newton den Fall des Apfels vom Baum und das Kreisen der Erde um die Sonne in einer einzigen einfachen Formel zusammengefasst hatte oder Darwin die Entwicklung der Arten durch Mutation und Selektion. Mein Ergebnis: Als Mensch bin ich immer noch ein Tier und handle lust- bzw. glücksoptimierend. Unvermeidlich.

Alle Abweichungen davon sind Irrtümer (ach ja, da gibt es viele…) des handelnden Tieres oder Menschen, oder sie enthalten versteckte oder sekundäre Lüste oder Glücksgefühle. Ich kann sehr glücklich sein beim Betrachten des Glücks eines anderen Wesens. Ich kann mich auch lustvoll opfern, das gibt es bei Menschen wie bei Tieren. Auch Masochismus und Sadismus lassen sich damit erklären, und die Selbstmordattentäter ebenso wie die Mutter Teresas und Albert Schweizers. Und der freie Wille? Ist eine Sache der Perspektive. Aus der Perspektive des Handelnden gibt es immer mehrere mögliche Zukünfte (also Entscheidungsfreiheit), die vielversprechendste davon wird gewählt.

Das Entscheidende beim Übergang vom egoistischen zum altruistischen Verhalten ist das Wissen um die Interdependenz

Das Entscheidende beim Übergang vom eher egoistischen zum eher altruistischen Verhalten ist das Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit der Wesen voneinander. Wir hängen physisch und psychisch voneinander ab, geistig, sozial und emotional. Das handelnde Individuum ist bloß eine – allerdings sehr nützliche – Fiktion. Und dieses handelnde Individuum kann seine Liebe ausdehnen auf immer weitere fühlende Wesen, bis hin zur All-Liebe. Das war mir als 18-jähriger Philosoph und Leser von Betrand Russell und Teilhard de Chardin schon klar, obwohl mir die mystische Erfahrung dieser Verschmelzung damals noch fehlte (im letzten Satz von Beethovens neunter Sinfonie, die ich liebte, spürte ich sie aber schon).

Moral und Ethik

Soweit die allgemeine Theorie vom menschlichen Handeln, die Ethik, wie ich sie damals als Jugendlicher entwarf, um besser mit meinen Lebensentscheidungen zurechtzukommen. »Moral« wird als Begriff von der Ethik unterschieden, als etwas, das die Gesellschaft einem vorgibt; also ein System von Regeln, was zu tun und was zu meiden ist, was gut und wertvoll oder schlecht und sündig ist. Da ich mir von der Gesellschaft nichts vorgeben lassen wollte und die Moralsysteme der verschiedenen existierenden Gesellschaften krass voneinander abwichen, interessierte mich die jeweils herrschende Moral nur insoweit, als ich, sofern ich sie kannte, damit das Gutheißen oder Abstrafen meiner Handlungen seitens anderer voraussehen konnte. Auch für viele andere meiner Generation haftet dem Wort »Moral« ein modriger Geruch an, der Geruch von Missgunst, Abwehr, Verdrängung, Lustfeindlichkeit. Obwohl der Anspruch jeder Moral doch eigentlich ist, das ethisch gute Verhalten zu belohnen (zum Beispiel durch Lob) und das ethisch schlechte zu bestrafen (vom Naserümpfen bis hin zur Steinigung).

Wobei wir beim heiklen Thema der ethischen Bewertung von Sex und Liebe angelangt wären und der ethischen Bewertung von Moralsystemen, die Sex und Liebe bewerten und das entsprechende Verhalten belohnen oder bestrafen.

Ist Lust gut?

Das Ergebnis meiner Überlegungen nehme ich hier vorweg: Moralsysteme, die sexuelle Lust und die Liebe zwischen Menschen nicht positiv bewerten, sind ethisch schlecht. Man könnte auch sagen: Sie sind inhuman. Ich verstehe inzwischen allerdings besser, wie es historisch dazu kam und noch immer kommt, dass so oft die gegenteilige Bewertung grassiert, bei der Lust als schlecht, Lustlosigkeit oder gar Lustfeindlichkeit hingegen als gut bewertet wird.

