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Verliebt, ja, aber in wen?

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Ein Gespräch mit Annette Kaiser über die verrückte Liebe

»Ich bin verliebt, doch in wen, das weiß ich nicht. Mein Herz ist zugleich erfüllt von der Liebe und durch sie entleert« Attar

Die Liebe ist höchst dynamisch, aber sie ist kommt und geht nicht, sondern sie ist immer da, sagt die spirituelle Lehrerin Annette Kaiser, Schülerin der Sufi-Lehrerin Irina Tweedie. Wir erfahren diese Liebe nur nicht immer in derselben Intensität. Wenn wir uns jedoch für sie öffnen, dann überwältigt sie uns und fegt alles hinweg: Ihr Preis ist unser Leben

Annette Kaiser, was bedeutet für dich Liebe?

Wenn ich dies nur wüsste! Die Liebe, die ich meine, ist nicht wirklich zu beschreiben. Sie ist – einfach so – gerade jetzt. Ihr Duft ist wie ein Parfum, bezaubernd, er berührt jedes Herz – mit oder ohne Worte. Sie erstrahlt aus der Herzwurzel jedes Menschen leuchtend hell, wenn er das Geheimnis der Wirklichkeit kennt. Diese Liebe vermag Berge zu versetzen. Sie ist vollkommen inklusive. Sie hebt die Trennung von dir und mir auf, und sie heilt alles, was uns als getrennt erscheint. Und – sie kann tausend Gesichter haben! Liebe sagt nicht immer Ja. Sie ist – unfassbar, undefinierbar. Sie ist die grösste Dynamik im ganzen Universum, sie ist das, was die Welt im Innersten »zusammenhält«.

Macht sie einen verrückt, ist sie verrückt, wird man durch sie verrückt?

Natürlich macht einen diese Liebe verrückt. Vielleicht darf ich ein paar Zeilen von Rumi einfügen.

»Wie sehr verlangt mich, dich zu küssen,
und der Preis dieses Kusses ist dein Leben.
Da eilt meine Liebe auf mein Leben zu und ruft:
›Was für ein günstiger Handel – greifen wir zu!‹«

So beginnt noch heute für viele Menschen diese Liebesgeschichte. Wir sehnen uns nach nichts mehr, als geliebt zu sein, was nichts anderes bedeutet als Vereinigung, Eins-Sein. Meistens suchen wir danach zunächst im äußeren Leben. Aber da scheint die Liebe immer wieder abhanden zu kommen. So ging es auch mir. Ich verliebte mich liebend gern, nur platzte die Projektion meist sehr schnell wieder. Dann traf ich diese wunderbare Frau, Irina Tweedie, die sagte: »Ich bin immer verliebt, nur weiß ich nicht in wen!« Genau das wollte ich auch erfahren, um jeden Preis. So begann ich nach innen zu schauen und entdeckte alles andere als Liebe.

Da war zunächst eine riesige Angst, mir selbst zu begegnen. Ich dachte, ich würde einen ungeheuren Drachen antreffen. Es war völlig irrational. Ich nahm allen Mut zusammen – und sprang. Wohin, das wusste ich nicht. Darauf folgte innere Arbeit, die mir vorkam wie das Rausschaufeln von Kohlen in einem Bergwerk. Nichts von Liebe. Ja, ich wusste immer weniger, was eigentlich mit Liebe gemeint war. In der Meditationsanweisung hieß es nur: Tauche in das Gefühl der Liebe ein! Zunächst dachte ich, nichts leichter als das, da ich es ja mit der Liebe hatte. Und dann plötzlich wusste ich überhaupt nichts mehr. Es war ein Schock.

Und dann, einfach so, nicht in der Meditation, ich saß einfach auf dem Boden in einem Zimmer, war plötzlich diese unbeschreibbare Liebe da. Es war, als hätte sie mich wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in unendlicher Zärtlichkeit berührt, durchdrungen, sich selbst offenbart.

»Ich weiss nichts, ich verstehe nichts, ich bin mir meiner selbst nicht bewusst. Ich bin verliebt, doch in wen, das weiß ich nicht. Mein Herz ist zugleich erfüllt von der Liebe und durch sie entleert.« (Attar)

Ja, so ist diese Liebe – eine verrückte Sache. Die Frage ist nur, was ist nun wirklich ver-rückt, und was ist normal. Theresa von Avila sagte, in der Inneren Burg in der 7. Wohnung, wo sich die chymische Hochzeit vollzieht: »…endlich normal!«

Diese Liebesgeschichte geht natürlich weiter. Sie vertieft sich im Menschen und wird allmählich absorbiert, bis sie im Alltag in jedem Moment neu strahlt und leuchtet. Darin ist nichts mehr getrennt voneinander, die ganze Welt ist eins. Ich spürte auch einen ganz natürlichen, inneren Drang in mir, dass sich diese Liebe manifestieren will. So bin ich nun ziemlich beschäftigt, die Liebe im Zusammenwirken mit anderen Menschen wirken zu lassen. Es ist ein Tun im Nicht-Tun, das durch Kooperation und Toleranz zum Frieden auf dieser Welt beitragen und eine Kultur der Liebe errichten möchte, zum Wohle aller Wesen. Diese verrückte Liebe, die nicht zu begreifen ist, die vermag dies.