Doch zunächst zurück zu den Basics: Wir Menschen erstreben, ebenso wie die Tiere, sexuelle und andere Lüste (wie Essen, Ausruhen, Wärme, Bewegung) und vermeiden das Gegenteil davon. Wir Menschen lieben und verlieben uns und erfahren dabei höchste Wonnen. Ist das gut? Zunächst mal: ja klar! Weil es eine Wonne ist, ein Glück, eine Lust. Tut es auch anderen gut? Hier wird es komplizierter, weil wir Menschen (und Tiere) ja einander beeinflussen. Meine Lust kann zur Unlust eines anderen Wesens führen (wenn ich zum Beispiel ein Tier schlachte, um es zu essen). Sie kann aber auch zur Lust eines anderen führen, so etwa in der sexuellen Begegnung.

Einfache Schritte

Man muss diese einzelnen gedanklichen Schritte sehr langsam vollziehen und immer wieder aufs Einfachste reduzieren, sonst versteht man sie selbst nicht und wird beim Sprechen darüber Missverständnisse auslösen, weil ja jeder bei alledem seine eigenen, biografisch erklärbaren, Assoziationen hat. Bei der Anwendung des Einfachen auf eine tatsächliche, konkrete Situation wird es dann schnell genug wieder sehr kompliziert, im typischen Fall so sehr, dass sich die Entscheidungen nicht mehr logisch, sondern nur intuitiv vollziehen lassen. Aber auch für die intuitive Entscheidungsfindung helfen solche einfachen ethischen Prinzipien, auf die man sich in Zweifelsfällen und bei wichtigen Einzelentscheidungen besinnen kann.

Prinzipien

Hier mal, als Beispiele, ein paar solcher einfacher Prinzipien. Die Liste ließe sich fast beliebig verlängern, und alle diese Sätze lassen sich auch anders formulieren, je nach der favorisierten Begrifflichkeit:

Glück ist gut, Unglück schlecht. Lust ist gut, Schmerz schlecht (Sonderfall: Masochismus, die Lust am Schmerz). Deine Lust ist genauso viel wert wie meine. Mitfreude ist ethisch besser als Schadenfreude. Verbindungen, die die Parallelität der Empfindungen fördern (Lust erweckt Lust, Schmerz bewirkt Schmerz) sind besser als die Gegenbewegung (Neid, Schadenfreude) fördernden. Jetzige und künftige Lüste oder Schmerzen lassen sich nur bei Kenntnis der Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens gegeneinander abwägen. Auch die Lüste, das Glück und die Schmerzen von Tieren zählen ethisch mit. Je weiter ich mein Mitgefühl und meine Liebe ausdehne, umso besser für die davon betroffene Gemeinschaft. Und auch die üblichen ethischen Prinzipien (die folgenden drei sind beinahe anthropologische Konstanten) sind anwendbar und im typischen Falle gut: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen. Wobei alle diese Regeln bei der Beurteilung des jeweiligen Einzelfalls (Tyrannenmord etc.) sich die Reduzierung auf die Frage nach der Optimierung des allgemeinen Wohls gefallen lassen müssen.

Moralisierende Feinde der Lust

Wenn Liebe und Sex einerseits und das Erzielen des ethisch Guten andererseits sich so nahe stehen, warum standen sie sich dann im Lauf der Kulturgeschichte so oft feindlich gegenüber? Die Goldenen Zwanziger Jahre, mit ihrer Lebensfreude und fröhlichen Toleranz, wie sie etwa Tucholskys Roman »Schloss Gripsholm« darstellt, gegenüber der moralischen Strenge und Lebensfeindlichkeit des darauf folgenden Faschismus, für den diese Jahre mit ihrer »entarteten Kunst« und so weit reichenden Toleranz ein Sündenpfuhl waren. Oder auch die Moral des deutschen Kaiserreichs, wie Heinrich Manns Werke sie zeigen (Professor Unrat, Der Untertan), da sind die Figuren von dem Konflikt zwischen Genuss und Moral innerlich und oft auch äußerlich zerrissen (Ist das die deutsche Seele von anno dazumal?). Oder Gegensätze, wie die in den heutigen USA, wo die politisch Rechten sich als die Gewissenhafteren und moralisch Besseren (»Pro Life«) darstellen, moralisch besser als ihre »zügellosen« Gegner, die »Liberalen«. Tatsächlich sind sie aber oft liebes- und genuss-, also lebensfeindlicher als ihre Gegner.

Der faschistische Charakter

Wilhelm Reich hat in »Die Massenpsychologie des Faschismus« (1933) erstmals psychologisch fundiert ein eindrucksvolles Bild dieses Zwiespalts gezeichnet. Er beschreibt dort wie es kommt, dass ein Mensch das, was er eigentlich begehrt, sich selbst nicht zugesteht und es dann in anderen bekämpft. Diese anderen werden dann seine persönlichen und meist auch politischen Gegner. Obwohl auch diese Charaktere, wie sie typisch waren für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Lust, Genuss und Glück erstreben, verhindern sie genau das durch ihre Taten und zwar sowohl bei sich selbst, wie auch in anderen. Im Politischen zeigt sich dieses Scheitern im Ende des Zweiten Weltkriegs, der von den »Liberalen« (weniger Zwanghaften) durch die schiere Überzahl gewonnen wurde, obwohl die Zwanghafteren die besseren Soldaten waren. Im Persönlichen zeigt es sich etwa – hier ein Beispiel aus der Literatur – im Ende von Professor Unrat im Roman von Heinrich Mann.

Solche Charaktere und die ihnen entsprechenden Systeme politischer Herrschaft haben dazu geführt, dass Moral – und mit ihr auch »die Philosophie des guten Handelns«, die Ethik – in Verruf gerieten moralinsauer, genuss- und lebensfeindlich zu sein.

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Zwangsprostitution, Ehrenmorde,
Genitalverstümmelung – von
lust- und liebesfeindlicher Ethik
betroffen sind vor allem Frauen, und
es sind hunderte von Millionen
Foto: photocase.com, Maria Vaorin

Die emotionale Pest

Wegen dieser weitreichenden und oft bizarren gesellschaftlichen und persönlichen Auswirkungen dieser Charaktere ist das Aufdecken von Doppelmoral und Heuchelei durch Literatur und Filmkunst so wichtig (Der Roman »Professor Unrat« wurde 1930 von Josef von Sternberg verfilmt als »Der blaue Engel«, mit Marlene Dietrich als Vamp). Ebenso wichtig sind die ganzheitlichen Körpertherapien, wie sie die Bewegung der »Humanistischen Psychologie« und des »Growth Movement« praktizieren. Hakomi, Bioenergetik, Biodynamik und Core-Energetik sind einige der Körperpsychotherapien, die sich aus Wilhelm Reichs Charakterlehre entwickelt haben (es gibt noch viele andere). Sie können diese Gespaltenheit heilen, so dass ein Mensch, der Genuss und Liebe sucht, diese auch findet und ethisch befürwortet, anstatt sie dort zu bekämpfen, wo sie auftreten.

Die »emotionale Pest« der Lust- und Liebesfeinde ist auch heute noch eine weltweite Seuche mit Millionen von wehrlosen Opfern

Was Wilhelm Reich »die emotionale Pest« nannte (1953, in seinem Buch »Christusmord«; siehe hierzu auch den Artikel von Advaita Maria Bach in connection 5/09), gibt es auch heute noch, weltweit und nicht nur in faschistoiden Kulturen. Dazu gehört auch die Praxis der so genannten »Ehrenmorde«. Die UNO schätzt, dass auf diese Weise jährlich über 5.000 Frauen und Mädchen ermordet werden, die Dunkelziffer könnte ein Vielfaches davon sein. Dazu gehört auch die Steinigung von Ehebrecherinnen, die schon in der christlichen Bibel erwähnt wird und dann im Islam viele hundertausende Male vollzogen wurde und noch wird. Wie lange gibt es solche Bestrafungen für sexuelles Fehlverhalten schon? Vermutlich seit der Steinzeit. Sie sind von einigen germanischen Stämmen bekannt, bei denen Ehebrecherinnen mit dem Tod bestraft wurden, und man kennt sie auch aus dem Codex Hammurapi, einem der ältesten Gesetzestexte (er ist von ca. 1.800 vuZ aus Babylon), in dem es z.B. heißt (§§ 127 ff.): »Wenn die Ehefrau eines Mannes mit einem anderen Mann beim Beischlaf ergriffen wird, bindet man beide und wirft sie ins Wasser«, und »Wenn ein Mann nach dem Tode seines Vaters im Schoße seiner Mutter schläft, wird man beide verbrennen.«