Wie gehst du damit um, dass diese Liebe in dir mal stärker, mal schwächer ist, und dass sie auch von anderen, von lieblosen Gefühlen überlagert oder gar verdrängt wird? Oder gibt es das bei dir nicht?

Diese Liebe ist in sich höchst dynamisch, jeden Augenblick neu, wie eben erwähnt. Im Grunde ist sie immer gleich intensiv selbststrahlend. Nur erfahre ich sie nicht immer in gleicher Intensität. Das hat weniger mit der Liebe an sich zu tun, sondern mit mir als Person. Ich bin nicht immer gleich geöffnet für sie. Sobald ein identifiziertes Ich hineinkommt, wird ihr bedingungsloses Leuchten überschattet, das heißt, ihr Strahlen wird matt. Wenn ich dessen gewahr bin, wende ich mich ganz dem Einen zu, das namenlos ist. Mit etwas Übung geht dies sehr schnell. Die Liebe ist uns Menschen in jedem Moment neu zugänglich, das ist das wunderbare an dieser Liebe. Warum? Weil wir in der innersten Essenz pure Liebe sind.

Liebe Annette, jetzt habe ich noch eine Frage über das Lachen und die Trauer. Die Liebe in dir, die du bist, lässt sie dich weinen oder lachen? Empfindest du das Leben der Menschen und dein eigenes als Tragödie oder als Komödie?

Diese Liebe, von der ich spreche, lässt mich lachen und weinen. Lachen lässt sie mich, weil jeder Moment in der Leichtigkeit des Seins tanzt. Im Gewahrsein wird die Welt transparent, das heißt, sie ist manifest und gleichzeitig leer. So entfaltet sich in mir eine viel weitere Perspektive. Es ist wie der Blick aus einem Spaceshuttle auf die Erde. Man kann gar nicht anders, als diese Erde zu lieben, mit all ihren lebenden Wesen! Und manchmal überkommt mich dabei ein Lachen aus dem Herzen, denn wir Menschen sind manchmal aus der Distanz betrachtet urkomisch.

Schallend musste ich einmal über mich selbst lachen. Es war zum Totlachen: Da meinte ich ich zu sein – jahrelang – und erkannte plötzlich eines Tages: Da ist niemand! Ich rollte mich vor Lachen am Boden. Ich war ein kosmischer Witz. Und weinen lässt mich diese Liebe auch. Manchmal, wenn mir jemand unter Tränen etwas tief Trauriges erzählt, weine ich aus purem Mitgefühl einfach mit. Dann gibt es noch die Trauer, die in mir entsteht, vielleicht weil eine Freundin gestorben ist und ich diese Person vermisse. Dazu gibt es eine Zengeschichte, die ich hier nacherzählen möchte.

Da war ein Zenmeister, der mit seiner Frau in einem Haus lebte. Dann starb dem Ehepaar ein Freund. Die Frau des Zenmeisters ging am folgenden Tag in das Zimmer ihres Mannes, wo sie ihn weinend vorfand. Sie sagte ihm: »Wenn du nicht geweint hättest, wäre ich von dir gegangen.« Vielleicht verdeutlicht die folgende kleine Geschichte, um was es hier geht:

Reb Anderson fragte Shunryu Suzuki: »Leidet ein Zen-Meister genauso wie seine Schüler?« Suzuki erwiderte: »Wenn er es nicht tut, ist er nicht gut genug.« Mensch-Sein beinhaltet weinen und lachen. Und manchmal ist es so, dass im Weinen – ganz tief verborgen – ein Lächeln liegt und im Lachen – ganz tief verborgen – eine Träne. Und dann kenne ich auch noch ein Weinen aus purer Freude, und ein Lachen, das so heftig ist, dass Tränen herausspritzen. Und all dies ist in dieser verrückten Liebe, die wir sind, enthalten. Ist das nicht wunderbar?

Die Fragen an Annette Kaiser stellte Wolf Schneider.

Annette Kaiser wurde 1948 in Zürich geboren. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Nach ihrem VWL-Studium engagierte sie sich längere Zeit in der Entwicklungspolitik und in der »Frauenfrage«. Gleichzeitig begann sie eine Ausbildung in T’ai Ji und Qigong und gründete die T’ai Ji DO-Schule. 17 Jahre lang war sie Schülerin der englisch-russischen Sufilehrerin Irina Tweedie. Seit 1998 führt sie, mit Erlaubnis Irina Tweedies, den Sufipfad der Naqshbandiyya Mujaddidiyya-Linie weiter und begleitet Menschen auf diesem Pfad. Annette Kaiser ist spirituelle Leiterin der »Villa Unspunnen« (CH) und der »Windschnur« (D). Sie ist Autorin, T’ai Ji und Qigong Lehrerin und hat den »Integralen Übungsweg DO« entwickelt. Ihr besonderes Anliegen ist die transkonfessionelle Spiritualität.


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Aus dem Heft connection Tantra special 86

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