Zu dieser weltweiten Pest zählen auch die Millionen von Sexsklaven, die es unter den heute noch etwa 27 Millionen Sklaven gibt – die meisten davon sind Frauen und Kinder. Und auch die weibliche Genitalverstümmelung, von der (laut WHO) weltweit etwa 100 bis 140 Millionen Frauen betroffen sind; jedes Jahr vollzieht man dieses grausame Ritual wieder an weiteren Millionen von Mädchen, vordergründig, um die Tradition zu wahren, hintergründig aus Angst vor der Unbezähmbarkeit der weiblichen Lust. Der sexuelle Missbrauch von Kindern, die zölibatären katholischen Priestern anvertraut waren, geht in die Millionen und wird typischer Weise von den Zuständigen in der Kirche vertuscht.

Neben der physischen Grausamkeit, die eine sich moralisch bemäntelnde Lustfeindlichkeit zur Folge hat, soll hier aber auch die psychische Seite genannt sein. Darunter die Schuldgefühle, die Sex-, Lust- und Liebesfeindlichkeit erzeugen – die christlichen Ideen der Ursünde und der Erbsünde sind darunter zwei besonders wirkungsvolle Agenten. Sie sind der Grund für zahllose Selbstmorde und die Basis für die Weitergabe dieser »Pest« an die nächste Generation.

Die gute Lust

Zurück zu meiner These: Ethisch schlecht ist nicht etwa das Erstreben und Erleben von Liebe, Lust und Glück, sondern die Unterdrückung all dessen in sich selbst und anderen. Die reale Gefahr allerdings, die politisch Rechte und (oberflächlich) lustfeindliche Charaktere im Hedonismus sehen, in der Hingabe an die irdischen Genüsse, die gibt es auch. Sie besteht aber nur dann, wenn diese Lust in einer feindlichen Umgebung gelebt werden muss, heimlich, oder wenn nur eine einzige Schicht der Seele in einem komplexen, anderweitig krass lustfeindlichen Charakter, diese Lust sucht. Und es gibt sie bei starkem Machtgefälle zwischen den Beteiligten.

Die Befürwortung von sexueller Lust (Hedonismus) wird oft als Zeichen gewertet, dass Ethik, Moral oder Disziplin gering geschätzt werden. Das Gegenteil ist der Fall. Lustfreundliche Menschen sind philanthropisch, wertschätzend, human, lebensbejahend, also ethisch-moralisch gut. Außerdem braucht es eine Menge Disziplin, um eine erotische Kultur zum Blühen zu bringen, und ebenso für ein gutes, genussvolles Liebesleben bis ins hohe Alter. So einfach spontan in den Tag hinein leben (»Lass doch mal los!«), damit ist es nicht getan. Und man braucht dafür Wertschätzung für andere Menschen, Demut, Hingabe, Mitgefühl, Respekt, Feinfühligkeit, Achtsamkeit.

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Die Karte XII im Tarot ist Zeichen
eines Übergangs: »…der
Tiefbesiegte von etwas Größerem
zu sein« (Rilke) kann Verrücktheit
in Richtigkeit umkehren
pixelio.de, © Sassi

Positives, Negatives

Ist es besser sich auf das Erreichen des Positiven auszurichten oder auf das Vermeiden des Negativen? Sollten wir eher Liebe und Glück und Gesundheit erstreben oder vor allem Leid, Schmerz und Unglück vermeiden? Was bedeutet es in diesem Kontext, dass ausgerechnet der Buddhismus, die unter Künstlern und Intellektuellen so beliebte heutige Weltreligion, das Vermeiden von Leid (dukkha) als sein Hauptanliegen sieht?

Ich meine, dass die Ausrichtung auf Positives grundsätzlich erfolgversprechender ist als die auf Negatives, weil man das, worauf man sich geistig ausrichtet, auch – soweit durch die Magie der Aufmerksamkeit beeinflussbar – fördert. Andererseits kann man sich auch zu sehr auf die eine Seite lehnen. Dann folgt das rosarote Denken, die Blauäugigkeit derer, die meinen, mit guten Wünschen und Gebeten das Elend in der Welt beseitigen zu können. Oder der Glaube, dass ein Erhöhen des Reichtums der Reichen viel mehr Arme bereichert, die daran mitverdienen, als wenn man sich der Armut zuwenden würde, um diese zu beseitigen. Trotz der zentralen Botschaft der Leidvermeidung (Fokus auf: Leid) sind gerade Buddhisten oft sehr positiv ausgerichtet (zum Beispiel mit ihrer Metta-Meditation, ihrem politischen Engagement, ihren Segenswünschen), während Christen trotz der zentralen Botschaft der Liebe in ihrer Religion (also fokussiert auf Glück) am zentralen Symbol des Gemarterten festhalten.

Lusterzielen oder Schmerzvermeiden, was ist ethisch besser? Mathematisch betrachtet, geht es dabei, sofern man die Basisdaten dafür hat (was natürlich eine Fiktion ist, aber eine hilfreiche), um eine simple Integralrechnung, die großes und kleines Leid, großes und kleines Glück quantitativ gewichtet und in Relation zueinander setzt. Psychologisch betrachtet aber spielt die Magie unserer geistigen Fixierung auf ein gesetztes Ziel (Glück erzielen oder Leid vermeiden) eine große Rolle.

Selbstverstärker

Die Magie einer geistigen und in Folge dessen auch praktischen Ausrichtung bewirkt auch, dass Glück weiteres Glück erzeugt und Unglück weiteres Unglück. Beide sind Selbstverstärker. Wenn ich heute glücklich bin, wird dadurch nicht, gemäß irgendeinem kosmischen Gesetz des Ausgleichs, die Chance, dass ich morgen unglücklich bin größer, sondern mein heutiges Glück erhöht die Chance, dass ich auch morgen glücklich sein werde. Und es erhöht die Chance, dass die Menschen in meiner Umgebung glücklich sind – Glück ist ansteckend, ebenso wie Unglück.

Dass zur Schau gestelltes Glück, insbesondere zur Schau gestellter Reichtum wiederum Unglück erzeugen kann, nämlich Neid, verkompliziert diese einfache Regel der Selbstverstärkung allerdings. Präziser wäre es also, zu sagen, dass in Umgebungen mit geringer Missgunst Glück vor allem ansteckend wirkt. Und dass beim karitativen Helfen die Helfer darauf achten müssen, sich nicht vom Unglück, der Armut oder dem Mangel anstecken zu lassen, sonst verlieren sie die Fähigkeit, das zu tun, wozu sie aus so guten Motiven aufgebrochen sind.

Ist Liebe verrückt? Nein, zu lieben ist das Intelligenteste, was ein Mensch mit seinem Leben anstellen kann

Liebe und Intelligenz

Macht Liebe verrückt? Majnun (übersetzt »der Verrückte«), diese große Figur des Liebenden in der islamischen Kultur, er liebt seine Leila so abgöttisch, dass er in der Zeit der Entbehrung und Sehnsucht nach ihr »fou d'amour« wird – verrückt vor Liebe. Nein, zu lieben ist das Intelligenteste, was ein Mensch mit seinem Leben anstellen kann. Sie braucht allerdings auch die Intelligenz, sich den Umständen anpassen zu können, ohne dabei die eigenen Ziele zu verraten.

Liebe, die nicht bloß Gier nach einem Objekt ist, setzt außerdem Intelligenz voraus und fördert sie. Dasselbe gilt auch für die Kultivierung sexueller Genüsse und ein erotisch erfülltes Leben im Allgemeinen, was ja weit über das rein Sexuelle hinausgeht und alle Künste mit einbezieht. Liebe sieht nur aus der Sicht von Misanthropen oder Bürokraten verrückt aus, weil sie von der ängstlichen oder heuchlerischen, auf die Maximierung von Sicherheiten bedachten Art des angepassten »Normalos« abweicht. Hört man doch täglich in den Nachrichten wie »Sicherheitskräfte« (!) auf der Suche nach irgendwelchen Feinden der gerade herrschenden Macht den Tod von Zivilisten in Kauf genommen haben. Das ist nicht liebevoll und nicht intelligent, aber ganz normal.

Die Tyrannei der Normalität

Das Gütersloher Verlagshaus preist gerade »Irre – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen« an, das neue Buch des Psychiaters Manfred Lütz, und schreibt darüber: »Hitlers Taten waren abscheulich. Doch der Diktator war nicht psychisch krank, sondern normal. Statistisch gesehen verüben psychisch Kranke sogar weniger Straftaten als Normale«, und der Berliner Tagesspiegel schreibt: »Der Psychiater Manfred Lütz hat ein launiges, geist- und faktenreiches Buch wider die ›Tyrannei der Normalität‹ geschrieben.«

Rückt der heutige Mainstream tatsächlich von der Maxime ab, dass alle sich anpassen müssen, und behauptet, dass Querdenker, Quertreiber und Verrückte plötzlich die besseren Menschen sind? Nicht wirklich. Die Querdenker-Kongresse, auf die ich alle Naselang eingeladen werde, sind sehr konventionelle Veranstaltungen mit sehr konventionell denkenden Menschen, und dieses Buch vom Gütersloher Verlagshaus kokettiert auf hübsche Weise mit den »Irren« – erfreulich, aber sehr begrenzt. Die Grenzen der Toleranz dehnen sich. Narren, Verrückte und Liebende werden heute, in Zeiten der Krise, eher akzeptiert als sonst. Trotzdem sollte man sich über die Offenheit der Gesellschaft für wirklich verrücktes Gedankengut – und vor allem: mutig diesem folgendes Verhalten – keinen allzu großen Illusionen hingegeben.

Sex und Geist

Sex und Liebe gedeihen besonders bei einem tiefen Verständnis der Polarität (yin und yang, Shakti und Shiva, das weibliche und das männliche Prinzip). Biologisch gesehen produziert Sexualität (im Gegensatz zur asexuellen Fortpflanzung) Vielfalt. Das gilt auch im Geistigen: Wer mit den Gegensätzen umgehen kann, erzeugt eine Vielfalt an Ideen und Formen. Solche Vielfalt begünstigt das Überleben einer Kultur, so wie die durch Sex entstehende Vielfalt das Überleben einer Spezies begünstigt. Das Gegenteil davon sind Monokulturen, die bei widrigen Umweltbedingungen (Klimaänderung, Parasiten) mit einem Schlag erledigt sein können, ohne Überlebende; das gilt für geistige Kulturen ebenso wie für die Landwirtschaft und natürlich auch für die heutige Monokultur des weltweit herrschenden »Neoliberalismus«.

»Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein« — Rainer Maria Rilke

Groß und klein

Kunst, Musik, Literatur und Film leben vom Traum der großen Liebe. Würde man ihnen diesen Stoff entziehen, bliebe nur noch der Kampf. Auch in den Religionen und auf den spirituellen Wegen gilt Liebe als das A&O, die Essenz, das, worum es letztlich geht. Große Ideen, ja, aber der Alltag? Da müssen wir uns mit dem Kleinen arrangieren. Und dazu hört man dann von großen und kleinen Literaten und Weisen den Rat, dass man nicht das kleine Glück versäumen soll, während man auf das große wartet. Oder gar, dass man sich entscheiden müsse, ob man weiter den romantischen Traum vom großen Glück und der großen Liebe träumen will, anstatt sich für das zu entscheiden, was machbar, lebbar, verwirklichbar ist. Realos und Fundis auch hier?

Rilke schrieb dazu (in »Der Schauende«):

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß;
ließen wir, ähnlicher den Dingen,
uns so vom großen Sturm bezwingen, –
wir würden weit und namenlos«

und riet dann, »der Tiefbesiegte von immer Größerem zu sein«.

Nein, keine Entscheidung zwischen groß und klein, sondern mich so besiegen lassen, das will ich, in meinem Ringen um eine gute Praxis und Ethik der Liebe. Sich diesem hohen Ziel hinzugeben ist verrückt – abgerückt vom Normalen, Bequemen. Es braucht Mut. Doch der »tief Besiegte« eines solchen Ringens zu sein, das wird belohnt.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971–75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Blog: www.schreibkunst.com


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Aus dem Heft connection Tantra special 86

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